Wenig später fanden sie sich in Dumbledores Büro wieder. Der Alte fuhr gerade aus der Haut, weil Severus den Vampir hatte laufen lassen.
„Völlig inakzeptabel!", rief Dumbledore erbost.
„Was hätte ich tun sollen? Ihn ans Schlosstor nageln?", konterte Severus.
„Spar dir das!", schrie der Schulleiter völlig außer sich.
„Wieso sollte ich? Weil ich einmal mehr dem sicheren Tod entkommen bin?"
„Du hättest ihn für eine Befragung herbringen sollen."
„Warum? Damit er sich ein Bild von uns machen kann und noch mehr erfährt? So ein kleiner Fisch ist das nicht wert, Albus."
„Sie stehen aber immer noch auf Ihrer Abschussliste, Severus.", michte sich nun Minerva aus dem Hintergrund ein.
„Wäre ja nicht das erste Mal, dass ich auf irgendwems schwarzer Liste stehe.", sagte Severus genervt.
Es nervte ihn wirklich. Warum konnten sie nicht einfach alle die Klappe halten?
Albus tigerte hinter seinem Tisch hin und her, mit einem finsterem Gesichtsausdruck, den er bei ihm schon einige Male gesehen hatte. Meist endeten die dazugehörigen Gespräche mit irgendwelchen Auflagen an die sich Severus ohnehin nicht hielt.
„Der Spiegel ist in Sicherheit, niemand hat davon erfahren. Warum also diese Aufregung? Die Vampire sind noch sauer, weil ihr kleines Geheimversteck gesehen habe. Damit kann ich leben. Womit ich nicht leben kann sind kryptische Andeutungen, die besagen, dass Du-weißt-schon-Wer hier im Schloss ist.", sagte Severus.
Dumbledore hielt inne und stemmte sich auf seinen Pult. Er murmelte etwas unverständliches, aber von der Tonlage her auf jeden Fall Unanständiges, in seinen Bart.
„Severus, Sie werden Potter und Quirell nicht mehr aus den Augen lassen, verstanden?!"
Severus verzog das Gesicht. Was hatte er die letzten Monate eigentlich anderes getan? Das war wieder einer jener Momente in denen er Lust hatte Albus an seinem Bart zu packen und durch das Büro zu schleifen.
Er sagte nichts weiter dazu, sondern drehte sich um und marschierte zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um.
„Wissen Sie, Albus, Ihnen ist wohl noch nie in Ihren brillianten Schädel der Gedanke gekommen, dass Sie zu viel verlangen?"
Eine angespannte Ruhe zwischen ihm und Dumbledore entstand. Minerva ging einige Schritte zurück, um im Fall eines Duells nicht in der Schusslinie zu stehen.
„Ich verlange nichts außer Gehorsam, Severus."
„Und genau da scheiden sich die Geister, nicht wahr?", konnte es Severus sich nicht verkneifen. „Aber auf eine Erpressung mehr oder weniger kommt es auch nicht an."
„Wage es ja nicht!", knurrte Dumbledore.
Severus zuckte mit den Schultern.
„Leck mich, Albus. Ihr wisst wo ihr mich findet.", antwortete Severus und verließ das Büro.
Kaum hatte Severus das Büro verlassen brach es aus Albus Dumbledore heraus.
„Diese Insubordination!"
„Vielleicht hat er aber recht, Albus.", sagte Minerva.
Albus entglitten die Gesichtszüge.
„Bist du etwa auf seiner Seite?"
„Ich bin dafür, dass ihr euch wie Erwachsene verhaltet und nicht wie Kinder. Davon habe ich schon genug um mich herum!"
Minerva hatte es satt, die beiden streiten zu sehen, vor allem, da ihre Streitigkeiten immer auf das gleiche hinausliefen.
„Du weißt wie er ist und du weißt auch, dass er am Ende ohnehin macht, was er will. Also, warum dieses Getöse?"
„Weil er mich nicht zu hinterfragen hat, deshalb! Er weiß worauf er sich damals eingelassen hat."
Snape war immer wieder ein Streitpunkt. Warum? Weil Severus Snape nunmal Severus Snape war. Es war nicht einfach mit ihm zu arbeiten, doch Albus war mindestens so schwierig. Das hörte er nur nicht gern.
„Vielleicht mag er es bloß nicht im Dunkel gelassen zu werden.", antwortete Minerva vorsichtig.
„Er weiß über die Operation bescheid und was auf dem Spiel steht."
„Vielleicht reicht ihm das nicht?"
„Was will er denn noch, hm? Ich habe sein verfluchtes Leben gerettet."
„10 Jahre, Albus. 10 Jahre und nie ein gutes Wort von dir."
„Jetzt fang du nicht auch noch an!", grollte Dumbledore und ließ sich in seinen Stuhl fallen.
Minerva ging aus dem Büro. Es hatte keinen Zweck. Die beiden würden erstmal eine Weile nicht mehr miteinander reden. So war das jedes Mal. Und sie wollte sich da nicht mehr einmischen. Dieses Klima war ihr einfach zu anstrengend.
Die nächsten Tage wechselten Severus und Dumbledore kein Wort miteinander, ganz so wie es Minerva vorausgesehen hatte. Zu den Lehrersitzungen warfen sich die beiden vernichtende Blicke zu, sprachen aber nicht miteinander. Ähnlich war es wenn sie sich auf dem Flur oder in der großen Halle begegneten. Severus wäre dem Alten am liebsten an die Kehle gegangen, ebenso wie Dumbledore ihm. Ihr Verhältnis beruhte auf Gegenseitigkeit.
Im Unterricht war Severus zu den Schülern noch gehässiger als sonst und verteilte hier und da wohl ein paar Strafarbeiten zu viel, doch er konnte seine Laune nur schlecht verbergen. Noch schlimmer wurde das Ganze, wenn er daran dachte, dass das er wieder gezwungen wurde sich Qudditsch anzusehen. In der Zeit, die er grölenden Schülern zusah hätte er etwas sinnvolles tun können. Wahlweise Dumbledore verprügeln.
Am Tag des Spiels kam er als Letztes zum Spielfeld um ja nicht in den Trubel zu geraten. Mürrisch stieg er die Tribüne hinauf und setzte sich auf einen Platz fernab des Schulleiters und zeigte ihm demonstrativ die kalte Schulter. Severus verschränkte die Arme und warf einen Blick hinüber zu Quirell. Der blätterte in irgendeinem alten Buch. Stimmt, er hätte sich auch etwas zu lesen mitnehmen sollen. So war das hier doch die reinste Folter!
Die Spieler stellten sich auf. Das Spiel begann. Es wurden Tore geschossen und die Menge jubelte. Der Kommentator brüllte wie besessen in sein Mikro. Wenn Severus einen Tinitus bekam wäre das garantiert auch Dumbledores Schuld. Just wurde er durch erschütterte Aufschreie des Publikums aus seinen Gedanken gerissen. Potters Besen zickte herum und noch während Severus dachte, dass das ja ab und an mal passierte, weil magische Artefakte eigen waren sah er zu Quirell, der von der Menge unbeachtet murmelnd auf den Besen starrte. So lief das also! Dieser Wichser wollte Potter vom Besen holen. Nicht, dass er es ihm nicht gegönnt hätte, doch er wusste was zutun war. In seinem Kopf rief er mögliche Gegenzauber ab und hoffte Potter würde sich lang genug halten damit er Quirrel eins überbraten konnte. Severus flüsterte die Gegenflüche, behielt Potter im Auge und bewegte sich langsam in Quirells Richtung auf der Tribüne. Kurz bevor er bei ihm war schoß eine Stichflamme an jemandens Mantel hoch.
Das musste reichen., dachte Severus und schubste seinen brennenden Kollegen in Quirells Richtung. Der verlor den Augenkontakt und brach vor Schreck seinen Zauber ab. Severus nahm den Wassereimer, der für brenndene Notfälle vorgesehen war und am Rand der Tribühne stand, und entleerte das Eiskalte Wasser ohne Rücksicht auf Verluste über seinem Kollegen. Schreie der Entrüstung wurden gegen ihn ausgestoßen, während Quirell aufsprang und das weite suchte. Severus warf den Eimer ohne hinzusehen fort und folgte ihm. Dabei bekam er gar nicht mit das er den armen Flitwick den Eimer an den Kopf geworfen hatte. Das Chaos auf der Tribühne nützte ihnen jedoch beiden.
Quirell rannte in Richtung Wald. Severus folgte ihm und zog seinen Zauberstab.
„Stehen bleiben!", rief er und richtete den Stab auf Quirells Kopf. „Bleib stehen oder ich spreng dir deinen verfluchten Schädel weg!"
Am Waldrand blieb Quirell stehen, drehte sich jedoch nicht um.
„Severus Snape" Die Stimme hallte um ein Tausendfaches in seinem Kopf wieder. Quirells Stimme war dunkel und unmenschlich verzerrt. „Du wirst diesen Kampf nicht führen. Nicht heute, nicht jetzt!"
Severus fasste sich an den Kopf. Brennende Schmerzen breiteten sich in seinem Gehirn aus aus und er sank schreiend auf die Knie. Er hatte das schon einmal erlebt und Severus hoffte inständig, dass er sich das alles nur einbildete.
„Deine Zeit ist noch nicht gekommen also misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein."
Die Schmerzen in seinem Kopf stiegen weiter an. Severus hielt es nicht mehr aus und wurde ohnmächtig. Er fiel um und blieb leblos im Laub liegen.
Als Severus Snape die Augen wieder öffnete lag er im Krankenflügel. Mal wieder.
Es dauerte einigen Augenblicke bis ihm gewahr wurde wo er war und was passiert ist. Er schreckte auf und stieg aus dem Bett. Sogleich kam Pomfrey angerannt und wollte ihn zurück auf das Bett bugsieren.
„Nein, ich muss zu Dumbledore!"
„Jetzt beruhigen Sie sich!"
„Nein!
„Severus ...!"
„Verflucht, nein!"
Er rangelte mit der Krankenschwester und verpasste ihr unwillkürlich eine Ohrfeige. Sie sah ihn erschrocken an und er starrte ebenso erschrocken zurück. Der Schock darüber, was er gerade getan hatte kühlte sein Adrenalin wieder runter, doch er durfte keine Zeit verlieren.
„Es tut mir leid.", murmelte Severus und stürzte so wie er war - in Unterwäsche - aus dem Raum und rannte in Dumbledores Büro. Dort tagten gerade die anderen Lehrer und redeten über das Geschehene. Als Severus in das Büro stürzte trat eine irritierte Stille ein. Erst jetzt bemerkte er, dass er hier halbnackt herumstand, beschloss aber es zu ignorieren.
„Quirell, wo ist er? Wir müssen sofort ...!"
„Severus, beruhigen Sie sich.", antwortete Dumbledore mit aller Gelassenheit.
„Nein, ich weiß was er vor hat, wer er ist!"
„U-und w-w-wer solll-te ich sein?"
Erst jetzt bemerkte Severus, dass Quirell die ganze Zeit im Sessel vor dem Kamin gesessen hatte. Er machte wieder den ewig verdatterten Eindruck wie immer, doch Severus hatte sein wahres Gesicht gesehen.
„Was hat er euch erzählt?"
„Ihnen wurde auf den Kopf geschlagen.", sagte Minerva.
„Was? Nein! Er war es!"
„A-also jetzt ü-übertrr-trreiben Sie aber!"
„Er ist nicht das, was er vorgibt zu sein."
„Severus, Ruhe bewahren!" Minerva legte ihm ihre Hände auf die Schultern und zog ihn in Ihre Richtung.
„Was zum Teufel zun Sie da?", fragte Albus scharf.
„Er ist nicht der blöde Stotterer, den er uns immer vorspielt. Er war in meinem Kopf!"
„D-der Sch-schlag muss a-aber heftig ge-gewesen sein, w-was?
Severus fuhr herum. In seinem Körper tobte erneut das Adrenalin.
„Du elender ..."
Er stürzte sich auf den Turbanträger und packte ihn an seiner Robe. Minerva und Hooch zogen ihn von Quirell weg und verschränkten seine Arme hinter seinem Rücken wie zwei Polizisten, die einen Randalierer abführen wollten.
„S-sie sind ver-rückt! Völlig Irre!" Quierell erhob sich und richtete seinen Turban. „Pr-profes-sor Dumbl-edore, S-sie sollten ihn mal un-untersuchen lassen. Im St. Mungos g-gibt es j-ja Spezialisten ..."
Severus trat nach ihm, erwichte Quirell jedoch nicht. Dieser wich in Richtung der Tür zurück.
„I-ich bin da-dann im La-labor. U-und halten S-sie diesen K-kerl von mir f-fern!"
Quirell verließ das Büro und der Griff der beiden Frauen um seine Arme lockerte sich.
„Verdammt, Snape!", polterte Dumbledore los. „Das Timing hätte kaum schlechter sein können."
Severus begriff nicht.
„Er hatte sich bereits mehrfach widersprochen. Den Auftritt hätte es nicht gebraucht."
„Sie haben Ihn nicht erlebt. Diese Stimme nicht gehört. Das war Voldemort. Er ist mit Quirell hierher gekommen! Verstehen Sie? Als Wirt! Er wird nicht eher Ruhe geben bis Potter tot und er den Stein hat!"
Severus setzte sich in den Sessel am Kamin und raufte sich das Haar.
„Damals bei den Todessern ... so hat er den Leuten seinen Willen aufgezwungen. Ihr wisst nicht wie das ist!"
„Sie erleben jetzt doch hoffentlich keinen Rückfall?", kommentierte Dumbledore. Severus hätte ihn am Liebsten geschlagen.
„Der Mann der Quirell einmal war wird schon bald nicht mehr existieren, wenn es nicht schon zu spät ist. Sie können das nicht zulassen!"
„Ich gebe es ja zu, Sie hatten mit allem Recht. Mit den Vampiren, mit dem Seelenfresser. Ist es das, was Sie hören wollen? Soll ich mich entschuldigen?"
„Sie mieses, arrogantes Stück Scheiße!", entfuhr es Severus urplötzlich. „Ihnen ist völlig egal, was mit uns passiert solange Sie ihren Willen bekommen. Und selbst wenn Quirell sich in seine Bestandteile zersetzt, hauptsache Albus Dumbledore hat bekommen, was er will!"
Severus erhob sich und trat auf den Schulleiter zu. Minerva blickte ihn warnend an.
„Das wird uns alle noch teuer zu stehen kommen, Sie inbegriffen!"
„Wollen Sie mir drohen?", fragte Dumbledore kalt.
„Womit kann man einer Maschine schon drohen?" Severus wandte sich angewidert ab und verließ das Büro. So verpasste er den wütenden Blick des Schulleiters, den man seit Jahrzehnten nicht so beleidigt hatte.
