Kapitel 10 Halloween

In den nächsten Wochen dachte Harry sehr viel über Snapes Worte nach, während der Unterrichtsstunden und in der Zeit, die er mit seinen Freunden verbrachte. Aber er hatte auch seine erste Quidditch-Stunde bei seinem Teamcaptain, Oliver Wood, und freute sich sehr auf die zukünftigen Trainingsstunden und die Spiele gegen die anderen Häuser.

Es kam ziemlich überraschend, als er bemerkte, dass er bereits seit zwei Monaten in Hogwarts war. Endlich fühlte er sich zu Hause, und das auf eine Art und Weise, wie er sie bei den Dursleys niemals erfahren hätte. Magie wurde leichter für ihn und der Unterricht machte dadurch auch viel mehr Spaß. Und vielleicht zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, hatte er echte Freunde; Leute, die ihm ans Herz gewachsen waren und noch viel wichtiger, die ihn genauso mochten.

Wenn er nur Severus befreien könnte, alles wäre perfekt.

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Severus saß in seinem Büro neben dem Zaubertrankklassenzimmer und starrte einfach nur trübselig vor sich hin.

Zehn Jahre lang war Dumbledore für ihn verantwortlich gewesen. Albus, sein Freund, sein Mentor, der Mann, der sich so viel Mühe gab, damit Severus sich wie ein freier Mensch fühlen konnte. Fast eine Dekade lang hatte er sich kaum wie ein Sklave verhalten müssen. Sicher, er hatte wenig Geld zur Verfügung gehabt und hatte Dumbledores Erlaubnis einholen müssen, um gewisse Dinge tun zu können. Aber es hatte niemanden gegeben, den er gezwungen war, Meister zu nennen. Ihm war sogar erlaubt worden, Lehrer zu sein und Gewalt über eine Schule voller freier Kinder zu haben.

In wenigen Minuten würde sich das ändern. Sein Meister, Harry James Potter, war elf Jahre alt geworden und würde jeden Moment in Hogwarts eintreffen, wenn er nicht schon da war... er würde von seinem Erbe erfahren und von seinem Besitzanspruch auf Snape.

Er war Lilis Sohn. Sicher konnte er nicht so anders sein wie seine Mutter. Lily war eine wundervolle Misstress gewesen, die ihn Malfoy für einen vermutlich sehr hohen Betrag abgekauft hatte, nur um ihn davor zu bewahren, misshandelt zu werden. Sicherlich würde Harry in ihre Fußstapfen treten.

Andererseits, war Harry nicht von seiner Mutter großgezogen worden. Und er war ein elfjähriger Junge, der plötzlich die komplette Befehlsgewalt über jemanden hatte, der sehr viel älter war als er selbst. Konnte er wirklich der Versuchung widerstehen, diese Macht zu nutzen?

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"Severus, komm mit uns.", sagte Harry leise.

Es war Halloween und ein unfreundlicher Kommentar von Ron hatte dazu geführt, dass sie beide Hermine vor einem riesigen, vollkommen ausgewachsenen Bergtroll retten mussten. McGonagall hatte sie gerade entlassen (ausgerechnet aus den Mädchentoiletten), aber er musste mit Snape sprechen.

Severus hatte stumm dabei gestanden, als die stellvertretende Schulleiterin seinen Meister zuerst getadelt und ihm dann widerstrebend gratuliert hatte. Als er seinen Namen hörte, gehorchte er sofort, McGonagall nur einen kurzen Blick zuwerfend. Sie kräuselte die Lippen, offensichtlich Harrys Befehl nicht gut heißend. Aber sie konnte nichts sagen oder tun. Harry konnte Snape befehlen, wie er es für richtig hielt.

Sie verließen die Toiletten und Harry wartete noch, bis sie einige Gänge weiter weg waren, ehe er anhielt und sich herum drehte.

„Warum warst du nicht mit den anderen Lehrern in den Kerkern?", fragte er rundheraus. Ron fügte noch seine eigene Zustimmung zu der Frage hinzu, während Hermine nur fragend zwischen den beiden hin und her sah.

Snape seufzte. Ihm war nicht klar gewesen, dass er gesehen worden war – und auch noch von seinem Meister, die eine Person, der er eine Antwort nicht verweigern konnte.

„Ich... vermutete, dass der Troll eine Ablenkung war, Meister.", antwortete er zögerlich.

„Ablenkung für was?"

Er zögerte erneut. „Es... ist im Moment etwas in der Schule versteckt. Ich habe nicht das Recht Euch zu sagen, was es ist, es sei denn Ihr befehlt es mir, Meister. Ich vermutete, dass jemand den Troll benutzen wollte, um die Lehrer abzulenken und es zu suchen."

Harry runzelte die Stirn. „Wen hast du verdächtigt?"

Er wollte nicht antworten, aber es war eine direkte Frage gewesen, eine Art Befehl. „Professor Quirrel.", antwortete er widerstrebend.

„Dieser stotternde Idiot?", fragte Ron ungläubig.

„Er hat nicht immer gestottert."

„Also, was ist hier versteckt? Harry – "

„Ich werde ihm nicht befehlen, es uns zu sagen, Ron. Ich will es genauso wissen, wie du, aber es wäre nicht richtig."

Hermine, die schon den Mund geöffnet hatte, um den Rotschopf zurechtzuweisen, schloss ihn wieder und nickte nur zustimmend.

"Aber komm schon –"

„Mr. Weasley." Jetzt, da er sicher war, wie die Meinung seines Meisters zu dem Thema aussah, konnte er etwas Autorität übernehmen. „Mr. Potter mag mein Meister sein, aber Sie sind mein Schüler. Ich kann sehr leicht etwas Extraarbeit für Sie finden, wenn Sie nichts produktives mit Ihrer Zeit anzufangen wissen."

"Harry –", protestierte Ron.

"Sei still, Ron.", sagte Hermine im selben Moment, als Harry erwiderte: "Ich werde mich nicht in seine Arbeit einmischen, Ron."

„Darf ich jetzt gehen, Meister?", fragte Snape steif.

„Ja."

„Danke." Er verbeugte sich und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Büro.

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Er stand vor der Tür zu Dumbledores Büro, von Furcht erfüllt. Wenn Harry Potter nicht wie seine Mutter war, wenn er mehr wie Lucius Malfoy war... innerhalb einer halben Stunde konnte er nackt sein und sich vor Schmerz am Boden winden. Und Dumbledore wäre unfähig irgendetwas dagegen zu tun. Der Gedanke, dass Dumbledore solche Erniedrigung mit ansehen musste, war schlimmer als die Erinnerung an seine Behandlung in Black Manor, vor Lily Potter.

Er hörte Dumbledores Ruf und trat schnell ein. Er blickte zu dem dunkelhaarigen Jungen, seine Augen huschten zu dessen Stirn, um die Narbe zu sehen und zu bestätigen, dass dies tatsächlich sein Meister war. Dann fiel er auf die Knie, senkte seinen Kopf in absoluter Unterwerfung auf den Boden.

Ich schwöre, Euch jederzeit zu dienen und zu gehorchen, mein Meister. Ich gehöre Euch, was auch immer Ihr verlangt."

Einen Moment lang war es still, und er konnte sein Herz vor Angst rasen hören. Endlich forderte Dumbledore seinen Meister auf, ihm das Aufstehen zu erlauben. Er ließ seinen Kopf gesenkt, bis ihm die Erlaubnis gegeben wurde, ihn zu heben.

Als er endlich geradewegs auf seinen Meister sah und dessen unsicheren Gesichtsausdruck bemerkte, war seine Erleichterung so groß, dass er Schwierigkeiten hatte, auf den Füßen zu bleiben.

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TBC