Über die Ängste

Heute war ich der unvorbildlichste Mitarbeiter in einer Führungsposition des ganzen Zaubereiministeriums und ich genoss diese kleine Regelübertretung. Lächelnd schickte ich sie alle vorzeitig in den Feierabend und amüsierte mich innerlich über die, vor Erstaunen weit geöffneten, Münder der gestandenen Hexen und Zauberer.

Die Vorstellung, dass Philosopha in wenigen Minuten eine Stelle in diesem ehrwürdigen Gebäude bekommen würde, versetzte mich in Hochstimmung und beflügelte meine Fantasie. Fundierte Diskussionen! Seitenhiebe gegen oberflächliche Kollegen! Herrlich!

Beschwingt machte ich mich auf den Weg, nachdem ich den letzten Ordner mit einem Knistern der Papiere zugeklappt hatte.

Der Anblick von Philosopha verlangsamte mein Schritttempo.

Meine positiven Zukunftsvisionen verblassten und machten geistesarme Motivationsversuche den Platz streitig.

Vor der Tür der Zauberei-Zentralverwaltung stand ein Häufchen Elend, die Arme um die Bewerbungsmappe verschränkt, den Kopf gesenkt.

Wahrscheinlich war sie nur ein wenig nervös.

Wie sollte ich sie beruhigen?

„Philosopha?"

Sich auf die Lippen beißend hob sie ihr Gesicht, das einen leichten Grünstich aufwies.

Vor Erleichterung seufzend umarmte sie mich, dabei bedrückte mich der Umstand, dass keine Worte aus ihrem Mund heraussprudelten.

Etwas konfus und ohne Idee im Kopf rief ich als Antwort auf ihre Begrüßung: „Die Unterlagen werden geknickt!" Mein flaues Gefühl im Magen zeigte mir, dass ihre Nervosität ansteckend war und mein Körper schon eine abwehrende Bemerkung über meinen dummen Satz erwartete.

„Als ob die taugen ...", protestierte sie zerknirscht und entfernte sich von mir.

„Gestern warst du nach langem Verbessern und Überreden noch ganz anderer Meinung..."

Wie sollte ich mit ihr umgehen? Wie konnte ich ihr helfen?

Sie erwiderte entgeistert, ihre Augen fiebrig glänzend: „Percy, ich werde gleich aufgerufen, es ist Ernst!"

Vielleicht waren Vorhaltungen wirklich eine schlechte Idee. Irgendwie musste ich doch ihre Einstellung ändern können. Zeit für einen Versuch!

„Ich freue mich schon darauf, wenn du mir freudestrahlend erzählst, in welche Abteilung man dich eingeteilt hat!" Mein aufgesetztes Lächeln schmerzte.

„Du nimmst mich tatsächlich nicht ernst!", wiederholte sie sich und schritt kopfschüttelnd vor mir auf und ab.

Mir fiel nichts Geistvolleres ein als: „Sieh dich an, Haare perfekt, Bewerbung perfekt, Unterstützung perfekt, Job gleich perfekt!" Gekünstelt grinste ich sie siegessicher an.

Von dieser lausigen Kostprobe meiner Motivationskunst ließ sie sich natürlich nicht beeindrucken.

Philosopha blieb stehen und schüttelte den Kopf. In ihrer Miene konnte man Aussichtslosigkeit neben Hoffnungslosigkeit finden.

„Das kannst du doch nicht wissen ..."

Sie machte eine Geste, als ob sie sich durch die Haare fassen wollte, bis sie realisierte, dass diese heute streng nach hinten frisiert waren.

Verzweifelt blickte ich mich im Gang um, auf der Suche nach einem Ratschlag. Das Bildnis eines ehemaligen Ministers, dem man sein fortgeschrittenes Alter schon ansah, gab mir einen Geistesblitz.

„Doch, glaube mir, sie brauchen junge Leute. Je mehr, desto besser, denn die Umgestaltung des Ministeriums beruht auf die freigeistige Frische der Jugend, die älteren konservativen Jahrgänge stören viel zu oft nur!"

Leider benahm sich Philosopha, als ob sie meine Worte nicht verstehen würde.

„Ich- ich werde es vermasseln!", schluchzte sie trocken und begann geistesabwesend an ihrer Mappe zu rupfen.

„Völlig ausgeschlossen!"

Ich nahm ihr die Dokumente vorsichtshalber ab, bevor es noch Fetzen regnete.

Sie fing wieder an, auf- und abzuschreiten und jammerte gequält bei jedem Richtungswechsel: „Du nimmst mich wirklich nicht ernst."

Ich wusste nicht, wie oft sie diesen Satz nun schon gesagt hatte.

Tausend Fragen schossen durch meinen Kopf.

Wie nervös musste sie sein, wenn sie immer nur das Gleiche sagte?

Benahm sie sich ernsthaft meinetwegen so eigenartig?

War es die Philosopha von gestern? Das konnte doch alles nicht wahr sein...

Ich riss mich wieder zusammen.

„Doch, jedenfalls versuche ich es. Sehen wir uns doch mal die Situation objektiv an. Entweder du bekommst, was mit ziemlicher Sicherheit geschieht, den Job oder nicht, was dann auch keinen Drachenpockenfall ergibt, da es andere Sachen gibt, die genauso interessant für dich sein könnten", schloss ich.

Anscheinend redete ich aber gegen die steinerne Wand hinter ihr, denn Philosopha entgegnete zittrig: „Ich werde es eh nicht schaffen, warum warte ich noch hier?"

Mit diesem Ausspruch völliger Resignation machte sie Anstalten zu gehen.

Ungläubig schaute ich ihr nach. Was für ein Zauber verhexte sie? Welcher Trank nahm ihr die Sinne? Konnte das die Philosopha sein, die ich glaubte zu kennen?

Ich blinzelte und lief ihr hinterher. Zum Glück holte ich sie ein. Sie blieb stehen.

„Philosopha, wir haben Vorstellungsgespräche geübt, erinnerst du dich?" Ich blickte sie eindringlich an.

Sie schaute weg und sagte: „Ich weiß, ich weiß, aber ich fühl mich trotzdem... elend."

Ich konnte ihr das zwar abnehmen, aber ließ nicht locker. „Ist Stärken stärken, Schwächen schwächen auf einmal unwichtig?"

„Es ist-", setzte sie an.

„Ja?"

„Ich habe Angst!", platzte es aus ihr heraus, ihre Stimme überschlug sich.

„Vor was?", hakte ich nach.

„Dich zu verlieren"

Das traf mich wie ein Schlag, mein Mund klappte auf. „Aber..."

„Percy, was wirst du machen, wenn ich nach einer gewissen Zeit keine bessere Arbeit kriege?", sagte sie halb weinerlich, halb ärgerlich.

Ich blieb stumm.

Schätzte sie mich damit zutreffend ein? Ich sie verlassen? Urplötzlich ging es mir noch schlechter.

„Ich will ja dort reingehen und mich so gut präsentieren wie nur irgend möglich. Aber in meinem Kopf ängstigt mich nur dieses Schreckensszenario. Ich alleine und einsam, ohne dich. Das große Glück für immer verwirkt.

Schrecklich."

Die Erkenntnis überrollte mich.

„Du weißt schon, dass du mich jetzt für irgendetwas verurteilst, was ich noch nicht getan habe und dich für etwas bemitleidest, was potentiell nicht eintritt?"

„Ich... ich..." Sie blinzelte.

„Schau mal, deine schlimmen Geschichten von früher. Die kannst du nicht mehr ändern, nicht wahr?"

Philosopha schüttelte ihren Kopf.

„Und was später einmal passiert, erlebst du noch nicht.

Und das, was du dir ausmalst, könnte zwar passieren. Genauso aber auch nicht.

Alles unwichtig also.

Hauptsache du machst im Augenblick das, was du machen willst. Damit deine Ziele in Erfüllung gehen. Nur das Jetzt existiert, die Zukunft besteht als reine Fiktion. Dumme Gedankenspielerei, die ins Leere führt."

Philosopha nickte stumm.

„Und hier ist ein Taschentuch."

Sie lachte bei dieser Ablenkung.

Eine Weile starrten wir in den leeren Korridor.

„Ich war so blöd. Verzeihst du mir?", fragte Philosopha schließlich piepsig.

„Natürlich."

Philosopha tupfte sich vorsichtig die nassen Augenwinkel ab.

„Aber, ich bin schon ein wenig irritiert, ja ansatzweise verletzt. Warum denkst du nur so etwas von mir?" Ich spürte meine körperliche Anspannung.

„Ich glaube nicht, dass das wirklich irgendwas mit dir persönlich zu tun hatte. Schau mal, diese Themen in irgendeiner abgewandelten Form prasselten schon so oft über mich hinein. Diese Prüfungsangst beziehungsweise die Angst vor dem Versagen, die Angst vor der Einsamkeit und die Angst nicht genug geliebt zu werden."

Hier stockte sie und presste sich das Taschentuch ins Gesicht.

„Philosopha?"

„Ich werde so oft in diese Themen knallhart gestoßen, bis sie keinen Effekt mehr auf mich ausüben, denke ich. In gewisser Weise zwingt mich das zu Bewusstheit, denn ansonsten kann man das ja nicht auf ewig aushalten." Sie lächelte zaghaft zu mir nach oben.

„Also, ein wenig Vertrauen in die eigene-"

Dann öffnete sich die Tür von Mr. Pillsworth und wir zuckten zusammen.