A/N: Hm, also etwas mehr als ein Monat ist es jetzt schon geworden, aber immerhin hab ich es noch im Mai geschafft :) Für mich eigentlich ein recht guter Schnitt.

Petalwing: Na sind sie lustig genug? Du weißt doch wie gern ich gerade meine Gestörten habe:) Wollte eigentlich per Mail antworten, musste aber feststellen, dass ich irgendwie die Adresse verloren hab... Es gibt übrigens auch Neuigkeiten zu Evoe, aber die wollte ich nicht posten, weil ich dann doch das "unbeliebte" ende weiter bearbeitet hatte. Falls es dich trotzdem interessiert, sag bescheid :)


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Was du denkst

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Ich erwache mit einem unguten Gefühl im Bauch und finde dieses auch sofort bestätigt, als ich meine Augen öffne und direkt in die grauen von Anlyss blicke, der an meiner rechten Seite hockt und sich viel zu nah über mich beugt. So nah, dass seine Haare fast meine Nasenspitze streifen. Noch bevor ich wirklich darüber nachgedacht habe, liegt das kleine, aber wenigstens scharfe Küchenmesser an seinem Hals. Anlyss zuckt nicht einmal. Ein dunkler, bläulicher Fleck ziert seine Schläfe, dort wo ich ihn gestern niedergeschlagen habe. Wieso hat er das nicht einfach geheilt? Wozu ist er denn schließlich Priester?

Anlyss sieht nicht aus, als würde ihn die Klinge an seiner Schlagader großartig kümmern. Stattdessen ist er mit einer unheimlichen Intensität völlig auf mein Gesicht konzentriert. Ich ignoriere die Gänsehaut, die mir sofort über den ganzen Körper kriecht, presse den scharfen Stahl vorsorglich ein wenig fester in die weiche, goldene Haut und zische ihn böse an: „Verschwinde Anlyss!"

Er grinst nur dreist und wartet ab. Es ist nicht dieses manische Zähnefletschen, das er nach dem unangenehmen Zusammentreffen mit dem Rat gezeigt hat, kommt dem aber nahe genug um mich sofort noch etwas angespannter werden zu lassen. Aber noch will ich ihn nicht angreifen. Sszerins gestrige Worte habe ich noch gut im Gedächtnis. Ich wünschte ich läge gerade nicht so hilflos auf dem Rücken! Aber ich will verdammt sein, wenn ich Anlyss diesmal einfach so die Oberhand gewinnen lasse. Um wenigstens eine Geste zu machen, versuche ich ihn mit meiner freien Hand von mir weg zu schieben. Leider bringe ich in meiner gegenwärtigen Haltung nicht genug Kraft auf um das auch tatsächlich zu bewerkstelligen. Er bewegt sich kaum.

„Anlyss!" wiederhole ich drohend.

„Sszerin hat dir gedroht, hab ich Recht?"

„Und wenn er das hätte?" knurre ich aggressiv zurück, woraufhin Anlyss' Grinsen noch etwas breiter wird.

„Dann tätest du gut daran ihn ernst zu nehmen", teilt er mir sichtlich zufrieden mit und weicht nun doch endlich zurück, erhebt sich geschmeidig und strebt in das uns umgebende Dickicht. Verwirrt schaue ich ihm hinterher, als er so gut wie geräuschlos zwischen den grünen Blättern des Waldes verschwindet. Immerhin macht er nicht länger Anstalten mich augenblicklich umzubringen, versuche ich mich zu trösten und setze mich vorsichtig auf. Das erste Licht des neuen Tages fällt zaghaft durch das Blätterdach. Ich habe also tatsächlich einige Stunden geschlafen. Jetzt fühle ich mich zwar immer noch als hätte mich gerade eine Herde Rothe überrannt, aber immerhin kann ich inzwischen wieder stehen, ohne gleich einen Schwindelanfall zu bekommen. Das muss wohl fürs erste genügen.

Sowohl Anlyss als auch Szerin sind inzwischen nirgendwo mehr zu sehen. Nur Alaundril sitzt an einen Baum gelehnt da. Sie ist zwar endlich wach und augenscheinlich um einiges gesünder als gestern, aber sie sieht auch noch ziemlich erschöpft aus. Wieder einmal erstaunt sie mich mit ihrer guten Laune und grinst mir entgegen.

„Sieht so aus als würden wir beide zumindest sitzen. Am stehen müssen wir wohl noch ein wenig arbeiten", kommentiert sie ironisch. Ich brauche einen Moment bevor ich mich wieder an ihre Aussage von gestern erinnere: Wir bringen so viele um wie möglich und hoffen, dass wir zu denen gehören die am Ende noch aufrecht stehen. Es fällt mir überraschend leicht zurück zu grinsen.

„Szerin hat gesagt du wirst dich uns anschließen", sagt sie, aber es klingt eher nach einer Frage.

„Wo soll ich sonst hin?" antworte ich möglichst uninteressiert, trotzdem auf undefinierbare Weise erleichtert, weil sie nicht zurückweisend klingt. Ich erhebe mich vorsichtig um endlich meine überbeanspruchten Muskeln zu strecken und sie etwas aufzulockern. Jetzt wo ich wieder Zeit dafür habe auf solche Dinge zu achten, machen sich auch mein leerer Magen und ein stetig wachsender Durst bemerkbar. Ich hoffe einer der beiden Priester wird etwas zu Essen dabei haben, wenn sie wieder auftauchen.

„Wohin gehen wir jetzt überhaupt?" will ich nach einer Weile behutsam wissen nachdem Alaundril sich mit geschlossenen Augen zurückgelehnt hat und ausdauernd schweigt. Es fühlt sich seltsam an von wir und uns zu reden, als hätte ich etwas zu dieser Entscheidung beizutragen. Was ich nicht habe. Ich weiß nicht einmal genau wo wir uns gerade befinden. Ziemlich nutzlos. Das muss sich sobald wie es geht ändern.

„Zuerst müssen wir so schnell wie möglich aus dem Wald raus", erklärt Alaundril entschieden. „Jetzt wo unsere einzige größere Siedlung gefallen ist, liegt unsere Hoffnung allein darin, dass die Jäger aus der goldenen Feste uns nicht entdecken bevor wir weg sind. Durch den Teleport haben wir einen kleinen Vorsprung, aber die magische Spur die Sszerin dabei hinterlassen hat werden sie leicht finden, wenn sie erst einmal danach suchen. Ich denke sie werden sowieso den Wald durchsuchen, weil sie so viele von uns erwischen wollen wie nur möglich, um zu verhindern, dass sich wieder eine größere Gruppe von Drow zusammenschließt."

„Das heißt wir brechen sofort auf?"

Alaundril nickt müde. Ihre Verfassung ist immer noch so schlecht, dass sie uns unweigerlich aufhalten wird. Mir geht es auch nicht sehr viel besser. Einen Moment befürchte ich dass Anlyss und Sszerin bereits weit weg sind und uns beide hier zurück gelassen haben. Nervös schaue ich mich um, in dem fruchtlosen Versuch das erdrückende Grün mit meinen Blicken zu durchdringen.

„Keine Angst. Sie kommen bald zurück. Dann machen wir uns auf den Weg", hat Alaundril schnell meine Gedanken erraten.

„Warum seid ihr euch da so sicher?" will ich irritiert wissen, woraufhin sie nur gelassen mit den Schultern zuckt.

„Ich kenne die beiden schon einige Jahrzehnte länger als du oder nicht?" erinnert sie mich milde. Nun ja, ich schätze da hat sie wohl Recht. Auch wenn ich ihre Zuversicht nicht so ganz teilen kann.

„Und außerdem würde Anlyss diese Gelegenheit kaum so einfach verstreichen lassen", fährt sie dann fort. „In solchen Dingen ist er wie eine Bulldogge. Wenn er sich erst einmal festgebissen hat wird man ihn nicht so schnell wieder los."

„Was?"

Perplex starre ich Alaundril an.

„Gestern wollte er mich noch umbringen", erinnere ich sie säuerlich. „Weshalb sollte ihn jetzt noch interessieren was mit mir geschieht?"

„Hm, lass mich überlegen", gibt die Kämpferin mit übertrieben nachdenklicher Miene zurück und legt in theatralischer Geste einen Finger an die Lippen. „Die Art wie er dich den ganzen Morgen über beobachtet hat könnte durchaus ein Hinweis gewesen sein", spottet sie dann wieder grinsend.

Die Erinnerung an den durchdringenden Blick, unter dem ich heute erwacht bin, lässt mich unwillkürlich die Schultern hochziehen. Daran zu denken macht mich nicht unbedingt gelassener. Mit einem ärgerlichen Brummen trete ich nach einem herumliegenden Zweig um das seltsame Kribbeln in meinem Magen zu verdrängen.

„Dass er mich einfach in Ruhe lässt ist wohl zu viel verlangt", rege ich mich nutzlos auf.

„Offensichtlich", pflichtet Alaundril mir trocken bei und grinst immer noch. Woher nimmt sie nur diesen Humor?

„Ihr seid eine sehr seltsame Frau", platzt es unüberlegt aus mir heraus, woraufhin sie tatsächlich zu lachen anfängt. Ich bin überrascht wie angenehm das klingt. Wahrscheinlich liegt das an dem Mangel von boshafter Freude, der für eine Drow ziemlich uncharakteristisch ist.

„Das hat Sszerin auch schon oft gesagt", sagt sie und hört sich dabei unerklärlich zufrieden an. Vielleicht sollte ich sie häufiger zum lachen bringen. Das Ergebnis gefällt mir und es kostet mich nichts. Von den dreien in dieser Gruppe ist Alaundril auf jeden Fall diejenige mit der ich gerade am einfachsten umgehen kann.

Mein kurzer Moment der relativen Zufriedenheit hält nicht lange an, denn gleich darauf betritt Anlyss die Lichtung. Er erfasst schnell die grinsende Alaundril und meine ungewöhnlich entspannte Miene und wirft mir einen bösen Blick zu. Ich frage mich missmutig was ich denn nun schon wieder getan haben mag.

„Nicht sehr weit von hier ist ein kleiner Bach", erklärt er mürrisch. „Sszerin wartet dort auf uns."

Damit verschwindet er auch schon wieder.

„Braucht ihr eine besondere Einladung oder kommt ihr?" hallt es gleich darauf schlecht gelaunt aus dem Dickicht, während ich noch dabei bin der Kriegerin auf die Füße zu helfen. Alaundril verdreht nur kurz die Augen.

„Wenn du nicht vorhast mich zu tragen, dann gedulde dich ein wenig Anlyss", ruft sie ärgerlich zurück. Sieht so aus als wäre Anlyss wieder ganz sein übliches schlecht gelauntes Selbst. Das ist beinahe beruhigend, jetzt wo er es nicht mehr ungehemmt an mir auslassen kann.

Nach einer ziemlich kargen Mahlzeit, aus Wasser und einigen Handvoll säuerlicher, grüner Blätter, die ich nicht recht zuordnen kann, machen wir uns auf den Weg. Wenigstens scheinen die Anderen genau zu wissen wohin wir gehen. Das ist auch gut so, denn ich habe wieder einmal keine Ahnung welche Richtung hier die richtige ist.

Bereits gegen Mittag machen wir die erste Pause. Sowohl Alaundril als auch ich selbst haben sie dringend nötig. Sie stolpert schon seit einer Weile immer öfter und ich beginne auch langsam zu keuchen vor Anstrengung. Der kleine, felsige Überhang unter dem wir uns ein paar Minuten lang einfach alle zu Boden sinken lassen, liegt direkt an einem schmalen, gurgelnden Fluss. Sonst muss hier mehr Wasser fließen, denn das geröllbedeckte Flussbett ist eigentlich ziemlich breit.

Anlyss erklärt sich schließlich bereit nach etwas Essbarem zu suchen, während ich Holz für ein Feuer sammeln soll, für den Fall dass er Erfolg hat. Sszerin widmet sich, wie so oft in letzter Zeit, Alaundrils Gesundheit. Auf meiner Jagd nach Treibholz bewege ich mich langsam aber stetig das Flussbett entlang und verliere die beiden schnell aus den Augen.

Es gibt zwar keine Steinwand an die ich mich lehnen könnte um sicher zu sein, dass zumindest aus einer Richtung keine Gefahr droht, aber diese Momente die ich alleine verbringe tun mir trotzdem recht gut. Die beinahe konstante Spannung in meinen Schultern nimmt ein wenig ab, während ich mich einige lange Momente auf einem großen Stein niederlasse und einfach in das fließende Wasser starre. Ein Schwarm silbern glänzender Fische schießt unter mir vorbei. Sie sind zu klein, als dass sie als Nahrung dienen könnten. Ich hoffe Anlyss wird etwas geeigneteres finden. Ich sehne mich immer noch nach den dunklen Höhlen meiner Heimatstadt, aber inzwischen kann ich mich wenigstens so glücklich schätzen weder ein Gefangener noch ein Sklave zu sein. Das versöhnt mich wieder etwas mit meinen Lebensumständen. Irgendwann werde ich auch herausfinden was hinter Anlyss' Stirn vor sich geht.

Fast als hätten meine Gedanken ihn herauf beschworen, tritt der blonde Elf gleich darauf zwischen zwei großen Büschen hervor. In einer Hand hält er einen überwiegend hellbraun gefiederten Vogel mit langem Schnabel, der groß genug ist um uns tatsächlich alle vier einigermaßen zu sättigen. Allein der Gedanke daran lässt mir das Wasser im Munde zusammen laufen.

Anlyss' Miene ist undurchdringlich. Aber ich denke er ist mittlerweile etwas besser gelaunt als noch heute morgen. Immerhin macht er keine bösartigen Bemerkungen, auch wenn ich mich gerade sehr seltsam fühle, weil ich nicht genau weiß wie ich auf ihn reagieren soll, jetzt wo die klaren Verhaltensregeln zwischen Herr und Sklave nicht mehr über unsere Interaktionen bestimmen. Vielleicht geht es Anlyss ja ähnlich, denn er tritt nur sehr zögerlich näher und steht dann ein paar Sekunden stumm und irgendwie vorsichtig neben meinem Stein. Der Augenblick dehnt sich und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie sich seine Finger unwillkürlich fester in die weichen Federn des toten Vogels graben.

„Ich habe mal gehört dass es leichter ist einen Fisch zu fangen, wenn man auch tatsächlich im Wasser ist", murrt er schließlich, was mich mehr erleichtert als ich erwartet hatte. Ich weiß nichts anzufangen mit einem stillen, unsicheren Anlyss. Das hier ist bekannter, etwas mit dem ich einigermaßen umgehen kann.

„Haha sehr witzig", gebe ich im selben Ton zurück und etwas in der Haltung seiner Schultern entspannt sich daraufhin, als hätte er trotz allem noch erwartet, dass ich ihn angreife.

„Lass uns zurück gehen", murmelt Anlyss und macht sich auch schon auf den Weg. „Je schneller wir wieder unterwegs sind, desto besser unsere Chancen."

Ich springe auf, bücke mich hastig nach dem sperrigen Haufen Holz, den ich ein paar Schritte entfernt abgelegt hatte und strebe dann meinem Priester hinterher. Erst nach ein paar Metern fällt es mir ein mich zu ärgern, über diesen prompten Gehorsam, den er so leicht bei mir hervorgerufen hat. Wie typisch das er nicht einmal daran denkt mir beim tragen zu helfen. Ärgerlich stapfe ich durch das Geröll.

Es dauert eine Weile, aber ich habe Anlyss fast eingeholt, als er auf einmal stehen bleibt. Plötzlich sehr still und vorsichtig legt er mahnend einen Finger an die Lippen und duckt sich schnell hinter den nächstbesten Felsen. Alarmiert will ich nach meiner Waffe greifen, aber bevor ich soweit komme, hat Anlyss bereits geheimnisvoll den Kopf geschüttelt, mich kurzerhand an einem Zipfel meines Hemdes gepackt und neben sich gezogen.

Ich bin neugierig genug, dass ich meine Proteste gegen diese Behandlung erst einmal hinunter schlucke und still seinem unausgesprochenen Befehl folge, als er mir bedeutet das Holz abzulegen. Behutsam kriechen wir an dem, vom Wasser glatt geschliffenen, Fels entlang vorwärts, bis ich endlich sehen kann, was Anlyss zu diesem plötzlichen Stopp veranlasst hat. Auf den ersten Blick scheint es gar nicht mal sehr spektakulär. Ich erblicke lediglich Sszerin, der hinter Alaundril sitzt. Sie wendet ihm den Rücken zu, während er ihr offenbar sorgfältig die langen, weißen Haare kämmt. Das besondere an dieser Szene fällt mir erst auf als ich ihre Gesichter betrachte. Alaundril hat ihre Augen geschlossen und lächelt leise vor sich hin, einen Ausdruck von stiller Zufriedenheit auf ihren Zügen, den ich so noch nie zuvor bei irgendwem gesehen habe. Bei Sszerin ist dieser Ausdruck nicht ganz so ausgeprägt, aber die Vorsicht und Konzentration, mit der er die langen Strähnen entwirrt, sprechen ihre eigene Spreche. Auf eigentümliche Weise ist dieser Moment fast intimer als hätten wir die beiden tatsächlich beim Sex überrascht. Seltsam beunruhigt nage ich an meiner Unterlippe.

Drow sind von Natur aus ehrgeizig. Immer auf der Suche nach einer Möglichkeit ihre Stellung zu verbessern. Immer auf der Hut vor möglichen Angriffen derer die unter ihnen stehen. Aber Alaundril sieht man diese natürliche Vorsicht im Moment überhaupt nicht an. Sie wirkt als bräuchte sie gerade nichts anderes auf der Welt als genau das was sie hat. Der Anblick verstört mich, weil ich dieses Gefühl so gar nicht nachvollziehen kann. Mein Leben lang hat man mir beigebracht niemals eine Lücke in meiner Verteidigung zuzulassen, niemals jemanden wissen zu lassen was mir wirklich wichtig ist. Alaundril hat diese grundsätzlichen Lehren des Lebens offenbar ignoriert und scheint sogar ziemlich glücklich damit, wenn man ihre ständige gute Laune in Betracht zieht.

Abrupt wende ich mich ab und ziehe mich einige Meter zurück. Anlyss folgt mir etwas langsamer und betrachtet mich dabei forschend. Ich weiß nicht woran es liegt, aber diesmal ist sein Schweigen um einiges selbstsicherer als vorhin.

„Sie vertraut ihm!"

Es klingt beinahe wie ein Vorwurf als ich Anlyss diesen Satz leise entgegenzische. Es drückt eigentlich nicht im Mindesten aus was ich gerade fühle, aber mir fehlen sowieso die Worte um das adäquat zu erklären. Der blonde Elf allerdings zuckt ausnahmsweise nur stumm mit den Schultern und bewegt sich leise zurück in die Richtung aus der wir gerade gekommen sind.

-Lassen wir die beiden noch ein paar Minuten lang allein.- schlägt er in Zeichensprache, mit mehr Takt als ich ihm jemals zugetraut hätte, vor. Wortlos folge ich ihm außer Hörweite.

„Du wirkst nicht sehr… zufrieden", schließt Anlyss ein wenig lahm, sobald wir weit genug weg sind.

„Ja? Ich weiß nicht wie du darauf kommst", gifte ich böse zurück etwas überrumpelt von dem plötzlichen, irrationalen Zorn der mich gerade überkommt.

„Was daran bringt dich so aus der Fassung?" will Anlyss neugierig wissen.

„Nichts!" behaupte ich wider besseren Wissens und gehe noch ein Stück weiter den Fluss entlang. Natürlich kann ich Anlyss damit nicht abschütteln. Meine Haut juckt auf einmal und fühlt sich an als wäre sie zu eng für meinen Körper geworden. Mir ist selbst nicht ganz klar, weshalb ich so heftig auf diesen Anblick reagiere.

„Du bist neidisch", behauptet Anlyss so leise, dass ich ihn beinahe überhört hätte.

Ich fahre herum und funkle ihn böse an, aber er schaut nur mit einem wissenden Ausdruck im Gesicht zurück, der mich sofort absolut wahnsinnig macht.

„Es ist dumm sich so zu öffnen", knirsche ich zornig.

„Ich weiß", stimmt Anlyss mit einem kleinen, bitteren Lächeln zu. „Trotzdem", fährt er dann fort. „Es ist Alaundrils Entscheidung. Du bist nicht für ihr Wohlergehen verantwortlich. Sie ist vorsichtiger als es dir gerade erscheinen mag. Nimm zum Beispiel dich. Alaundril scheint dich zu mögen. Sie wird zwar mit dir schlafen, aber so was wie das gerade wirst du nie von ihr bekommen."

„Und du?" frage ich automatisch zurück.

„Ich schlafe nicht mit Frauen", antwortet Anlyss trocken und umgeht damit meine eigentliche Frage wie üblich, ohne wirklich etwas preiszugeben.

„Vertraut sie dir?" bohre ich störrisch nach, immer noch halb bereit zurück zu zucken, sollte er auf einmal aggressiv werden, aber gleichzeitig nicht willens mich ihm weiter ängstlich unterzuordnen.

„Bis zu einem gewissen Grad. Sie kennt meine Grenzen", gibt Anlyss, mit einem verschlagenen Lächeln, plötzlich erstaunlich bereitwillig Auskunft. Was hat das nun wieder zu bedeuten? Es ist auch jetzt noch unglaublich frustrierend zu versuchen Anlyss' schnell wechselnde Stimmungen zu deuten. „Bist du neidisch, weil sie damit offensichtlich durchkommt und du nicht?" fragt er dann noch einmal.

Ich werfe den ersten Stein nach ihm, der mir unter die Finger gerät. Natürlich duckt er sich mit frustrierender Leichtigkeit aus der Flugbahn. Sofort schäme ich mich für diesen unbeherrschten Ausbruch. Anlyss geht mir aus unerfindlichen Gründen einfach mehr unter die Haut als jeder andere.

„Du hättest niemals einen besonders guten Sklaven abgegeben", eröffnet er mir dann scheinbar völlig unzusammenhängend. „Du hast keine Ahnung was ich gerade denke."

„Aber du weißt was ich denke?" murre ich beleidigt zurück.

„Natürlich", behauptet der Priester mit einem selbstgefälligen Grinsen, das mich nur noch wütender macht. Besonders, weil er mit großer Wahrscheinlichkeit Recht hat. „Das ist auch nicht sonderlich schwierig."

„Ach und was denke ich gerade?" knirsche ich zurück und balle reflexartig die Fäuste als Anlyss einen Schritt auf mich zu macht.

„Du", schnurrt Anlyss und beugt sich noch ein Stückchen näher. „Willst gerade nichts lieber als diesem hier", er legt behutsam einen Finger an seine bläulich verfärbte Schläfe, „ein hübsches Gegenstück hinzuzufügen."

Eine gute Idee. Wenn er nicht bald etwas mehr Platz zwischen uns bringt, dann werde ich genau das tun.

„Fass mich nicht an Anlyss!" zische ich warnend und versuche das leichte, ungewisse Zittern zu verbergen, das seine Nähe in mir hervorruft. Natürlich hätte ich mir denken können, dass ihn das nur anstacheln wird.

„Wieso? Hast du etwa immer noch Angst vor mir?" will der verdammte Priester von mir wissen und zeigt dabei wieder dieses unglaublich breite, manische Grinsen. Weiß er denn nicht wann es genug ist, verdammt? Offensichtlich nicht. Langsam legt er einen Finger an meine Wange und streicht provozierend in Richtung meiner Lippen. An diesem Punkt verliere ich wieder die Beherrschung. Heißer Zorn überkommt mich. Wieso kann er nicht einfach meine Weigerung akzeptieren? Er hat überhaupt kein Recht mehr mich so zu bedrängen. Aber nein, Anlyss muss mich so lange reizen bis es zu spät ist. Für die nächsten Augenblicke zerfällt alles in unzusammenhängende Bruchstücke aus fliegenden Gliedern und abgehackten Flüchen.

Als ich wieder einigermaßen zu mir komme, liegt Anlyss rücklings im Geröll und blutet heftig aus der Nase. Ich hocke keuchend über ihm, die Finger fest um seine Handgelenke gelegt. Mein Wangenknochen pocht. Sieht so aus als hätte Anlyss sich gewehrt. Dieses Grinsen, das mich so wahnsinnig macht, hat sich inzwischen ein wenig abgeschwächt, aber ich kenne dieses eigentümliche Leuchten das nun in seinen Augen steht. Diesen Ausdruck habe ich bei ihm schon früher gesehen. Einen Moment später habe ich meine Bestätigung. Anlyss starrt mich herausfordernd an und windet sich unter mir auf eine Weise die nur eins bedeuten kann: Er genießt das hier.

Zähneknirschend starre ich auf ihn herab. Ich habe keine Ahnung was ich als nächstes tun soll. Einerseits möchte ich nichts lieber als den Weg weiter zu gehen, den ich gerade begonnen habe und Anlyss kräftig die Faust ins Gesicht zu schlagen, aber andererseits scheint es genau das zu sein was er will und diese Befriedigung will ich ihm auch nicht geben. Allerdings wäre Anlyss, der sich hilflos unter mir windet, auch gar nicht so ein schrecklicher Anblick, überlege ich dann plötzlich.

Am Ende muss ich irgendetwas tun und sei es nur um mich nicht völlig lächerlich zu machen. Immer noch unentschieden beuge ich mich schließlich vor und grabe meine Zähne tief in Anlyss' Lippe, der sich mir daraufhin erstaunlich eifrig entgegen drängt. Unsere Zähne schaben heftig gegeneinander. Es ist eher eine Kollision als ein Kuss, aber ich muss zugeben, dass ich es doch auf eine primitive Weise reizvoll finde. Anlyss offenbar auch, denn der kann nun das Stöhnen tief hinten in seiner Kehle nicht mehr unterdrücken. Das leise Geräusch bringt mich abrupt wieder zurück in die Gegenwart. Oh nein! So einfach bekommt er mich nicht herum, beschließe ich und unterbreche den Kuss.

„Jetzt weiß ich auch was du denkst", eröffne ich Anlyss, nun meinerseits lächelnd und erhebe mich schnell, bevor ich es mir doch noch anders überlegen kann.