Kapitel 10 – Die Hufflepuff-Tasse

Hermine erwachte mit den ersten winterlichen Sonnenstrahlen. Ihr Körper fühlte sich an, als hätte sie Tags zuvor zuviel Sport gemacht. Jede einzelne Faser ihrer Muskeln pochte. Alles schien verspannt und überanstrengt zu sein. Ein dickes Gähnen durchfuhr sie. Sie fühlte sich zwar erledigt, aber irgendwie war sie zufrieden. Der gestrige Abend war sehr erfolgreich verlaufen und wider Erwarten machte es ihr weniger aus als gedacht, dass Snape in ihren Gedanken gewühlt hatte. Immerhin hatte sie erfolgreich verhindert, dass er die Szene im Klassenzimmer ganz gesehen hatte. Sie war an jenem Tag so fasziniert gewesen von der Art und Weise, wie Snape diesen Zaubertrank herstellte, dass sie minutenlang gebannt auf seine Hände gesehen hatte. Am Ende hatte sie sich ganz kurz überlegt, wie diese Hände wohl zu einer Frau wären, ob sie genauso zielstrebig und perfekt über einen weiblichen Körper gleiten würden. Und ob er wohl jemals eine Frau geliebt hatte.

Seit sie Snape vertraute übte er eine noch viel größere Faszination auf sie aus, als er es ohnehin schon immer getan hatte. Sie war jetzt unendlich nah an diesem Wissen dran, die verrückten Umstände boten ihr eine solch außergewöhnliche Chance, die ihr sonst in jedem Fall verwährt geblieben wäre.

Gut gelaunt machte sie sich auf zum Frühstück und danach zum Unterricht in Verwandlung. Hermines Gedanken schweiften das ein oder andere Mal vom Unterrichtsstoff ab und bahnten sich ihren Weg in den Magischen Baum. Als sie hoch schreckte, weil McGonagall ihr eine Frage gestellt hatte, begann sie ernsthaft an sich selbst zu zweifeln. Sechs Jahre lang hatte sie keine Silbe irgend eines Lehrers verpasst und nun versank sie minutenlang in Tagträumereien. Ihr Umgang mit Professor Snape schien ihrem bevorstehenden Abschluss alles andere als dienlich zu sein.

Nach dem Unterricht fanden sich Lupin, Slughorn, Ron, Hermine, Harry, Madeye Moody und McGonagall in den Kerkern zusammen. Erneut hatte Lupin alle Bänke zur Seite geräumt und die vermeintliche Horkrux-Tasse auf den runden Tisch gestellt. Sie sah aus wie eine große Suppentasse aus weißem Porzellan mit einem goldenen Henkel auf jeder Seite. Auf der Vorderseite erkannte man das Wappen von Hufflepuff in den Hausfarben, auf der Rückseite war das Portrait von Helga Hufflepuff in feinen Pastelltönen aufgemalt worden. Die Tasse hätte in jedem Geschirrschrank ohne aufzufallen Platz finden können.
„Dieses Mal können wir hoffentlich vermeiden, dass jemand von uns zu Schaden kommt. Mir ist immer noch ein Rätsel, wie Sie die schwarzmagischen Wunden so schnell überstanden haben, Hermine", bemerkte Lupin kopfschüttelnd.
Hermines Herz begann sofort zu klopfen und sie spürte ihre Wangen warm werden. Sie wagte es nicht, Lupin in die Augen zu sehen. Es beschlich sie das Gefühl, man könnte ihr sofort ansehen, dass sie sehr genau wusste, wer ihr zur unvorhersehbaren Heilung verholfen hatte.
„Seien Sie alle vorbereitet und nehmen Sie ihre Zauberstäbe in die Hand", sagte Lupin und begann, die ersten Zauber zu sprechen, die Klarheit darüber verschaffen sollten, ob die Tasse überhaupt schwarzmagisch behandelt wurde. Wie das Amulett begann auch die Tasse zu vibrieren, als ein Zauber über sie gelegt wurde. Sie reagierte offensichtlich auf die magische „Befragung". Jedoch blieb sie nach wie vor auf dem Tisch stehen und machte keine Anstalten, die Personen um sich herum in irgendeiner Form anzugreifen.
Madeye Moody blickte mit seinem magischen Auge von allen Seiten auf die Tasse, als könne er durch sie durch sehen, aber ohne Ergebnis.
Nach weiteren zwei Stunden stand die Gemeinschaft weiterhin vor einem Rätsel.
„Die Tasse scheint zwar ein schwarzmagischer Gegenstand zu sein, aber uns fehlt bisher jeder Beweis dafür, dass es auch wirklich ein Horkrux ist", stellte Slughorn fest.
„Wir müssen der Tasse ihr Geheimnis entlocken, koste es was es wolle", sagte Harry und die anderen sahen ihn erwartungsvoll an.
"Wie wäre es, wenn wir Professor Trelawney um Hilfe bitten? Zugegeben, was Voraussagungen angeht, war sie bislang nicht sehr erfolgreich, aber in ihrem Unterricht hat sie uns einmal gesagt, dass sie auch Informationen über Gegenstände und Menschen herauf beschwören kann, die in der Vergangenheit liegen", sagte Harry.
„Ein Versuch ist es auf jeden Fall Wert, oder?", fragte McGonagall und blickte in die Runde, um die Antwort der anderen abzuwarten. Ein allgemeines Nicken und McGonagall machte sich sofort auf den Weg zur schillerndsten Professorin, die Hogwarts zu bieten hatte.
„Meint ihr wirklich, Regulus hat es geschafft, die Tasse alleine zu entwenden? Wenn ich überlege, wie schwierig es war für Dumbledore und Harry an das Amulett zu kommen. Für einen alleine wäre es doch unmöglich gewesen, in der Höhle bis zum Medaillon vorzudringen", sagte Ron.
„Aber das echte Medaillon hat Regulus ja auch irgendwie entwendet und offensichtlich sehr wohl alleine. Es gibt jedenfalls keine Hinweise darauf, dass er einen Helfer gehabt hätte. Wir werden wohl nie erfahren, wie er das gemacht hat", sagte Hermine.

Die Runde blickte weiterhin gebannt auf die Tasse und wartete.
Wenig später öffnete sich die Tür und McGonagall erschien mit Trelawney an ihrer Seite.
"Ich habe Sybill in die Thematik der Horkruxe eingeweiht, sie weiß Bescheid", sagte McGonagall.
Trelawney grüßte alle geistesabwesend mit einem Kopfnicken. Sie hatte einen wehendes grellbuntes Kleid an und mit ihrer überdimensionalen Brille sah sie aus, als könne sie alles dieser Welt sehen, nur nicht die Wahrheit.
Hermine fühlte eine große Portion Skepsis in sich aufsteigen. Sie hatte dieser Person schon immer alles andere als Sympathie entgegen gebracht. Es gab keinen Zweifel, dass die nicht gerade hochbegabte Wahrsagerin gleich 1000 Dinge sehen würde, was diese Tasse betraf. Die Frage war nur, wie vertrauenswürdig diese Informationen sein würden. Trotzdem blieb ihnen keine andere Wahl.
Trelawney stürzte sich sofort auf das Objekt der Begierde. Sie hatte eine Karaffe Wasser mitgebracht und eine braune Substanz, die einer Mischung aus Erde und Kaffeesatz glich. Diese füllte sie sofort in die Tasse, murmelte einige Zaubersprüche und goss etwas Wasser dazu.
Die Oberfläche war spiegelglatt und glänzte silbernfarben fast wie ein Spiegel. Theatralisch wie es alle Schüler Hogwarts es gewohnt waren, hob sie ihre beiden Hände theatralisch und fokussierte die Tasse. Plötzlich zuckte sie zusammen, als hätte sie Kontakt mit dem Inneren des Objektes aufgenommen.
"Oh, ich kann sie spüren, sie ist da, diese Energie! Eine schreckliche Energie, schwarz wie die Nacht und tödlich."
"Ist die Tasse ein Horkrux?" platzte es aus Ron heraus, aber Trelawney befand sich gerade in ihrer ganz eigenen Welt und ließ sich nicht stören.

"Ein Mann, ich sehe einen Mann, er trägt das Zeichen der Schlange, er ist reinblütig, sehr reinblütig, er folgt einem anderen Mann, einem Wesen, oh, es ist der Dunkle Lord mit einer Schlange. Der Dunkle Lord trägt eine Tasse bei sich, diese Tasse. Da, eine Lichtung, ein weiterer Mann, er stellt sich dem Dunklen Lord in den Weg. Tot, er ist tot, getötet, ermordet!", schrie sie, als hätte man ihr in diesem Moment selbst ein Messer in die Brust gerammt. Sie hielt sich die Brust und nur langsam ließ der Schmerz nach und sie konzentrierte sich erneut auf die Tasse.

„Der Dunkle Lord spricht einen Zauberspruch auf die Tasse. Ich verstehe ihn nicht. - Oh mein Gott, jetzt zieht er einen Teil seiner Seele aus sich heraus, er legt sie um die Tasse und die Henkel, lässt sie verschmelzen, zerbrechlich, alles sehr zerbrechlich..."
Trelawney presste nun ihre Handflächen an ihren Schläfen, als könne sie damit verhindern, dass ihr Kopf platzte. Es kostete sie unglaublich viel Energie, diese dunklen Geschehnisse in Worte zu fassen. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub, als sie die Tasse berühren wollte und Hermine befürchtete schon, sie würde die Tasse zu Fall bringen.
"Der Reinblütler, er folgt dem Dunklen Lord. Ich sehe ein Graben, ein Tunnel hinein in die Erde, ein großer Tunnel. Viele magische Zauber werden gesprochen, oh welch grausame schwarze Magie, der Dunkle Lord stellt die Tasse ab, verborgen hinter Pflanzen. Er verschwindet. Der andere verbirgt sich und beobachtet. Er kehrt zur Tasse zurück, bei Merlin, er ist klug, sehr klug! Er macht die Zauber rückgängig, mit unverständlichen Worten. Noch mehr Zauber, die Tasse wehrt sich, schüttelt sich, reißt den Mann zu Boden, aber er ist stärker, die Tasse vibriert, bleibt stehen, - aus."

Trelawney zitterte nun am ganzen Leib. Alle Beteiligten hatten schwere Zweifel, ob sie diese Aktion weiterführen konnte. Sie holte aber noch einmal tief Luft und widmete sie sich der nächsten Szene.

„Die Tasse, sie ist in einem Zimmer mit alten Gegenständen, ein dunkles Haus, ebenso reinblütig wie der Mann selbst. Es klopft kräftig an der Tür, der Mann stellt die Tasse hektisch in den Geschirrschrank, schnell, es hämmert an die Tür, die Türe wird aufgebrochen. Der Dunkle Lord persönlich. Der Mann verbeugt sich, richtet sich auf, geht mit. Zu, die Tür schließt sich, weg – für immer."
Trelawney sackte in sich zusammen. Lupin und McGonagall stützten sie links und rechts und zogen sie auf einen Stuhl.
Die Runde beobachtete sie beeindruckt. Es schien, als hätte Trelawney einmal etwas zu berichten, was der Wahrheit entsprach.
"Regulus war dabei, als Voldemort den Horkrux herstellte! Er hat alles gesehen und gehört. Vermutlich hat er die Tasse mit Zaubern auf Parsel belegt. Nur wer Parsel kann hätte diese Zauber auch wieder rückgängig machen können. Welch Glück, dass es Regulus war, der die Tasse gefunden hat", erklärte Lupin voller Hochachtung.
"Als Voldemort Regulus abholte, war das der Tag seines Todes?", fragte Hermine.
Trelawney hatte sich wieder etwas gefasst und hob ihren Kopf.
"Die Tasse hatte keine weiteren Informationen zu dem reinblütigen Mann, er ist nie wieder an diesen Ort zurückgekehrt", flüsterte sie schwach.
"Dann ist Regulus in jener Nacht getötet worden. Vielleicht hat er sich nach dem Erlebnis mit der Tasse gegen Voldemort aufgelehnt und es mit dem Leben bezahlt", sagte Harry nachdenklich.
"Ganz werden wir es nie erfahren, fest steht nur, dass Regulus sein Leben riskiert hat, um die Tasse zu stehlen. Es sieht aber nicht so aus, als wäre der Horkrux bereits zerstört", sagte Lupin.
"Tom Riddles Tagebuch haben wir damals vernichtet, in dem wir in das Buch hineingestochen haben. Warum lassen wir die Tasse nicht einfach fallen?", fragte Hermine.
"Uns bleibt wohl keine andere Möglichkeit", sagte Lupin und begann, den Tisch beiseite zu schieben.
Sie stellten sich alle in einen Kreis und Lupin nahm die Tasse in die Hand. Er positionierte sich im Mittelpunkt, alle richteten ihre Zauberstäbe auf die Tasse.
Lupin ließ die Tasse fallen und eine Sekunde später zerschelte sie am Steinboden des Kerkers und zerbrach in Tausende Einzelteile. Durch den Aufprall musste sich Hitze gebildet haben, die Flüssigkeit, die Trelawney in die Tasse gefüllt hatte verdampfte plötzlich. Die erdeähnliche Substanz wurde zu Staub und stieg in einer großen Schwade an Lupin entlang nach oben an die Decke. Hermine glaubte, für einen Moment das Gesicht von Voldemort darin erkennen zu können. Ein schrilles Schreien begleitete den Rauch, als würde ein Stück Seele in Stücke gerissen, dann wurde es still und der Staub sank langsam zurück auf den Boden.
Wie gefesselt standen immer noch alle mit erhobenen Zauberstäben da und waren unfähig sich zu bewegen. Ein Siebtel von Voldemorts Seele hatte sich soeben in Staub aufgelöst.

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