Hermine erwachte mit einer schieren Gänsehaut. Ihr war, als hätte sie nie geschlafen, sondern lediglich mit geschlossenen Augen gewartet. Auf das große Finale. Auf ein Duell, in dem sich Snape und sie selbst gegenüberstehen würden – sie bewaffnet mit ihrem Wissen, und er… na ja, im Prinzip war er selbst eine einzige Waffe. Seine Augen konnten sie durchbohren, seine Fragen zerbersten lassen, seine Worte sie in Stücke reißen.

Sie konnte nicht länger in ihrem Bett liegen bleiben – obwohl sie noch genügend Zeit hatte, sich noch einmal herumzurollen und weiter zu dösen.

Der Satz „Ich hasse Montage" bekam eine ganz neue Bedeutung für Hermine. Sie stand gequält auf. Sie fühlte sich, als hätte ihr jemand ordentlich in den Magen geschlagen. Vielleicht konnte sie sich ja krank stellen? Nein, schlechte Idee. Das würde es nur unnötig herauszögern.

Sie schleppte sich unter die Dusche, ließ das kühle Wasser auf ihre Haut prasseln. Es war beruhigend… eine Dusche war in diesem Moment genau das richtige… Balsam für die Seele. Als könnte Hermine all ihre Sorgen einfach runterspülen… Sie würde ihrem Peiniger also nicht nur mit Wissen bewaffnet, sondern auch wohl riechend und gewaschen entgegentreten können. Damit war sie ihm vielleicht schon einen Schritt voraus. Zumindest, was die gewaschenen Haare anging. Mit Körperpflege zum Sieg!

Das befreiende Gefühl, das ihr die Dusche verschaffte, konnte aber nicht lange anhalten. Kaum war sie aus der Dusche getreten, schlüpfte ein grausamer Wind durch das auf Kipp stehende Fenster, der ihr die Realität wieder nahe brachte. Ihr fröstelte sofort am ganzen Körper, was nicht nur daran lag, dass ihr kalt war. Sie verband an diesem Tag jedes schlechte Gefühl mit Snape. Alles Kalte, alles Gemeine, alles Ekelhafte und generell alles Negative, was heute mit ihr geschah, war ein Vorbote dessen, was heute Abend auf sie wartete, und natürlich von Snape geschickt. Heute trachtete er ihr nach dem Leben… zumindest empfand Hermine so.

Etwa eine Stunde später saß Hermine, sichtlich fertig mit den Nerven, in der großen Halle, um zu frühstücken. Sie war zusammen mit Ron und Harry runter gegangen, hatte aber während der ganzen Zeit kein Wort gesagt. Jetzt saß sie resigniert auf der Holzbank und starrte ihren leeren Teller an. Dass ihr auf der Treppe eine schwarze Katze begegnet war, hatte sie einfach lächelnd abgetan. Sie war ja nicht abergläubisch, und schwarze Katzen waren in Hogwarts völlig normal. Immerhin hatte sie selbst ein großes, orangefarbenes Katzenungetüm. Doch als ausgerechnet und auch nur ihr Teller einen leichten Riss aufwies, ließ sie das doch zusammenfahren. Ein böses Omen dessen, was noch geschehen sollte? Hermine wagte einen kurzen und unauffälligen Blick zum Lehrertisch. Dumbledore, mit seinem langen, weißen Bart in der Mitte. Hermine ließ ihren Blick etwas nach links schweifen, ganz darauf bedacht, es so unauffällig wie möglich zu machen. Snape sollte ja nicht bemerken, wie sie ihn ansah. Innerlich sträubte sie sich zwar dagegen, Snape zu sehen, doch ein kleiner, aber dominierender Teil in ihr verlangte förmlich danach.

Doch so heimlich Hermine auch zum Lehrertisch sah… Snape konnte sie dort nicht erspähen. Für einen kurzen Moment war Hermine ungemein erleichtert… wenn sie sich schon nicht krank stellen konnte… vielleicht war er dann ja tatsächlich krank? Das wäre die einfachste Lösung für sie alle. Na ja, eigentlich nur für Hermine, aber das reichte ihr voll und ganz.

„Baah, ich könnt kotzen, wenn ich sein Gesicht sehe", maulte Harry, der wie Hermine zum Lehrertisch sah, plötzlich.

„Ja, Hermine, du tust mir echt Leid, wenn ich daran denke, was noch auf dich zukommt", stimmte Ron zu.
Hermine brauchte einen Moment um zu verstehen, was sie gerade gesagt hatten. Sie folgte Harrys Blick und musste leider erkennen, dass Severus Snape, angesehener Zaubertränkelehrer und Hauslehrer von Slytherin, heute nicht etwa abwesend war, sondern lediglich nicht an seinem gewohnten Platz saß. Zur Abwechslung saß er mal rechts von Dumbledore.

Hermine sah darin schon gleich das nächste Omen. Allerdings konnte sie sich nichts Gescheites dazu zusammenreimen. Normalerweise war links ja eher die „böse" Seite… vielleicht war dies zur Abwechslung mal ein gutes Zeichen? Immerhin saß Jesus zur Rechten Gottes… und dementsprechend würde Snape vielleicht mal nach christlichen Verhaltensregeln agieren? Liebe deinen nächsten wie dich selbst, und so. Aber durfte man sich als Hexe des 20. Jahrhunderts überhaupt an so etwas wie dem Christentum orientieren? Und vielleicht hasste Snape sich selbst ja genauso sehr wie jeden einzelnen Gryffindor? Vielleicht hatte Snape auch noch nie etwas von solchen Dingen gehört? Vielleicht war er Atheist? Oder Satanist? (Oder Bassist einer Black Metal Band?) Ach, wie herrlich kompliziert es doch alles war. Hermine zermaterte sich wegen so vieler unnützer und unwichtiger Fragen gerade den Kopf, doch vielleicht war es gerade das, was sie im Moment brauchte. Eine winzig kleine Ablenkung.

Schon kurze Zeit später war sie zusammen mit Harry und Ron auf dem Weg zum Unterricht… Zauberkunst, Kräuterkunde, Geschichte der Zauberei, … das alles brachte Hermine mehr oder weniger schnell hinter sich. Normalerweise war sie von jedem Unterricht begeistert (haha, Wortwitz!) und beteiligte sich auch rege daran, aber heute… heute sah sie ständig voller Panik auf die Uhr, um zu zählen, wie viel Zeit sie noch hatte, sich mental auf ihre Nachhilfestunde vorzubereiten. Als die drei sich zum Verwandlungsunterricht begaben, wartete McGonagall schon an der Tür. Hermine hatte einen kurzen Moment lang die Hoffnung, dass McGonagall nicht wegen ihr dort stand, und dass sie einfach vorbeigehen konnte. Doch schon wurde sie eines besseren belehrt. „Miss Granger, haben Sie einen Moment Zeit für mich? Mister Potter, Mister Weasley, nun gehen Sie schon weiter!"

Harry und Ron gingen widerwillig in den Verwandlungsraum, immerhin wollten sie auch erfahren, was McGonagall mit Hermine vorhatte. Als alle Schüler im Raum waren und McGonagall ungestört mit Hermine reden konnte, legte sie eine Hand auf Hermines Schulter und begann einfühlsam und motivierend zu sprechen: „Miss Granger, Sie denken daran, dass Sie heute Nachhilfe bei Professor Snape haben?"

Hermine nickte. McGonagall hatte ja keine Ahnung. Sie dachte seit Tagen an nichts anderes. Man konnte diesem schrecklichen Ereignis ja nicht entgehen, man konnte ja noch nicht einmal die Gedanken daran verdrängen! Das hatte Snape bestimmt alles so geplant. Psychische Folter.

McGonagall lächelte: „Nehmen Sie's nicht so schwer, es ist ja nur zu Ihrem Besten. Professor Snape wird Ihnen schon nichts antun."

Hermine lächelte matt. Sie selbst war sich da nicht so sicher. Wer weiß, wozu ein genervter Slytherinlehrer fähig war, wenn man ihm Extrastunden mit einem doofen Schlammblut reindrückte, wo er doch eigentlich seine Freizeit genießen wollte? …was machte Snape eigentlich so in seiner Freizeit? Kinder fressen? Geister erschrecken? Gemein sein?

McGonagall nickte Hermine noch einmal aufmunternd zu, bevor sie in den Verwandlunsgraum ging, in den Hermine ihr folgte, um dann auch diesen Unterricht hinter sich zu bringen. Sie bekam alles nur so halb mit, und dennoch konnte sie am Ende als eine der wenigen die erwartete Leistung vollbringen. Hermine seufzte – wenn der Unterricht bei Snape nur auch so glatt laufen würde.

Und dann war es auch schon Zeit für das Abendessen in der großen Halle. Die kostbaren, letzten Minuten, bevor es in die Höhle des Löwen… pardon, die Höhle der Schlange ging. Hermine war so nervös wie damals, als sie Snape ihre Liebe gestanden hatte, oder noch viel nervöser. Bei dem Gedanken an damals fragte sie sich, wie sie denn jetzt für Snape empfand… sie hasste ihn nicht. Sie hatte einfach nur Angst vor ihm. Vor der Konfrontation. Vor einer entschiedenen Abfuhr. Vor gemeinen Verspottungen. Aber… liebte sie ihn auch noch? Machte sie sich doch noch irgendwelche Hoffnungen? Sinnlose, unverständliche, unlogische, irrationale Hoffnungen? Hermine war sich im Moment nicht sicher, was sie fühlte… und eigentlich… hatte er ihr damals kein entschiedenes Nein gegeben… er hatte nur gesagt, sie sei eine seiner Schülerinnen… es lag noch nicht mal daran, dass sie ein Schlammblut war… er hatte sogar gesagt, sie solle sich nicht selbst so nennen… Und da erkannte Hermine, wie dumm sie wirklich war. Mit dem Satz „Sie sind eine meiner Schülerinnen" hatte Snape damals eigentlich schon alles besiegelt. Selbst wenn er irgendwas empfinden würde (außer Hass) – und das tat er bestimmt nicht -, gab es keine Hoffnungen auf irgendwas, außer auf Enttäuschungen. Außerdem hatte es doch nie eine Chance dafür gegeben, dass er für sie empfand, wie sie für ihn. Er war ihr Lehrer… sie sahen sich gerade zwei Mal die Woche für zwei Stunden, und auch dann bestand die einzige Kommunikation in melden und nicht dran genommen werden. In eifrigem Wissen und Rummeckern. Es hatte nie irgendeine Möglichkeit für eine Romanze gegeben, oder auch nur für ein Fünkchen Romantik. Hermine hätte bei der Erkenntnis weinen können, vor allem weil sie zu spät kam. Hätte diese Erkenntnis sie eine gute Woche früher ereilt, so wäre ihr dies alles erspart geblieben…

Direkt nach dem Abendessen würde sie sich auf den Weg zu Snapes Büro machen… das Essen erschien ihr wie eine Henkersmahlzeit. Sie kaute und schluckte es völlig emotionslos runter, es schmeckte für sie zum ersten Mal alles nach Pappe. Harry und Ron versuchten sie noch irgendwie aufzuheitern, doch es hatte keinen Sinn. Wie konnten sie auch verstehen, was gerade in Hermine vorging? Für die beiden war es ja nur eine Nachhilfestunde beim unbeliebtesten und meist gehassten und widerlichstem und gemeinstem Lehrer der Schule, die Hermine absitzen musste. Sie hatten ja keine Ahnung, dass es sich bei Snape zufällig auch um ihre heimliche Liebe handelte, dem sie vor Kurzem ihre dümmliche, naive Liebe gestanden hatte.

Als es Zeit war loszugehen, schob sie ihren Teller mutlos von sich weg, stand auf, und nach einer kurzen Verabschiedung von Harry und Ron machte sie sich auf ihrem Nachhilfelehrer entgegenzutreten… ihrem Peiniger… ihrem Geliebten… ihrem Folterschergen… ihrem verehrten Zaubertränkeprofessor.

Es war genau wie damals. Steinerne, feuchte Wände. Unheimliche Kerkeratmosphäre. Eine kalte, hölzerne Tür. Fast wie von selbst hob sich ihre Hand, die zur Faust geballt war, um an die Tür zu klopfen. Sie war schneeweiß.

Dann… ein dumpfes Pochen.