Kapitel 10

Auf der Heimreise

Drei Tage nach dem Angriff auf die Winkelgasse ging es zurück nach Hogwarts. Die Zauberergemeinschaft war wegen des Zwischenfalls in Panik verfallen und das Ministerium hatte alle Hände voll damit zu tun, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Viele Zaubererfamilien flohen aus dem Land, in dem Versuch, dem kommenden Krieg aus dem Weg zu gehen. Es wurden mehr Auroren bei Gringotts stationiert, aber es gab keinen weiteren Versuch mehr, in die Bank einzubrechen. Die Todesser waren ziemlich schnell nach Harrys Flucht disappariert. Seine Anwesenheit in der Winkelgasse hatte sie komplett von ihrem ursprünglichen Plan abgelenkt und Harry war noch nie so glücklich darüber gewesen, zur falschen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.

Mrs. Weasley bestand darauf, dass er, während er sich erholte, auf dem Sofa liegen blieb und Harry beschwerte sich nicht über ihre Bemutterung. Es gefiel ihm sogar, wenn sie ihm ständig etwas zu trinken brachte, oder eine Decke, oder seine Kissen aufschüttelte. Es war aber noch besser, wenn sie Ron zwang, das alles zu tun! Harry fand das sehr lustig und erfreute sich an Rons Gemurre. Immer wenn er das ausnutzte, haute Ginny ihm auf den Arm und nannte ihn einen Trottel. Harry mochte diese kleinen Sticheleien und deshalb machte er weiter. Ron und Ginny wurde klar, dass es das erste Mal war, dass sich eine Familie wirklich um ihn kümmerte oder dass jemand ihn pflegte, wenn er krank war und so gingen sie voll in ihrer Aufgabe auf. Die Blutergüsse um seine Augen waren immer noch blau und schwarz, mit einem ungesunden grünen und gelben Rand. Ansonsten ging es ihm gut und er war bereit, sein sechstes Schuljahr zu beginnen. Er hoffte inständig, dass dieses Jahr besser werden würde, als das letzte.

Obwohl Mrs. Weasley sie früh genug geweckt hatte, war die Zeit am Morgen trotzdem wieder zu knapp und im Geheimen freute sich Harry darüber. Ohne das Chaos, das die Weasley Familie unter Zeitdruck verbreitete, wäre es keine normale Reise nach Hogwarts. Ron hatte, natürlich, mit dem Packen mal wieder bis zur letzten Sekunde gewartet und Hermine schimpfte ihn deswegen aus. Er rannte herum und murmelte ‚Voll durchgeknallt' vor sich hin. Fred und George wollten sie am Bahnhof verabschieden, aber Mrs. Weasley fand, dass es keine gute Idee wäre, wenn die beiden Ron und Harry begleiteten. Die Versuchung, Unfug anzustellen, wäre einfach zu groß. Stattdessen fuhren Hermine und Ginny mit den Zwillingen in der U-Bahn. Mrs. Weasley, Remus und Mad-Eye Moody eskortierten Harry und Ron in einem Muggel Taxi zum Bahnhof.

Als sie King's Cross erreichten hatten sie noch zehn Minuten Zeit. Dumbledore hatte dafür gesorgt, dass der Großteil des Ordens im Bahnhof war und außerdem gab es noch eine große Gruppe Auroren, die sicher stellten, dass der Zug ohne Probleme abfahren konnte. Harry bemerkte, dass weniger Schüler da zu sein schienen und fragte sich, ob viele Familien ihre Kinder dieses Jahr nicht nach Hogwarts schicken würden. Harry ging zusammen mit Moony durch die Absperrung auf das Gleis Neundreiviertel. Bevor er in den Zug einstieg, zog Moony ihn noch einmal kurz zur Seite. Moony hatte mit einem Reparo-Zauber den Spiegel repariert und ihn wieder zum Funktionieren gebracht. Er hatte Harry gesagt, dass er den anderen behalten würde und dass Harry mit ihm reden sollte, wenn er irgendetwas brauchte.

„Pass auf dich auf, Harry, und versuche, dieses Jahr etwas Spaß zu haben. Was kommt, das kommt, ganz egal, ob du den einen oder anderen Streich gespielt hast", lächelte Remus. „Mach die Rumtreiber stolz."

„Moony, stiftest du mich wirklich gerade an, die Regeln zu brechen?"

„Als wenn du das nicht sowieso getan hättest. Du weißt doch, ich kannte deinen Vater. Ich weiß ganz genau, was du für Sachen anstellst."

„Na gut. Danke für alles, Moony."

Moony nahm ihn in seine Arme und drückte ihn ganz fest. „Du siehst mich vielleicht früher, als du denkst", sagte er geheimnisvoll. „Sei wachsam und bleib in Kontakt."

Fred und George hatten es geschafft, Harry und Ginny alleine zu erwischen. „Denkt an unser Vermächtnis", sagte Fred.

„Es liegt an euch, uns stolz zu machen, und benutzt dabei viele unserer Produkte", fügte George noch hinzu und drückte Ginny einen Stapel Zeitschriften in die Arme. „Das sind ein paar unserer Kataloge. Lasst sie einfach im Gemeinschaftsraum liegen und versucht, ein paar Freunde aus den anderen Häusern dazu zu bringen, sie bei sich zu verteilen."

„Wir zählen auf euch! Lasst euch nicht von Ron erwischen, der müsste wahrscheinlich Punkte abziehen!"

„Verdammter Vertrauensschüler."

Ginny schüttelte nur den Kopf und ging dann weg, Harry winkte noch einmal zum Abschied und folgte ihr.

Mrs. Weasley drückte sie alle und küsste jeden zum Abschied, als sie in den Zug einstiegen. Als sie Harry umarmte, flüsterte sie: „Pass auf dich auf, Harry, bleib in Sicherheit. Achte darauf, dass du genug isst. Du siehst schon viel gesünder aus und ich will nicht, dass das bis Weihnachten alles wieder ruiniert ist." Harry erwiderte ihre Umarmung und versprach ihr, sein Bestes zu tun, bevor er mit den anderen in den Zug stieg. Ron und Hermine mussten zunächst mit den anderen Vertrauensschülern fahren, aber sie versprachen ihm, dass sie so schnell wie möglich zu ihnen kommen würden. Harry und Ginny fanden schnell ein leeres Abteil und verstauten dort ihre Koffer. Als das Pfeifen erklang und der Zug abfuhr, starrte Harry durch das Fenster auf das Gleis. Harry konnte nichts dagegen tun, aber er erinnerte sich an das letzte Jahr, als Schnuffel soweit wie möglich hinter dem Zug her gerannt war. Er wurde ganz traurig und schloss die Augen, seine Stirn an die Fensterscheibe gelehnt. Er würde alles dafür geben, jetzt noch einmal den wedelnden Schwanz und die heraushängende Zunge zu sehen...

Ginny sah ihn an und bemerkte den traurigen Gesichtsausdruck. Auch sie erinnerte sich daran, wie Sirius sich geweigert hatte, die Befehle zu befolgen und sie letztes Jahr hierher begleitet hatte. Sie streckte ihre Hand aus und berührte seine. Er sah zu ihr hinüber und lächelte sie müde an.

„Ich frage mich wo Neville und Luna sind", sagte Ginny in dem Versuch, ihn von seinem Patenonkel abzulenken.

„Keine Ahnung, sie werden bestimmt irgendwann hier vorbei schauen."

„Ich bin gespannt, wer der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein wird."

„Oh, Dumbledore hat es mir erzählt, Diana sonst irgendwas. Sie hat bis jetzt in den Staaten gelebt. Er hat gesagt, dass Remus sie kennt, aber ich habe vergessen ihn nach ihr zu fragen."

„Hem, hem, schlechter als Umbridge kann sie nicht sein."

Harry und Ginny unterhielten sich entspannt für einige Minuten, bevor die Abteiltür aufglitt. Harry sah auf und war überrascht, Cho Chang zu sehen, die ihn zaghaft anlächelte. Ihre langen dunklen Haare waren zusammengebunden und obwohl sie immer noch sehr hübsch war, erkannte er, dass seine Gefühle für sie komplett verschwunden waren. Harry war sich nicht sicher, weshalb sie hier war, aber er wusste, dass er nicht alleine mit ihr sein wollte. Als Ginny aufstand, um den beiden etwas Privatsphäre zu geben, griff er nach ihrem Arm und zog sie wieder nach unten. „Geh nicht", sagte er lautlos. Ginny runzelte zwar die Stirn, blieb aber.

„Hallo, Harry", begrüßte ihn Cho.

„Hi, Cho. Wie geht es dir?"

„Ganz gut, denke ich. Ich habe gehört, was dir in der Winkelgasse passiert ist. Hast du das daher?" Sie zeigte auf sein blaues Auge. Der Tagesprophet hatte von Harrys versuchter Entführung und Flucht in allen glorreichen Einzelheiten berichtet und versucht, die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Ziel der Todesser abzulenken.

„Ja, mir geht es gut. Du kennst doch Ginny Weasley, oder?"

„Ja, hallo Ginny", sagte sie eher kühl.

„Cho", antwortete Ginny ihn einem ebenso frostigen Ton.

„Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht kurz mit dir reden könnte, Harry."

„Klar, worum geht's?", verstand sie Harry absichtlich falsch. Ginny drehte den Kopf nach oben und lächelte süß.

„Unter vier Augen."

„Oh. Naja, Ginny und ich haben uns gerade unterhalten. Vielleicht später?", sagte Harry sehr schnell.

Cho war es nicht gewohnt, eine Abfuhr zu erhalten und sie war sichtlich verärgert. „Gut", blaffte sie. „Ich sehe dich dann später."

„Bye, Cho", rief Ginny fröhlich, während das andere Mädchen aus dem Abteil stürmte.

„Du. Warst. Fantastisch", freute sich Harry.

„Worum ging es hier eigentlich, Harry?"

„Keine Ahnung. Schon die Vorstellung, mit ihr alleine zu sein, ist nichts, was momentan sonderlich verlockend ist. Danke, dass du geblieben bist."

„Kein Problem, ich fand es ziemlich lustig. Ich mochte sie nie wirklich, sie ist so eine hysterische Diva. Außerdem ist sie jetzt mit meinem Ex-Freund zusammen."

„Oh, stimmt, das hatte ich vergessen."

„Magst du sie immer noch, Harry?"

„NEIN! Nein, überhaupt nicht. Was immer da zwischen uns war, stand von Anfang an unter keinem guten Stern."

Ginny lächelte und ärgerte sich mal wieder über sich selbst, weil sie diese Antwort freute. Seine Augen hatten die Macht, ihr Herz schmelzen zu lassen und sie konnte nichts gegen die Begeisterung tun, die sie verspürte, als sie hörte, dass er nichts für Cho Chang empfand. Er ist nur dein Freund, Ginny. Ja klar! Wenn sie ehrlich zu sich war, dann wusste sie, dass ihre Schwärmerei in ihrer ganzen peinlichen Pracht wieder zurück war. Sie konnte nichts dagegen tun. Die Tatsache, dass Harry litt, dass er so verletzlich war, machte ihn nur noch anziehender für sie. Sie wollte für ihn da sein, sie wollte ihm helfen. Sie wusste, dass sie ihm bei seinen Alpträumen schon geholfen hatte und war froh darüber. Sie hatte nicht vor, das wieder loszulassen, jetzt, wo sie wieder in Hogwarts sein würden. Nur hatte sie bisher noch nicht herausgefunden, wie sie das anstellen sollte. Dieser Tag in der Winkelgasse war ein Alptraum für Ginny gewesen. Zu sehen, wie Harry unter dem Cruciatus-Fluch leiden musste, hatte die ganzen unangenehmen Erinnerungen aus ihrem ersten Jahr wieder zurück gebracht. Tom hatte Harry verletzen wollen und Ginny hatte ihm unwissentlich geholfen. Harry hatte aber trotzdem ihr Leben gerettet und Ginny war fest entschlossen, sich irgendwie, auf welche Weise auch immer, bei ihm zu revanchieren. Es war aber nicht nur, dass sie in seiner Schuld stand, es war viel mehr. Sie wollte nicht nur, dass Harry überlebte, sie wollte, dass er lebte! Sie wollte ihn glücklich sehen.

Harry führte gerade einen inneren Dialog darüber, ob Ginny immer noch Gefühle für Michael Corner hegte. Cho mochte sie jedenfalls nicht sonderlich. Das war doch bestimmt nicht wegen ihm, also fühlte sie vielleicht doch noch etwas für Corner. Harry ertappte sich dabei, wie er Michael Corner plötzlich sehr viel weniger mochte. Beide wurden aus ihren Gedanken gerissen als die Abteiltür geöffnet wurde und Neville Longbottom und Luna Lovegood hereinkamen, und das auch noch händchenhaltend!

„Hi Leute!", sagte Neville gut gelaunt und setzte sich auf den Platz neben Ginny. Luna setzte sich auf seine andere Seite. „Hallo Ginny. Hallo Harry."

„Hi", sagten beide gleichzeitig. „Was gibt es bei euch Neues?", fragte Ginny und lehnte sich über ihre verschlungenen Hände.

Neville wurde rot, aber Luna antwortete ganz ruhig. „Wir haben zusammen an einem Projekt im Ministerium gearbeitet, bei der Gesellschaft für Gartenkultur, und seitdem sind wir zusammen."

„Oh, das ist ja toll, ich freue mich so für euch", sprudelte es aufrichtig aus Ginny heraus.

„Ja, das sind tolle Neuigkeiten", sagte Harry mit einem verblüfften Gesichtsausdruck. Er bekam die Vorstellung von Neville und Luna einfach nicht in seinen Kopf. Ginny rammte ihm ihren Ellbogen in die Rippen und sagte lautlos: „Harry, du Idiot."

Harry hatte keine Zeit zu antworten, denn wieder einmal wurde die Tür geöffnet, dieses Mal von Ron und Hermine, die hereinkamen. „Was für ein Witz!", schrie Ron und warf sich in den leeren Sitz neben Harry. „Ich bin so glücklich, dass das vorbei ist!"

Hermine setzte sich neben ihn. „Du hast doch so schon kaum aufgepasst, Ron. Also wirklich, du solltest deine Aufgaben als Vertrauensschüler ernster nehmen."

„Wer ist dieses Jahr Schulsprecher und Schulsprecherin?", fragte Ginny in dem Versuch, einen Streit zu verhindern.

„Schulsprecher ist David Garrett aus Hufflepuff", antwortete Hermine.

„Und Schulsprecherin ist unsere Katie Bell!", fügte Ron hinzu.

„Wirklich? Gut für sie!", rief Harry aus.

Der Wagen kam und Harry kaufte für alle Kesselkuchen, Kürbispasteten und viele andere Süßigkeiten. Während sie aßen, kamen einige Mitglieder der DA vorbei und steckten ihre Köpfe ins Abteil. Sie alle freuten sich, zu hören, dass es die DA dieses Jahr wieder geben würde und versprachen, ihn zu unterstützen. Viele der Mitglieder hatten letztes Jahr die Schule abgeschlossen und langsam fing Harry an, darüber nachzudenken, ob er einen Aushang für Interessenten machen sollte. Wenn aber der neue Lehrer für Verteidigung was drauf hatte, glaubte er nicht, dass es viel Interesse geben würde.

Als sie die letzten Reste des Mittagessens verputzten, glitt die Abteiltür auf und draußen standen Malfoy, Crabbe und Goyle. Ohne einen Besuch von denen wäre das ja auch keine richtige Reise nach Hogwarts, dachte sich Harry gereizt. Er sah sich die Slytherins einmal genau an und bemerkte, dass Malfoy unglaublich selbstgefällig aussah, sogar mehr als sonst. In seinen harten grauen Augen war Bosheit zu erkennen, etwas hartes und kaltes, das vorher noch nicht da gewesen war. Seine blonden, sonst immer so perfekten Haare, schienen zerzaust und fehl am Platz und sogar die Luft um ihn herum schien elektrisch aufgeladen.

„Potter", sagte er, „ich hoffe, du genießt die Reise. Es ist höchstwahrscheinlich deine letzte."

„Und warum das, Malfoy? Glaubst du, ich bin so intelligent, dass ich die Schule früher abschließen kann?"

Malfoy wurde leicht rot und Harry dachte, das ist der Malfoy, den ich kenne. „Die Dinge verändern sich, Potter, ich kann es spüren. Es liegt ein, sagen wir…Ausbruch in der Luft. Deine Tage sind gezählt."

„Hau ab, Malfoy", blaffte Ron. „Warum musst du eigentlich auf jeder Reise hier reinplatzen? Bist du im Sommer ohne uns zu einsam?"

Malfoys Blick schweifte zu Ron, dann zu Hermine und schließlich zu jedem anderen im Abteil. „Ihr habt euch auf die Verliererseite gestellt, ihr alle. Obwohl, das Schlammblut hier ist natürlich die Verliererseite."

Ron stürzte sich auf Malfoy, aber Hermine hielt ihn zurück. „Ignoriere ihn einfach Ron! Er will dich doch nur provozieren."

„Raus hier, Malfoy!", fauchte ihn Ginny an und Neville schloss die Tür hinter ihnen. Aber Harrys Verstand arbeitete schon. Malfoys Kommentar über einen Ausbruch hatte Harry sofort an Askaban denken lassen. Deutete er etwa an, dass sein Vater entkommen war? Er schaute Hermine in die Augen und sie dachte das Gleiche. Harry atmete tief durch, er konnte sowieso nichts anderes tun, als abzuwarten. Früher oder später würde es sowieso geschehen.

„Harry", sagte Hermine, „du musst dich dieses Jahr von ihm fernhalten. Er hat sich irgendwie verändert, er ist härter."

„Ja, das ist mir auch aufgefallen. Er ist aber trotzdem immer noch ein Idiot und ich muss mich um wichtigere Personen kümmern, als Draco Malfoy." Danach waren sie still.

Ron und Harry begannen eine Partie Schach. Harry war klar, dass er verlieren würde, so wie immer, aber ihm machte es Spaß, zu spielen und außerdem ließ sich damit die Zeit vertreiben. Als das nächste Mal die Tür geöffnet wurde, kamen Harrys, Rons und Nevilles andere beiden Zimmergenossen, Dean Thomas und Seamus Finnigan, herein. Dieses Mal war es Ginny, die nach Harrys Arm griff und ihn bat zu bleiben. Harry entschied sich, ihr den gleichen Gefallen zu tun. Dean war Ginny gegenüber sehr kalt, er beachtete sie noch nicht einmal, als wenn sie gar nicht da wäre und Ginny wünschte sich, er würde sich beeilen und wieder gehen. Die Spannungen waren offensichtlich und man konnte die Luft schneiden. Sie waren alle glücklich, als die beiden Jungen weitergingen.

Es war auf dem Weg zur Toilette, als er Cho wieder traf. Er fand sich damit ab, mit ihr reden zu müssen und sprach sie dann locker an. „Hi, Cho, worüber wolltest du denn mit mir reden?"

„Oh, ich wollte nur sicherstellen, dass wegen letztem Jahr alles in Ordnung zwischen uns ist, du weißt schon, so wie die Sache zwischen uns geendet hat. Ich wünsche mir wirklich, dass wir noch Freunde sein können."

Harry wusste zwar nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund zweifelte er an der Ehrlichkeit ihrer Worte. Schließlich waren sie nie wirkliche Freunde gewesen. Aber er sagte trotzdem: „Natürlich sind wir Freunde. Es ist alles in Ordnung."

Cho schien noch etwas mehr von ihm zu erwarten. „Ich meine, ich bin jetzt mit Michael zusammen und du mit Ginny...das könnte unangenehm werden."

Für einen Augenblick wollte Harry sie korrigieren, hielt dann aber inne und sagte nur: „Nein, da ist Nichts unangenehm. Es freut mich, dass du glücklich bist, Cho. Ich sehe dich dann." Damit ging er zurück zum Abteil. Von dem bösen Blick, den Cho seinem Rücken zuwarf, bekam er nichts mit. Noch bevor er wieder auf seinem Platz saß, verbreiteten sich die Gerüchte, dass er jetzt mit Ginny Weasley gehen würde.

Als er im Abteil ankam, waren Ron und Hermine gerade auf ihren Rundgängen durch die anderen Wagen. Ginny forderte ihn zu einer Partie Schach heraus und er nahm nur allzu gerne an. Er entdeckte, dass ihm das Spiel sogar noch mehr Spaß machte, wenn er wenigstens eine kleine Chance hatte zu gewinnen. Irgendwann war es Neville und Luna zu langweilig, ihnen beim Spiel zuzuschauen und sie spazierten durch die anderen Wagen, um zu sehen, wer noch so da war. Jetzt, wo er mit ihr alleine war, nutzte Harry den Augenblick und flüsterte ihr zu: „Ich muss mich bei dir für etwas entschuldigen, Ginny."

„Für was denn?"

„Naja, ich habe vorhin Cho getroffen und sie nimmt an, dass wir zusammen sind. Ich habe sie nicht korrigiert", sagte Harry und hoffte, dass seine roten Wangen bald wieder normal wurden.

Ginny hob abrupt den Kopf und sah ihn eindringlich an. „Und warum?"

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich wollte nicht länger mit ihr reden, als ich unbedingt musste und..."

„Ist schon in Ordnung, Harry. Mach dir keine Sorgen darüber", kicherte Ginny. „Die Vorstellung, dass sie und ich unsere Freunde getauscht haben, geht ihr wahrscheinlich total auf die Nerven!"

„Und dir gefällt das?"

„Klar. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass es mir gefällt, ihr auf die Nerven zu gehen!" Ginny lächelte fies.

„Erinnere mich daran, dich niemals zu verärgern."

Ginnys Grinsen wurde noch breiter und Harry spürte, wie sein Magen wieder einen dieser vertrauten Flip-Flops machte. Er riss alarmiert die Augen auf und legte schnell ein Buch in seinen Schoß. „Ich werde dich beobachten. Du solltest besser darauf achten, was du tust."

„Ich werde – ich werde daran denken." Harry wollte sich eigentlich entspannt anhören, aber seine Stimme brach und hörte sich peinlich schrill an.

Ginny kicherte über sein Unbehagen. „Nicht schlecht."

Die Schüler im Zug wurden immer aufgeregter, als diejenigen, die es bisher noch nicht getan hatten, sich die Schuluniform anzogen und der große rote Hogwarts-Express langsam in den Bahnhof einfuhr. Sie waren in Hogsmeade angekommen.

Als er aus dem Zug ausstieg, schaute Harry hoffnungsvoll zum Schloss hinauf und wartete darauf, von diesem warmen Gefühl, das er immer verspürte, wenn er es sah, erfüllt zu werden. Aber es kam nicht. Irgendwie, als er die Spitzen und Türme von Hogwarts anstarrte, erinnerte sich Harry lebhaft an Ereignisse des vergangenen Schuljahres... die Strafarbeiten mit Umbridge, das Spielverbot, Okklumentikstunden mit Snape, Sirius Kopf im Feuer, seine Vision während der Geschichtsprüfung.

Harry sah hinüber zu den Kutschen, die in einer Reihe darauf warteten, die Schüler zum Schloss zu bringen. Die Thestrale, die sie zogen, schienen zurückzustarren, sich über einen weiteren, von ihm beobachteten Tod lustig zu machen. Harry hätte sich am liebsten übergeben.

Das war für ihn immer sein zu Hause gewesen, ein sicherer Hafen und ein Ort, an den er gehörte. Plötzlich verspürte Harry den kindischen Drang, sich umzudrehen und zu fliehen, zu rennen und niemals stehen zu bleiben. Aber wo hätte er denn hingehen sollen? Wo war er zu Hause? Im Ligusterweg? Am Grimmauldplatz? Er konnte sonst nirgendwo hin.

Er kniff die Augen zu und verdrängte diese Gedanken. Das ist Hogwarts! Er hatte es hier immer geliebt und er würde nicht zulassen, dass ihm das weggenommen würde. Die guten Erinnerungen konnten heller strahlen als die schlechten und er brauchte sich nur an sie zu klammern. Er biss die Zähne zusammen, zog die Schultern nach oben und ging voran zu den Kutschen. Er ging nach Hause.