Attacken
Hermine hatte zusammen mit Viktor einen ziemlich amüsanten Abend verbracht – wenn der berühmte Quidditch-Spieler nicht gerade von Fans umringt war, konnte er sehr offen und lustig sein, aber sein Status als Star störte ihn die meiste Zeit ganz gewaltig.
Abends hatten beide einen Brief an Viktors Freundin in Bulgarien abgeschickt, in der sie für einen bitterbösen Plan um Erlaubnis baten und eulenwendend kam eine Antwort, die ein vorfreudiges Grinsen auf die Gesichter der beiden Komplizen zauberte.
Am nächsten Morgen tauchten Hermine und Viktor zusammen zum Frühstück auf – natürlich hatte sie sich bei ihm untergehakt, wie Severus grummelnd feststellte. Die Schüler konnten wirklich froh sein, dass noch Ferien waren; ansonsten hätten die Hauspunktekonten heute wieder ziemlich gelitten.
Während des Frühstücks steckten die beiden immer wieder die Köpfe zusammen, lachten aus – für Severus – völlig unerfindlichen Gründen laut auf und waren generell nur am Tuscheln. Zu gerne hätte er die beiden zurechtgewiesen, aber es gab keinen triftigen Gründ dafür, denn auf-die-Nerven-gehen war wohl kaum zu rechtfertigen. Schlecht gelaunt beendete Severus sein Frühstück frühzeitig, aber nicht frühzeitig genug, um nicht zu hören, wie die beiden Pläne für den Tag schmiedeten:
„Hermine, ich würde gerne in den Honigtopf…"
„Du bist immer noch das gleiche Schleckermaul!" – bei dem spielerischen Schlag, den Hermine Krum versetzte, wurde Severus ziemlich übel.
„Du sollst mir doch nicht solche Vorlagen liefern"
„Sprich Dich ruhig aus…"
„Rate, was ich am liebsten vernaschen würde"
Hermine wurde rot und lachte hell auf, aber das ging in dem harschen Geräusch eines hastig zurückgeschobenen Stuhls unter. Sie riskierte einen Blick am Tisch entlang und sah, wie Severus förmlich aus der Halle rannte.
Neben ihr brachen sowohl Viktor als auch Dumbledore in schallendes Gelächter aus. Keine schlechte Bilanz, sagte sie sich: Einen Mann hatte sie verärgert und zwei gut unterhalten.
Für den Spaziergang nach Hogsmeade war Hermine wieder in ihr neues Kleid geschlüpft und als sie endlich unbeobachtet waren, ließen die beiden Freunde auch das spielerische Getue fallen und schlenderten entspannt nebeneinander her.
„Sag' mal, Hermine…"
„Hmmmm?"
„Was willst Du eigentlich mit diesem Griesgram? Dich einfach nur über Deinen Exfreund hinwegtrösten?"
„Traust Du mir das echt zu?"
„Nein – deshalb frage ich ja auch so blöd. Aber Snape besticht weder durch sein menschenfreundliches Wesen noch durch sein blendendes Aussehen…"
„Dein Englisch ist besser geworden!"
„Du lenkst vom Thema ab…"
Hermine wurde rot und schaute ihren Freund treuherzig an: „Ich weiß, dass das bescheuert klingt, aber seit ich weiß, wie Severus sein kann, glaube ich, dass ich auf dem besten Wege bin, mich in ihn zu verlieben."
„Bist Du sicher, dass das eine so tolle Idee ist?"
„Du musst mir nicht sagen, dass Du ihn nicht leiden kannst…"
„Also, was ist an ihm so toll?"
„Er ist nett."
„Wirklich?"
„Und klug."
Ein zustimmendes Grunzen.
„Und witzig"
Eine hochgezogene Augenbraue.
„Mit ihm ist es irgendwie immer spannend. Ich fühle mich wohl bei ihm."
„Und das reicht?"
„Er hat schöne Augen."
„Oh Mann, Dich hat's erwischt!"
„Vermutlich."
„Du weißt, dass ich Dich sehr gerne habe und ich spiele das nur mit, weil ich sogar glaube, dass Du mit ihm glücklich werden könntest. Wahrscheinlich bist Du die einzige Hexe dieser Welt, auf die dieser Satz zutrifft."
Das bescherte ihm eine spontane Umarmung von Hermine und Viktor fuhr fort: „Okay, und wenn ich ehrlich bin, macht es mir Spaß, ihn ein bisschen auf die Palme zu bringen. Ich kann ihn nun mal nicht ausstehen."
Hermine lachte und stellte dann fest: „Wahrscheinlich musst Du mit ihm auskommen, wenn das mit uns was werden sollte…"
„Ich weiß. Da siehst Du mal, wie gerne ich Dich habe."
Lachend gingen die beiden in den Honigtopf.
Pünktlich zum Mittagessen waren Hermine und Viktor aus Hogsmeade zurück und sie plauderten und lachten genauso wie beim Frühstück. Eigentlich hatte Severus nicht in die Große Halle kommen wollen, aber er wusste, dass er es in seinen Räumen nicht ausgehalten hätte, also erschien er mit einer Miene, die wirklich beängstigend war und sich im Verlaufe der Mahlzeit mehr und mehr verfinsterte. Aber er musste doch schließlich im Auge behalten, was dieser Kerl mit seiner Hermine machte! Moment… wo war das „seiner" hergekommen? Missmutig attackierte er seine Nudeln.
Hermine hatte sich gerade zufrieden zurückgelehnt und grübelte darüber nach, welchen Nachtisch sie wohl wählen sollte, als Viktor ihr die Entscheidung abnahm. Er zog ein winziges Päckchen aus seinem Umhang, stellte es vor sie und vergrößerte es.
„Hermine, das ist Dein Nachtisch", verkündete er strahlend.
Überrascht schaute sie ihn an und er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Das war zwar nicht Teil des Plans gewesen, aber sie war sich sicher, dass es zielführend war und deshalb umarmte sie ihn erst einmal überschwänglich.
Dann machte sie sich über den Karton her und riss den Deckel ab. Zum Vorschein kam ein Schoko-Herz, auf dem in großen Buchstaben stand:
Schön, dass es Dich gibt!
Hermine schaute Viktor mit großen Augen an und er deutete stumm auf einen kleinen Zettel, der neben dem Herz lag.
Sie pickte ihn aus dem Karton und begann zu lesen:
Liebe Hermine!
Ich dachte, dass ich Dir das einfach mal sagen muss. Du bist eine meiner besten Freundinnen und ich bin immer noch froh, dass ich damals den Mut hatte, Dich zum Tanzen aufzufordern. Und ich hecke liebend gern mit Dir irgendwelche Schandtaten aus!
Dein Viktor
Hermine tauchte aus dem Briefchen auf und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen getreten waren. Sie umarmte ihn wieder und sagte:
„Du bist wirklich das, was man einen Pfundskerl nennt!"
Er lachte und fragte: „Was genau ist das?"
„Das, was Du eben bist! Ein toller Mensch."
Er lächelte sie ihn und ein winziges Kopfnicken von ihm sagte ihr, dass er Severus im Auge behalten hatte und dieser wohl vor Wut rauchte.
Am Nachmittag machten sie sich zusammen zum See auf und sie schauten zusammen Fotos – er zeigte ihr Marie, seine Freundin, seine Eltern und Verwandten.
Zum Abendessen fehlte Severus und Hermine und Viktor verhielten sich ganz normal als das, was sie eben waren: platonische Freunde.
Am nächsten Tag traten die Hausteams an und spielten gegeneinander und jeder bemühte sich, nicht nur gut sondern auch fair zu spielen. Der berühmte Sportler war schließlich dafür bekannt, dass er besonderen Wert auf Fairness im Spiel legte und beteiligte sich auch in entsprechenden Kampagnen.
Severus hatte Anwesenheitspflicht, da er ja schließlich auch Hauslehrer war und er beobachtete mit säuerlicher Miene die guten Leistungen seiner Schüler. Alle wollten den Star beeindrucken, aber der saß neben Hermine und sie lehnte sich an ihn. Ab und zu – wenn er es nicht merkte – stahl sie einen kleinen Blick auf Severus und musste immer ein Lachen unterdrücken, wenn sie seinen bösen Gesichtsausdruck sah.
Aber sie hätte Severus nicht so viel Unvernunft oder Hitzigkeit zugetraut:
Die gesamte Schule machte sich auf den Rückweg zum Schloss und wie üblich ging Viktor neben ihr her. Sie plauderten über Quidditch, wobei Hermine sich mit Kommentaren zurückhielt und meistens nur ein zustimmendes „Hm" verlauten ließ, als Severus an ihrer anderen Seite auftauchte und sie barsch am Arm packte:
„Hör mir zu, bevor Du mich in die nächste Woche fluchst!", forderte er gereizt.
„Warum sollte ich Dich in die nächste Woche fluchen?"
„Weil mich das alles nichts angeht, aber Du bist schon wieder auf dem besten Wege, Dich unglücklich zu machen."
„Snape, können Sie vielleicht Hermine in Ruhe lassen?", mischte sich auch prompt Viktor ein, der ihre überraschte Miene fehlinterpretiert hatte und glaubte, er müsse sie beschützen.
„Mischen Sie sich nicht ein!", fauchte Severus und es wurde deutlich, wie wenig er den Quidditch-Spieler ausstehen konnte.
Hermine sah mit großen Augen, wie sich die beiden Männer angifteten und Viktor schließlich den Zauberstab zücken wollte, aber er war Severus bei Weitem nicht gewachsen und schon hatte dieser ihn entwaffnet.
„So, Krum, und jetzt?", fragte Severus höhnisch.
Inzwischen hatte sich ein ziemlich großer Zuschauerring um die beiden Streithähne versammelt, die das Geschehen interessiert und auch amüsiert beobachteten.
„Was soll das, Snape?", blaffte Viktor zurück.
„Könnt ihr zwei vielleicht aufhören?", versuchte Hermine einzugreifen, aber sie wurde nur von Severus angefaucht:
„Halt Dich da raus!"
„Wie mittelalterlich!", kommentierte ein Schüler und führte aus: „Zwei tapfere Ritter kämpfen um das holde Fräulein."
Spätestens jetzt wurde es Hermine zu dumm und kurzerhand entwaffnete sie ihrerseits Severus und belegte beide mit einem Zauber, der ihnen die Stimme nahm. Fassungslose und wütende Blicke trafen sie von beiden, aber sie zuckte nur die Schultern und erklärte gelassen: „Ich würde mal sagen, dass wir drei uns in mein Wohnzimmer setzen und das Ganze vernünftig lösen." Sie schaute die versammelten Schüler an und fuhr fort: „Und ihr geht besser in die Große Halle – ansonsten verpasst ihr den Tee!"
Widerwillig löste sich der Zuschauerkreis auf und es bildeten sich Grüppchen, die das Geschehene angeregt diskutierten. Hermine rollte mit den Augen und hakte sich bei ihren immer noch stummen Begleitern unter, um sie zu ihren Gemächern zu führen. Viktor ließ sich auch willig mitziehen, aber Severus blieb stocksteif stehen und starrte Hermine feindselig an. Dabei verschränkte er die Arme vor der Brust und rührte sich keinen Zoll.
„Wie Du willst, Severus!", gab Hermine nach, zauberte eine Decke aufs Gras, deckte diese mit Tee, Kaffee und einem Kuchen und ließ sich dann unzeremionell darauf nieder. Viktor folgte ihrem Beispiel und nun ragte Severus über den beiden auf wie ein Turm. Er wurde sich seiner etwas albernen Lage bewusst und ließ sich ebenfalls im Gras nieder – mit einem stummen Seufzer auf den Lippen.
Hermine schaute prüfend von einem zum anderen und löste den Schweigebann. Dann gab sie ihnen die Zauberstäbe zurück und fragte unschuldig: „So, und was sollte das jetzt? Wolltet ihr einfach nur mal im Mittelpunkt stehen?"
Viktor schaute sie strafend an und sagte nichts. Severus explodierte.
„Was bildest Du Dir eigentlich ein? Mich einfach so zu entwaffnen und zum Schweigen zu bringen?"
„Und Du? Balgst Dich um mich wie ein Hund um einen Knochen oder wie?"
Severus schwieg und wollte aufstehen und gehen, als Viktor ihn zurückhielt: „Snape, ich glaube, wir müssen etwas klären."
„Ich habe Ihnen nichts zu sagen!", kam die kalte Antwort.
„Ich aber Ihnen", entgegnete der Quidditch-Spieler stoisch. „Und ich glaube, das würde Sie ziemlich interessieren."
„Ach ja?"
„Ja. Ich bin nicht mit Hermine zusammen und ich bin auch nicht in sie verliebt. Auch wenn sie wunderbar ist." Hermine wurde bei diesen Worten prompt rot.
„Und was sollte mich das angehen?"
Hermine schaute ihn ungläubig und verletzt an, aber Viktor lachte nur: „Kommen Sie, Snape, jede blinde Eule sieht, dass Sie in sie verliebt sind."
Zu dieser Aussage hüllte sich Severus lieber wieder in Schweigen, aber er musterte seinen Kontrahenten prüfend.
„Sie glauben mir nicht? Hier ist das Briefchen, das ich ihr geschrieben habe zu dem Schokoherz!" Bei diesen Worten drückte er Severus einen Zettel in die Hand und erhob sich.
„Ich muss den Teams und den Spielern ein Feedback geben. Wir sehen uns dann später!" und damit verschwand er Richtung Schloss während Hermine das Gefühl hatte, mit einer Ladung Dynamit allein gelassen zu werden.
Severus vertiefte sich erstmal in den Brief. Dann schaute er Hermine an und sagte nur: „Du bist die hinterhältigste Hexe, die ich kenne." Und damit ging er davon.
Hermine blieb allein und verwirrt auf ihrer Picknickdecke sitzen.
