Chapter Nine

Drei Wochen waren seit dem Unfall vergangen. Der Fall, den Elliot fortgesetzt hatte, war mittlerweile geklärt, da es mehrere Zeugen gab, die bestätigten, dass der Verdächtige begonnen hatte und Andy sich nur wehrte. Er hatte sich vielleicht für einen Moment vergessen, als er ein zweites Mal zuschlug. Aber eine Verwarnung würde genügen.

Das Team von Major Crimes besuchte Andy regelmäßig. Sharon hatte einen unglaublichen Drang, ihn zu sehen. Aber einerseits wusste sie, dass sie nicht zu der „Familie" gehörte, die Major Crimes nun mal war, und andererseits war da doch wieder ein Teil von ihr, der die Worte des Lieutenants nicht vergessen konnte.

Sie widern mich an. Sie sind gar nicht in der Lage, uns zu verstehen, denn dazu bräuchten Sie Gefühle, dazu bräuchten Sie ein Herz.

Je öfter Sharon diese Worte in ihrem Kopf wiederholte, desto klarer wurde ihr, dass nicht die Worte an sich sie so verletzt hatten. Natürlich tat es weh, wenn man ihr sagte, sie sei nicht fähig zu fühlen. Aber das, was es so schlimm machte, war, aus wessen Mund die Worte kamen. Immer wieder fragte sie sich, was mit ihr los war. Aber irgendetwas war mit Lieutenant Flynn. Sie konnte es nicht beschreiben, sie wusste selbst nicht, woher genau diese Gefühle kamen. Aber dass gerade ER sie vor allen Leuten bloßgestellt hatte, dass ER sie als gefühllos empfand, dass sie IHN anwiderte, das war unerträglich für sie. Es fraß sie innerlich auf.

Und das machte ihr auch Angst. Ja, sie hatte mittlerweile Angst davor, ihn zu sehen. Selbst wenn er ihm Koma lag.

Chief Johnson informierte Sharon regelmäßig über Andys Gesundheitszustand. Meistens war die Aussage unverändert. Nur ab und zu war sein Herz mal gestolpert oder er hatte die Augen geöffnet. Aber all das war unbedeutend. Er lag im Koma und langsam schwand der Optimismus derer, die täglich an seinem Bett saßen und für ihn hofften und beteten. Und auch Sharons Optimismus schwand mit jedem Anruf, der sie wieder einmal wissen ließ, dass alles beim Alten war.

Trotzdem lief das Leben für Sharon relativ normal weiter. Sie arbeitete den ganzen Tag und fuhr dann nach hause. Jede Nacht hatte sie Albträume von dem Ereignis, das so lange zurück lag. Jede Nacht. Und jeden Morgen fuhr sie müder und angespannter ins Büro. Jeden Morgen.

Gavin machte sich immer mehr Sorgen um Sharons mentalen, aber mittlerweile auch physischen Zustand. Sie aß weniger und schlief nicht. Er wusste, sie sollte vielleicht mit jemandem reden, der ihr helfen konnte, professionell, und zwar bevor es zu spät war. Aber sie darauf anzusprechen, war nicht so einfach. Sie war so stur, sie würde sich sowieso nicht helfen lassen.

Um wenigstens etwas zu tun, vereinbarte Gavin einen Shopping-Termin mit Sharon. Sie hätte ihm eigentlich gern abgesagt, etwas, was sonst nie vorkam. Sie war so lustlos und müde. Aber sie wollte Gavin nicht enttäuschen, also willigte sie ein.

„Na, Süße." Er begrüßte Sharon mit jeweils einem Kuss auf jede Wange und strahlte sie dann an. „Wir werden bestimmt was Hübsches finden für uns zwei, hm?"

Ihr Lächeln war schwach und sie sah blass und müde aus. „Hi, Gavin."

Er bot ihr seinen Arm an und sie hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg die Einkaufsstraße entlang.

„Heute schon was von Brenda gehört?" Er sah weiterhin geradeaus. Er hatte länger überlegt, ob er das Thema Andy Flynn ansprechen sollte oder nicht. Aber Verdrängen half auch nicht.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein und gestern auch nicht. Aber es tut sich ja sowieso nichts. Sie wird sich schon melden, wenn sich irgendetwas ändert."

Gavin nickte langsam. Aus ihrem Ton war zwar heraus zu hören, dass es ihr ganz und gar nicht recht war, dass sie jetzt schon über 24 Stunden nicht informiert worden war über Flynns Zustand. Aber bei ihrer traurigen Mine ließ Gavin das Thema ganz schnell wieder fallen.

„Wie geht's den Kleinen?" Er war erleichtert, dass wenigstens bei der Erwähnung ihrer Kinder ihr Gesicht aufhellte.

Sie lächelte ihn schief an. „Sie sind schon lange nicht mehr klein, Gavin. Gut, denke ich. Sie haben viel zu tun. Von Rickie höre ich im Moment sehr wenig, aber solange ich weiß, dass es ihm gut geht, ist das okay. Ja, mit Katie habe ich vorgestern noch telefoniert. Sie hat die Hauptrolle bekommen." Zumindest für einen kurzen Moment zeigte sie Gavin ein echtes Lächeln voller Stolz.

„Das ist wundervoll, das hast du wirklich gut hinbekommen mit den beiden, Shar." Sie nickte langsam.

Ohne etwas sagen zu müssen, wurde Sharon von dem Anwalt in ihren Lieblingsladen gelenkt.

„So, lass deiner Phantasie freien Lauf, such dir was Schönes aus. Das geht heute auf mich."

Sie sah ihn erst überrascht an, aber dann dämmerte es ihr. Sie stellte sich direkt vor ihn, legte ihm eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf. „Du musst das nicht tun."

„Warum? Darf ich nicht? Du bist meine beste und älteste Freundin. Weißt du, Freunde machen sich manchmal Geschenke, damit…"

Sharon unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

„Ich meinte nicht direkt das Angebot, mir etwas zu kaufen. Ich meinte…" Seufzend ließ sie ihre Hände sinken. „Ich meinte, all das hier. Die Einladung zum Shopping, die Frage nach meinen Kindern. Ich komme klar, du brauchst das nicht tun."

„Darf ich mich nicht nach den Kleinen erkundigen? Und shoppen gehen wir doch regelmäßig. Das letzte Mal ist schon viel zu lange her."

„Gavin." Bei dem Ton in ihrer Stimme, musste Gavin zugeben, dass es zwecklos war. Sie würde nicht locker lassen.

Er seufzte und ließ den Kopf sinken. Als er wieder auf- und Sharon direkt in die Augen schaute, sah sie eine tiefe Fürsorge, es war herzerweichend.

„Sharon." Seine Stimme war fest und überzeugt. Sie würde ihm jetzt zuhören.

„Ich mache mir Sorgen um dich. Ich hab Angst, dass du…" Er suchte nach einem Ausdruck und Sharon spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. „…dass du an der ganzen Sache kaputt gehst, verstehst du? Ich kenne dich so nicht. Du bist nicht du selbst. Du weinst viel zu oft und hast ständig diese Alpträume. Ich sehe dir die Müdigkeit doch an, du schläfst nicht. Du isst nicht mal mehr genug, Sharon. Und das macht mir Angst, unglaubliche Angst."

Sie konnte sich nicht rühren, sie sah ihn nur an mit zusammen gepressten Lippen. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, aber er konnte erkennen, dass sie ihre Emotionen zurückhielt.

Nach einer Minute Stille und Regungslosigkeit wandte sie den Blick von ihm ab. „Gavin, ich…" Sie schüttelte den Kopf. „Was soll ich dir sagen? Ich weiß doch selbst nicht, was mit mir los ist." Sie richtete ihren Blick jetzt auf den Boden. „Ich hab das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren."

In dem Moment, als ihre Stimme brach und die erste Träne sich ihren Weg durch ihre Wimpern bahnte, war die Welt um die beiden herum verschwunden. Gavin sah nur seine Freundin an. Solange er sie kannte, war sie der starke Police Captain gewesen. Als Jack anfing sich wie ein Idiot zu benehmen, blieb sie stark für ihre Kinder. Als sie von ihrem damaligen Captain diskriminiert wurde, blieb sie stark und bot ihm die Stirn, sodass sie irgendwann seinen Platz einnahm. Als sie ihre geliebte Schwester verlor, war das schlimm, aber sie kam wieder auf die Beine.

Und jetzt? Jetzt führten die Worte und das Schicksal eines Mannes, der eigentlich nur ein weiterer hitzköpfiger Idiot des LAPDs sein sollte, dazu, dass sie brach. Und Gavin hatte Angst, dass sie diesmal nicht mehr aufstehen würde.

Er sah sie an. Sie sah so zerbrechlich aus, so verletzlich. Er nahm sie in die Arme und drückte sie erneut fest an sich. Die starke Frau fing an, in der Öffentlichkeit zu schluchzen. Und alles was er tun konnte, war, sie zu halten.

Die neugierigen Blicke der Passanten waren den beiden egal, sie sahen sie nicht.

Mehrere Minuten standen sie so da.

Dann zuckte Sharon kurz zusammen, als ihr Handy klingelte. Sie löste sich aus Gavins Umarmung und wischte verzweifelt die Tränen unter ihren Augen weg. Wie hatte sie sich in aller Öffentlichkeit so gehen lassen können? Plötzlich wurden ihr die Blicke der Leute um sie herum nur allzu bewusst.

Krampfhaft suchte sie in ihrer Tasche nach ihrem Telefon. Das Klingeln hörte auf. „Mist." Gavin sah sie hilflos an, wie sie weiterhin ihre Tasche durchwühlte. Schließlich brachte sie ihr Handy zum Vorschein.

Sie murmelte nochmal „Mist", als sie sah, wer versucht hatte, sie zu erreichen.

Sie wählte eine Nummer und hielt das Telefon an ihr Ohr. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie hinschauen sollte, da immer noch einige Leute sie anstarrten. Sie entschied sich schließlich für den Boden, als die Person am anderen Ende der Leitung abhob.

„Chief Johnson." Gavin zog die Augenbrauen hoch.

„Captain. Ich habe gute Neuigkeiten." Sharon erstarrte.

„Er ist wach, Captain. Andy ist vor einer guten Stunde aufgewacht. Und nachdem er wieder einigermaßen bei sich war, hat er sofort nach Ihnen gefragt."

Sharon konnte es nicht glauben. Er war wach? Er war tatsächlich wach? Wenn sie ehrlich war, hatte sie nicht mehr daran geglaubt. Und er hatte als ERSTES nach IHR gefragt? Sie war überwältigt und konnte sich nicht rühren.

Gavin war von der Starre, in der Sharon sich offensichtlich befand, beunruhigt. Er winkte mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie sah ihn an, als sie Brenda wieder hörte.

„Captain? Sind Sie noch da?"

Sie schüttelte kurz den Kopf und räusperte sich.

„Ja Chief, ich bin noch dran." Ihre Stimme war mehr ein Krächzen und Brenda runzelte die Stirn.

„Wäre es vielleicht möglich, dass Sie herkämen? Andy würde Sie gerne sehen."

„Ähm…" Sharon fiel es immer noch schwer zu sprechen. „Ja, Chief. Ja, ich ähm, ich werde gleich da sein. Danke." Sie legte auf und starrte auf ihr Handy.

„Sharon, du machst mir Angst. Was ist los?" Sie spürte Gavins Hand auf ihrer Schulter und schreckte aus ihrer Trance. Sie sah ihn an und realisierte erst jetzt richtig, was sie gerade gehört hatte. Ein nur leicht unsicheres Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und Gavin stutze.

„Er ist wach, Gav. Er ist aufgewacht und er…" Sie zögerte und schüttelte ungläubig den Kopf. „Und er hat nach mir gefragt."

So, keine Angst, ich finde auch, Sharon hat genug gelitten, also geht's von jetzt an bergauf, versprochen. :-)

Wir nähern uns dem Ende dieser Geschichte und eure Kommentare werden leider immer weniger. :-( Ich würde so gerne weiterhin hören, was ihr denkt, also bitte nehmt euch die Zeit und kommentiert. :)

Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen.