Kapitel 10 - Der Grund, aus dem du noch am Leben bist

Das Gegenteil von Familie ist Alleinsein, das weiß Diego. An einem Abend verlor er einfach alles. Das Gegenteil von Besitz ist Verlust, das weiß Alejandro. Der Tod von Joaquín ging einfach schnell. Das Gegenteil von Mut ist Angst, das weiß Honey. Man kann ihr einfach Angst machen. Das Gegenteil von Hass ist Liebe, das weiß Captain Love. Und Hass in Liebe zu verwandeln ist nicht einfach.

Love konnte nicht behaupten, dass ihn das Atmen des Mädchens neben ihm störte. Er wusste, dass sie nicht schlief.
Als sie schweigend fertig gegessen hatten, hatte Love die Teller genommen und in den Flur gestellt. Das Mädchen, die ganze Zeit über nachdenklich und abwesend, war still auf dem Stuhl sitzengeblieben und hatte hinausgestarrt. "Wasch dich", sagte Love. Er hatte dem verschüchterten Ding ein altes weißes Hemd gegeben und sie angewiesen, es nach dem Waschen anzuziehen. Sie solle schlafen, an der selben Stelle wie gestern, er würde noch Dinge erledigen und später kommen. Love hatte sie eingeschlossen. Als er zurückkam, lag sie im Dunklen Zimmer am Ende des Bettes, der Tür den Rücken zugewand, zusammengekrümmt und ohne Decke.
Er ging in den Raum, legte die Dokumente, die er in der Hand hatte, auf den Schreibtisch und ging leise zum Bettrand, an dem Honey schlief. Sie hatte die Augen geschlossen, doch ihre Atemzüge zitterten und ihre Wangen waren nass. Love nahm die Decke, die hinter ihr lag und deckte sie damit zu, dann machte er sich bettfertig.
Sie schien sich unter Kontrolle zu haben, als er sich ins Bett legte, doch das Zittern des Atems hörte nicht auf.
Er streckte den Arm aus, legte eine Hand sachte auf ihren zugedeckten Oberarm und machte "Scht."
Ihr Körper verkrampfte sich förmlich unter seiner Berührung, ihre Muskeln spannte sich an.
Sie zuckte leicht mit dem Oberkörper zur Seite, so dass seine Hand herunterfiel.
Als sie leise schluchzte, fasste er mit verstärktem Druck um zog Arm und drehte sie auf den Rücken. Ihre Wangen glitzerten nass im Mondlicht.
Wie viel konnte man eigentlich weinen?!
Erneut bewegte Honey zuckend ihren Arm, damit Love Hand abfiel.
"Wovor fürchtest du dich?"
"Vor- nichts", schluchzte Honey leise. "Wenn- wenn ich träume", sagte Honey und ihre Stimme klang hoch und verletzt, "sehe ich, wie er sich erschießt.. und- und Ihren Säbel, Sie...", sie schluckte geräuschvoll.
Love war das ziemlich egal. Er schwieg einen Moment und holte gerade Luft, um etwas zu sagen, als Honey ihm das Wort abschnitt.
"Was hat er getan? Er hat das nicht verdient!"
"Halt den Mund."
"Er hat nur gestohlen, er hat nie jemanden umgebracht..."
"Halt den Mund!", wiederholte Love hart. "Ich werde nicht darüber diskutieren. Dich hat wirklich keiner zum Respekt erzogen."
Die Stille, die eintrat, dauerte so lange, dass Love einschlief.

Es war dunkel im Raum, als Love ihn betrat. Er sah zum Bett - Honey schlief nicht. Sie lag nicht mal da. Wo war sie? Er ging einen weiteren Schritt ins Zimmer und nahm gedankenverloren seinen Hut ab, als hinter ihm jemand zu sprechen begann.
"Guten Abend." Es war das Mädchen. Beim Klang ihrer Stimme drehte sich Love um. Sie stand im Halbdunkel neben der Tür. Erst war Love erschrocken, da hätte sonst wer stehen können, im Hinterhalt. Doch dieser Gedanke verflog sofort. Honey trug ein weißes Hemd, das Love gehörte - und mehr nicht. Sie hatte die Arme in die Hüften gestützt, so dass das ihr bis zehn Zentimeter über die Knie reichende Hemd eng anlag - und sehr genaue Konturen ihrer Oberkörpers preisgab.
Er schluckte und musterte sie unverfroren.
"Was ist los?"
Honey lächelte spielerisch. War hier etwas faul?
"Ich war ziemlich alleine...", sagte sie, lächelte und ging an Love vorbei ums Bett herum. Love machte einen Schritt auf sie zu als sie sich umdrehte. So liefen sie fast gegeneinander und waren nur eine Handbreit voneinander entfernt.
Honey legte die flache Hand auf Loves Brust. Love zog die Brauen zusammen, hinderte sie jedoch nicht.
"Ist Ihnen schonmal aufgefallen...", sagte Honey leise mit zuckersüßer Stimme und ließ ihre Hand hinuntergleiten, "Dass Sie mich noch nie aufgefordert haben, Sie 'Sir' zu nennen?"
Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. Love sah auf ihre Brüste, dann blickte er sie an und sagte: "Nein." Er lächelte und verengte die Augen. "Warum?"
Honey schien auf diese Frage gewartet zu haben. "Nun, das wundert mich. Ich dachte, Sie mögen das. Ich dachte,", sie ging so nah an ihn heran dass sich ihr Körper an ihn schmiegte, "sie hätten gern die Zügel in der Hand." Mit diesen Worten fasste sie Love zwischen die Beine.
Love blickte einen Moment mit offenem Mund zu ihr herunter, dann legte er ihr eine Hand an die Hüfte und presste sie an sich. Sie wehrte sie nicht.
War es nicht eigentlich egal? Sie schien es doch sogar zu wollen! Ihre Hand bewegte sich.
Erregt griff Love ihr ums Gesicht, zog es barsch heran und küsste sie.
Sie erwiderte seinen Kuss erst zaghaft, dann intensiv.
Als sie sich lösten, fragte Love, vor Erregung schwer atmend, "Was ist in dich gefahren?"
Honey öffnete den obersten Knopf seiner Uniform. "Gefällt es Ihnen nicht?"
Love lachte und griff in ihre Haare, zog ihren Kopf zu sich und küsste sie erneut. Honey öffnete seine Uniform weiter. Love zog sie sich schließlich in einer schnellen Bewegung aus und riss sich auch das Hemd vom Körper. Dann ging er langsamer auf Honey zu. Ihr Hemd würde er mit Bedacht ausziehen.
Er schob sie zum Bett und legte sie darauf ab. Ihre Knie waren noch angewinkelt und ihre Füße standen auf dem Boden, aber ihr Oberkörper lag vor ihm. Bemüht, nicht auf die Stellen zu schauen, die das Hemd freilegte, beugte sich Love über Honey und knöpfte das Hemd langsam auf.
Als es zur Hälfte offen war, zog er es auseinander und genoss den Anblick, der sich ihm bot. Er sah ihr ins Gesicht.
"Das wirst du hinterher bereuen", meinte er.
"Sie nicht", erwiderte Honey.

Love lächelte, als sich neben ihm jemand bewegte. Er schlug die Augen auf. Sonnenlicht flutete das Zimmer. Als er den Kopf wendete, sah er das Mädchen, dass sich im Schlaf gewendet hatte und gegen ihn gerollt war. Sie schien etwas weniger Angenehmes geträumt zu haben, jedenfalls waren ihre Wangen gerötet und ihre Augen leicht geschwollen.
Er sah in ihr nahes Gesicht, als auch sie die Augen aufschlug. Sie blinzelte und sah ihn einen Moment lang verstört an. Dann holte sie Luft und stieß einen Schrei aus. Abrupt richtete sie sich auf und wendete sich so, dass ihr Oberkörper weg von Love war. Als ihre Knie gegen Loves Beine und Körpermitte stießen, hielt sie einen Moment inne. Erschrocken sah sie erst dorthin, dann in Loves Gesicht. Er brauchte einen Moment um zu begreifen, dass ihre Knie leicht gegen etwas hartes zwischen seinen Beinen gestoßen waren und er realisierte in Bruchteilen einer Sekunde, dass sie im Begriff war, aufzuspringen und dass er die Tür nicht abgeschlossen hatte.
Schnell richtete er sich auf, griff an ihre Schulter und riss sie etwas zu grob zurück auf das Bett. Sie schrie vor Schmerz, als ihr Kopf trotz des Weichen Kissens hart auf dem Bett auftraf.
"Hey!", versuchte Love sie zu beruhigen und legte einen Zeigefinger an den Mund, "Nicht so laut-", Honey bäumte sich auf und versuchte mit aller Kraft, aus dem Bett zu kommen, Love hielt sie am Arm fest, sie schüttelte seinen Arm ab, ihre Füße berührten kurz den Fußboden, dann setzte Love sich weiter auf ihre Seite des Bettes und versuchte, sie am Schreien zu hindern, indem er ihren Mund zuhielt. Er zog sie zurück, als sie sich wieder aufrichtete, stieß sie gegen Loves Oberkörper. Mit den Händen wollte sie ihn wegschieben. Love versuchte in dem Gerangel, ihr nicht wehzutun, sie aber dennoch in Schach zu halten. Er stieg mit einem Bein über sie, so dass er auf ihr saß und presste mit beiden Händen ihren Oberkörper an den Schultern ins Bett. Mit der rechten Hand holte Honey aus und schlug Love mit aller Kraft ins Gesicht. "Gehen Sie runter!" Seine Wange brannte leicht und er sah sie eher verwundert als verletzt innehaltend an. Als nichts geschah, schlug Honey noch einmal zu. "Und fassen Sie nie wieder jemanden aus meiner Familie an!"
Als sie zur dritten Ohrfeige ausholte, hielt Love ihre Hand fest. "Hey!", sagte er drohend und hob die eigene flache Hand, als er sah, dass sie den Tränen mehr als nahe war. Er holte tief, genervt Luft und ließ die Hand sinken. "Hab ich dir wehgetan?"
"Gehen Sie runter von mir!"
Love sah sie an. Dann stieg er von ihr herunter und stellte sich hin. Sie richtete sich auf. Wortlos und genervt ging Love zur Tür, drehte den Schlüssel um und ging seufzend ins Bad. Auch dort machte er die Tür hinter sich zu.
Honey lag einen Moment schwer atmend da. Dann stand sie angsterfüllt auf und huschte zur Badtür.
Sie hörte, dass Love sich wusch.

Uniformiert, mir blauer Hose und weißem Hemd kam Love aus dem Bad.
Die Kleine saß auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch.
Love ging zum Schrank und zog seinen Uniformmantel an. Seinen Frühsport hatte er jetzt wenigstens erledigt.
"Solange du hier bist, wirst du dich nützlich machen."
Er band sich den Waffelgürtel um. "Heute komme ich früh, vielleicht fünf Uhr abends. Bis dahin wischst du den Boden hier und machst das Bett frisch. Ach ja", sagte er, als er fertig mit dem Gürtel war, "Ich würde heute gerne etwas anderes essen als Rindfleisch."
Honey sah ihn schweigend an.
Kein Protest.
Love legte den Kopf schief. "Wenn du dich einsam fühlst, geh hinunter in die Küche, zu Fernanda. Und wenn du auf die Idee kommst, von hier zu verschwinden, dann bereite dich auf ein restliches Leben in der Zelle vor."
Love ging zum Schreibtisch, nahm zwei Patronen aus der Holztruhe darauf und setzte sie in seinen Colt. Dabei sah er Honey an. Sie blickte nicht auf die Waffe, sondern direkt in Loves Gesicht.
"Du darfst dich frei auf dem Gelände der Kaserne bewegen. Du bekommst was du brauchst. Riskiere keinen Ärger." Mit einer raschen Bewegung ließ er das Kugelfach des Colts zuschnappen, lud und entlud ihn und steckte ihn, Honey nach wie vor musternd, ins Halfter.
Er nickte ihr zu und verließ leicht lächelnd den Raum.

Man hielt Banditen für faul, die Diebe insbesondere. Wenn man sich nicht für Besitz anstrengte, stahl man ihn eben.
Honey wusste das. Waren ihre Brüder faul gewesen?, fragte sie sich, während sie mit einem Wassereimer und einen Lappen aus einer kleinen Kammer im unteren Flur den Boden in Loves Schlafzimmer wischte. Ein Soldat hatte ihr den Raum gezeigt.
Das Zimmer war nicht wirklich dreckig, Honey hatte schon anderes gesehen. Trotzdem wechselte sie das Wasser mehr als dreimal aus und wischte mehrmals nach.
Als sie den Eimer zurück in die Abstellkammer brachte, rief die alte Frau sie in die Küche und bot ihr Brot, Käse und Wasser an. Honey nahm das Essen dankend entgegen und aß ohne Zurückhaltung unter dem Blick der Frau.
Eine weitere Frau betrat die Küche, sie balancierte drei Tablette auf den Hände, die mit Gläsern vollgestellt waren. Es war eine Mestizin mit langen, schwarzen und stumpfen Haaren. Sie war kräftig, aber noch sehr jung und hatte ein ausdrucksloses Gesicht. Möglicherweise war sie sieben, acht Jahre älter als Honey.
"Ah", sagte sie, "Du musst die Kleine von Love sein."
"Nein", sagte Honey, "Ich bin eher..." Ihr fiel nichts ein. Die junge Frau sah sie einen Moment abweisend an, dann sagte knapp:
"Ich bin Fernanda."
"Sie... arbeiten hier?", fragte Honey höflich.
"Eigentlich arbeite ich drüben in der Hacienda, aber auf Loves Einladung kam ich hier her", meinte Fernanda und betonte die Worte "Love" und "Einladung". Die alte Frau schmunzelte.
"Du hast einen guten Appetit", sagte die Alte, als Honey ihr das leere Tablett dankend zu ihr schob. Es war befreiend gewesen, in anderer Gesellschaft zu essen.
"Er möchte heute kein Rindfleisch", sagte sie.
"Tatsächlich?", fragte Fernanda und blickte auf. "Und das kann er mir nicht selber mitteilen? Er kommt nicht mal mehr zum Essen in die Küche! Immer raufbringen, raufbringen... Der gute Herr wird wohl immer beschäftigter. Nicht, dass du ihm noch mehr Zeit raubst, junge Dame."
"Wie bitte?", Honey sah auf, "Er hält mich hier fest!"
"Dann musst du ihm ja etwas Besonderes geben können."
Honey schwieg einen Moment, dann stand sie auf.
"Etwas Besonderes?"
"Love ist nicht dafür bekannt, dass er seine Gäste in seinem Zimmer schlafen lässt."
"Glauben Sie ich bin eine Hure?"
Stille trat ein. Fernanda drehte sich um. Eine Falte war zwischen ihren Augenbrauen erschienen.
"So wollte ich das nicht sagen. Ich finde nur es gibt Dinge, die man nicht verkaufen sollte."
"Sie wissen doch gar nicht, wo von Sie reden!", rief Honey und blickte Fernanda entrüstet hinterher, als sie den Raum verließ.
"Sie sah es tatsächlich als persönliche Einladung, dabei war sie im Hause Montero überschüssig und wurde deshalb hier her beordert", meinte die Frau gelassen, während sie Honeys Teller säuberte.
"Love ist ein gut aussehender Kerl, naja..." Sie lächelte Honey gutmütig zu.
"Danke für das Essen", sagte Honey betrübt und verließ den Raum.
Sie bemerkte Pedro, den Soldaten nicht, der nah der Küche stand und das Gespräch mit angehört hatte.
Sie verließ das Schlafzimmer zum Mittag nicht. Zum Nachmittag nicht.
Erst als die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte, und ihre Strahlen milder wurden, ging Honey zögernd wieder hinunter.
Sie lief langsam durch den Flur. Ohne genau zu wissen, warum, führten ihre Beine sie in Richtung der Treppe, die zur Zelle führte. Sie stieg hinunter.
In der Zelle kauerte der Bandit, immer noch den Balken über dem Rücken. Er sah erschöpft aus.
Getrocknetes Blut klebte an seiner Nase und unter seinen Lippen.
Erst als Honey einen Schritt näher an die Gitterstäbe herantrat, bemerkte sie den Soldaten, der vor der Zelle Wache hielt.
"Was willst du hier, Mädchen?", fragte er sie barsch.
Der Bandit sah auf, allerdings verzichtete er heute auf derbe Sätze. Er musste Schmerzen haben.
"Ich... wollte nach ihm sehen. Hat er was zu Essen bekommen? Vielleicht sollte ich-"
"Er bekommt nichts. Befehl."
Honey nickte.
Hatte sie Mitleid? Dieser Mann weckte Erinnerungen in ihr, das Gefühl, sie müsse ihm helfen, weil sie ihrem Bruder nicht helfen konnte - Honey schüttelte den Kopf. Das war doch wahnsinn.
Abrupt drehte sie sich um und stieg die Treppe hoch, mehrere Stufen auf einmal nehmend.
Schnell lief sie im Richtung Schlafzimmer, als jemand sie plötzlich schwungvoll durch eine offene Tür zog. Erst als sie weit im Raum - dem Waffenlager - stand, riss sie sich los.
Ein Dutzend Soldaten, darunter auch Jesse, liefen im Raum umher und polierten Waffen oder brachten Schießpulver.
"Ich habe ein paar Fetzen deiner kleinen Unterhaltung in der Küche aufgeschnappt, weißt du", murmelte Pedro, der Honey gezogen hatte, ihr leise zu.
Honey flüsterte nicht. "Ja? Nun, die war nicht für Sie bestimmt."
"Wie auch immer. Fernanda mag zwar ein Biest sein, aber mich interessiert auch, was so in dir steckt."
Honey zog die Brauen hoch. "Können Sie sich nicht deutlicher ausdrücken?"
"Ich will wissen, was du Love anbietest", sagte Pedro, jetzt ohne leises Gehabe.
Die anderen Soldaten wurden auf das Gespräch aufmerksam.
"Wofür? Dafür, dass ich hier gefangen bin?"
"Du bist nicht gefangen. Der Drecksack unter uns ist gefangen, aber du, meine Liebe, bist es nicht. Komm schon", Pedro trat näher an Honey heran. "Was gibst du ihm?" Er beugte sich und flüsterte in ihr Ohr, sodass nur sie es hören konnte. "Wie vögelt er?"
Honey stieß Pedro beide Hände vor die Brust und schubste ihn von sich weg.
"Was ist?", fragte Pedro lachend und reckte die Hände fragend in die Höhe. "Er tut es doch, oder nicht?"
"Lass sie in Frieden", meinte Jesse leise.
"Halt's Maul oder du wäschst wieder Kartoffeln", rief Pedro kalt, dann wandte er sich wieder Honey zu.
"Er tut es nicht?" Pedro lachte schallend. "Die Kleine will uns alle zum Narren halten." Er ging wieder näher heran und umfasste ihr Kinn. "Das willst du doch, oder?", sagte er leise, mit tiefer Stimme. Honey drückte seinen Arm nach unten.
"Captain Love heißt nicht so, weil er alle seine Gefangenen mit Liebe behandelt, so wie dich. Er scheint etwas an dir gefunden zu haben, genau wie unser kleiner Kartoffelwäscher hier!" Er nickte zu Jesse.
"Wie behandle ich sie?", ertönte eine Stimme hinter Pedro und Honey.
Captain Harrison Love lehnte im Türrahmen, die Arme gelassen verschränkt, und beobachtete das Geschehen.
Augenblicklich stellten sich die Soldaten in einer Reihe auf und salutierten. Pedro hatte die Augen weit aufgerissen und stand steifer da als alle anderen.
"Sir!", salutierte er, "Ich weiß es nicht, S-Sir."
Immer noch lässig im im Türrahmen lehnend, meinte Love:
"Nun, möglicherweise finden Sie es heraus, wenn Sie sich körperlich betätigen. Fünfzehn Liegestütze."
Pedro sprang hastig zu Boden und tat schwerfällig, wie ihm geheißen wurde. Honey blickte mit gerunzelter Stirn von ihm zu Love, welcher mit einem schiefen Lächeln zu Pedro hinunter sah.
Als Pedro sich schwer atmend aufrichtete, trat Love in den Raum hinein und stellte sich vor Jesse.
"Sir", rief dieser.
Love neigte sich zu ihm und flüsterte deutlich vernehmbar in sein Ohr. "Sie ist zu jung für Sie."
Die Soldaten, ausgenommen Jesse, lachten grölend, kamen aber augenblicklich wieder zum Schweigen.
"Honey!", sagte Love.
Das Mädchen zuckte zusammen, als sie unerwartet beim Namen angesprochen wurde.
"Geh vor."
Honey nickte langsam und ging aus dem Lager.
Als sie weg war, trat Love einen Schritt zurück, sodass er zentral vor den Soldaten stand.
"Ich will es nicht jedem Einzelnen beibringen müssen. Das Mädchen ist hier, weil ihr Bruder ein gejagter Verbrecher ist. Wir können davon ausgehen, dass er sie, sobald er auf den Gedanken kommt, sie könne hier sein, befreien will. Wenn ich ihn habe und das Mädchen nicht mehr brauche, ist sie unbedeutend. Aber solange sie mein Lockvogel ist, werden Sie sie daran hindern, die Kaserne zu verlassen oder Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. In allen anderen Situationen sähe ich es wirklich ungern", seine Stimme wurde autoritär, fast drohend, "wenn jemand Hand an ihr anlegt. Verstanden?"
"Ja, Sir!", riefen die Soldaten wie aus einem Mund.
"Gut. Wie ich sagte, ich werde das nicht beim Appell thematisieren. Sie können Ihren Kameraden sagen, dass jeder, der auf weibliche Reize in diesen Mauern reagiert, mit Konsequenzen rechnen muss. Abtreten."
Einige der Soldaten machten sich wieder an die Arbeit, andere, darunter auch Pedro, wollten den Raum verlassen. Love stellte sich ihm in den weg und sagte leise: "Sie ist wirklich nicht hässlich. Aber", er klopfte dem Mann auf die Schulter, "versuchen Sie es doch am nächsten Wochenende mit einem Bordellbesuch."

Honey saß am Bettrand und sah regungslos in den Spiegel. Love kam in den Raum, legte Hut und Handschuhe ab und holte einen Kamm auf dem Bad, mit dem er erschöpft seine Haare durchfuhr.
Es klopfte an der Tür.
"Ja!", sagte Love und ging einen Schritt auf die Tür zu.
Die Klinke ging herunter und ein Tablett mit einem Teller schob sich durch den Türspalt, ein Arm und ein Kopf hinterher. Es war Fernanda.
"Ah, Dankeschön", sagte Love und sein freundlicher Tonfall hatte ein Spur Abgelenktheit in sich.
"Sie haben es sich noch nicht geholt, Sir, da dachte ich...", sie sah zum Bett und als sie Honey sah, wurde ihr Blick eine Spur kälter.
"Ja...", Love schien ungehalten darüber, dass sie Honey ansah, "Stellen Sie es einfach dorthin." Er wieß auf den Schreibtisch. Fernanda trat in den Raum und stellte das Tablett vorsichtig ab. Sie sah kurz ihr Spiegelbild im Fenster und zupfte leicht an ihrem Kleid, sodass es etwas hinunterrutschte und mehr ihres üppigen Dekolletés preisgab. Honey, die es im Spiegel sah, vergaß das Unterdrücken des Weinens und begann zu lachen, wobei ihre Stimme zitterte.
Love sah sie irritiert an, Fernanda jedoch fuhr herum und ging mit einem bösen Blick in Richtung Honey zur Tür. Als sie sich am Türrahmen noch mal zu Love umdrehte, war ihre Stimme wieder zuckersüß.
"Darf es noch etwas sein?" Loves Blick ging auf ihren Ausschnitt.
"Nun, die selbe Portion noch einmal und eine flasche Mescal, das wäre alles."
Love beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie riss die Augen auf und begann zu lächeln.
"Sir?"
Love nickte knapp und schloss die Tür hinter ihr. Dann wand er sich, plötzlich zufrieden aussehend, der irritierten Honey zu.
Das Lächeln verwandelte ihr, Love nur traurig bekanntes Gesicht in das eines schönen, belustigten Mädchens. Ihre Wangen glitzerten allerdings noch nass.
Love betrachtete sie mit einer Mischung aus Überraschung und Ablehnung.
"Es gibt Dinge die selbst du schlaues Mädchen noch nicht weißt."
"Ich glaube es gibt Dinge, ich ich gar nicht wissen möchte."
Love lächelte schief. Sein Blick fuhr den Boden entlang.
"Sieht sauber aus." Er ging zum Schreibtisch, setzte sich und begann, zu essen.
Kurz später klopfte es an der Tür.
"Ja", sagte Love leicht genervt und die Tür schwang auf. "Bitte - stellen Sie es hierhin."
Fernanda stellte den zweiten Teller sorgfältig auf den Tisch. In ein Glas, das sie mitgebracht hatte, schüttete Mescal aus der noch vollen Flasche.
Sie schien außer Atem zu sein, jedenfalls hob und senkte sich ihre Brust merklich. Doch Love schenkte dem keine Beachtung, sondern aß genussvoll sein
Mahl. Fernanda warf Honey beim Hinausgehen einen triumphfierenden Blick zu, den sie nicht einordnen konnte.
Kurz bevor sie die Tür erreichte, legte Love sein Besteck plötzlich zur Seite und sagte: "Fernanda?" Sie drehte sich um. "Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten." Er stand auf und winkte Honey zu sich heran. "Komm her." Sehr langsam stand Honey auf. "Komm!" Sie ging einen Schritt in Richtung Love und blieb stehen.
"Haben Sie etwas zum Anziehen für sie?"
Fernanda musterte Honey geringschätzig. "Ich weiß nicht, Sir ..."
"Es muss nichts Schönes sein. Nur damit sie etwas hat. Ich werde sie selbstverständlich entschädigen. Finanziell."
Honey sah mit offenem Mund von Love zu Fernanda und zurück.
"Nun ja ... ich werde sehen, was zu tun ist."
"Ich danke Ihnen. Sie können sie gleich mitnehmen. Vielleicht lässt sich ja auch aus ihren Haaren etwas machen."
Honey sah mit großen Augen von ihm zum Spiegel. Ihre Haare waren zerzaust und an manchen Stellen verknotet.
"Komm mit", befahl Fernanda kalt und Honey ging wortlos hinter ihr aus dem Zimmer.

Als es an der Tür klopfte, sagte Love "Ja", ohne von seiner Zeitung aufzusehen. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchten das Zimmer in ein rötlich-orangenes Licht. Die Tür ging auf. Love nippte an seinem Getränk, sah auf und hielt inne, das Glas immernoch an den Lippen.
Fernanda stand im Raum, die Hände in die breiten Hüften gestützt. Hinter ihr lugte die Kleine vorsichtig durch die Tür. Ihre glatt gekämmten, rotblonden Haare, die noch etwas feucht waren, glänzten im Sonnenlicht. Ihr Gesicht war gewaschen und von der Wunde durch Loves Ohrfeige war nur noch ein kleiner rötlicher Fleck zu sehen. Unsicher trat Honey von einem Bein auf das andere.
Sie hatte einen braunen, gewickelten Rock an, der auch ein großes Tuch hätte sein können und an ihrer Hüfte eng verknotet war. Er reichte ihr etwas über Knie. Die graue Bluse an Honeys Oberkörper wieß am Auschnitt gehäkelte Blumenmuster auf und war an der Hüfte unter den Rock gesteckt. Sie verdeckte Honeys Arme bis zu den Ellenbogen und an Honey Handgelenken konnte man blaue Flecken erkennen.
Love schluckte den Mescal herunter, stellte das Glas auf den Tisch und ging mit offenem Mund zu Fernanda.
"Was bin ich Ihnen schuldig?", fragte er, immernoch Honey ansehend.
Fernanda warf einen Blick zu ihr und sagte dann: "Sir, wenn Sie-"
"20 Pesos", unterbrach Love sie, ging zum Schrank, öffnete ihn und holte einen kleinen, ledernen Beutel heraus. .
Fernanda sah erstaunt auf.
"20 Pe-", entfuhr es Honey, doch sie bremste sich. Ihre Augen waren aufgerissen. "20 Pesos ... Wie soll ich ... Ich kann Ihnen das nicht- Ich kann das nicht zurückzahlen ...!"
Fernanda zögerte, als Love ihr das Geld reichen wollte.
"Ist schon gut", sagte er und drückte ihr das Geld in die Hand.
Einen Moment stand sie da, doch Love hatte sich wieder Honey zugewendet und musterte sie.
"Guten Abend", meinte sie.
"Guten Abend", erwiderte Love abwesend.
Fernanda ging an Honey vorbei aus dem Raum. Honeys Blick haftete auf der rechten Hand Fernandas, der Hand, in sie das Geld hielt. Sie sah unglücklich aus und trat immer noch von einem Bein auf's andere. An den Füßen trug sie lose Schlappen.
Als die Tür mit einem knacksenden Geräsuch zuging, wendete Honey den Blick zu Love.
Sie fuhr sich mit der Hand durch die seidigen Haare, die ihr ins Gesicht fielen.
"20 Pesos ... Ich kann Ihnen das nicht zurückzahlen", sagte Honey jetzt energischer.
"Ich weiß."
"Aber- A-Aber ich will nicht dass Sie Geld für mich ausgeben."
Love hob die Brauen und lächelte provozierend.
"Sieh es als Erbe. Ich habe hundert Pesos für deinen Bruder bekommen, die gehören dir."
Honeys Blick wurde hasserfüllt. "Darauf kann ich verzichten."
"So würde ich das nicht sagen", sagte er und musterte sie. Dann wieß er mit dem Kopf zum Schreibtisch.
"Das Essen wird kalt."
"Ich will es nicht. Warum geben Sie es nicht dem Mann in der Zelle?"
Love lachte auf. "Warum lade ich ihn nicht ein, damit er hier mit uns speist?"
Honey biss sich auf die Lippe. "Vielleicht weil er dort unten eine Strafe absitzt und das hier kein Gasthaus ist", sagte Love kalt.
Er sah ihr an, dass ihr etwas auf den Lippen lag und er ahnte auch, was. Es war relativ widersprüchlich zu sagen, Diebe befänden sich zur Strafe in der Garnison - was stimmte -, und andererseits die Bälger von Gesetzlosen im eigenen Bett schlafen zu lassen.
"Hm...", Honey sah zu Boden, "Achso. Na dann." Ihre Haare fielen ihr ins Gesicht. Sie strich sich die vorderen Strähnen hinters Ohr und sah seitlich in den Spiegel. "Um Gottes Willen", murmelte sie leise.
"Was ist?"
Honey sah auf, offenbar erstaunt, dass sie das gerade laut gesagt hatte. "Nichts", erwiderte sie schnell.
"Gefällt es dir nicht?"
"Doch... doch." Sie sah kurz, etwas unterdrückend zu Boden. Dann drehte sie sich ruckartig zum Spiegel und fuhr mit einem Finger durch den linken oberen Ansatz ihrer Haare. Sie veränderte ihren Mittelscheitel zum Seitenscheitel.
Love starrte sie einen Moment an und lachte dann überrascht.
Honey sah ihn irritiert an, blickte zum Spiegel und musste unwillkürlich lächeln. Sie sah jetzt aus wie das Mädchen, welches sie noch vor einigen Tagen gewesen war.