Kapitel 10 – Verhängnisvolle Botschaften
Ereignislos zogen zahlreiche Wochen an Hermine vorbei, wie eine Schar von Blättern im Wind. Der Sommer hatte es mittlerweile geschafft den Gipfel der höchsten Temperaturen zu erklimmen. Und während sich draußen die Hitze in den Wipfeln der Bäume sammelte, herrschte in dem kleinen Haus in Godric's Hollow ein eisiges Klima.
Seit jenem nächtlichen Vorfall begegnete Snape Hermine nur noch mit wortkarger Zurückhaltung und Reserviertheit. Wenn er ihr überhaupt begegnete, denn es schien fast so als würde er versuchen ihr aus dem Weg zu gehen, indem er sich jede freie Minute in den ihr verbotenen Raum zurückzog.
Doch trotz seines distanzierten Verhaltens lag Hermine oft stundenlang wach und lauschte aufmerksam in die Dunkelheit. Bei jedem noch so kleinen Knarzen der Bodendielen schreckte sie auf und kämpfte mit der Angst, Snape würde ihr wieder einen nächtlichen Besuch abstatten. Obwohl inzwischen bereits einige Wochen zwischen jenem Geschehen lagen, war es ihr immer noch unangenehm wenn er, leise wie ein Raubtier, vor ihrer Tür umher schlich.
Allerdings war ihre Furcht unbegründet – denn sein Erscheinen blieb aus. Ebenso wie ihre Träume und ihre Erinnerungen. Letzteres machte ihr schwer zu schaffen, denn oft zerbrach sie sich den Kopf darüber, wer sie wohl in ihrem früheren Leben gewesen war und warum sie es nicht schaffte sich an irgendetwas zu erinnern.
Trotz ihres unruhigen Schlafs und der zerwühlten Laken, welche sie Tag für Tag aufs Neue glatt strich, blieb sie von den schlimmen, nächtlichen Heimsuchungen ihres Unterbewusstseins verschont. Und obwohl der Mangel an Schlaf seine Spuren, in Form von dunklen Schatten unter ihren Augen hinterlassen hatte, war sie doch froh, dass Snape ihr weiteres Leid ersparte.
Sie wußte ohnehin nicht recht was sie von ihm zu halten hatte, denn seine Launen waren meist wechselhafter als das schottische Wetter.
Der einzige Lichtblick, der ihre trostlosen Tage erhellte, war der kleine Garten, um den sie sich nun kümmern durfte – ihr Garten. Es war als hätte sie ein kleines Stück Freiheit zurück gewonnen, wenn sie durch die inzwischen gepflegten Blütensträucher und Gräser spazierte und die wärmenden Strahlen der Sonne sowie die kühlenden Briesen des Windes genoss.
Hier hatte sie tagsüber eine Rückzugsmöglichkeit, die er zu respektieren schien, denn nur in äußerst seltenen Fällen betrat er den Garten bei Tag.
Allerdings beobachtete sie oft des Nachts durch ihr Fenster, wie er fast schon andächtig durch die prachtvollen Lilienbeete wanderte und ab und zu eine der weißen Blüten pflückte. Was er jedoch mit den Blumen unternahm war ihr ein Rätsel, denn sie waren nirgendwo im Haus zu finden.
Doch die fehlenden Lilien waren nicht das einzig Unerklärliche, was er und ihre Umgebung für sie darbot. Ihr Kleiderschrank beinhaltete ebenfalls ein Mysterium, das ihr Kopfzerbrechen bereitete, denn immer und immer wieder brannte die Frage auf ihren Lippen, von wem wohl die gesamte Kleidung stammte.
Zweifellos von einer Frau. Seiner Frau? Hatte er tatsächlich eine Frau gehabt? Er? Und warum waren so viele Umstandsklamotten in deren Garderobe zu finden?
Hermine erinnerte sich an die zahlreichen Kisten voller Kinderspielzeug und Kinderbüchern, auf die sie bereits im Keller gestoßen war.
Vielleicht hatte er sogar ein Kind? Doch was war mit Frau und Kind passiert? Hatten sie ihn verlassen?
Gar nicht so abwegig, denn es freiwillig mit diesem Mann und seinen Launen auszuhalten grenzte beinahe an Irrsinn – oder aber an ein Wunder. Sicherlich wurde er von Frau und Kind verlassen – aber was wenn nicht?
Was, wenn er beide durch einen herben Schicksalsschlag verloren hatte? Der Mode der Klamotten nach zu urteilen, wohl schon vor langer Zeit.
Das würde immerhin zu einem gewissen Teil seine mürrische und schlechte Laune erklären, ebenso wie seine in sich gekehrte, eigenbrödlerische Art.
Aber was wenn sie mit ihren Vermutungen vollkommen auf dem Holzweg war?
In Gedankenversunken spürte Hermine nicht, dass die Sonne bereits schon ziemlich tief am Himmel stand und damit drohte, schon recht bald unter zu gehen.
Nachdenklich kniete sie im sonnengewärmten Gras und beugte sich dabei über ein neu bepflanztes Blumenbeet, welches sie gerade von frisch gewucherten Unkrautkeimlingen befreite.
Nach getaner Arbeit lehnte sie sich zurück und begutachtete zufrieden ihre getane Arbeit, während sie sich eine ihrer Strähnen aus ihrem Gesicht strich, welche das lüsterne Spiel des Winds unverschämterweise aus ihrem Zopf gelöst hatte.
"Scheint als würdest du es genießen im Dreck zu wühlen. Allerdings hoffe ich nicht, dass du dort auf der Suche nach deinen Erinnerungen bist?" Erklang plötzlich eine dunkle Stimme hinter ihr und ihr zynischer Unterton ließ einen Schauer über sie hereinbrechen.
Hermine zuckte kurz zusammen und drehte ihren Kopf so schnell über ihre rechte Schulter, dass ihr die widerspenstige Haarsträhne erneut ins Gesicht fiel.
Sie hatte es nicht mitbekommen, dass er den Garten betreten hatte, doch es war ihr mittlerweile mehr als bekannt, dass er die Gabe besaß nahezu lautlos umherzuschleichen. Gelassen saß Snape auf der kleinen Bank zwischen den verknöcherten Rosensträuchern und Hermine konnte erkennen, dass er in seiner blassen Hand ein zusammengefaltetes Stück Pergament hielt.
"Komm und setz' dich neben mich. Ich möchte dir etwas zeigen." Er tippte auf die freie Stelle neben sich und Hermine schickte der Bank einen stillen Fluch entgegen, dass sie genug Platz für beide darbot.
Innerlich aufgewühlt schaffte sie es trotz allem, mit einer gespielten Gelassenheit die erdigen Gartenhandschuhe von ihren Händen zu streifen und diese achtlos zu Boden zu werfen.
In erstaunlich ungezwungener Pose und Aufmachung saß er nun vor ihr. Den sonst so zugeknöpften, schwarzen Gehrock hatte er abgelegt und zum Vorschein kam ein blütenweißes Hemd sowie eine schlichte, schwarze Weste, die er sonst immer unter seiner strengen Robe zu tragen pflegte. In dieser Montur hatte er sich zurückgelehnt und sein rechter Arm lag entspannt auf der Rückenlehne der Bank.
Jedoch jagte ihr der Gedanke, sich jeden Augenblick in eine solch innige Position mit ihm begeben zu müssen, einen Schauer über den Rücken. Sie ermahnte sich zur Selbstbeherrschung.
Ohne sich auch nur den kleinsten Funken von Einschüchterung anmerken zu lassen, sank sie angespannt neben ihn auf das verwitterte Holz und blickte ihn herausfordernd an.
Was wollte er bloß von ihr?
Doch ihre Frage sollte binnen Sekunden ihre Antwort erhalten.
"Wir haben eine Einladung erhalten, meine Liebe", sagte er mit einem verdächtig weichen Ausdruck in der Stimme.
"Wir? Wieso wir?", fragte Hermine voller Skepsis, während sie ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen ansah.
Sein Mundwinkel eilte in die Höhe und hinterließ einen perfiden Ausdruck auf seinen schmalen Lippen, bevor er mit einer geschickten Handbewegung den Brief entfächerte und ihn ihr vor die Nase hielt.
"Lies das!"
Nur zögerlich griff Hermine nach dem edel wirkenden Pergament und entzog es ihm.
Selbst der Unwissendste würde bemerken, dass sie gerade ein äußerst kostbares Stück Papier zwischen ihren Fingern hielt. Kritisch beäugte sie das Schreiben eine Weile, ehe sie laut zu lesen begann.
Werte Kameraden und Anhänger des dunklen Lords,
anlässlich meiner Ernennung zum Zaubereiminister
möchte ich euch herzlichst dazu einladen, mit mir jenes besondere Ereignis,
das uns allen und natürlich auch der schwarz-magischen Welt einen enormen Vorteil verschafft,
in einer ausgelassenen Feier zu zelebrieren.
Deshalb bitte ich euch, an dem speziellen Datum des 31. Juli,
nach Einbruch der Dunkelheit, auf dem Anwesen der Malfoys in Richmond zu erscheinen.
Jeder, dem die Ehre zuteil wurde das dunkle Mal zu tragen, ist inklusive Begleitung willkommen.
Reinblütigst
L. Yaxley
"Welch ein unangebrachtes Datum", murmelte Snape und erbeutete kurzerhand wieder den Brief.
"Aber Sir, sie werden doch hoffentlich nicht mich dort mit hin nehmen wollen, oder? Sie finden sicherlich eine angemessenere Begleiterin", erwiderte sie in der Hoffnung, er würde sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Denn das Letzte was die junge Hexe wollte, war in Gesellschaft von unzähligen dieser boshaften Menschen in einem Raum zu sein – ihr genügte der Eine bereits voll und ganz.
"Glaub' mir, damit bist zweifellos du gemeint."
Hilfesuchend blickte sie in seine schwarzen Augen.
"Keine Angst meine Liebe –", beschwichtigend glitt seine kühle Hand von der Lehne auf ihre nackte Schulter, "solange du in meiner Nähe bleibst, wird dir nichts zustoßen – versprochen."
Schlagartig schoss das Gefühl, gleich einem Stromschlag, durch ihren Körper und brachte sie somit zum Erstarren. Es war das erste Mal gewesen, dass er sie seit jener Nacht berührt hatte. Abrupt kehrten die Bilder an jenes Geschehen zurück in ihren Geist und nur mit viel Mühe und Charakterstärke schaffte sie es, diese innige Handlung überhaupt zu ertragen.
"Die Feier findet in knapp drei Wochen statt", sagte er eher an sich selbst gerichtet als an Hermine, während sein Blick interessiert dem Untergehen der Sonne folgte. "Wir werden natürlich vorher in die Winkelgasse gehen müssen, um dir etwas angemessenes zum anziehen zu besorgen." Er überlegte kurz. "Nun ja, die nächste Woche bin ich sehr beschäftigt, doch dann hätte ich Zeit. Wir werden schon noch einen Termin finden, an dem wir gehen können."
Endlich hatte sie es geschafft, ihre Anspannung ein wenig zu lösen und zumindest wieder ihre Lippen und ihre Stimmbänder unter Kontrolle zu haben. "Aber Sir, ich kann mich doch nicht einfach so draußen bewegen – das Mal auf meinem Bein." Sie raffte das Hosenbein ihrer Shorts ein Stück in die Höhe und deutete auf das Brandmal, welches nun in einem zarten rosé ihren Innenschenkel überzog.
"Was soll damit sein? Habe ich dir nicht bereits gesagt, dass du dich frei bewegen kannst solange ich dich begleite?! Natürlich werde ich einen angemessenen Abstand bestimmen, den du dich von mir entfernen kannst. Allerdings wird dieser in der Winkelgasse nicht sehr groß sein, dort treibt sich einfach noch zu viel Gesindel herum, es wird besser sein du bleibst ganz nah bei mir."
Mit einer Mischung aus Argwohn und Wut funkelte sie ihn an und gab sich dabei so viel Mühe wie nur möglich, ihn mit einem besonders abweisenden Gesichtsausdruck zu strafen.
Doch anstatt sich von ihr abzuwenden, packte Snape sie unsanft an ihrem Kinn und erzwang sich ihren Blick.
Abrupt, als sich seine spinnenbeinartigen Finger um ihr Kinn gelegt hatten, fühlte sie sich wie versteinert.
"Du solltest in nächster Zeit definitiv mehr schlafen! Du siehst grauenvoll aus!"
Doch Hermine hörte seine Worte nicht. All ihre Sinne waren vernebelt und wurden beherrscht von den Erinnerungen an den Ausgang ihres letzten nächtlichen Aufeinandertreffens.
Wie von einem Blitzschlag getroffen, schlug sie seine Hand von sich und sprang kurzerhand von der Bank.
"Fassen sie mich bloß nie wieder an! Ich verachte sie!", brüllte sie geistesabwesend, während sie einige Schritte von ihm wich.
Einen kurzen Augenblick wirkte Snape fassungslos und überrascht, doch schon im nächsten Moment konnte sie anhand seines Gesichtsausdrucks erkennen, dass er sich wieder gefangen hatte.
"Du kleines, undankbares Gör! Ohne mich würdest du noch immer in diesem Zwinger verrotten. Hätte ich dich doch besser dort deinem Schicksal überlassen! Vielleicht wärst du ja zufriedener, wenn Malfoy dich an meiner Statt zu sich geholt hätte. In Malfoy Manor hättest du dann vielleicht ein Leben vor dir, das mehr deinen Vorstellungen entspräche. Gequält und gehalten wie eine Sklavin!" Seine Augen blitzten vor Zorn, während er sich schwungvoll von der Bank erhob und bedrohlich seine volle Körpergröße vor ihr entfaltete. "Vielleicht sollte ich dich ihm schenken. Lucius wüsste sicherlich, wie er dich wieder zur Räson bringen würde! Und nun geh mir aus den Augen!" Mit diesen Worten und einer knappen Handbewegung, schob er sie unsanft beiseite und verschwand kurzerhand in den Schatten des kleinen Hauses.
