Disclaimer: JKR alles, ich nix.
A/N: Danke für die Reviews!
Kapitel 10
„Nein... das ist nicht wahr!" murmelte Lily. „Das sind sie nicht-sie können nicht-"
Charlotte und Edward waren beide Reinblüter gewesen; Edward war der Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit gewesen, und Charlotte hatte im Büro gegen den Missbrauch der Magie gearbeitet. So weit Lily wusste, war keiner von beiden aktiv im Kampf gegen Voldemort beteiligt gewesen. Warum also waren sie getötet worden?
Tränen stiegen ihr in die Augen. Wahrscheinlich einfach so aus Spaß, dachte sie.
„Diese Dreckskerle!" schrie sie. „Diese verdammten Dreckssäcke!"
Sie musste Dorcas sehen. Sie konnte sie jetzt nicht alleine lassen. Sie überflog den Artikel ein zweites Mal und fand schnell, wonach sie suchte.
„Die Überlebenden befinden sich nun im St Mungo's Hospital."
Lily zog sich so schnell wie möglich ihre Schuhe an, griff nach ihrem Zauberstab und der Dose mit Flohpuder und rannte die Treppen hinunter.
„Lily! Was tust du-"
„Ich kann es jetzt nicht erklären-"
Ihr Vater ergriff ihren Arm und hielt sie zurück. „Was denkst du, was du da tust? Du gehst nirgendwo hin-"
„Dad, ich erkläre dir alles später-"
„Du wirst gar nichts erklären!" schrie er. „Du bleibst hier! Du hast Hausarrest, schon vergessen?"
Lily hatte keine andere Wahl. Sie richtete ihren Zauberstab auf ihn. „Lass mich los, Dad. Ich meine es ernst."
Er ließ ihren Arm los, als ob er einen elektrischen Schock bekommen hätte. Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. Eine Handvoll Flohpuder greifend, sagte sie: „Ich erkläre alles später."
Sie warf den Flohpuder und rief: „St Mungo's!"
X
In St Mungo's stürmte Lily sofort auf den Tisch der Empfangshexe zu. Wegen ihrer Muggelkleidung wurden ihr neugierige Blicke zugeworfen.
„Ich muss Dorcas Meadowes sehen!" keuchte Lily.
„Nein, Schätzchen", sagte die Empfangshexe unfreundlich. „Du musst dich anstellen, wie jeder andere auch." Sie zeigte auf die Leute, die hinter Lily standen.
„Bitte! Es ist ein Notfall! Ich bin ihre beste Freundin, ich muss sie sofort sehen!"
Die Frau verdrehte ihre Augen. „Schön, was ist mit dieser Dorcas Meadowes passiert?"
„Ihre Eltern wurde gestern Nacht bei den Todesserangriffen umgebracht und-"
„Tut mir Leid, du kannst nicht zu ihr", sagte die Empfangshexe. „Der nächste, bitte!
„Moment! Warum darf ich sie nicht sehen?"
„Sicherheitsvorkehrungen", antwortete die Empfangshexe. „Alle Überlebenden befinden sich im vierten Stock, Fluchschäden, aber niemand außer nahe stehenden Verwandten darf sie besuchen."
Lily schnaubte innerlich. Es bedarf etwas mehr als nur einer unfreundlichen Empfangshexe, um sie davon abzuhalten, ihre beste Freundin zu sehen. Sie betrat durch die Doppeltüren den engen Korridor und rannte die Treppen hoch. Keuchend erreichte sie den vierten Stock, blieb aber stehen, als sie all die Menschen sah. Sie runzelte die Stirn, dann lief sie auf sie zu.
„Was wollen Sie, Miss?" fragte einer von ihnen, als sie näher kam.
„Ich bin hier, um Dorcas Meadowes zu sehen. Ihre Eltern wurden letzte Nacht umgebracht-"
„Sie können sie nicht sehen, tut mir Leid", sagte eine Frau und sah Lily stirnrunzelnd an.
„Aber ich muss sie sehen! Sie ist meine beste Freundin, ich kann sie jetzt nicht alleine lassen!"
„Wir können nichts tun, wir müssen uns an die Sicherheitsvorkehrungen gehalten. Es tut mir Leid, aber Sie können sie nicht sehen."
Lily war den Tränen nahe, als eine bekannte Stimme sagte: „Was ist hier denn los?"
„Sirius!" keuchte Lily.
„Was ist los?"
„Diese junge Frau will ihre Freundin sehen, deren Eltern letzte Nacht umgebracht wurden. Aber wir dürfen niemanden reinlassen, falls irgendein Todesser beenden will, was er letzte Nacht begonnen hat."
Sirius schnaubte. „Schon mal eine muggelgeborene Todesserin gesehen?"
„Es ist egal, ob sie eine Muggelgeborene ist oder nicht! Sie könnte entführt worden sein und-"
„Lily", sagte Sirius ungeduldig, „sag mir, warum habe ich mich immer über Dorcas lustig gemacht?"
„Weil sie Remus gebeten hat, ihr Nachhilfe in Arithmantik zu geben, obwohl sie das Fach überhaupt nicht genommen hat."
Sirius grinste. „Das ist wirklich Lily Evans."
„Ja, aber trotzdem-"
„Was, wenn ich die ganze Zeit neben ihr bleibe? Kann sie dann ihre Freundin sehen?"
„Sie könnte sie trotzdem angreifen!"
Sirius stöhnte, riss Lily ihren Zauberstab aus den Händen und steckte ihn in seine Tasche.
„Da, zufrieden jetzt?"
Der Mann und die Frau sahen aus, als ob sie nicht wüssten, was sie sagen sollten. Schließlich sagte die Frau: „In Ordnung, aber nur für zehn Minuten."
„Oh, danke!" sagte Lily erleichtert. Sirius nahm ihren Arm und schleifte sie durch die Doppeltüren mit dem Zeichen ‚Fluchschäden'.
„Was machst du hier, Sirius?" fragte Lily, als sie durch den langen Korridor liefen.
„Die meisten Auroren suchen nach den Todessern, also haben sie die Leute, die sich gerade zu Auroren ausbilden lassen, eingesetzt, um die Überlebenden zu bewachen. Ich bin schon seit ein Uhr morgens hier, ich bin gerade ausgewechselt worden."
„Oh!" sagte Lily. „Also halte ich dich auf? Tut mir Leid."
Sirius schnaubte. „Oh ja, Lily, ich muss zehn Minuten länger wachbleiben! Das ist soooo lange! Lily, du böses Mädchen, wie konntest du mir das antun?"
Lily lächelte leicht. Sirius hielt vor einer der Türen an, vor der zwei Auroren in Ausbildung Wache hielten.
„Was machst du noch hier, Sirius?" fragte einer von ihnen.
„Ich begleite nur Miss Evans hier. Sie will Dorcas Meadowes sehen", antwortete er. Bevor einer der Wachen etwas sagen könnte, fügte er hinzu: „Sie ist Familie."
Die Wachen nickten und traten zur Seite. Lily und Sirius betraten die Station.
„Lily! Oh, Lily!"
Dorcas rannte auf Lily zu und umarmte sie fest.
„Wie bist du hier reingekommen? Die Auroren und Heiler haben gesagt, dass wir keinen Besuch empfangen dürfen."
„Mit ein klein wenig Hilfe", lächelte Lily und zeigte auf Sirius, der leichte grinste.
„Oh", sagte Dorcas, ein überraschter Ausdruck auf ihrem Gesicht.
„Ich bleibe hier", sagte Sirius. „Wenn ihr irgendwas besprechen wollt, dann tut es schnell, weil wir nur zehn Minuten haben."
Dorcas zog Lily zu ihrem Bett rüber.
„Wie geht's dir?" flüsterte Lily dringend. Dorcas zuckte bitter lächelnd die Achseln. Dann schlug sie ihre Hände über ihr Gesicht.
„Oh, Dorcas", sagte Lily. „Es tut mir so Leid..."
„Es war so schrecklich, Lily... Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, weil unten so viel Krach war. Ich habe versucht, die Tür aufzumachen, aber sie war verschlossen. Wahrscheinlich war es Mum oder Dad, damit ich nicht rauskann und die Todesser nicht rein zu mir können. Ich habe nur die Schreie gehört... und wie es plötzlich still wurde."
„Dorcas, du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst", sagte Lily sanft. Dorcas schüttelte den Kopf und fuhr fort, „Die Zeit verging, aber es ist niemand gekommen. Irgendwann bin ich dann aus dem Fenster geklettert. Dann habe ich dieses Ding über unserem Haus gesehen und-und wusste, was passiert war."
„Ding?" fragte Lily.
„Das Dunkle Mal", würgte Dorcas heraus. „Die Todesser waren schon weg. Sie dachten wahrscheinlich, dass ich nicht daheim sei oder so was."
Sie legte ihren Kopf an Lilys Schulter und weinte. Lily hielt sie einfach fest, sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte.
Nach ein paar Minuten kam Sirius zu ihnen hinüber.
„Es tut mir so Leid", flüsterte er. „Aber die zehn Minuten sind vorbei."
Dorcas ließ Lily los.
„Ich werde versuchen, wiederzukommen", sagte Lily leise. „Ich versprech's."
„Tschüß, Lily", schluchzte Dorcas.
Bevor Lily hinausging, warf sie einen letzten Blick auf ihre beste Freundin. Sie lag auf ihrem Bett und starrte unglücklich die Decke an.
Lily und Sirius liefen ohne ein Wort zu verlieren den Korridor entlang, und erst als sie an der Treppe angekommen waren, sagte Lily etwas.
„Danke, dass du mich zu ihr gebracht hast, Sirius", sagte sie zu ihm.
„Kein Problem", sagte er.
Lilys Augen prickelten. Sie blinzelte ein paar Mal und versuchte die Tränen zurückzuhalten.
„Alles in Ordnung?" fragte er besorgt.
„Ja", sagte sie.
„Du siehst nicht so aus", sagte er wahrheitsgemäß.
Tränen ergossen sich aus ihren Augen. Sie wischte sie hastig weg, aber neue Tränen kamen. Plötzlich fand sie sich in Sirius' Armen wieder und weinte in seinen Umhang.
Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, sagte er: „Gehen wir in die Besucher-Cafeteria. Dann kannst du mir sagen, was los ist."
„Ich hab' kein Geld dabei", erwiderte Lily. Sirius lächelte.
„Wofür sind umwerfend gutaussehende Zauberer denn da, wenn nicht, um hübsche, junge Hexen zum Tee einzuladen?" fragte er.
„Ja, aber du warst schon die ganze Nacht und den ganzen Morgen wach. Ich will dich nicht noch länger wachhalten-"
„Schon okay, Lily", sagte er. „Ich könnte sowieso nicht schlafen, nicht nach allem, was passiert ist."
X
Als Lily ihre Tasse voll von heißem Tee nahm, bemerkte sie plötzlich, wie kalt ihre Hände waren. Sie nahm schnell einen Schluck.
„Also, Lily", sagte Sirius, als er Zucker in seinen Tee schüttete, „was ist los?"
„Ziemlich viel, ehrlich gesagt", sagte sie mit einem tiefen Seufzer. „Und alles scheint irgendwie zusammenzuhängen."
„Wie das?" fragte Sirius stirnrunzelnd.
„Sirius?" fragte sie zögernd. „Kann ich dich etwas sehr persönliches fragen?"
Er nickte.
„Sirius, warum bist du von zu Hause weggerannt?" Als sie sein Gesicht sah, fügte sie schnell hinzu: „Du brauchst nicht zu antworten, wenn du nicht darüber reden willst."
„Nein, nein, es ist okay", sagte er zu ihr und legte seinen Kopf in seine Hände. „Lily... was weißt du über die Familie der Blacks."
„Nicht wirklich viel", antwortete sie, verwirrt wegen dieser seltsamen Frage. „Also, ich weiß, dass die Black eine alte und sehr reiche Reinblüterfamilie ist... und die meisten Blacks, die ich kenne, sind oder waren in Slytherin."
„Alle", sagte Sirius düster. „Alle außer mir."
„Aber was ist daran jetzt so schlimm? Nicht alle Slytherins sind schlecht", sagte Lily. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber Sirius' Gesichtsausdruck brachte sie zum Schweigen.
„Darum geht es nicht", sagte er. „Die Blacks sind eine Reinblüterfamilie und stolz darauf. Sie denken, dass Muggelgeborene minderwertig und nicht würdig sind, von ihren magischen Fähigkeiten zu erfahren, dass sie nicht in Hogwarts akzeptiert werden sollten. Ich glaubte nicht an diese Ideologien, und dass hat mich zum schwarzen Schaf der Familie gemacht. Oh ja, und meine Kusine Andromeda auch. Sie war aber in Slytherin, und so war es ein ziemlicher Schock, als sie letzten Sommer einen muggelgeborenen Zauberer heiratete", grinste Sirius böse. „Sie hat auch nie an diesen Reinblüter-Quatsch geglaubt."
„Deswegen bist du von zu Hause abgehauen?"
„Ich bin abgehauen, weil ich mit ihnen und ihrer Reinblütermanie nicht einverstanden war. Und weil ich keinen Bock mehr drauf hatte, jedes Mal grün und blau geschlagen zu werden, wenn ich es wagte, eine andere Meinung als ihre zu äußern."
Lily sah schnell zu ihm hoch. Er starrte mit einem wütend-traurigen Ausdruck auf seinem gutaussehenden Gesicht in seine Teetasse.
„Aber sie müssen dich lieben", sagte Lily verzweifelt. „Sie können dich nicht hassen, bloß weil du nicht so bist, wie sie dich haben wollten."
Sirius lachte humorlos. „Lily, meine Mutter hat mir einen Heuler geschickt, als sie gehört hat, dass ich nach Gryffindor gekommen bin. Haus der Muggelliebhaber und Schlammblüter nannte sie es."
Lily zitterte. „Es tut mir Leid", sagte sie.
Es war ruhig.
„Weißt du was, Lily", sagte Sirius schließlich, „manchmal wünschte ich, ich wäre wie du. Manchmal wünschte ich, dass jeder so wie du sei."
„Was? Warum?" fragte sie verwirrt.
„Weil du so unvoreingenommen bist. Du behandelst jeden gleich, egal wer ihre Familie ist. Für dich macht es keinen Unterschied, ob die Person ein Gryffindor- oder ein Slytherinwappen auf ihrem Umhang hat. So lange sie freundlich zu dir sind, bist du freundlich zu ihnen. Ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht. Sobald ich das Slytherinabzeichen sehe, werde ich an meine Familie erinnert, an meine verdammten Eltern und ihr krankes Gedankengut. Deswegen machen mich die Slytherins so wütend."
Lily starrte ihn einfach nur an. Das war nicht der Sirius Black, den sie kannte. Sie hatte ihn noch nie so ernst gesehen.
„Und was ist mit dir? Was hast du für ein Problem?" fragte er.
„Ich habe auch ein Problem mit meiner Familie", erzählte sie ihm. „Ich hatte gestern einen ziemlich heftigen Streit mir meinem Vater, weil ich ein paar... Dinge zu meiner Schwester gesagt habe."
„Dinge?"
„Ja. Sie ist eine Muggel, weißt du. Ich glaube, darum ging es auch bei diesem Streit. Meine Familie sind Muggel. Wahrscheinlich verstehen sie mich einfach nicht mehr."
„Du meinst, dass sie unsere Welt nicht verstehen?" sagte Sirius.
„Ja, genau." Lily legte ihren Kopf in ihre Hände.
„Aber das kannst du nicht ändern", sagte er. „Und es ist trotzdem deine Familie, auch wenn sie dein neues Leben nicht verstehen."
„Ich weiß", sagte Lily frustriert. „Und ich versuche auch, mit meiner Schwester klarzukommen, wirklich. Aber jedes Mal, wenn ich versuche, eine freundliche Unterhaltung mit ihr zu haben, beleidigt sie mich einfach. Manchmal-manchmal denke ich, dass sie mich hasst."
„Aber warum?"
„Weil ich in ihren Augen abnormal bin", sagte Lily. „Zauberei ist für sie abnormal. ‚Missgeburt' nennt sie mich..."
„Aber dann ist es ihre Schuld", sagte Sirius.
„Wie meinst du das?"
„Wenn sie nichts mit dir zu tun haben will, kannst du nichts daran ändern", sagte er zu ihr. „Ich weiß, dass es schwer ist, aber du musst akzeptieren, dass sie dein Leben verabscheut, weil sie es nicht verstehen kann. Du hast versucht, mit ihr klarzukommen, und wenn sie nicht will, kannst du sie nicht dazu zwingen. Es ist nicht deine Schuld."
„Aber ich denke trotzdem, dass das, was ich gestern zu ihr gesagt habe, falsch war."
„Was hast du zu ihr gesagt?"
„Das es mich nervt, wie sie immer in den Angelegenheiten anderer Menschen herumschnüffelt. Sie mag mich nicht, aber sie will über meinen Kram Bescheid wissen", sagte Lily mit einem Geräusch, dass sowohl ein Lachen als auch ein Schluchzen sein könnte. „Wir haben angefangen zu streiten, und Dad war auf ihrer Seite."
„Oh, ich weiß, wie du dich fühlst", sagte Sirius. „Meine Eltern waren immer auf der Seite meines Bruders-"
Lily stützte wieder ihr Kinn auf ihre Hände und seufzte.
„Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll."
„Vielleicht brauchst du ein bisschen Abstand", schlug Sirius vor, „um über alles... nachzudenken."
Lily nickte. Das war überzeugend.
X
Lily trat aus dem Kamin. Es war bereits dunkel draußen. Sie hoffte, dass weder Petunia noch ihr Vater zu Hause waren. Es würde alles einfacher machen. Leise ging sie nach oben und eilte in ihr Zimmer. Sie machte eine schwingende Bewegung mit ihrem Zauberstab, um alles in ihren Koffer fliegen zu lassen. Als sie an den Koffer herantrat, um hineinzusehen, lächelte sie leicht. Es war ein Durcheinander. Wahrscheinlich habe ich meine Persönlichkeit auf den Zauber übertragen, dachte sie.
Sie schloss den Koffer, zog ihren Mantel an, schlang sich ihre Tasche um die Schulter und nahm den Käfig mit ihrer schlafenden Eule. Als sie einen letzten Blick auf das Zimmer warf, in dem sie gelebt hatte, seit sie lebte, traten Tränen in ihre Augen. Das war's dann wohl. Ihre Kindheit war endgültig vorbei.
Lily legte die Notiz, die sie hastig niedergekritzelt hatte, auf ihren Tisch. Sie konnte einfach nicht erklären, warum sie gehen wollte. Sie würde ihrem Vater einen Brief schreiben, wenn sie die richtigen Worte fand. Falls sie sie jemals finden würde.
Sie machte ihre Tür hinter sich zu und ging so leise wie möglich die Treppen hinunter. Als sie ungefähr halb unten war, hörte sie, wie die Tür zu dem Arbeitszimmer ihres Vaters geöffnet wurde. Sie schloss ihre Augen.
„Lily?"
Sie hielt einfach an, drehte sich nicht um. Ihr Vater kam die Treppen hinunter und lief um sie herum, so dass er zwei Stufen unter ihr stand und sie ansah.
„Wohin bist du heute Nachmittag gegangen?" fragte er. Mit einem Blick auf ihren Koffer fügte er hinzu: „Und wo willst du jetzt hin?"
„Ich bin heute Nachmittag weggegangen, um Dorcas zu sehen", sagte Lily vorsichtig.
„Habe ich dir nicht gesagt, dass du das Haus nicht verlassen darfst?"
„Es war wichtig", antwortete sie.
„Was war so wichtig?"
„Wenn du es unbedingt wissen musst, ihre Eltern sind umgebracht worden", erwiderte Lily gereizt.
Er starrte sie ein paar Minuten lang an. „Und du erwartest, dass ich das glaube?"
Lily antwortete nicht. Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.
„Ich weiß nicht, was mit dir los ist, Lily. Erst beleidigst du deine Schwester und jetzt erfindest du irgendwelche Geschichten-"
„Ich habe sie nicht erfunden!" zischte Lily wütend. Es war ruhig.
„Was machst du da mit deinem Koffer?"
Lily atmete tief ein. „Ich gehe."
„Gehst?" fragte er und starrte sie verdutzt an.
„Ich muss gehen", sagte sie. „Ich schwöre dir, dass ich eines Tages zurückkommen und alles erklären werde, aber ich muss jetzt gehen."
„Was soll das heißen?" schrie er. „Du kannst nicht einfach abhauen!"
Sie sagte nichts, sondern lief einfach um ihn herum die Treppen hinunter.
„Wenn du jetzt gehst", sagte er verzweifelt zu ihr, „bist du nicht mehr meine Tochter!"
Sie drehte sich langsam um. „Das ist nicht dein Ernst."
„Oh doch."
Es war für ein paar Momente ruhig.
„Ich werde zurückkommen, ich versprech's", sagte sie wieder. „Ich werde zurückkommen und alles erklären."
„Deine Mutter wäre so enttäuscht", sagte er.
„Nein", sagte Lily, öffnete die Tür und trat ihren Koffer mit ihrem Fuß hinaus, „sie würde es verstehen."
Damit folgte sie ihrem Koffer nach draußen und schloss die Tür hinter sich. Ihren schweren Koffer hinter sich herschleifend öffnete sie das Gartentor und schloss es hinter sich wieder.
Wo soll ich jetzt hin? fragte sie sich, als sie die Straße entlang lief. Julie war mit ihren Eltern in Frankreich, um ihre Familie zu besuchen.
Sie lehnte sich gegen eine Mauer, ließ sich daran hinuntergleiten und schlang ihre Arme um ihre Knie. Die kalte Dezemberluft drang durch ihre dünne Leinenhose. Ein paar vorbeigehende Nachbarn sahen sie böse an.
Dann hatte sie eine Idee. Sie würde Benjy einen Brief schreiben und ihn fragen, ob sie den Rest der Ferien bei ihm bleiben könnte. Und heute Nacht würde sie im Tropfenden Kessel schlafen-
Sie zog ihren Zauberstab aus und schwenkte ihn mit ihrem rechten Arm. Augenblicklich erschien ein violetter, dreideckiger Bus. Ein junger, gelangweilt aussehender Mann in einer Uniform, die genauso violett war wie der Bus, sprang auf den Bürgersteig und rief: „Willkommen im Fahrenden Ritter-"
„Danke, ich weiß", sagte Lily hastig. „Ich muss nach London."
„Gerne doch, schöne Frau", sagte er und zwinkerte ihr zu. „Steig in den Bus, ich kümmere mich um deinen Koffer."
Sie verdrehte ihre Augen und stieg in den Bus, der Käfig ihrer Eule immer noch in ihrer Hand.
„Setz dich", sagte der junge Mann und gestikulierte zu einem der Betten. Sie setzte sich und umklammerte die Gitterstäbe des Bettes, um nicht quer durch den Bus zu fliegen, als der Bus wieder losfuhr. Mir ihrer anderen Hand durchkramte sie ihre Tasche nach Geld, um für die Fahrt zu zahlen.
„Wohin in London?" fragte der Schaffner, als sie ihm das Geld gab.
„Zum Tropfenden Kessel", antwortete sie. Der Bus ruckte und sie knallte mit dem Kopf gegen das Fenster hinter ihr.
„Also, ich bin John", sagte der junge Schaffner, während er sie betrachtete wie ein Wolf ein großes Stück Fleisch. „Und wie heißt du?"
„Alanna", antwortete Lily. Vorsicht war besser als Nachsicht. Sie wollte nicht, dass dieser Kerl ihren Namen wusste.
„Und was willst du in London?" fragte er und ließ sich auf das Bett ihr gegenüber fallen. Lily verdrehte innerlich die Augen, aber dann hatte sie eine Idee.
„Oh, ich habe gerade die Schule abgebrochen", erzählte sie ihm und winkte ihn näher zu sich. Zweideutig grinsend gehorchte er. Sie fuhr leise fort: „Ich habe gerade die Schule abgebrochen, weil ich berufen wurde!"
„Berufen?" fragte er verwirrt.
„Ja!" flüsterte Lily und täuschte Aufregung und Freude vor. „Ich werde in ein Kloster gehen und Nonne werden!" Sie grinste innerlich, als sie seinen entgeisterten Gesichtsausdruck sah.
„Oh, das-freut mich für dich, Alanna", sagte er hastig. „Hör mal, ich muss nachsehen, ob mit den anderen Fahrgästen alles in Ordnung ist-"
„Ja, das ist schon okay", sagte sie zu ihm. „Ich werde ein wenig beten."
Er nickte und stakste davon. Lily lächelte und lehnte sich zurück auf ihr Bett. Dieser Trick funktionierte bei solchen Kerlen immer.
„Unser nächster Halt ist der Tropfende Kessel!" rief John ihr nach ein paar Minuten zu.
„Toll!" rief sie zurück. Der Bus ruckte wieder und Lily, die die Gitterstäbe des Bettes nicht mehr festhielt, flog durch den Bus gegen das gegenüberliegende Fenster. John warf ihr einen Blick zu und nahm ihren Koffer. Sie stieg schnell aus und stellte sich neben ihren Koffer, den John nachlässig herausgeschmissen hatte.
„Danke, Bruder", sagte sie mit einem falschen Lächeln. „Gott segne dich!"
„Ja, dich auch", sagte er und stieg schnell wieder in den Bus. Lily nahm ihren Koffer und den Käfig und lief auf den Tropfenden Kessel zu.
Er war ziemlich voll. Lily warf einen Blick auf die Uhr in der Ecke. Es war noch nicht einmal sieben. Sie lächelte hoffnungsvoll. Also würde Benjy ihre Eule noch heute bekommen, und vielleicht könnte sie schon heute Nacht bei ihm schlafen.
„Hi, Lily!" grüßte Tom, der Besitzer des Pubs, sie freundlich, als er ihr aus ihrem Mantel half. „Was kann ich für dich tun?"
„Ich muss hier für ein paar Stunden warten, vielleicht auch die Nacht hier bleiben", antwortete sie. „Können Sie mir ein Butterbier bringen?"
„Natürlich." Tom lächelte breit und ging das Getränk holen. Lily öffnete ihren Koffer und zog ein Stück Pergament, einen Füller und ein Glas Tinte heraus, um Benjy zu schreiben. Dann öffnete sie den Käfig ihrer Eule. Sie hatte die Eule bekommen, als sie elf war, und hatte sie nach ihrem damaligen Lieblingslied von den Beatles „Eleanor Rigby" genannt.
„El, du musst einen Brief für mich ausliefern", sagte sie zu der Eule, die sie nur wütend anschaute. „Komm schon, Eleanor, oder ich taufe dich um in ‚Yellow Submarine'."
Wenn Blicke töten könnten, dachte Lily amüsiert, als sie den Brief an Eleanors Bein band und mit der Eule auf dem Arm den Pub verließ.
„Beeil dich bitte", rief sie als Eleanor davon flog. Sie zitterte vor Kälte und ging zurück in den Pub, wo ihr warmes Butterbier auf sie wartete.
Ein paar Stunden später-es war schon fast elf-entschied sich Lily, dass sie heute über Nacht im Tropfenden Kessel bleiben würde. Als sie gerade aufstand, flog jemand aus dem Kamin.
„Benjy!" rief sie erleichtert.
Er lief auf sie zu und umarmte sie.
„Was ist los?" fragte er. „Und warum bist du nicht einfach gekommen? Du weißt doch, dass Mum dich abgöttisch liebt."
„Ich dachte, es wäre höflicher, vorher zu fragen."
„Seit wann interessiert es dich, was höflich ist und was nicht?"
Sie schlug ihn leicht auf den Arm. Er nahm kopfschüttelnd ihren Koffer.
„Ich seh dich dann in ein oder zwei Minuten", sagte er, bevor er zurück nach Hause flohte (A/N: Ist das das korrekte Verb für „Flohpuder benutzen?). Sie bezahlte schnell ihr Butterbier und folgte ihm.
„Mum schläft schon", erzählte er ihr, als sie ankam. Sie gingen hoch in ihr Zimmer, wo er ihren Koffer abgestellt hatte.
„Also, was ist passiert?" fragte er, als er sich auf sein Bett fallen ließ und durch die Taschen seiner Jeans kramte. Er zog ein Päckchen Tabak heraus und fing an, sich eine Zigarette zu drehen.
„Ich habe mich mit Petunia gestritten", sagte sie und setzte sich neben ihn.
„Na ja, das ist doch nichts Neues", sagte er. „Willst du auch eine?"
Lily schüttelte den Kopf und fuhr fort: „Diesmal war es anders..." Sie fing an, Benjy alles über ihren Streit mit Petunia und ihrem Vater zu erzählen. Es Benjy zu erzählen war irgendwie leichter, als es Sirius zu erzählen. Obwohl Sirius bewiesen hatte, dass er nicht der Idiot war, für den sie ihn die vergangenen sechs Jahre gehalten hatte und ihr sehr geholfen hatte, kannte Benjy die Geschichte von Lily und ihre Familie, weil sie seit der ersten Klasse Freunde gewesen waren.
Als Lily fertig war, war Benjy für ein paar Momente still. Anscheinend dachte er über etwas nach. Schließlich fragte er: „Hat er dich vorher schon mal geschlagen?"
„Nein", sagte Lily. „Nie. Darum geht es sowieso nicht. Ich bin deswegen noch nicht einmal mehr wütend. Ich bin nur traurig, weil es ein weiteres Zeichen dafür ist, wie sehr er sich verändert hat."
Er nickte. „Und jetzt willst du nichts mehr mit ihm zu tun haben?"
„Ich möchte den Kontakt halten", sagte Lily. „Aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich das anstellen soll. Aber ich habe ihm versprochen, dass ich irgendwann zurückkomme und ihm erkläre, warum ich gegangen bin. Ich brauche jetzt einfach ein bisschen Abstand."
„Das hört sich nach einer guten Idee an", sagte Benjy. „Aber denkst du wirklich, dass du mit ein bisschen Abstand auch die Beziehung zwischen dir und Petunia retten kannst?"
Lily legte ihren Kopf in ihre Hände. „Nein", antwortete sie gerade heraus. „Ich habe alles versucht, wirklich. Jedes Mal, wenn wir uns gestritten haben, bin ich zu ihr gegangen und habe versucht, mit ihr zu reden, weil ich wusste, dass Mum es so wollen würde. Aber sie wollte nicht." Sie erinnerte sich an Sirius' Worte und fügte hinzu: „Das ist ihre Entscheidung, und ich kann sie nicht dazu zwingen, mich zu mögen, wenn sie nicht will."
Ein paar Minuten saßen sie in Stille. Dann sagte Lily leise: „Aber ich hoffe trotzdem, dass sie eines Tages von selbst zu mir kommen wird, und wir uns wieder vertragen werden, auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist."
„Und so lang sie dich immer noch hasst", sagte Benjy und legte einen Arm um sie, „können wir uns über Vernon lustig machen, ohne dass du ein schlechtes Gewissen haben musst.Weißt du noch, als er reingekommen ist, als wir gerade Gras geraucht haben?"
Trotz ihres Jammers brach Lily in Gelächter aus. Mit ihrer bunten Kleidung, Haarbändern, langen Ketten und ihren links-liberalen Ansichten-in anderen Worten, der Inbegriff eines Hippies-war Lily Vernons schlimmster Albtraum gewesen. Sie waren tatsächlich in einen ernsthaften Streit über die Todesstrafe gekommen. Das war bevor er herausfand, dass sie eine Hexe war, und aufhörte, überhaupt mit ihr zu sprechen.
„Er ist die konservativste Person, die ich jemals getroffen habe", sagte Lily kopfschüttelnd. „Weißt du dass er findet, dass jeder Dieb hingerichtet werden sollte?"
Benjy grinste. „Kann ich mir vorstellen."
Es war ruhig. Nach ein paar Minuten fragte Benjy ernst: „Hast du das mit Dorcas' Eltern gehört?"
Lily schluckte. „Ja. Ich hab' sie heute besucht."
Benjy runzelte die Stirn. „Aber niemand darf sie sehen!"
„Ich habe Sirius Black getroffen, er war heute Morgen als Wache dort und hat mir geholfen, reinzukommen."
„Wie geht's ihr?"
„Furchtbar."
Benjy seufzte.
X
Nachdem sie am nächsten Morgen gefrühstückt hatten, gingen sie für Benjys Mutter einkaufen. Sie hielten in einem Coffee Shop an, um heißen Kakao zu trinken, denn es war eisig kalt draußen. Als sie zurück nach Hause kamen, hatte Benjys Mum eine Überraschung für sie.
„Ihr habt einen Gast, er ist gerade angekommen."
„Wen?" fragte Benjy.
Seine Mutter antwortete nicht, sie zeigte ihnen nur durch Gesten, dass sie ins Wohnzimmer gehen sollten. Als Lily sah, wer da war, zuckte sie zusammen.
Adam stand am Fenster und sah hinaus in den Garten. Als sie das Zimmer betraten, drehte er sich um, um sie anzusehen.
„Hi", sagte er.
„Hi", antwortete Lily. Adam sah Benjy an. „Ich bin eigentlich hergekommen, um mit Lily zu reden."
„Kein Problem", erwiderte er. „Ihr könnt nach oben in mein Zimmer gehen."
Adam nickte. Er und Lily gingen ohne ein Wort die Treppen hoch. Erst als Lily die Tür hinter ihnen schloss, sagte er etwas.
„Hör mal, Lily, ich war ein Depp, und es tut mir Leid."
„Es ist schon gut", sagte sie. In den letzten paar Tagen hatte sie gar nicht über ihren Streit gedacht.
„Ich hab' mich total idiotisch aufgeführt, und das ohne Grund."
„Schon okay", sagte sie noch einmal und nahm seine Hand.
Er zog sie an sich heran und küsste sie. Er führte sie langsam rückwärts zu ihrer Matratze; sie legte sich mit ihm über ihr darauf.
„Adam", sagte Lily atemlos und brach ihren Kuss ab, „Adam, hast du ein Kondom?"
Er presste nur wieder seine Lippen auf ihre und kramte durch die Hintertasche seiner Hosen.
„Hab dich", murmelte er, als er den gewünschten Gegenstand aus seiner Tasche zog. Mit seiner anderen Hand fummelte er an dem Knopf ihrer Jeans herum.
Lily fühlte sich, als ob etwas wirklich Großes in ihrem Hals steckte. Sie umarmte Adam fest, als er den Verschluss ihres BHs öffnete und sie sanft zurück auf die Matratze schubste. Sie schloss die Augen und versuchte verzweifelt, dass unerwünschte Bild, das gerade vor ihren Augen geblitzt hatte, aus ihrem Kopf herauszubekommen.
Sie zitterte. Warum gaben seine Küsse ihr kein wundervolles Gefühl wie sonst? Warum regten seine Berührungen sie nicht an?
Die Antwort auf diese Fragen blitzte in ihren Gedanken, aber sie leugnete, dass es wahr war. Keuchend ergriff sie Adams Gesicht.
„Sieh mich an", befahl sie. Er blickte sie an, sein Gesicht verzogen vor Begierde. Dann schloss er seine Augen und presste sie noch fester gegen sich. Sie legte ihre Arme um seinen Hals; Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie versuchte sich davon abzuhalten, sich vorzustellen, es sei James Potter in ihr.
Adam gab ihr den Hals hinunter bis zum Schlüsselbein Küsse. Lily wollte würgen, sie war so angewidert von sich selbst.
„Lily", stöhnte Adam sanft in ihr Ohr und ergriff ihre kastanienfarbenen Locken. „Oh, Lily." Er kam in ihr, und rollte dann keuchend zur Seite. „Oh Gott, Lily, ich-"
Er hielt inne, als er die Tränen sah, die ihre Wangen hinunterliefen.
„Was ist los?" fragte er entsetzt. Sie schluchzte nur und drehte sich von ihm weg, wobei sie die Decke um sich hochzog.
„Lily, was ist los? Hab' ich dir wehgetan?"
Sie weinte einfach in ihr Kopfkissen und ignorierte seine Versuche herauszufinden, was mit ihr los war.
„Lily", sagte er verzweifelt und strich mit seiner Hand über ihre nackte Schulter. Lily konnte seine Berührung nicht länger ertragen, sie legte ihre Decke um sich herum und rannte hinaus, um Zuflucht im Badezimmer zu suchen. Sie schloss die Tür hinter sich ab und ließ die Decke zu Boden fallen, um eine Dusche zu nehmen.
Eine halbe Stunde später stieg sie die Treppen hinab, nachdem sie geduscht und frische Kleidung angezogen hatte. Benjy und Adam saßen im Wohnzimmer und unterhielten sich. Adam sah sie mit kummervollen Augen an, als sie das Zimmer betrat. Sie vermied es gänzlich, ihn anzusehen; sie fühlte sich immer noch, als ob die Scham, die sie fühlte, sie jeden Moment erdrosseln würde.
„Wir müssen sie da rauskriegen", sagte Benjy, als Lily sich auf das Sofa ihm gegenüber setzte.
„Wen wo rauskriegen?" fragte sie.
„Dorcas aus St Mungo's", sagte er ihr. „Das Ministerium will, dass sie bis zum Ende der Ferien dort bleibt, weil sie keine Familie mehr hat, die sie aufnehmen könnte."
„Sie wird da drin durchdrehen!" sagte Lily empört.
„Genau. Mum versucht, sie rauszukriegen. Aber es gibt wahrscheinlich neue Sicherheitsvorkehrungen, also können wir sie besuchen."
„Was für Vorkehrungen?" fragte sie.
„Anscheinend musst du ein Formular mit persönlichen Informationen ausfüllen, und dann musst du Veritaserum nehmen, damit man nachprüfen kann, ob die gegebene Information wahr ist."
Lily nickte und spielte mit dem Saum ihres grünen Rocks.
„Julie und ihre Eltern kommen heute Nacht nach Hause", fuhr Benjy fort. „Sie werden im Ministerium gebraucht. Vielleicht kommt Julie heute Nacht vorbei."
„Das wäre cool", nuschelte Lily.
Für ein paar Minuten sagte niemand etwas. Schließlich betrat Mrs Fenwick mit drei Flaschen Butterbier auf dem Arm das bescheidene Wohnzimmer.
„Hat jemand Durst?" fragte sie.
„Danke, Mrs Fenwick", sagte Lily und nahm die Flasche, die ihr angeboten wurde. Sie nahm einen Schluck und fragte Benjy: „Können wir jetzt Dorcas besuchen gehen?"
Benjy nickte und öffnete seine Flasche. Beide standen auf und verließen das Wohnzimmer, um ihre Mäntel zu holen. Adam folgte ihnen unsicher.
Lily schlüpfte in ihren Mantel, kippte den Rest ihres Butterbiers hinunter und gab Benjy die leere Flasche, der sie zurück in die Küche brachte.
„Lily-" sagte Adam, aber sie unterbrach ihn.
„Hör zu, Adam, es war nicht deine Schuld. Ich-ich fühle mich im Augenblick nur nicht so toll."
Größte Untertreibung des Jahrhunderts, dachte sie bei sich. Er sah immer noch nicht überzeugt aus.
„Wir reden darüber, wenn wir wieder in Hogwarts sind, okay?" sagte sie. Sie wollte unbedingt von ihm wegkommen und ihr eigenes, ekelhaftes Verhalten vergessen.
Er seufzte schwer. „Wenn du es so willst." In diesem Augenblick kam Benjy aus der Küche.
„Können wir gehen?" fragte er. Sie nickten beide und gingen wieder ins Wohnzimmer. Adam nahm eine Handvoll Flohpuder und drehte sich zu Lily um. Er zögerte einen Moment und gab ihr dann einen schnellen Kuss auf die Lippen. Bevor sie es wusste, war nach Hause gefloht.
Als sie im St Mungo's ankamen, bemerkte Lily, dass ein zweiter Tisch neben der der Empfangshexe aufgestellt worden war. Benjy lief auf ihn zu, und Lily folgte ihm.
„Wir sind hier, um Dorcas Meadowes zu sehen. Sie ist eine Überlebende des Todesserangriffs."
Der Zauberer, der hinter dem Tisch saß, ein älterer Mann mit einem grauen Bart und kaum Haaren auf dem Kopf, nickte und gab beiden ein Klemmbrett mit einem Formular sowie einen Stift. Sie füllten sie schnell aus und gaben sie dem Zauberer zurück. Er sah schnell nach, ob sie alle Fragen beantwortet hatten, dann schwang er seinen Zauberstab und die Formulare verwandelten sich in Papierflugzeuge, die rasch davonflogen.
Der Zauberer nahm ein kleines Notizbuch zu seiner rechten und blätterte es durch.
„Miss Meadowes liegt immer noch im Vierten Stock, Fluchschäden", sagte er zu ihnen. „Meine Kollegen werden Sie bereits erwarten."
Lily und Benjy liefen die Treppen zum vierten Stock hinauf. Vor den Doppeltüren mit dem Schild „FLUCHSCHÄDEN" standen zwei Wachen, und ungefähr zwanzig Tische mit jeweils zwei Stühlen standen in der Halle vor den Türen. Die meisten waren besetzt.
„Miss Lily Evans und Mr Benjamin Fenwick?" fragte eine tiefe Stimme.
"Ja", antworteten sie gleichstimmig. Zwei Zauberer standen vor ihnen, anscheinend hielten sie die Formulare, die Benjy und Lily gerade ausgefüllt hatten, in den Händen. Der größere Zauberer mit den kurzen, dunkelblonden Haaren nickte Lily an.
„Kommen Sie mit, Miss Evans", sagte er. Sie folgte ihm zu einem der Tische. Er setzte sich und gab ihr durch Gesten zu verstehen, dass sie sich auf den Stuhl ihm gegenüber setzen sollte. Er gab ihr eine kleine Flasche, die er bis jetzt in seiner Hand gehalten hatte.
„Das", sagte er, „ist Veritaserum. Wir müssen überprüfen, ob Sie wirklich die Person sind, die sie angegeben haben."
Sie nickte und leerte die kleine Flasche.
„Zuerst einmal", sagte er mit einem Blick auf das Formular, „wie heißen Sie?"
„Lily Anne Evans", antwortete sie. Er setzte einen Haken hinter den ersten Punkt auf ihrem Formular.
„Wann sind Sie geboren?"
„Am achten Mai 1960."
„Arbeiten Sie derzeit/Sind Sie Schüler/in? Wenn ja, wo arbeiten sie/Wo gehen Sie zur Schule?" Er las die Fragen von dem Formblatt ab.
„Ich bin in der siebten Klasse auf der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei."
„In welcher Beziehung stehen Sie zu Dorcas Meadowes?"
„Sie ist meine beste Freundin, und wir sind im gleichen Haus in Hogwarts."
„Haben Sie jemals in einer Bewegung, die mit den Dunklen Künsten involviert war, teilgenommen? Wenn nicht, planen Sie, dies in Zukunft zu tun?"
„Nein, ich habe noch nie in solch einer Bewegung teilgenommen, und ich plane definitv nicht, es zukünftig zu tun."
Der Zauberer nickte zufrieden und unterschrieb das Papier.
„Miss Evans, wenn sie das Formular hier unterschreiben würden", sagte er. Dann zog er eine weitere winzige Flasche heraus.
„Das ist das Gegenmittel", sagte er.
„Danke, Sir", sagte sie und trank den Inhalt der kleinen Flasche.
„Sie können nun Miss Meadowes sehen."
Sie lächelte ihn an und lief zu den Doppeltüren. Die Wachen traten beiseite, um sie durchzulassen. Benjy wartete bereits drinnen auf sie.
Sie blieben den ganzen Tag bei Dorcas. Mrs Fenwick hatte ihnen ein großes Fresspaket für Dorcas mitgegeben (das Essen in St Mungo's war nicht gerade für seine tolle Qualität bekannt). Nachdem die Auroren sichergestellt hatten, dass nichts vergiftet war, konnten sie es ihr geben.
Als das Abendessen gebracht wurde, war die Besuchszeit um. Benjy und Lily verabschiedeten sich von Dorcas und gingen widerwillig.
„Lily", sagte Benjy, als sie die Türen der Station hinter sich schlossen, „ich muss mal auf's Klo. Wartest du hier?"
„Ich warte an der Treppe", sagte sie, während sie diskret auf die Wachen zeigte, die sie böse anschauten.
„Okay", sagte er und ging. Als sie gerade eine der Türen öffnen wollte, rief jemand ihren Namen. Sie drehte sich um, um zu sehen, wer es war.
„Oh, hi Sirius."
„Wie geht es dir?" fragte er und öffnete die Tür für sie.
„Mir geht's gut. Und danke, dass du mir gestern zugehört hast, du hast mir wirklich geholfen."
Er lächelte. „Schon okay. Hast du Dorcas besucht?"
Sie nickte. „Und du? Bist du im Dienst?"
„Jep", antwortete er. „Bis dann, Lily."
„Bis dann", sagte sie, als rüber zu den Tischen lief. Gedankenverloren schlenderte sie hinüber zu der Türe, die zu den Treppen führte. Als sie gerade durchlief, lief sie in jemanden hinein. Als sie hochsah, erblickte sie ein Paar brauner Augen, die sich geschockt weiteten, als sie sie sahen. Bevor sie etwas sagen konnte, bellte er: „Pass doch auf, wo du hinlatschst!"
Sie zuckte zusammen. Er ging schnell vorbei. Dann sah Lily, dass er nicht allein gewesen war; Peter Pettigrew stand vor ihr und runzelte die Stirn. Als er sah, dass sie ihn anblickte, tippte er seinen Finger gegen seine Schläfe.
„Der hat einen an der Klatsche", sagte er. „Am besten lasse ich ihn einfach hier."
Sie lächelte. Er lächelte zurück und folgte James durch die Tür. Lily seufzte, und setzte sich auf die Treppe und legte den Kopf in ihre Hände.
Vielleicht hatte er einfach einen schlechten Tag, dachte sie, vielleicht hat es nichts mit mir zu tun-
HÖR AUF MIT DEM SCHEIß! kreischte eine Stimme in ihrem Kopf. Seit wann interessierte sie es, warum Potter sie dumm anmachte? Früher war sie immer zufrieden damit gewesen, zu denken, dass er nur auf ihr rumhackte, weil er ein verdammter Mistkerl war.
„Können wir gehen?" fragte Benjy hinter ihr und riss sie damit aus ihrem Tagtraum.
„Ja", sagte Lily und stand auf. „Gehen wir."
X
„James, du bist der größte Idiot, den ich je-"
„Ja, ja, ich weiß! Kannst du jetzt mal aufhören, m-"
„Nein!" zischte Sirius. „Wenn du in ein Mädchen verliebt bist, musst du nett zu ihr sein! Weißt du, was das heißt? Man schreibt es N-E-T-T und es bedeutet, dass-"
„Ich weiß, was es heißt!" sagte James verärgert. „Es war nicht meine Schuld! Es ist ein Reflex! Jedes Mal, wenn ich sie sehe, fahre ich sie einfach an! Ich weiß nicht, warum!"
„Was ist los?" fragte Peter, als er sich ihnen näherte und beiden eine Tasse Kaffee gab.
„Ach, nichts weiter, James hat gerade Lily Evans angefahren, und jetzt merkt er, dass das nicht so schlau war, weil er eigentlich in sie verliebt ist-"
„Hör auf damit!" sagte James wütend.
„Ja, klar, ist ja nicht so, als ob das schon die ganze Zeit gewusst hätte", sagte Peter sarkastisch.
„Toll", murmelte James. „Wenn ihr so schlau seid, dann sagt mir doch, was ich jetzt tun soll!"
„Deine Taktik überdenken, vielleicht?" schlug Peter scharfsinnig vor.
„Ich sage dir einfach das, was ich dir schon mal gesagt habe", sagte Sirius. „Sie wird sich nicht in dich verlieben, wenn du dich weiterhin wie ein Idiot aufführst."
James seufzte und lehnte sich gegen die Wand hinter ihm.
