Hier ist ein Test, um herauszufinden,
ob deine Mission auf Erden schon beendet ist:
Solange du noch lebendig bist,
ist sie es nicht!
Illusionen von Richard Bach
Es war eine leicht stürmische Halloween-Nacht. Die Kinder auf der Straße lachten und rannten von Haus zu Haus, um ihren Preis einzufordern. Die Erwachsenen öffneten ihnen lächelnd und speisten die kleinen Hexen, Gespenster und Kobolde mit Süßigkeiten ab. Doch ein Haus blieb unbeachtet. Die Kinder hielten kurz an, sahen sich das Haus an, klopften aber nicht an. Es schien, als ob sie es gleich wieder vergaßen. Sie liefen an der großen Kapuzengestalt vorbei und nahmen das nächste Haus in Angriff. Fröhlich schmetterten sie den Besitzern ihren Spruch entgegen, diese lachten und griffen in die große Süßigkeitenschüssel. Die Kapuzengestalt stand vor dem Gartentor und sah sich das Haus eine Weile an. Schließlich zückte sie einen kleinen Stock und die Tür sprang förmlich aus den Angeln. Die Zeit war gekommen und ER, Lord Voldemort, hatte es sich persönlich vorgenommen dies zu Ende zu bringen. Er wollte, dass Dumbledore wusste, wer seine engsten Vertrauten ermordete!
Er hob wieder den Zauberstab und die Haustür explodierte. Schreie, hallten durch das Haus... "LILY ER IST ES! NIMM HARRY!"
Ein kaltes Lachen. Ja das würde wirklich interessant werden. Da trat ihm auch schon ein Magier entgegen, mit hocherhobenem Zauberstab.
Später sollten sich Nachbarn nur noch an viele grelle Lichtblitze und schließlich auch an ein grünes Licht erinnern. Der darauf folgende gellende Schrei hatte allen die ihn hörten eine Gänsehaut beschert und noch Jahre später sollte er einigen Muggel bis in ihre Träume folgen.
***
Dumbledore schreckte auf, er war schon seit einiger Zeit zurück in seinem Büro. Verärgert stellte er fest, dass er wieder einmal an seinem Schreibtisch eingeschlafen war. Doch was hatte ihn geweckt? Etwas pfiff grell aus einem seiner Schränke. Der Piff war so hoch, dass er schon fast in den Ohren schmerzte. Dumbledore schoß hoch und rannte zu dem Schrank. Riss die Türen auf und sah eine kleine goldene Kugel, die sich wie wild um sich selber drehte und dabei die wilden Töne von sich gab. Der alte Mann wurde blass. Er riß grob an dem Versteck, wo er seine wichtigen Dokumente aufbewahrte, und zog ein Pergament hervor.
'Bitte lass die Schrift nicht sichtbar sein! Bitte nicht! BITTE!', flehte er in Gedanken und entrollte das Pergament.
Ganz langsam erschien dort eine Schrift und seit langer langer Zeit schrie Dumbledore vor Zorn und Verzweiflung auf. Er ging in die Knie und umklammerte dabei das Pergament. Er hatte versagt! Er, der große Dumbledore hatte versagt!
Hagrid fand ihn so, kniend und das Pergament umklammernd. Der Halbriese hatte die siebte Nacht erfolglos gewartet und wollte nun Dumbledore sagen, dass er sich auf die Suche machte. Der Schrei, den er aus dem Büro des Direktors hörte, waren furchtbar. Der Halbriese schlug beinahe die Tür ein, erschrocken sah er den Direktor auf Knien, ein Stück Pergament in den Händen und jetzt schluchzte er leise. Tränen rannen ihm über das Gesicht, versickerten in dem fast bodenlagen Bart. Hagrid sprang vor. "Was? Was?"
Doch Dumbledore sah ihn nicht, hörte ihn nicht.
Da griff Hagrid grob nach den Schultern des Direktors und schüttelte ihn leicht.
"WAS IST PASSIERT?", brüllte er, in der stillen Hoffnung, dass dies durch kam.
"Sie sind tot!", flüsterte Dumbledore. "Sie sind tot."
Hagrid atmete tief durch, wenigstens hatte er mit Schluchzen aufgehört.
"Wer?", fragte er und hielt dabei immer noch die Hände fest um Dumbledores Schultern.
Der Direktor schien um Jahre gealtert. "Die Potters sind tot!"
Hagrid blieb die Luft weg. Das konnte nicht sein! Lily, James, der kleine Harry!
"Woher?", fragte er den Direktor.
"Das Testament!", flüsterte der alte Mann gebrochen und hielt dem Halbriesen das Stück Pergament hin.
Hagrid nahm es und begann zu lesen.
Dies ist unser letzer Wille und Testament.
Alles was uns gehörte, Besitz, Geld und andere Wertgegenstände sollen unserem Sohn Harry gehören.....
"Warum soll das alles Harry gehören?", fragte der Halbriese verdutzt.
"Wie bitte?", Dumbledore sah auf.
"Naja, da steht, dass alles Harry gehören soll."
Dumbledore nahm das Pergament. Das hatte er in seiner ersten Trauer gar nicht gesehen. Da stand wirklich Harry Potter! Schlagartig war sein Kopf wieder frei und er konnte klar denken.
"Hagrid das bedeutet, er LEBT! Schnell, reise zum neuen Haus der Potters!" Dumbledore sprang auf die Füße und holte eine alte Karte hervor. "Hier liegt das Haus der Potters, Hagrid. Schnell, geh dahin und hole den Jungen, bevor die Muggel kommen!"
Dumbledore nahm ein zweites Pergament zur Hand und sah nun wie dort ebenfalls, nicht ganz so klar, Linien erschienen.
"Das ist nicht möglich!", flüsterte er fassungslos.
"Was is?", fragte der Halbriese schnäuzte dabei in ein tischdeckengroßes Taschentuch.
"Das ist eine Schriftprobe von Lord Voldemort. Ich habe es verhext, sollte seine Macht zusammen brechen, wird die Schrift sichtbar!" Dumbledore hielt Hagrid das Pergament entgegen. Nicht ganz so klar und deutlich waren dort Drohungen gegen Dumbledore zu lesen.
"Hagrid schnell, wir dürfen keine Zeit verlieren. Ich wecke die anderen, benachrichtige das Ministerium. Bring das Kind zu Lily´s Schwester, sie wohnen in Little Whinging." Dumbledore drückte dem immer noch recht verdutzt dreinguckenden Hagrid die Karte in die Hand. Jetzt hieß es schnell handeln und keine Fehler machen. Er schob den Halbriesen aus seinem Büro und ging gleich zu Professor McGonagall. Er trommelte gegen ihre Tür. "MINERVA! Wach auf!"
Eine recht verschlafene Hexe öffnete ihm die Tür. "Albus, was bei allen guten Geistern machen Sie um diese Uhrzeit vor meiner Tür?"
"Voldemort ist gefallen!" sagte er kurz und hektisch.
Er mußte eine Menge Leute benachrichtigen und Minerva mußte ihm helfen.
Die normalerweise recht streng dreinblickende McGonagall sah den Direktor überrascht an. "Albus, darüber macht man keine Witze!"
"Das ist KEIN Witz, ich schwöre! Ziehen Sie sich was an, schnell. Sie müssen mir helfen. In 5 Minuten in der Eulerei, und bringen Sie so viel Pergament mit wie Sie tragen können und genug Tinte!" Mit diesen Worten ließ er die Professorin stehen und rannte schon weiter. Flitwick, er mußte das Pergament überprüfen lassen! Der kleine Professor Flitwick war dafür der beste Zauberer.
***
Hagrid rannte aus dem Schloß, wie sollte er am Schnellsten zu den Potters kommen? Da fiel ihm sein alter Schulbesen ein. Eine Extraanfertigung für ihn. Schnell war der alte Besen aus dem Schrank ausgegraben und Hagrid stand nun etwas unsicher damit vor seinem Haus. Es war lange her gewesen, dass er geflogen war und besonderst viel Talent hatte er nie gezeigt. Jeder Außenstehende hätte den Besen für eine kleine Birke gehalten, die ihre Zweige nur an der Spitze hatte. Hagrid holte tief Luft, schwang sich auf den Besenstiel und stieß sich von der Erde ab. Nach einigen recht wagemutigen Manövern hatte er den Dreh raus und flog schon in die richtige Richtung. Er sah dabei auf die Karte, die Dumbledore ihm gelassen hatte. Er selber war als kleiner blauer Punkt markiert und so konnte er leicht seinen Weg in der Luft finden. Während er den Verbotenen Wald hinter sich ließ, flogen schon die ersten Eulen aus der Schuleulerei.
***
Dumbledore schrieb seinen Kontaktleuten, er warnte sie vorsichtig zu sein, jetzt keine übereilten Schlüsse zu ziehen und sich weiterhin bedeckt zu halten. Die Professorin band die jeweils fertigen Briefe an die Eulenbeine und schickte die Nachtvögel auf den Weg. Meist gurrte ihnen Dumbledore den Empfänger zu, nur bei einigen sagte es McGonagall.
***
Im Haus eines anderen Zauberers fluchte jemand laut und warf die Tür ins Schloß. Der junge Mann rannte auf die Straße und bestieg ein altes großes Motorrad. Er warf die Maschine mit einem kräftigen Fußtritt an und flog kurz darauf schon davon. In der Luft betete er, dass alles nur ein böser Irrtum war. Natürlich wußte er wo die Potters wohnten, eher gesagt sollte er nur eine grobe Ahnung haben. Dank des Fidelius Zaubers sollte es so sein. Doch dem war nicht so, er war sich sicher und das erschreckte ihn.
Hagrid holte das Letzte aus seinem Besen, jagte über Wälder, Städte und Wiesen. Immer wieder warf er einen Blick auf die Karte um ja sicher zu gehen, dass er richtig war. Endlich kreiste er über dem Haus der Potters und erschrak zu tiefst. Die Eingangstür hing zertrümmert in ihren Angeln, Fenster waren gesplittert und er konnte sogar aus dieser Höhe ein großes Loch im Mauerwerk ausmachen. Langsam kreiste er nach unten und landete sicher auf dem Rasen. Mit pochendem Herzen stand er da und holte mehrmals tief Luft. Er wußte was ihn erwartete, er würde James und Lily tot vorfinden und er konnte nichts mehr tun. Konnte sie nicht mehr suchen, nicht mehr warnen, nicht mehr retten.
Hagrid faste allen Mut zusammen und betrat das Haus. Die Einrichtung war zertrümmert worden und mehrere Flüche hatten Brandspuren an der Wand hinterlassen. Er holte tief Luft, im Wohnraum lag ein Mann, eindeutig hatte ihn der Tod nicht so schnell geholt, denn er lag auf der Seite zusammengekrümmt. Hagrid wollte James beruhigend die Hand auf die Schulter legen, hielt jedoch inne. Er konnte ihm nicht mehr helfen. Ein erstickter Schrei kam von dem oberen Stockwerk. Der Halbriese ging die Treppe nach oben. Er brauchte nur den Kampfspuren zu folgen. Eine weitere zerstörte Tür zeigte ihm wo der finale Kampf statt gefunden hatte. Mit Tränen im Gesicht sah er Lily Potter tot auf dem Boden liegen. Sie sah jedoch viel friedlicher aus als James. Sie lächelte sogar!
Hagrid duckte sich und ging durch den zersplitterten Türrahmen. Auf dem Boden saß das Kind, vor ihm ein Bündel schwarzer Robe, und weinte herzzerreißend. Hagrid hob das Kind auf und holte noch eine Babydecke aus dem Kinderbett. In Menschen-einwickeln war er mittlerweile recht gut, so deckte er den kleinen Harry warm zu. Ein tiefer Schnitt in der Stirn war alles was der Kleine von Voldemorts Angriff zurück behalten hatte. Sanft strich er über diese gezackte Narbe, das würde wieder heilen.
"Keine Angst, Lily. Harry wird es gut gehen", flüsterte er zu der Toten und irgendwie wirkte sie darauf hin noch entspannter.
Hagrid schniefte laut als er die Treppe nach unten ging, den kleinen Harry sicher in seinen Armen. Das war etwas ganz anderes als einen Erwachsenen zu tragen. Egal wie schwer Snape immer verletzt war, wirkte der erwachsene Zauberer nicht so zerbrechlich wie das Kind.
Ein lautes knatterndes Geräusch war vor dem Haus zu hören. Kamen die Muggels schon? Hagrid erstarrte auf der untersten Stufe. Da kam ein Mann in einem schwarzen Umhang in das Haus gestolpert. Hagrid verhielt sich ganz still, für einen kurzen Augenblick hoffte er, dass es Snape war, doch als die Gestalt aufschluchzte schüttelte er den Kopf. Nein, das war nicht Snape, das war Sirius Black. Mit hängenden Schultern stand der beste Freund von James nun vor dessen Leiche.
"Jo Sirius", murmelte Hagrid.
Dieser wirbelte herum, starrte den Halbriesen an. "Jo Hagrid."
Eine Weile starrten sich die zwei Personen an, obwohl sie doch so verschieden waren, vereinte sie in diesem Moment eins: die Trauer um zwei liebgewonnene Menschen.
"Ist das Harry?" fragte schließlich Sirius mit leiser Stimme.
Hagrid nickte.
"Gib ihn mir Hagrid. Ich bin sein Pate." Mit diesen Worten streckte er die Arme nach dem Kind aus.
Doch Hagrid drückte das kleine Bündel Mensch an sich. "Nein Sirius. Befehl von Dumbledore, ich bringe ihn zu seiner Tante."
Sirius begann mit dem Wildhüter zu streiten. Er war der Pate und hatte das Recht, sich nun um Harry zu kümmern. All diese Argumente prallten an Hagrid ab, er wußte was zu tun war. Da schwieg Sirius und begann am ganzen Körper zu zittern, und nun endlich rannen auch ihm die Tränen über das Gesicht. Hagrid ging auf den jungen Mann zu und klopfte ihm vorsichtig auf die Schulter.
"Ich weiß Sirius. Ich auch!" flüsterte er.
Sirius sah zu Hagrid auf, der Halbriese sah wie sehr er trauerte, doch da mischte sich schon etwas anderes in den Gesichtsausdruck. Zorn unendlicher Zorn.
"Nimm das Motorrad, Hagrid. Ich brauche es nicht mehr", murmelte Sirius und wies auf die Maschine, die auf dem Bürgersteig abgestellt war.
"Ok, ich bring sie dir wieder, und mach derweil keinen Unsinn. Verstanden?" Hagrid klopfte ihm ein letztes Mal auf die Schulter und ging auf das Motorrad zu. Langsam wurde es hell und ein neuer Tag brach an. Schon von Ferne hörte man Sirenen und dann sah man auch die Lichter von Polizei und Feuerwehr.
Als die Muggel ankamen erinnerte nichts mehr an die zwei Menschen, das Motorrad war verschwunden und hätten sie auf die Straße weiter unten gesehen, wäre ihnen ein Mann in einem schwarzen Umhang aufgefallen.
