Kapitel 10

„Anasazi hat wirklich eigentümliche Methoden als Diplomat, aber sie scheinen zu funktionieren", bemerkte Beka, als sie einige Stunden nach dem Zwischenfall im Konferenzraum in den Hydroponischen Gärten neben Dylan trat.

Dieser nickte. Er hatte alles den Bach hinunter gehen sehen. Der Botschafter tot, die Allianz mit den Nietzscheanern gestorben. Anasazi vor dem Kriegsgericht und er selbst wegen seiner Unfähigkeit, seine Crew unter Kontrolle zu halten, von der derzeitigen militärischen Führung des Neuen Commonwealth degradiert.

Doch der Botschafter lebte, wenn er auch nicht mehr besonders gesprächig war, und – man sollte es kaum glauben – der Alpha der Puma hatte keine Minute mehr gezögert, den Allianzvertrag zu unterschreiben.

Dies war nun auch der Grund dafür, dass Rommie innerhalb so weniger Stunden schon wieder den vorrätigen Sekt ausgepackt und diesmal zur Feier der Allianz einen kleinen Umtrunk in den Hydroponischen Gärten vorbereitet hatte.

Neben der Führungscrew und den Puma war auch Botschafter Jurios anwesend, umringt von seinen grusarischen Wachen, die bei jeder Bewegung eines der anwesenden Nietzscheaner zusammenzuckten. Um Anasazi machten sie alle einen großen Bogen.

Ein tiefes, kehliges Lachen drang zu Hunt und Valentine herüber und ließ sie beide nach der Ursache suchen. Anasazi fühlte sich sichtlich wohl und warf den Kopf zurück, als er erneut über etwas lachte, das eine der Nietzscheanerinnen zu ihm gesagt hatte. Er hatte seinen Arm um die Taille einer der Frauen gelegt, während eine zweite ihm mit ihren langen Fingern ständig über den Bizeps des freien Arms fuhr.

„Fehlt nur noch, dass ihm die Dritte die Füße küsst", grummelte Beka.

Dylan warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Eifersüchtig?"

„Ich? Wieso das denn", erkundigte sich Beka und schüttelte sich wie vor Abscheu. Ich kann es nur nicht mit ansehen, wie Frauen sich so erniedrigen, bloß um den Schwanz eines Mannes abzukriegen."

Dylan hob erstaunt beide Augenbrauen.

„Okay, das war nicht besonders ladylike", murmelte Beka. „Aber ich hab auch nie gesagt, dass ich eine Lady bin".

Damit leerte sie ihr Glas in einem Zug und wandte sich von der Szene vor ihr ab.

Tyr war froh, dass die Frauen um ihn herum soviel Unsinn schatzten und ihm ständig irgendetwas zuwisperten. So hatte er wenigstens die Möglichkeit zu lachen, denn danach war ihm die ganze Zeit zumute. Zu lachen, weil er endlich wieder etwas fühlte, das er vor langer Zeit verloren glaubte: Glück!

Er war erwählt worden. Nicht von einer, nicht von zweien, nein, alle drei hatten bekundet, ihn zum Mann haben zu wollen. Und nun buhlten sie um seine Aufmerksamkeit, als wäre er der einzige Nietzscheaner, den sie je bekommen könnten. So gut hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Da störte es ihn nicht einmal, dass Harper schon wieder um die Frauen herumschlich, als wären sie der Hasenbraten, den er sich als nächstes fangen würde. Nun, der kleine mann hatte sowieso keine Chance. Wieso sollte er da nicht einmal großzügig sein?

„Hey, Harper! Kommen Sie her! Feiern Sie mit uns!", rief Tyr und musste noch mehr lachen, als er Harpers geschockten Blick sah.

Der Junge konnte es offensichtlich gar nicht glauben, dass er nicht weggescheucht, sondern eingeladen wurde.

Misstrauisch trat Harper näher.

„Sie meinen wirklich mich?", erkundigte er sich vorsichtig. „Oder haben Sie was zu reparieren, das Sie mir schnell aufs Auge drücken wollen?"

„Harper, heute repariere ich mal was, und zwar ihr Selbstwertgefühl", meinte Tyr mit einem Grinsen, das dem jungen Mann nicht geheuer vor kam.

„Sajalla, meine Süße, magst du meinem Freund hier vielleicht einen Schluck Sekt holen. Ich glaube, er findet sonst seine Worte nicht wieder, die er bei deinem wunderbaren Anblick verloren hat", raunte Anasazi dann der Nietzscheanerin, die noch nicht an ihm hing zu.

Diese warf ihm einen koketten Augenaufschlag zu und hauchte zurück. „Wenn für mich dann eine Belohnung drin ist?"

Anasazis Grinsen wurde noch breiter und die junge Frau lief Hüften schwingend zur Theke um ein Glas Sekt für Harper zu organisieren.

Der junge Ingenieur konnte seinem Glück nicht trauen. Er wusste nicht so recht, was er getan hatte, dass Tyr ihn plötzlich wie einen Freund behandelte, wo er doch sonst immer nur der lästige Freak war. Doch er würde sein Glück jetzt keinesfalls hinterfragen, sondern es genießen, so lange es anhielt.

„Anasazi, wollen Sie mich den beiden Damen denn nicht noch einmal richtig vorstellen? Ich weiß noch gar nicht, wie diese Schönheiten heißen."

Tyr, in wirklich äußerst großzügiger Laune, gab der Frau, die er in seinem Arm hielt, einen Klapps auf den Po. „Sei brav, Kleines, und sag unserem kleinen Genie hier, wer du bist."

Harper reckte sich, um so groß zu erscheinen, wie er sich mit der Betitelung Genie fühlte uns starrte die Frau wie gebannt an.

„Ich bin Isolla Gsart, erste Tochter von Iphostos und Mara."

„Und du, mein Schatz", forderte Tyr die andere Frau auf.

„Ich bin Mehalla Gsart, zweite Tochter von Iphostos und Mara."

„Und Sajalla, die jüngste der drei Töchter von Iphostos, hast du ja eben schon kennen gelernt. Da ist sie ja."

Die junge Frau drückte Harper das Glas Sekt in die Hand und schenkte Tyr ein aufforderndes Lächeln. Offensichtlich wollte sie jetzt ihre Belohnung.

„Später", wisperte Anasazi, als sie ihm ihre Hand auf die Brust legte. Dabei legte er ihr sanft die Wand an die Wange und strich ihr mit dem Daumen über die Lippen.

Wie gebannt beobachtete Harper die Szene, als Sajalla anfing, wie eine kleine Katze zu schnurren.

Beka Valentine speicherte die letzten Eintragungen und schaltete dann den Bildschirm vor sich ab. Es war spät geworden, während sie sozusagen die letzten Auswirkungen der neuen Allianz mit dem Puma-Stamm in ihren Dateien festgehalten hatte. Binnen zwei Wochen würden sie an Bord die ersten Änderungen merken, denn es vereinbart worden, dass es einen Austausch an Offizieren, Soldaten und Wissenschaftlern geben sollte. Insgesamt 30 Nietzscheaner würden dann für ein halbes Standardjahr zur Crew der Andromeda gehören und die gleiche Anzahl an Commonwealth-Besatzungsmitgliedern ersetzen. Dylan hatte die Idee auf den Plan gebracht und sie selbst war nicht davon überzeugt, dass es eine gute war. Nietzscheaner konnten ziemlichen Ärger bedeuten, das hatten sie schon oft genug erlebt. Wenn sie daran dachte, welch unberechenbares Temperament Anasazi oft zeigte, dann wurde ihr schon ganz mulmig, wenn sie daran dachte, dass sie es in Zukunft mit 30 dieser Exemplare zu tun haben würde. Doch Hunt hatte darauf hingewiesen, dass Nietzscheaner nützliche Crewmitglieder sein konnte. Im Alten Commonwealth war dies so gewesen. Sie zeichneten sich nicht nur durch ihre Kampfkraft aus, sondern auch durch ihren Ehrgeiz auf allen Gebieten, in denen sie arbeiteten. Jede kleine Aufgabe sahen sie als Herausforderung, die man besser bewältigen musste als alle anderen. Daher zeigte sie meist enorme Erfolge.

Sie musste nun auswählen, wie viele Crewmitglieder aus welchen Abteilungen an dem Austausch teilnehmen sollten, um dort dann Freiwillige zu finden. Ach keine leichte Aufgabe. Wer begab sich schon in der Unterzahl gerne in ehemals feindliches Gebiet?

Beka schob ihren Stuhl zurück, erhob sich und streckte sich. Es wurde Zeit, dass sie ins Bett kam, wenn sie morgen für alle Aufgaben und Ärgernisse wieder munter sein sollte. Zumindest war es eine große Erleichterung, dass sie morgen den Botschafter samt seines Gefolges absetzen konnten.

Nachdem sie kurz im Bad verschwunden war, kletterte Beka in ihr Bett und löschte das Licht. Dabei musste sie daran denken, was wohl ein paar Türen weiter gerade vor sich gehen musste.

Harper war ziemlich enttäuscht an ihre Seite zurückgekehrt, als er bemerken musste, dass er auch als Tyrs Freund keine Chance bei den drei Frauen hatte. Diese ließen Tyr nicht aus den Augen, alles andere um sie herum schien nicht zu existieren.

Es fragte sich, ob die Andromeda nun Zuwachs bekäme oder ob Tyr sie doch über kurz oder lang verlasen würde. Der Nietzscheaner legte sich sicher keinen Harem zu, um diesen dann auf irgendeinem Planeten zurückzulassen, während er weiter durch das All zog. Andererseits … andererseits waren sein Ambitionen so groß, dass es auch sein konnte, dass er seine Frauen auf das Abstellgleis schob, bis er das erreicht hatte, was er wollte. Fragte sich nur, was das war.

Grübelnd lag Beka in der Dunkelheit. Im letzten Jahr hatte sich viel verändert. Das Commonwealth existierte tatsächlich wieder – in einer aufgefrischten Form -, die Andromeda hatte nun mehr als nur eine Hand voll Crew und sie selbst … sie selbst hatte sich auch verändert.

Tyrs Worte hatten sie nachdenklich gemacht. Ließ sie sich völlig von Dylan vereinnahmen? War die Uniform, die sie nun doch ab und an trug, ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich selbst verloren hatte? War sie nur noch eine Marionette von Commonwealth-Führern, Botschaftern und Leuten mit irgendwelchen militärischen Rängen, die ihr eigentlich gar nichts bedeuteten?

Zumindest hatte es nun auch Vorteile, dass sie dem Commonwealth diente. Seit einiger Zeit bekam sie regelmäßig Sold, was bedeutete, dass sie langsam aber sicher auch die Schulden, die auf der Maru lagen, abzahlen konnte. Allerdings hatte sie dafür auch einige Freiheiten eingebüst. Sie konnte nicht mehr kommen und gehen, wie sie gerade wollte, hatte Bürokram zu erledigen, musste sich immer wieder in die Uniform quetschen und dann auch noch auf langweilige Empfänge und zu überflüssigen Konferenzen gehen, die selten ein wirkliches Ergebnis brachten. Dafür wurde sie ständig ermahnt, auf ihre Worte zu achten und sich zu benehmen, wie es sich für einen Commonwealth-Offizier gehörte.

Beka seufzte tief. Es hatte keinen Sinn, weiter herumzugrübeln. Sie musste schlafen. Und morgen, wenn sie wieder frisch war, konnte sie überlegen, ob sie an ihrem Leben etwas ändern musste – nicht jetzt, wo sie langsam merkte, dass sie wirklich müde war.

Sie war gerade weggedöst, als ein leises Zischen in ihren Halbschlaf drang. Sie lauschte, konnte aber nichts weiter hören. War die Raumklimatisierung in ihrem Raum etwa schon wieder defekt? Beka seufzte. Das passierte nun schon das dritte Mal in eben so vielen Wochen. Die Maru mochte viele Schwachstellen haben, doch sie fing wenigstens nicht einfach so an zu zischen, wenn es keinen Grund dazu gab. Sie drehte sich auf den Rücken, atmete tief ein … und stutzte.

Was … was war das für ein Geruch? Ein feiner, leichter Geruch, der an Duschgel erinnerte. Nicht ihres, wie sie feststellte. Beka stöhnte auf. Da war wohl nicht nur die Klimatisierung defekt, sondern die ganze Belüftungsanlage. Wurde die Luft aus irgendwelchen Duschräumen zu ihr geleitet? Nun, so lange es nicht gerade die Luft aus den Toiletten war, würde sie es bis zum Morgen aushalten können. Beka zupfte ihr Kissen zurecht, fest entschlossen nun wirklich zu schlafen.

Sie kam nicht mehr dazu zu schreien, als ihr etwas fest auf den Mund gedrückt wurde.