Kapitel 10
Drei Tage. Man hatte ihn mehr in seine Zelle tragen müssen als das er hätte laufen können. Und da seine Beine ihm ohnehin den Dienst versagten, machte er nicht einmal Anstalten seine Würde zu bewahren. Drei Tage. Woher sollte er wissen, wann seine Zeit abgelaufen war? Woran sollte er es messen? An der Anzahl der gezählten Mahlzeiten? Daran, wie oft sie ihn zum Waschen brachten? Sie ließen ihn nicht einmal auf dem Boden liegen, sondern hievten ihn auf das schmale, harte Bett, bevor sie gingen. Ohne ein Wort. Drei Tage. Das war nichts und gleichzeitig eine Ewigkeit.
Poe kniff die Lider zusammen und presste die Handballen auf die geschlossenen Augen, unterdrückte einen heiseren Schrei, der doch nichts gebracht hätte. Wie restlos er versagt hatte. Dabei wusste er, dass er nichts hatte ändern können. Dass er der Ersten Ordnung so ganz allein und wehrlos wie er war, nichts entgegenzusetzen hatte. Doch es half nicht. Der Gedanke spendete keinen Trost. Eine klaffende Leere schlug sich in seine Brust wie die Krallen eines Ungeheuers und wie um sich selbst davor zu schützen, wie um sich selbst zusammenzuhalten, drehte er sich wieder auf die Seite. Das Gesicht zur Wand, wie er es so oft getan hatte. Hier wenigstens hatte er das Gefühl geschützt zu sein, auch wenn er wusste, dass dieses Gefühl mehr Selbstbetrug war als alles andere.
Öffentlich. Das hatte Bendar ihm noch gesagt. Öffentlich. Eine öffentliche Hinrichtung. Übertragen über das Holo-Netz. Poes Kehle war wie zugeschnürt und ihm stockte der Atem beim bloßen Gedanken daran, dass seine Begegnung mit dem Tod alles andere als privat sein würde. Stattdessen würde jedes Wesen der Galaxis es sehen können, wie er seinen letzten Atem aushauchte. Der Gedanke daran, dass sein Vater es so erfahren würde, dass sein Vater jetzt auch noch den einzigen Sohn verlieren würde und auf diese Weise, ließ einen eisigen Schauer seinen Rücken hinabrieseln.
Drei Tage, dann würde jeder wissen, dass er nicht in seinem X-Flügler gestorben war. Immerhin würde dann der Widerstand wissen, dass er gefangengenommen worden war. Dass ihre Pläne vermutlich kompromittiert waren. Ein plötzlicher Gedanke schoss ihm durch den Kopf. War diese öffentliche Hinrichtung ein Ablenkungsmanöver? War der Widerstand doch auf den Planeten zurückgekehrt, den er Bendar genannt hatte? Hatte die Erste Ordnung bis zu diesem Moment vielleicht doch nicht gewusst, wo der Widerstand sich aufhielt? Das Unwissen über das, was in der restlichen Galaxis geschah, trieb ihn beinahe in den Wahnsinn.
Poe zog die Knie enger an und ignorierte das leise Surren, das ihm normalerweise anzeigte, dass das Essen gebracht wurde. Er war nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu ausgelaugt um auch nur an Nahrungsaufnahme zu denken. Stattdessen hielt er die Augen fest geschlossen und die Erinnerung an ein nicht mehr ganz kleines Fellknäuel schoss ihm durch den Kopf. Molly hatte oft nah an seinem Körper geschlafen. Oft so, dass ihre Wirbelsäule auf einer Linie mit seiner war. Die Wärme, die von dem Tier ausgegangen war, hatte ihn auch nach aufreibenden Tagen beruhigt und binnen weniger Minuten hatte er einschlafen können. Poe rief sich den Druck des kleinen Körpers gegen seinen ins Gedächtnis. Das stete Atmen und die großen bernsteinfarbenen Augen am nächsten Morgen, bevor er ihr das Frühstück vorsetzte. Sie immerhin war garantiert in Sicherheit bei seinem Vater. Wieder dieser Stich bei dem Gedanken an jemanden, den er nicht retten konnte. Nach seiner Frau würde Kes Dameron auch noch seinen Sohn verlieren und Poe konnte nicht anders als sich auszumalen, wie sein Vater darauf reagieren würde. Was es ihm antun würde.
Drei Tage. Das war alles andere als lang.
Er zählte die Mahlzeiten. Zählte wie oft sie ihn zur Dekontaminationseinheit brachten und die zeitlichen Abstände schienen immer kürzer zu werden, dabei wusste er so genau, dass sie sich strikt an ihre Zeitpläne hielten. Nicht einmal die Erste Ordnung konnte die Zeit manipulieren. Nachdem das wohl letzte Frühstück in seine Zelle geschoben worden war, stand Poe vor dem Tablett, starrte darauf hinab und konnte sich nicht dazu überwinden es anzurühren. Die eintönige Nahrung hatte er mehr aus Notwendigkeit als aus Appetit heruntergewürgt, aber diese Notwendigkeit bestand jetzt nicht mehr. Nicht einmal Langeweile konnte ihn zum Essen verleiten. Auch nicht jetzt. Nicht einmal um bei Kräften zu bleiben. Die letzten Stunden, die er vielleicht noch hatte, spornten ihn nicht an das Tablett zu nehmen und die braun-graue Masse zu löffeln.
Kopfschüttelnd verschränkte er die Hände im Nacken und starrte an die Decke, die so ebenmäßig und eintönig war wie eh und je. Immerhin bebte er nicht mehr am ganzen Körper. Es war beinahe so, als haben seine Muskeln, seine Nerven, als habe jede Zelle aus der er bestand sich damit abgefunden, dass ihr Leben bald beendet sei würde, noch während seine Gedanken an der Existenz festhalten wollten. In einem gewissen Grad jedenfalls. Alles in ihm, was nicht resigniert hatte, wehrte sich gegen das Aufgeben. Das war niemals seine Art gewesen, doch die letzten Tage und Stunden hatten dieses seltsam dumpfe Gefühl in ihm geweckt.
Stumm blieb er stehen. Gesessen hatte er genug in den letzten Tagen und es war beinahe, als sei dieses Stehen wenigstens ein symbolischer Widerstand gegen das Einknicken vor der Ersten Ordnung, obwohl er doch schon lange nachgegeben hatte. Mit geschlossenen Augen ging er das Protokoll der Ordnung für Exekutionen durch. Es gehörte zu den Dingen, die er mehr beiläufig als aktiv gelernt hatte, als er dem Widerstand beigetreten war. Nicht weil er der Meinung war es unbedingt wissen zu müssen, sondern weil die Akkuratheit des Vorgangs ihn nicht hatte kalt lassen können. Die Neue Republik befürwortete die Todesstrafe nicht und die wenigen Systeme der Republik, die ihr angehörten und an denen die Todesstrafe durchgeführt wurde, befanden sich in kontinuierlichen Auseinandersetzungen mit dem Rest der Republik. Die Art und Weise der Todesarten wurde in den Medien nicht breit getreten und Poe hatte es immer geschafft diese Diskussionen nicht an sich herankommen zu lassen. Jetzt steckte er selbst in dieser Situation und er war überrascht, wir ruhig er jetzt war. Vielleicht gerade weil er diese Protokoll vor Augen hatte. Vielleicht hatte etwas in ihm geahnt, dass es einmal für ihn so weit kommen konnte.
Sie würden ihn holen. Bald. Dann würden sie ihn in den Präparationsraum bringen. An dieser Stelle würden sie das Haar in seinem Nacken stutzen, wenn sie ihm den Kopf abschlugen, wenn nicht, gäbe es sofort das Medikament, das ihn beruhigen würde. Er würde es nicht ablehnen können. Sie wollten, dass das Opfer ruhig blieb und nicht auf den letzten Metern noch einen Kampf anfing, den es ohnehin nicht gewinnen konnte. Die Verlesung des Urteils. Keine Gelegenheit für letzte Worte. Und dann... Poe wusste nicht, was auf ihn wartete. Man hatte es ihm nicht gesagt, doch er fragte sich, ob er das Klinge spüren würde, oder ob es schneller vorbei sein würde. Würde Gift im Exekutionsraum auf ihn warten? Ein Strick? Ein Erschießungskommando? Und da war es doch noch. Ein Schaudern, das seinen Körper ergriff. Eine letzte Regung, bevor es endgültig zu spät war? Bevor sie den leblosen Piloten des Widerstands in einen Sack verpackten und entsorgten?
Als die Tür aufglitt, straffte er die Schultern und sah seiner Eskorte stumm entgegen. Immerhin musste er sich jetzt keine Sorgen mehr darüber machen, dass sie versuchen würden ihm etwas abzupressen. Zwei der Sturmtruppen betraten den Raum und nahmen rechts und links von ihm Aufstellung, doch als Meelan Bendar als nächstes eintrat, musste Poe doch um eine ausdruckslose Mine kämpfen.
„Dameron..." Bendar betrachtete ihn kurz, wie um die Spuren seiner Befragung auf Poes Gesicht noch einmal in Augenschein zu nehmen. Zufrieden nickte er. „Dann wollen wir."
Poe zuckte mit keiner Wimper, als die Sturmtruppen ihn aus dem Raum führten. Sein Blick war starr auf Bendars Hinterkopf gerichtet. Die schwarze Uniform ließ die Haut so viel heller erscheinen, als sie vermutlich war. Poe merkte sofort, wie seine Augen den entblößten Nacken nach dem Muttermal absuchten, das er so oft bei Morap betrachtet hatte. Erleichterung machte sich in ihm breit, als er es nicht fand. Bendar mochte seine Erinnerungen an Morap besudelt haben, doch diese kleine Feststellung fühlte sich an wie ein Triumph auf den letzten Metern seines Lebens. Letzte Meter, die geradezu an ihm vorbei flogen. Der Weg, den sie durch die vollkommen staubfreien Korridore einschlugen, zog geradezu an ihm vorbei. Er wusste, dass er nicht damit rechnen durfte und doch schoss ihm durch den Kopf, wie viel leichter es ihm gefallen wäre nicht jeden seiner Schritte zu zählen, hätte er noch einmal einen Himmel sehen dürfen.
Seine Zunge fühlte sich an wie Sand, als sie, nach einer schier endlosen Fahrt mit einem Transporter und zahllosen Gängen einen kleinen, dunklen Raum betraten. Die Sturmtruppen verschwanden und von einer Sekunde auf die andere fand Poe sich Auge in Auge mit Bendar. Sein Gesicht wäre es also, das er als letztes sehen würde. Mit etwas Glück, schoss es ihm durch den Kopf, würde Meelan Bendars Züge in den letzten Sekunden seines Lebens wieder zu Moraps werden. Ein schwacher Trost. Aber wenn er die Augen schloss, dachte er an Finn und das war unerträglich.
Die Tür war hinter den Sturmtruppen zugeglitten, grelle Lichter erhellten den Raum und Poes Blick glitt sofort zur anderen Seite. Zur nächsten Tür. Die letzte, deren Schwelle er jemals übertreten würde. Er atmete tief durch, als Bendar ihm den Rücken zuwandte und an einer Wandkonsole etwas eintippte. Seine Minuten waren gezählt. Fast wünschte er sich es wäre schon vorbei.
„Wir wollen es nicht in die Länge ziehen. Das Holo-Netz wartet." Bendars Stimme klang kühl wie immer, als er sich wieder zu Poe umwandte, in der einen Hand ein Glas mit Wasser, in der anderen Hand einen winzigen Papierbecher, in dem sich das Medikament befinden musste. Poe nahm es ohne zu zögern. Es würde ohnehin nichts bringen sich zu widersetzen und er wollte verdammt sein, wenn sie ihm die Beruhigungsdroge auch noch aufzwingen mussten. Er blickte Bendar in die Augen, als er den Becher an die Lippen legte und dann den Kopf nach hinten warf. Eine Pille. Poe hatte sie nicht einmal angesehen. Schnell nahm er noch ein paar Schlucke Wasser. Das Glas drohte ihm durch die Finger zu gleiten. Erst jetzt spürte er den dünnen Schweißfilm auf seiner Haut.
„Dann wollen wir es nicht warten lassen", murmelte Poe, als er das Glas Bendar wieder in die Hand drückte. Schön jetzt spürte er, wie schwer sein Arm wurde, doch sein Verstand hörte nicht auf zu arbeiten. Holo-Netz. Öffentlich. Finn. Sein Vater.
Niemand war ihm nahegekommen. Niemand hatte sein Haar gestutzt. „Wie?", fragte er und ärgerte sich darüber, wie schwach seine Stimme klang.
„Hängen." Die Antwort kam prompt ohne vollkommen kühl, doch in dem Gesicht vor sich, glaubte Poe wieder das Zucken zu sehen.
Bendar zückte ein Gerät, ein Scanner, wie Poe sofort erkannte, den Bendar über Poes Brust fahren ließ. Offensichtlich zufrieden mit dem Ergebnis nickte Bendar und steckte das Gerät wieder ein. „Gute Reise, Dameron." Es klang, als habe er es hunderte Male gesagt und vermutlich war es auch so. Distanziert. Kalkuliert.
Poes Muskeln gehorchten ihm kaum, als Bendar ihn rüde mit dem Gesicht zur zweiten Tür drehte. Er wollte sich versteifen. Die fremde Hand abschütteln. Es ging nicht. Die Tür wurde geöffnet und schon jetzt nahm Poe alles wie durch einen schwammigen Filter hindurch wahr. Seine Beine gehorchten, doch sein Verstand schien geradezu abwesend. Er sah den hohen weißen Raum, sah auf einen Blick die drei Holocams und spürte jedes Schlagen seines Herzens. Zählte jeden Atemzug, den er tat, doch die körperlöse Stimme, die das Urteil verlas nahm er kaum wahr, während Bendar ihn in die Mitte des Raumes führte. Zum Emblem der Ersten Ordnung unter dem Gurt, der sein Leben beenden würde. Der Gurt wurde hinab gelassen. Er hörte das leise Surren. Hörte seinen Namen, doch er nahm ihn nicht wahr. Den Kopf hielt er hoch erhoben. Es war das einzige woran er noch denken konnte, während das Blut in seinen Ohren rauschte, während er versuchte mit jedem Atemzug seine Lungen bis zum Bersten zu füllen. Woran er sich festhalten konnte und wollte. Dass er nicht sterben wollte wie ein Feigling. Den Blick zu Boden gerichtet. Er wollte der Ersten Ordnung die Stirn bieten. Ein letztes Mal.
Die Stimme verstummte.
Der Gurt um seine Hals war kühl.
Bendar stand vor ihm. Nickte. Verschwand aus seinem Blickfeld. Trat beiseite.
Es wurde eng.
Kalter Schweiß rann zwischen seinen Schulterblättern herab, als er es spürte. Ehe ihm die Luft wegblieb. Ehe seine Füße den Boden verließen. Füße die zuckten, die nach Halt suchten und ihn niemals finden würden.
Das Weiß des Raumes wich vollkommener Finsternis.
