Kapitel zehn: Erklärungen

Als Janet vollständig bekleidet das Wohnzimmer betrat, saß Septimus Spane bereits mit einer Tasse Tee vor sich am Tisch. Er drehte sich halb um und machte eine einladende Geste.

Janet setzte sich ihm gegenüber und kniff kopfschüttelnd die Augen zusammen.

„Das klingt jetzt verrückt – aber Sie sehen wieder anders aus, irgendwie...ich weiß auch nicht, irgendwie..."

„Hässlicher?" ergänzte er spöttisch.

„Ja – nein, nein – ich meine..." Sie hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen.

„Sie brauchen sich für die Wahrheit nicht zu entschuldigen, ich sehe selbst ab und zu in den Spiegel," meinte er trocken.

Als sie ihn weiterhin sprachlos anstarrte, schüttelte er sichtlich genervt den Kopf.

„Möchten Sie Tee? Etwas essen? Bedienen Sie sich."

Etwas an seiner Art sagte Janet, dass es besser war, ihm jetzt Zeit zu lassen, sich erst der Mahlzeit zu widmen und nicht auf ihrem dringenden Bedürfnis nach Informationen zu insistieren.

Folgsam goss sie sich eine Tasse Tee ein, nahm sich ein heißes Crumpet und bestrich es mit Butter, sah der Butter beim Schmelzen zu und konnte es plötzlich kaum erwarten, den ersten Bissen in den Mund zu stecken. Schnell hatte sie das Gebäck verspeist.

Spane rührte nur schweigend in seiner Tasse und starrte vor sich hin.

Als Janet schließlich nach einem weiteren Crumpet und einem Scone ihren Teller ein Stück von sich wegschob und die Ellbogen auf den Tisch stützte, zum Zeichen, dass es jetzt losgehen konnte, sah er kurz hoch und nickte, trank noch einen Schluck Tee und räusperte sich.

„Mein richtiger Name ist Severus Snape und ich bin ein Zauberer."

Er machte eine Pause, ließ diese Aussage ihre Wirkung entfalten.

„Septimus – Severus, ja klar, Spane – S – n – a – p - e, ja, ich verstehe," überlegte Janet laut. Dann machte sie sich an den zweiten Teil des Satzes.

„Was heißt das – Sie sind ein Zauberer?" wollte sie wissen.

Wortlos zog er seinen Holzstab aus der Tasche und richtete ihn auf seine Teetasse. Sofort verwandelte sie sich in einen Apfel. Ein weiterer Schwenk mit dem Stab und der Apfel schwebte auf die andere Seite des Tischs und wurde wieder zur Tasse. Janet sah mit großen Augen zu. Als nächstes richtete er den Stab auf sein Gesicht und es verwandelte sich in die ihr bekannte, öffentliche Fassung.

„Das heißt es," sagte er ruhig und legte den Stab auf den Tisch.

„Wow." Kein besonders intelligenter Kommentar, aber etwas besseres fiel ihr jetzt nicht ein.

Janet begutachtete den Holzstab misstrauisch. Mit einem fragenden Blick streckte sie den Zeigefinger aus und berührte vorsichtig das feingemaserte, dunkle Material. Es fühlte sich glatt und warm an, wie ganz normales, poliertes Holz.

„Das ist dann also ein Zauberstab," stellte sie fest und wunderte sich, wie mühelos ihr das Wort über die Lippen kam.

„Ja. Sie können ihn in die Hand nehmen, er ist ungefährlich. Aber er ist in ihren Händen auch nicht wirksam."

Lieber nicht. Mit einem winzigen Kopfschütteln zog Janet die Hand zurück und blickte erneut zu dem Besitzer des Zauberstabs.

„Können Sie sich wieder zurückverwandeln? Ich mag das andere Gesicht mehr."

Belustigt hob er eine Augenbraue.

„Ach? Nun gut, wie Sie meinen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten."

Ein Schwenk des Stabs und sie sah ihn wieder scharf, komplett mit großer Nase und tiefen Furchen.

Janet lächelte dankbar, wollte der Verwandlung aber auch auf den Grund gehen.

„Warum tun Sie das?"

„Ist das nicht offensichtlich? Ich möchte nicht als ich selbst erkannt werden. Außerdem..."

Für einen Augenblick glaubte Janet, einen wehmütigen Zug in seinem Mienenspiel zu erkennen.

„Außerdem ist das Spane-Gesicht so nichtssagend, dass sich niemand richtig daran erinnert oder eine wirklich gute Beschreibung davon geben könnte."

Janet überlegte kurz – ja, er hatte recht. Obwohl sie seine Züge gerade eben noch gesehen hatte, hätte sie keine charakteristischen Merkmale nennen können. Sie schüttelte verwundert den Kopf.

„Wofür soll das gut sein?"

Er zuckte die Achseln.

„Anonymität, nicht gestört werden, meine Ruhe haben – suchen Sie sich etwas aus."

Janet warf ihm einen prüfenden Blick zu. Irgendetwas an seinem Tonfall stimmte nicht.

Aber sie wollte dem jetzt nicht nachgehen, zu sehr interessierte sie die Sache mit der Zauberei.

„Sie sind also ein Zauberer; was bedeutet das für meine Story?"

Er erwiderte ihren fragenden Blick, sah sie lange und schweigend an. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Janet versuchte sich zu beherrschen, konnte es aber die Zeichen ihrer Ungeduld nicht verbergen: Ihre Finger bewegten sich zwanghaft, spielten mit ein paar Krümeln auf der Tischplatte, sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Wann würde er endlich weiter erzählen? Sie hatte das Gefühl, die unbeantworteten Fragen würden gleich aus ihr herausplatzen. Aber sie wollte ihn doch nicht bedrängen...

„Ich muss etwas ausholen."

Er schluckte hörbar, aber sein Blick blieb genauso ausdruckslos wie seine Stimme. Janet nickte auffordernd und er fing an, leise, stockend, nach den richtigen Worten suchend, immer wieder Erklärungen einschiebend, erzählte von der Parallelgesellschaft der Zauberer, wie sie sich vor der Welt der Nichtzauberer – Muggel – verborgen hielt, berichtete von Konflikten innerhalb der englischen Zauberergemeinschaft und von einem machtbesessenen Verführer namens Voldemort, der Ideen von Reinblütigkeit vertrat, die Janet fatal an das Gedankengut des deutschen Tausendjährigen Reiches erinnerten. Dieser Voldemort hatte schon einen Großteil der Macht im Zaubererstaat an sich gerissen, als es zwischen ihm und seinen Anhängern einerseits und den Mitgliedern eines sogenannten Phoenixordens andererseits auf dem Gelände der Zaubererschule – ausgerechnet! - zur entscheidenden Schlacht kam. Janet erfuhr, dass es dabei vor allem auch um eine Prophezeiung und einen davon betroffenen Jungen namens Harry ging. Voldemort wurde schließlich durch den Jungen vernichtet, seine Anhänger getötet, festgenommen oder in alle Winde zerstreut. Die Zaubererwelt machte sich ans Aufräumen und kehrte zur Normalität zurück, die Gefahr war gebannt – für diesmal wenigstens.

Janet hörte gebannt zu. Auch wenn er diese unglaubliche Geschichte so ausdruckslos herunterleierte, als läse er im Telefonbuch – es war faszinierend. Aber war es auch wahr? Die Existenz einer magischen Parallelgesellschaft – Janet glaubte sich zu erinnern, dass es Schriftsteller gab, die sich an ähnlichen Themen versucht hatten. Fantasy, Science fiction. Es war zu phantastisch – andererseits hatte er mit seinem Holzstab vor ihren Augen die Teetasse verwandelt und nicht zuletzt sein eigenes Aussehen...

Sie war so mit ihren debattierenden Gedanken beschäftigt, dass sie zuerst gar nicht merkte, dass er eine Pause gemacht hatte. Sie blickte hoch. Er hatte sich zurückgelehnt, starrte ins Leere und sein rechter Zeigefinger fuhr gedankenverloren die Konturen seiner Lippen nach. Janet beobachtete ihn eine Weile dabei.

Dann fiel ihr etwas ein.

„Da ist eine Miss Granger hier im Ort, die sucht nach Spuren von Magie..."

Er seufzte.

„Eine ehemalige Schülerin von mir. Offenbar hat man im Zaubereiministerium Verdacht geschöpft. Ich tue mein Bestes, um ihr aus dem Weg zu gehen, aber sie ist hartnäckig – und nicht dumm."

Eine ehemalige Schülerin – also war er Lehrer gewesen. Janet fiel plötzlich auf, dass er die ganze Zeit seine eigene Person mit keinem Wort erwähnt hatte.

Sie räusperte sich.

„Mr Spane – eh, Snape, meine ich, was war nun eigentlich Ihre Rolle in den ganzen Auseinandersetzungen?"

Sein Blick kehrte aus der Unendlichkeit zurück und richtete sich auf sie. Er holte tief Luft.

„Meine Rolle? Keine besonders löbliche, fürchte ich."

Als sie fragend die Stirn runzelte, lachte er bitter auf und zog eine Grimasse.

„Also gut, fahren wir fort. Ich war sechzehn, stammte aus ärmlichen Verhältnissen und hatte nichts vorzuweisen außer ausgezeichneten schulischen Leistungen und einem unbändigen Ehrgeiz – und dem Wunsch, es allen, die immer auf mich herabgesehen hatten, heimzahlen zu können. Ich schloss mich dem Dunklen Lord – Voldemort – an, machte Karriere, gehörte bald zum inneren Kreis seiner Anhänger. Für diese Macht und Anerkennung nahm ich es in Kauf Dinge zu tun, die mir nächtelang Alpträume verursachten. Doch das war mir egal, ich schaltete mein Gewissen aus, endlich war ich da, wohin ich immer gewollt hatte. Bis ich Voldemort eines Tages voller Eifer eine Prophezeiung hinterbrachte - und später zu meinem Entsetzen feststellte, dass seine Interpretation dieser Prophezeiung Lebensgefahr für – für eine Freundin aus Kindertagen und ihre Familie bedeutete. Von da an versuchte ich alles, um sie zu retten, ich begab mich dafür in die Hände der Gegner des Dunklen Lords, flehte um Hilfe. Schutzmaßnahmen wurden veranlasst, aber sie waren vergebens, die Familie wurde von einem Menschen verraten, dem sie vertraut hatte, dem alle vertraut hatten.

Der kleine Junge, Harry, hatte den Anschlag wundersamerweise überlebt, und von diesem Tag an war mein Leben seinem Schutz gewidmet."

„Das heißt – Sie haben die Seiten gewechselt? Hat dieser Voldemort Sie denn so einfach gehen lassen?"

Er sah hoch und grinste schief.

„Ich sehe, Sie denken mit. Nein, das hätte er sicher nicht, wenn er es denn gewusst hätte. Sinnigerweise war es seine Idee, mich als Spion zurück an meine alte Schule zu schicken, als Lehrer getarnt, denn Voldemorts Erzfeind war der Schulleiter, gleichzeitig der Führer des Phönixordens. Und eben diesem hatte ich mich anvertraut, er gab mir die Stelle als Lehrer und verpflichtete mich als seinen Spion in den Reihen des Dunklen Lords."

Janet stöhnte auf.

„Ein Doppelagent – meine Güte!" Das war hollywoodreif – nein, eher doch nicht, dazu war es zu verworren.

„Und das haben Sie durchgehalten?"

„Ich musste," antwortete er einfach.

„Wie lange ging das denn?"

„Voldemort überstand den Anschlag auf die Familie nicht unbeschadet, er verschwand und es herrschte eine Weile Ruhe, viele dachten, er sei endgültig vernichtet, aber Dumbledore, der Schulleiter, zweifelte daran und blieb wachsam. Dann, nach 10 Jahren, kam der Junge an unsere Schule und ich musste mich um seine Sicherheit kümmern. Es war nicht einfach, er – er war mir von Anfang an unsympathisch und tat zudem alles, um mir das Leben schwer zu machen. Dann kehrte Voldemort zurück und ich nahm meine Aufgabe als Spion wieder auf. Als der Dunkle Lord immer mehr an Macht gewann und das Ministerium sich nicht gewillt zeigte, gegen ihn vorzugehen, schmiedete der Schulleiter einen Plan, in dessen Verlauf ich ihn, Dumbledore, töten musste, um meinen Status unter Voldemorts Anhängern beizubehalten.

In dem darauffolgenden Jahr übernahm Voldemort immer mehr die Macht in unserer Gesellschaft, schließlich ging es nur noch um die letzte Konfrontation mit dem Jungen und dabei um einen besonders mächtigen Zauberstab. Voldemort hatte ihn mit viel Mühe in seinen Besitz gebracht, aber er zeigte nicht die erwünschte Wirkung. Es war mitten in der entscheidenden Schlacht und mein einziges Ziel war es, den Jungen zu finden, um ihm letzte Instruktionen Dumbledores zu übermitteln, als der Dunkler Lord glaubte, eine Lösung für das Versagen des Stabs gefunden zu haben. Ich will Sie jetzt nicht mit den Einzelheiten langweilen, aber das Ergebnis seiner Überlegungen war, dass er mich töten müsse, was er dann auch umgehend tat."

Pause.

„Was er dann auch..." wiederholte Janet unwillkürlich, bevor ihr die Bedeutung dieser Worte aufging. Sie reagierte ungehalten.

„Was soll das? Machen Sie sich jetzt über mich lustig? Hören Sie, ich bin hundemüde und habe Kopfschmerzen, ich bin nicht aufgelegt für solche Späße!" begehrte sie auf.

„Ich mache keine Späße," entgegnete er gelassen.

„Soweit ich sehen kann, leben Sie aber. Habe ich irgendwas verpasst in Ihrer Geschichte?"

Sie funkelte ihn über den Tisch hinweg an, legte all die Energie, derer sie noch mächtig war, in diesen Blick, versuchte, an den Kopfschmerzen vorbei klar zu denken.

Er schüttelte unmerklich den Kopf. Plötzlich registrierte sie, dass auch er müde und erschöpft aussah.

Ruhig erwiderte er ihren Blick und unterdrückte ein Gähnen.

„Sie haben nichts verpasst, ich schulde Ihnen weitere Erklärungen, aber vielleicht sollten wir für heute aufhören. Es ist spät, ich bringe Sie nach Hause und wir machen morgen weiter," schlug er vor.

„Nach Hause?"

„Ins ‚Inn', in ihr Zimmer."

Als sie ihn immer noch verständnislos ansah, hob er die Hände in einer Geste der Ungeduld und sah sich zu einer Erklärung bemüßigt.

„Ich dachte, ihr eigenes Zimmer wäre Ihnen vielleicht lieber, als noch eine Nacht in meinem Bett zu verbringen. Sie brauchen meine Hilfe nicht mehr, es geht Ihnen ja soweit wieder gut."

„Und wir wollen den Klatschmäulern nicht noch mehr Stoff liefern," ergänzte sie.

„Und ich muss gestehen, ich möchte auch ganz gerne wieder im Bett schlafen statt im Sessel."

Er grinste schief und sie grinste zurück.

„Kann man sich keine Zweitbetten zaubern?" fragte sie herausfordernd.

Er lachte.

„Doch. Aber es hält nicht lange vor. Die gezauberten oder verwandelten Gegenstände verschwinden nach ein, zwei Stunden oder verwandeln sich zurück. Das wiederum ist der Nachtruhe auch nicht gerade förderlich."

Janet lachte auch. Die Spannung wich. Was auch immer das für eine Geschichte war, die er ihr da aufgetischt hatte, sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Morgen war auch noch ein Tag.

Da Janets Fuß noch der Schonung bedurfte, legten sie die Strecke zum ‚Drole Inn' in Snapes Auto zurück. Auf dem kurzen Weg vom Wagen zur Tür des Pub stützte sie sich dankbar auf den Arm ihres Begleiters.

Er verharrte einen Moment vor dem Eingang. Es nieselte leicht, außer ihnen war niemand hier draußen.

„Wegen morgen..." begann er zögernd.

„Ja?" Wollte er jetzt etwa einen Rückzieher machen und absagen?

„Falls wir uns nicht bei mir treffen können - geben Sie mir ihre Telefonnummer? Ich melde mich bei Ihnen."

Janet nickte und nannte ihm die Zahlenreihe, die er in sein Handy eingab.

„Aber Sie versprechen mir, dass Sie wirklich weiter erzählen," forderte sie drängend.

Er musterte sie mit einem unergründlichen Blick und nickte.

„Selbstverständlich."

Dann reichte er ihr seinen Arm.

„Bereit für den Spießrutenlauf?" fragte er leise.

Sie sah zu ihm hoch. Er hatte wieder sein nichtssagendes öffentliches Aussehen und seine Augen waren längst nicht so intensiv wie in der Wirklichkeit seiner privaten Umgebung. Sie drückte leicht seinen Arm und nickte. Er stieß die Tür auf. Der Effekt kam nicht überraschend, war aber trotzdem erstaunlich: Sobald sie den Raum betraten, verstummten alle, sämtliche Blicke richteten sich auf Janet und ihren Begleiter. Sie konnte spüren, wie der Mann neben ihr sich anspannte.

Janet trat an die Bar.

„Da bin ich wieder."

Sally's McCleods Gesicht wirkte plötzlich fahl im Lampenlicht. Nervös wanderten ihre Augen von Janet zu Snape und dann zu ihrem Mann, der gerade hochkonzentriert ein Bier zapfte. Sie musste ein paar Mal Anlauf nehmen, bevor sie mit heiserer Stimme eine Entschuldigung hervorbrachte.

Snape erwiderte sie mit einem kurzen, steifen Nicken, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand nach einem kurzen Gruß wieder nach draußen. Janet wollte die Situation retten und schenkte Sally ein vergebendes Lächeln.

„Mrs McCleod, ich weiß, Sie haben es gut gemeint, aber ich kann problemlos auf mich selber aufpassen. Mr Sna – Spane war sehr hilfsbereit, weiter nichts. Gute Nacht."

So würdevoll, wie es ihr möglich war, hinkte sie in Richtung Treppe.

Herzlichen Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot