Kapitel 10: Wettlauf gegen die Zeit

Tim raste mit seinem Motorrad Richtung Park, während ihm alle möglichen Gedanken durch den Kopf schossen.

Warum war ihm erst jetzt aufgefallen, dass es sich bei den Dati der Morde einfach nur um die Stelle der ersten Buchstaben des Park-Namens im Alphabet handelte? Und warum bemerkte er erst jetzt, dass der freundliche Angestellte im nahe gelegenen Supermarkt, der ihm unlängst seine heruntergefallenen Schlüssel aufgehoben hatte, nur neun Finger besaß? Er hatte nicht gewusst, wie Sy Parrish aussah, aber jetzt sah er ihn deutlich vor sich.

Beim Park angekommen, riss er sich seinen Helm vom Kopf und rannte los. Von den vorhergehenden Morden wusste Tim, dass er in der Nähe eines Gebüsches nach Linda suchen musste. Zum Glück war der Park nicht besonders groß und es gab nur eine Stelle, die mit Büschen bepflanzt war.

Als er um das Gebüsch herum rannte, hörte er bereits leise erstickte Hilferufe. Er sah von Weitem Linda am Boden liegen und auf ihr war Sy Parrish, der versuchte, sie mit bloßen Händen zu erwürgen.

Tim wusste, dass der Mann versuchen würde zu flüchten, wenn er ihn anschrie, also rannte er wortlos weiter auf ihn zu. Er sah Linda kämpfen und um sich schlagen, es war also noch nicht zu spät.

Der Mann war so sehr damit beschäftigt, Linda zu ermorden, dass er Tim nicht bemerkte. Wütend riss Tim Sy Parrish von Linda, deren Lippen schon blau angelaufen waren.

Er stieß den Mann zu Boden und prügelte mit wutverzerrten Gesicht auf ihn ein. Tim war außer sich und nahm nichts mehr um sich wahr. Für ihn gab es im Moment nur diesen Mann, der versucht hatte seine Schwägerin umzubringen. Er bemerkte nicht, dass Horatio mit gezogener Waffe auf ihn zu lief, gefolgt von uniformierten Polizisten und einer Rettungsmannschaft.

"Speed, es reicht!"

Aber Tim prügelte weiter auf den Mann ein.

Horatio schlang Tim von hinten seinen Arm um den Brustkorb und zog ihn von dem Mann weg, der blutend und beinahe bewusstlos am Boden lag.

Er redete beruhigend auf ihn ein: "Speed, er kann Linda nichts mehr antun, beruhige dich!"

Tim versuchte noch immer, sich von Horatio loszureißen und wieder auf den Täter loszugehen.

"Das Schwein, er hat versucht Linda umzubringen…."

"Ich weiß Speed, aber jetzt gehört er uns…"

Tim beruhigte sich, sodass ihn Horatio loslassen konnte. Er sah sich um und erblickte die Sanitäter, die Linda bereits auf eine Trage gelegt hatten und mit ihr in Richtung des Rettungswagens eilten. Die uniformierten Polizisten hatten Sy Parrish inzwischen Handschellen angelegt und lasen dem Mann seine Rechte vor.

Tim erinnerte sich wieder daran, dass Andie und Ben daheim saßen. Er musste sie aus der Ungewissheit erlösen und sie anrufen. Beide waren unglaublich erleichtert, als sie hörten, dass Linda noch lebte.

Tim wandte sich wieder an Horatio: "Brauchst du mich hier, oder kann ich mit Andie und Ben zu Linda ins Krankenhaus fahren?"

Horatio lächelte: "Fahr ruhig, ich sage Calleigh Bescheid."

Tim wandte sich zum Gehen: "Danke, H."

Es hatte einige Zeit gedauert, bis Andie, Ben und Tim zu Linda konnten. Die Untersuchungen waren abgeschlossen und die Ärzte hatten ihnen mitgeteilt, dass Linda Glück im Unglück gehabt hatte. Nicht viel länger und der Mann wäre in seinem Vorhaben erfolgreich gewesen.

Linda hatte eine Kehlkopfquetschung erlitten und durfte die nächsten Tage nur das Notwendigste reden. Außerdem würde sie die Nacht zur Sicherheit im Krankenhaus verbringen.

Die Ärzte hatten darum gebeten, dass sie nicht allzu lange bei Linda blieben. Als sie sich verabschiedet hatten und gerade gehen wollten, hörten sie hinter sich leise Linda.

"Tim, bleibst du noch kurz?", krächzte sie kaum hörbar.

Tim sah Ben und Andie fragend an, die beide nickten und vor die Türe gingen.

Er ging zu Lindas Bett zurück und setzte sich zu ihr an den Bettrand.

Linda sah ihn an, während still Tränen ihre Wangen herunter liefen. Er wischte ihr die Tränen weg und sagte leise: "Ist schon okay, es wird alles wieder gut…"

Linda nickte: "Ich wollte mich bei dir bedanken, dass du mir das Leben gerettet hast…"

Tim unterbrach sie: "Schhhh… Du sollst nicht so viel reden…"

Die Ärzte hatten Linda ein Schmerz- und Schlafmittel gegeben, das langsam zu wirken begann.

"Ich will dir nur sagen, dass ich froh bin, dass dich meine Schwester geheiratet hat…", sie machte eine Pause um Luft zu holen und verzog schmerzverzerrt das Gesicht, bevor sie weiterredete, "Du bist unser Schutzengel."

Tim strich ihr lächelnd über die Haare: "Auf euch beide muss man ja auch immer aufpassen."

Linda war bereits im Halbschlaf. So stand Tim vom Bett auf, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging leise hinaus.

Mit den vorhandenen Beweisen war Sy Parrish als Mörder überführt.

Yelina und Horatio führten am nächsten Tag die Befragung durch und der Mann gestand, dass er Bridget Jones und Nora Hugosian ermordet hatte. Seine Begründung für die Morde war, dass er sich in die Frauen verliebt hatte, die in den letzten Monaten öfter Fotos zum Entwickeln brachten.

Auf den letzten Fotos, die sie nichts ahnend zu ihm brachten, waren die Frauen - genauso wie Linda - dann mit ihren Freunden zu sehen und Sy Parrish konnte nicht ertragen, dass ihn die Frauen – wie er meinte - "betrogen".

Offensichtlich war er psychisch krank und hatte die Frauen verfolgt und ermordet.

Calleighs Vermutung, dass die Frauen für irgendetwas bestraft werden sollten, hatte sich damit als richtig erwiesen.

Er war für die Polizei nicht auffindbar gewesen, da er nach dem Mord an Nora Hugosian untergetaucht war und unter einem falschen Namen bei einer Publix-Filiale in Hialeah gearbeitet hatte.