… wird Sturm ernten
Es war ein hässlicher Kampf – blutig, brutal und ohne Regeln. Die Männer der Legion waren nicht darauf vorbereitet gewesen, hier und heute auf Vampire zu treffen. Sie waren nicht gut genug ausgerüstet für einen solchen Kampf und das verschaffte uns einen immensen Vorteil. Wir waren schneller, stärker und vor allem blutrünstiger als sie und die Kugeln, die auf uns niederprasselten, fügten uns keinen wirklichen Schaden zu, wurden sie doch zum größten Teil von den Westen abgehalten, die wir trugen, und traf doch mal eine Kugel einen Arm oder ein Bein, fachte das nur noch mehr die glühende Wut in uns an. Unsere Waffen waren dagegen weitaus gefährlicher, denn wir trugen sie immer bei uns und man konnte sie uns nicht abnehmen…
Ich brauchte nur wenige Sekunden, um Peterson aus dem Griff unserer Angreifer zu befreien. Das Genick eines der Männer zersplitterte wie morsches Holz unter meinen Händen, während der andere durch einen gezielten Kopfschuss aus Max' Waffe zu Boden ging und reglos liegen blieb. Peterson reagierte schnell und stürmte los, doch mit einem Vampir in Rage konnte er es nicht aufnehmen. Ich schnitt ihm mit nur einem großen Satz den Weg ab, packte ihn an der Kehle und rammte ihn gegen die Wand, um ihn daran ein wenig nach oben zu schieben. Dort baumelte er hilflos nach Luft schnappend, und versucht verzweifelt meine Finger von seinem Hals zu lösen, während ich ihm nur mit einem kalten Lächeln meine scharfen Zähne zeigte. Doch mir war es nicht gegönnt, seine Angst weiter auszukosten. Erneut zischten plötzlich Kugeln durch die Gegend und ein stechender Schmerz zuckte im nächsten Moment durch meinen Oberschenkel. Ich ließ Peterson los und ging in die Knie, während er hustend und röchelnd auf seine Seite fiel.
Dieses Mal kamen sie von zwei Seiten und es waren viele - zu viele, um sich erst eine Strategie zu überlegen. Mit einem hasserfüllten, abgrundtiefen Grollen warf ich mich wie auch die anderen dem erstbesten Gegner entgegen und rammte ihm meine scharfen Eckzähne gnadenlos in die Halsschlagader. Einen kurzen Augenblick genoss ich das Gurgeln, mit dem er im Todeskampf zu Boden ging, doch der schmerzhafte Tritt, den mein Gesicht im nächsten Moment zu spüren bekam, erinnerte mich daran, dass ich mir für meine Gegner keine Zeit nehmen durfte. Noch im Fallen bekam ich das Bein des Angreifers zu fassen, zog ihn mit mir und stieß mein Fänge tief in seine Wade. Der Mann schrie schrill auf und stürzte nun selbst zu Boden, doch er kam nicht wieder so schnell auf die Füße wie ich. Blitzschnell war ich über ihm packte seinen Kopf und verdrehte ihm seinen Hals mit einem lauten Knacken um fast 360 Grad. Mein Herz pumpte in einem unglaublich schnellen Rhythmus Unmengen von Adrenalin durch meine Adern und sorgte dafür, dass Energien in meinem Körper frei gesetzt wurden, die übermenschlicher Natur waren. Ich liebte diesen Kick – er machte mich zu einer blutrünstigen Bestie – aber ich liebte ihn.
Aus dem Augenwinkel sah ich zwei längliche Geschosse auf mich zukommen und warf mich zur Seite, aber nicht ohne den Schwung dazu zu nutzen, mich zu drehen und auf die beiden Männer, die mit einer merkwürdigen Armbrust auf mich zielten, zuzuspringen. Einer von ihnen wurde von meiner Schulter mit solcher Wucht gerammt, dass er mehrere Meter weit durch den Flur flog, bevor er wieder auf dem Boden aufschlug, während der Kiefer des anderen mit einem lauten, unappetitlichen Knacken meiner Faust nachgab. Er hatte keine Zeit den Schmerz zu fühlen, denn noch bevor er in die Knie ging, hatte ich ihm schon den kurzen Hals gebrochen. Ich hatte zu meinem Leidwesen einfach nicht die Zeit zuzubeißen. Für einen Moment stand ich frei und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass Peterson sich im Kampfgetümmel davonschleichen wollte. Ich duckte mich und schnellte los, war mit nur ein, zwei Sätzen bei ihm und packte ihn am Kragen, bevor er richtig auf den Beinen war. Doch auch dieses Mal kam ich nicht dazu, ihn mir vorzunehmen, denn einer der anderen Männer warf sich todesmutig auf mich, einen Holzpflock in der hoch erhobenen Hand. Ich ließ Peterson widerwillig los und bekam gerade noch rechtzeitig die Hand meines Angreifers zu fassen. Er riss entsetzt die Augen auf, als ich ihn dicht zu mir heran zog.
„Wolltest du mir das gerade ins Auge rammen?" stieß ich gepresst zwischen den gefletschten Zähnen hervor. „Wolltest du das?!"
Er hatte keine Zeit mehr, mir zu antworten, denn ich holte mit seiner eigenen Hand Schwung und rammte ihm den Pflock in den eigenen Hals. Dann stieß ich den zuckenden Leib von mir und sprang wieder auf die Füße. Von irgendwoher hörte ich jemanden ganz leise meinen Namen rufen und ich nahm mir in dem blutigen Kampfgetümmel, das um mich herum tobte, ein paar Sekunden Zeit, um zu lokalisieren, woher das Geräusch kam. Schließlich entdeckte ich nur wenige Meter von mir entfernt mein Headset, das ich in dem ganzen Chaos verloren hatte. Natürlich! Logan! Ich schlug einem herannahenden Angreifer kurz den Ellenbogen ins Gesicht und hob dann schnell das Gerät auf.
„Ja!" rief ich angespannt in das Mikro und duckte mich gerade rechtzeitig unter dem gekonnten Karatetritt eines anderen Mannes hinweg.
„Endlich!" rief Logan in meine empfindlichen Ohren. „Beth ist weg!"
„Weg?" Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte, und blieb wie erstarrt stehen.
„Sie… sie ist total ausgeflippt! Ich glaub' sie kommt rein!"
„Rein?!"
„Bist du ein Echo, oder was?", war das letzte, was ich noch von Logan vernahm, bevor sich einer der Angreifer mit einem röhrenden Schrei auf mich warf und wir zusammen hart auf dem Boden aufschlugen. Und erneut flog das Headset durch die Luft. Der Mann war schwer und kampferprobt und ich hatte tatsächlich Probleme ihn wieder von mir herunter zu bekommen. Schon glänzte ein sauber polierter Holzpflock in seiner Hand und auch er konnte ihn mir aus dieser Position heraus gewiss nicht ins Herz stoßen. Ich wollte seinen Arm packen und festhalten, doch dann spürte ich etwas Kühles an meiner Hand und wusste sofort, was es war. In nur Sekundenbruchteilen packte ich die Waffe richtete sie auf den Kopf des Mannes vor mir und drückte in dem Moment ab, als der Pflock schon auf mein Gesicht zu raste. Blut und eine Masse, über die ich gar nicht weiter nachdenken wollte, klatschte mir ins Gesicht und der nun gesichtslose Mann fiel vorn über, direkt auf mich. Angewidert drückte ich meine Hände gegen seine Brust und schob in von mir. Als ich mich aufrichtete, suchten meine Augen sofort nach Peterson und fanden ihn… am Ende des Flures, auf dem Weg in die Freiheit. Ich stieß ein unmenschliches Grollen aus, duckte mich und schoss los. Kurz bevor er die Tür in das Treppenhaus öffnen konnte, packte ich ihn an seinem Mantel und warf ihn mit Schwung zurück in den Flur. Er schien stabiler zu sein, als er aussah, denn ich konnte keine Knochen brechen hören, als er hart auf dem Boden aufschlug. Aber er blieb liegen und stöhnte schmerzerfüllt. Auch Prellungen konnten wehtun…
Eine tiefe, mörderische Ruhe befiel meinen Körper, als ich mich ihm mit einem bösartigen Lächeln auf den Lippen wieder näherte. Dieses Mal konnte ich mir Zeit nehmen, denn die anderen hatten die restlichen Gegner im Griff – es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der letzte von ihnen seinen finalen Atemzug getan hatte. Und ich wollte mir Zeit nehmen… oh, ja, viel Zeit… denn er hatte sich ja auch so viel Zeit mit Mick genommen – ein Jahr in schrecklichen Qualen, als Versuchstier gehalten und missbraucht…
Alles in mir schrie nach Blut… nach Blut und Schmerzen für diesen Teufel und ein drohendes Knurren drang aus meiner Kehle. Ich packte den alten Mann am Kragen und hob ihn mit einem Arm hoch, sodass er auf Augenhöhe mit mir war. Dann beugte ich mich vor, so nah, dass sich unsere Nasen fast berührten. Doch er schien keine Angst mehr zu haben, war zu erschöpft, hatte längst aufgegeben.
„Sie… sie machen einen Fehler…", brachte er schwach hervor.
Ich legte meinen Kopf schräg und lächelte ihn an. „Das wäre nicht der erste in meinem langen Leben…", sagte ich ganz leise und bleckte die Zähne.
Der Schrei war laut und so voller Verzweiflung und Angst, dass er einen eiskalten Schauer durch meinen Körper sandte. Ich erkannte ihre Stimme sofort und wusste, dass irgendetwas Furchtbares passiert sein musste. Und plötzlich war mir meine Rache egal. Es war, als ob ich aus einer Trance erwachte und mein menschliches Ich plötzlich die Führung übernahm. Ich ließ Peterson fallen und stürmte los, sprang über die vielen Körper die am Boden lagen, rannte vorbei an meinen noch kämpfenden Freunden und schoss um die nächste Ecke. Dort bremste ich ruckartig ab und erstarrt für einen Moment. Beth kniete am Boden, hielt den schlaffen Körper eines Mannes in ihren Armen und versuchte gleichzeitig verzweifelt mit beiden Händen seine Blutungen zu dämmen. Als sie mich sah, wollte sie etwas sagen, aber ihr drang nur ein verzweifeltes Schluchzen aus der Kehle.
Ich setzte mich wie ein Roboter wieder in Bewegung und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit spürte ich, wie meine Beine immer weicher wurden, je näher ich den beiden kam. Meine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt und gleichzeitig war mir, als ob sich eine eiserne Klaue um mein Herz schloss und es schmerzhaft zusammendrückte. Was ich da sah, was ich glaubte, gleich zu sehen, konnte nicht sein, konnte nicht… Und doch wusste ich es, spürte ich es, noch bevor ich in das Gesicht des Mannes sah, noch bevor mich Beths flehendlicher Blick traf, mich drängte ihr zu helfen, irgendetwas zu tun: Es war Mick. Mein bester Freund, den ich für immer glaubte verloren zu haben und er sah schrecklich aus. Ihn so zu sehen, verursachte mir fast selbst Schmerzen, machte es mir schwer, normal zu atmen… ausgemergelt, erniedrigt… zerstört… Was hatten sie ihm nur angetan?
Doch da war noch etwas, etwas, was mich zutiefst verwirrte. Nicht nur, dass er aus mehreren Einschusswunden in Brust und Bauchbereich blutete, sein Blut… es roch wie das eines Menschen! Da war nur ein ganz zarter Hauch von Vampirblut in der Luft, so als hatte man ihn gerade erst zum Menschen gemacht… Zum Menschen gemacht?! Ganz plötzlich verstand ich Beths Verzweiflung und ich schob alle Fragen, alle Gefühle mit aller Macht beiseite, fiel neben ihr auf die Knie. Mein Blick glitt rasch über seinen geschundenen Körper, erfasste die verschiedenen Einschussstellen und blieb schließlich an seinem Gesicht hängen. Er war unglaublich blass und atmete schwer und stockend. Seine Augen waren ein wenig geöffnet, aber sie starrten ins Leere, nahmen nicht wirklich etwas wahr. Irgendjemand hatte ihn so mit Drogen voll gepumpt, dass er völlig in seiner eigenen Welt versunken war, das sah ich nicht nur in seinem glasigen Blick, sondern roch ich auch in seinem Blut. Es war sehr gut möglich, dass er kaum Schmerzen verspürte, was durchaus von Vorteil sein konnte.
„Wir… wir müssen ihn flach hinlegen und möglichst wenig bewegen", stieß ich mit belegter Stimme hervor und half ihr, ihn vorsichtig von ihrem Schoß zu ziehen. Mick begann zu husten und in meinem Inneren verkrampfte sich alles, als sich Blut auf seinen spröden Lippen zeigte.
„Mick, bleib bei uns!", brachte Beth nun doch halbwegs fest hervor. „Bleib bei uns, hörst du! Du schaffst das!"
Ich musste erneut über ihren Optimismus staunen. Alles in mir sagte mir, dass es um unseren Freund nicht besonders gut stand. Und ich wusste wirklich nicht, was ich tun sollte. Im Gegensatz zu Mick hatte ich nicht viel Erfahrung, was das Behandeln von Schussverletzungen anging. Ich hatte mich aus den meisten Kriegsgeschehnissen der Menschen eher herausgehalten und war auch im normalen Leben nicht unbedingt der Erste, der einem Verletzten im Straßengraben zur Hilfe eilte. Was wir hier dringend brauchten, war ein Arzt… oder ein Wunder. Ich atmete tief durch, presste dann meine eigenen Hände auf die anderen beiden Wunden und wandte mich ein wenig um.
„Max!" schrie ich, so laut ich konnte, und nur wenige Sekunden später eilte er auf uns zu.
„Oh… mein… ist das…"
Ich ließ ihn nicht ausreden. „Der Arzt – wo ist der?!"
Er sah mich verwirrt an. „Welcher Arzt?..." Seine Augen wurden größer, als ihm dämmerte, wovon ich sprach. „ Oh, scheiße…"
Das klang gar nicht gut. Anscheinend hatte sich in der Aufregung keiner mehr weiter um Peterson gekümmert und er stand bestimmt nicht in irgendeiner Ecke und wartete geduldig auf meine Rückkehr, nachdem ich ihn so liebevoll behandelt hatte. Ich unterdrückte einen Fluch und senkte den Kopf, um meine Gedanken zu sortieren. Der intensive Geruch von frischem Blut, der von Mick aufstieg, begann langsam meine Sinne zu benebeln. Als ich wieder aufsah, waren auch Phillip, Mark und William erschienen.
„Okay", stieß ich angespannt hervor. „Sucht nach einer Trage, einer Liege… irgendetwas, womit wir ihn transportieren können – schnell!"
Das brauchte ich meinen Freunden nicht zweimal sagen. So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder verschwunden.
„Josef…", brachte Beth mit erstickter Stimme hervor. „Ich weiß, dass du es hören kannst… Schlägt sein Herz noch?"
Ich schloss einen Moment die Augen und konzentrierte mich auf die Geräusche, die Micks Körper von sich gab. Ja, sein Herz schlug – schnell und sogar erstaunlich kräftig für seinen desolaten Zustand. Aber da war noch ein anderes übles Geräusch – ein Knacksen und Knirschen in seinem linken Lungenflügel, genau an der Stelle, an der Beth mit größter Anstrengung eine der Wunden zuhielt. Ich nickte ihr zu und versuchte, ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, doch es wollte mir nicht so recht gelingen. Eine Kugel hatte Micks Lunge beschädigt – was hatten wohl die anderen noch alles in seinem Körper angerichtet? Es war gewiss nur eine Frage der Zeit, bis sein angeschlagener Kreislauf kollabierte und sein Herz zum Stillstand brachte. Uns lief die Zeit davon…
„Kannst du… kannst du ihn nicht einfach wieder zum Vampir machen?" fragte Beth mit zitternder Stimme.
Ich sah in Micks blasses Gesicht und schüttelte dann den Kopf.
„Wa… warum nicht?" brachte sie nur mit einem Schluchzen hervor.
„Beth, sieh ihn dir doch an", erwiderte ich leise, doch sie verstand eindeutig nicht, worauf ich hinaus wollte.
„Nicht jeder Mensch überlebt eine Verwandlung", erklärte ich so ruhig, wie ich es in dieser Situation konnte. „Einen Schwerverletzen zu verwandeln, gelingt nur in ganz wenigen Fällen. Und wir wissen nicht genau, was mit Mick gemacht wurde – das… das kann ich einfach nicht tun!"
Lautes Klappern und schnelle Schritte kündigten die Rückkehr der anderen an. Sie waren mit ihrer Suche erfolgreich gewesen und schoben im Eiltempo eine Liege zu uns heran.
„Können wir ihn bewegen?" fragte Beth mit zittriger Stimme.
„Wir haben keine andere Wahl", gab ich leise zurück, obwohl mir der Gedanke genauso viel Angst machte wie ihr. Ich sah zu den anderen hoch, ohne den Druck gegen Micks Wunden zu verringern. „Könnt ihr das Ding runterstellen?"
Max betrachtete die Liege genauer und nickte dann zu meiner Erleichterung. Er und Mark bewegten zwei Hebel an den Seiten und die Liege sank quietschend neben uns auf den Boden.
„Was… was ist mit ihm?" fragte Phillip verwirrt.
„Er ist ein Mensch", erklärte ich rasch, „und er wird sterben, wenn wir ihn nicht in den nächsten Minuten rüber in die Klinik bringen!"
„Ich hole den Van", meinte William sofort und warf sich herum, um gleich loszueilen. Endlich jemand der mitdachte!
„Fahr zum Seiteneingang, durch den ich gekommen bin!" rief Beth ihm nach. „Da sind weniger Treppen!"
William wandte sich im Lauf um und nickte ihr zu, dann war er auch schon um die Ecke verschwunden. Ich atmete tief durch und sah Max und Phillip an. „Einer muss seine Beine nehmen und einer vorne unter seine Arme greifen und du…", ich sah Mark an, „musst die Liege möglichst schnell unter seinen Körper schieben, wenn die anderen ihn anheben."
Mark nickte knapp und Max und Phillip brachten sich sofort in Position. Wieder holte ich tief Luft. „Auf drei… eins, zwei… drei!"
Wir waren wirklich schnell und Mick landete relativ sanft auf der Bahre, aber dennoch begann er erneut zu husten und feine Bluttropfen spritzten dabei aus seinem Mund. Beth sah mich entsetzt an und ich versuchte, ihr wenigstens mit meinem Blick ein wenig Mut zuzusprechen, weil mein Mund nicht dazu in der Lage war, ihr vorzugaukeln, dass bestimmt alles gut werden würde. Unsere Hände badeten in Micks Blut… wir wussten einfach, wie ernst die Lage war.
Max und Phillip brachten die Liege vorsichtig wieder auf ihre alte Höhe und wir richteten uns langsam mit ihr auf, wohl darauf bedacht, den Druck auf den Schusswunden aufrecht zu erhalten. So merkwürdig es war, irgendwie hatte ich das Gefühl, es würde tatsächlich helfen und der Blutfluss würde abnehmen.
„Okay, los, los!" spornte ich die anderen an und wir setzten uns gemeinsam in Bewegung, so schnell wie es in dieser Situation ging. Ich biss die Zähne zusammen. Bald schon würden wir die Liege zusammenklappen, ihn über Treppen tragen und in den Van laden müssen. Und das bedeutete auch, dass Beth und ich loslassen mussten, wenigsten für ein paar Sekunden. Die Frage war nur, ob er das überstehen würde. Ganz gleich wie schnell wir Vampire waren, Micks Körper hatte seinen eigenen Willen und seine allzu menschlichen Grenzen.
Wir betraten die Klinik nicht, wir fielen in sie ein und die Schwester, die an der Anmeldung halb in ihrem Sessel geschlafen hatte, verlor vor Schreck fast das Gleichgewicht. Natürlich boten wir ein erschreckendes Bild, zwei Männer, deren Gesichter und Kleidung mit Blut bespritzt waren, eine Frau, die ihre Hände verzweifelt auf die Wunden eines Schwerverletzten drückte, der mit einer Krankenhausliege im Eiltempo herein geschoben wurde. Aber sie sammelte sich erstaunlich schnell, war sie doch darauf eingestellt, dass in dieser Nacht nur akute Notfälle eingeliefert wurden. Sie stürmte auf uns zu, laut den Namen eines Arztes rufend, der irgendwo in der Nähe sein musste.
„Auf uns wurde geschossen", brachte ich gehetzt hervor und bemerkte mit Erleichterung, dass der Arzt nun etwas schlaftrunken aus einem der Zimmer geeilt kam, sich im Laufen seinen Kittel anziehend. „Ihn haben vier Kugeln getroffen", fuhr ich an ihn gewandt fort.
Dem Doktor genügte nur ein Blick, um zu wissen, dass große Eile angesagt war. Micks Zustand hatte sich auf dem Weg deutlich verschlechtert. Er atmete nur noch sehr flach und auch sein Herz schlug deutlich unrhythmischer als zuvor.
„Kathrin, lassen Sie einen OP vorbereiten und verständigen Sie Dr. Mitchel und Dr. Burowski", gab der Arzt knapp weiter. „Sagen Sie ihnen, wir haben einen Notfallpatienten mit multiplen Schussverletzungen in Brust – und Bauchbereich – womöglich inner Blutungen. Und ich brauche jeden anderen, den sie auftreiben können, hier – jetzt – sofort!"
Die Schwester eilte davon und der Arzt beugte sich über Mick und schob Beth einfach zur Seite, um die Wunden in Eile zu inspizieren. „Wie lange ist das her?"
„Höchstens eine halbe Stunde", gab ich wahrheitsgemäß zurück und sah wie zwei weitere Männer in weiß durch den Flur auf uns zu gerannt kamen, gefolgt von einer Schwester. Der Arzt gab seinen Kollegen schnelle, knappe Anweisungen und Hektik brach aus. Die Schwester schob nun auch Max unwirsch beiseite, um die Bahre selbst vorwärts, in einen der Schockräume zu schieben. Beth und ich konnten den Raum zwar betreten, aber es war plötzlich so, als ob wir Luft waren. Die Hektik und Anspannung um Mick herum, sagte mir deutlich, dass sein Zustand wirklich besorgniserregend sein musste, und ich fühlte mich plötzlich so nutzlos und fehl am Platz, wie schon lange nicht mehr.
Ich zuckte fast zusammen, als der Arzt mich über seine Schulter hinweg wieder ansprach. „Welche Blutgruppe hat er?"
„A0 negativ", sagte ich schnell und Beths Blick schoss zu mir herüber. Sie sah mich mit offenem Mund an, brachte aber nichts heraus.
Dem Arzt war anzusehen, dass er über diese Aussage nicht gerade erfreut war. „Holen Sie, was wir noch da haben", sagte er zu einer der Schwestern gewandt. „Und rufen Sie dann andere Krankenhäuser in der Nähe an. Vielleicht können die uns mit Blutkonserven aushelfen…"
„Ich habe dieselbe Blutgruppe!" brach es nun doch aus Beth hervor. „Nehmen sie mein Blut!"
Der Arzt starrte sie einen Moment überrascht an, dann nickte er schnell und gab der Schwestern einen Wink. Sie ergriff Beth Arm und zog sie einfach mit sich, obwohl sie trotz ihres Angebotes Micks Seite eigentlich nicht so wirklich verlassen wollte. Sie suchte meinen Blick und ich nickte nur. Beth verstand auch ohne Worte, dass ich so lange bei Mick bleiben würde, wie es nur möglich war, und verließ mit diesem tröstlichen Gedanken ohne weiteren Widerstand den Raum.
Ich holte tief Luft und versuchte, das hohle Gefühl in meinem Inneren, das jetzt, wo ich nichts mehr zu tun hatte, so viel stärker in mir herauf drängte, zu tilgen, indem ich mir einredete, dass die Ärzte Mick wirklich helfen konnten, dass sie ihn retten würden, ganz gleich, wie schwer verletzt er war. Man hatte ihn bereits an ein Gerät angeschlossen, das ihm beim Atmen half und er bekam über einen Tropf eine Lösung zugeführt, die vermutlich zusammen mit den anderen Infusionen, die man ihm schon verabreicht hatte, seinen Kreislauf so weit stabilisieren sollte, das man ihn operieren konnte. Die Ärzte arbeiteten schnell und konzentriert, aber ihnen war anzumerken, dass auch sie unter größter Anspannung standen und jederzeit mit dem Schlimmsten rechneten. Immer wieder warfen sie besorgte Blicke auf die Geräte, mit denen sie Micks Körperfunktionen kontrollierten. Ich versuchte, dem hektischen Austausch der Ärzte untereinander zu folgen, aber bei all den Fachbegriffen schwirrte mir bald der Kopf.
„Hat er Drogen genommen?" wandte sich plötzlich wieder einer der Ärzte an mich. Er hatte gerade mit einem Licht in Micks Augen geleuchtet und sah nun noch besorgter aus als zuvor.
„Ich… ich denke, man hat ihm irgend etwas eingeflößt", erklärte ich. „Starke Beruhigungsmittel oder so…" Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht…
„Warum sagen Sie das nicht gleich?!" fuhr mich der Arzt an und gab sofort schnelle Kommandos an die anderen weiter. Doch im nächsten Moment begannen die Geräte um Mick herum schon alarmierend zu Piepen.
„Kardiogener Schock" und „Kammerflimmern" waren die einzigen Worte, die ich noch so halbwegs verstand, doch der Rest ging völlig in der allgemeinen Panik unter, die auf einmal aufkam. Einer der Ärzte zog einen Defibrillator heran und dann stand plötzlich eine Schwester vor mir und sah mich um Entschuldigung bittend an. „Es tut mir wirklich leid", sagte sie und öffnete die Tür, während mein Blick immer noch auf den schnell herum hantierenden Ärzten und Micks regloser Gestalt ruhte.
„Sie müssen jetzt leider draußen warten." Ihre Hände drückten gegen meine Brust und wie in Trance ließ ich mich hinaus schieben, während ich mein Herz bis in meine Ohren hinauf hämmern hören konnte. Erst als die Tür sich vor meiner Nase schloss, wurde mir klar, dass wir Mick nicht wirklich ‚lebend' gefunden hatten. Es war durchaus möglich, dass das Schicksal ihn uns doch noch nahm, ihn aus unseren Händen fort riss, noch bevor wir ihn wirklich packen konnten. Die eiserne Klaue war wieder da und legte sich nicht nur um mein Herz, sondern quetschte meine ganzen Innereien schmerzhaft zusammen. Es war Max laute Stimme, die mich wieder zurück in die Wirklichkeit holte, indem er meinen Name rief. Er stand an der Anmeldung und hielt ein Telefon in einer Hand, gleichzeitig darum bemüht, die Schwester vor sich mit der anderen davon abzuhalten, sich dieses zu greifen.
„Wenn sie mir das Telefon nicht augenblicklich geben, bin ich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu holen", drohte sie und ihre Stimme überschlug sich fast vor Wut.
Ich ging mit gerunzelter Stirn auf die beiden zu und bedachte dann Max mit einem fragenden Blick.
„Die Dame will die Polizei benachrichtigen", erklärte er mir und sah mich eindringlich an.
„Oh, ja", entfuhr es mir sogleich und ich schenkte ihr mein charmantestes Lächeln. „Natürlich müssen Sie das, wenn bei Ihnen jemand mit Schussverletzungen eingeliefert wird."
„Ganz genau!", gab sie immer noch wütend zurück, aber ihre Stimme klang schon etwas sanfter.
„Nur… es gibt ein paar Dinge bezüglich meines Freundes und unserer Arbeit, die sie nicht wissen können", fuhr ich fort, „und in die ich sie leider auch nicht einweihen kann, die es aber notwendig machen, dass sie sich vorerst nicht an die Polizei wenden…"
„Hören Sie, das…"
Ich ließ sie nicht ausreden, sondern legte eine Hand sanft auf ihre Schulter und sah sie drängend an. „Ich rede nicht davon, dass sie sich gar nicht an die Polizei wenden sollen", erklärte ich schnell. „Es geht mir nur um ein paar Stunden. Nur so lange, bis mein Freund das alles halbwegs überstanden hat…"
„Das kann ich nicht machen", gab sie zurück, aber ihre Stimme war nun weicher und zugänglicher. „Ich gefährde damit meinen Job…"
Mein Blick fiel auf ihre Hand, auf den goldenen Ring, den sie am Ringfinger trug. „Sie sind verheiratet, oder?" fragte ich, wartete aber gar nicht auf eine Antwort. „Sie haben sicher Kinder..."
„Eine Tochter, aber…"
Jetzt hatte ich sie! Es gab eine Sache in der Welt, mit der man fast immer seinen Willen durchsetzen konnte…
„Wie viel verdient man so in ihrem Beruf?" fragte ich sanft. „Nicht viel oder?"
Sie stutzte. „Warum fragen Sie?"
Natürlich würde sie erst einmal die Empörte spielen – aber es würde funktionieren, da war ich mir ganz sicher. Also griff ich in die Innentasche meiner Jacke und zog mein Scheckbuch heraus. Ich hörte sie nach Luft schnappen und packte sie schnell an beiden Schultern.
„Hören Sie sich das erst einmal an, bevor Sie wütend werden", sagte ich und sah ihr fest in die Augen. „Mir geht es nicht darum, irgendjemanden zu bestechen, um ein Verbrechen zu vertuschen oder so. Das Verbrechen wurde an meinem Freund begangen und es geht hier um sein Leben. Alles, was ich im Moment will, ist dieses Leben zu retten! Und ich brauche dafür Zeit! Ich bitte Sie nicht darum, Ihren Job nicht zu machen. Sie sollen ihn nur später machen – nur später!" Sie schluckte schwer und ich konnte deutlich sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete.
„Ich weiß, Sie haben eine Familie zu versorgen", fuhr ich fort. „Und Sie brauchen diesen Job – und deswegen geben ich Ihnen eine Absicherung, falls Sie durch diese großzügige Tat in Schwierigkeiten geraten – was ich nicht glaube."
Ich ließ sie los und stützte mich zum Schreiben auf den Tresen der Anmeldung. Ich wusste genau, dass sie warten würde. Sie würde warten, um zu sehen, was mir mein Freund wert war, um zu sehen, was ihr entgehen würde, wenn sie sich für ihre eigenen überzogenen Werte und Moralvorstellungen entschied.
„Wenn Sie tatsächlich Ihren Job verlieren sollten, sollte das genügen, um Sie und Ihre Familie für eine ganze Weile durchzubringen", sagte ich leise und schob ihr den Scheck hinüber. Die Schwester stieß ein ungläubiges Keuchen aus und fuhr sich mit der Hand vor den Mund.
„Das… das kann ich nicht… das…", stammelte sie und ich sah neben all ihren moralischen Zweifeln die menschliche Gier in ihren Augen aufleuchten. Geld konnte das Leben so viel leichter machen…
„Sie können", sagte ich leise, faltete den Scheck zusammen, nahm ihre Hand und drückte ihr das wertvolle Papier in die schwitzigen Finger. „Geben Sie uns nur ein wenig Zeit…"
Für einen Moment sah ich ihr Gewissen noch tapfer mit der Gier kämpfen, dann nickte sie schließlich und wandte sich etwas beschämt von uns ab, um ihrer weiteren Arbeit an der Anmeldung nachzugehen. Ich atmete an diesem Tag nun schon zum x-ten Mal tief durch und sah dann Max an. Mit einem Blick gab ich ihm zu verstehen, dass er mit mir kommen sollte, damit wir ungestört miteinander reden konnten.
„Das war knapp", sagte er, als wir genug Abstand zwischen uns und die Schwester gebracht hatten.
Ich nickte nur und fuhr mir nervös mit der Hand über das Gesicht. „Ich weiß nicht, ob Mick das alles übersteht – aber wir müssen trotzdem dringend alles Weitere organisieren."
„Die Wachmänner in dem Überwachungsraum waren laut Phillip tot", berichtete Max mir mit gedämpfter Stimme. „Es wird also noch eine Weile dauern, bis man das Massaker da unten entdeckt."
„Das darf keiner entdecken", sagte ich eindringlich und Max verstand sofort.
„Wir kümmern uns drum", erwiderte er und wollte sich schon zum Gehen umwenden. Doch ich hielt ihn an einem Arm fest.
„Ich brauche den Hubschrauber. Die haben hier oben auf dem Dach bestimmt einen Landeplatz. In spätestens drei Stunden muss er da sein."
Max war deutlich anzusehen, dass ihm meine Beweggründe dafür nicht ganz klar waren, aber er war es gewohnt, keine Fragen zu stellen. Also reagierte er erneut mit einem Kopfnicken und dieses Mal ließ ich ihn gehen.
Mein Herz machte einen Sprung, als sich die Tür des Schockraums öffnete und Mick, immer noch umgeben von besorgten Ärzten und Schwestern, eilig herausgeschoben wurde. Ich setzte mich sofort in Bewegung und lief ihnen nach, doch der Arzt, der als erstes bei uns gewesen war, hob abwehrend eine Hand und blieb dann bei mir stehen, während die anderen mit Mick weiter liefen.
„Wir haben seine Blutungen vorerst stoppen und ihn stabilisieren können", erklärte er mir rasch. „Aber er muss sofort in den OP. Möglicherweise gibt es noch weitere innere Blutungen und seine Lunge ist sehr angeschlagen."
Ich nickte verstehend, während sich innerlich alles in mir erneut verkrampfte.
Der Arzt atmete tief durch. Anscheinend kam er zu einem Teilbereich seines Berufes, den er nicht besonders gern ausübte – den als Überbringer schlechter Nachrichten.
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein", sagte er ernst. „Ihr Freund hat über eine lange Zeit sehr viel Blut verloren – dementsprechend ist sein Zustand sehr kritisch. Die Kugeln haben in seinem Körper Schäden angerichtet, deren ganzes Ausmaß für uns noch gar nicht erkennbar ist – aber, was wir bisher wissen, ist besorgniserregend. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass er diese Operation überlebt."
Wieder nickte ich nur, denn ich wusste, selbst wenn ich es versuchte, würde kein Wort aus meiner Kehle kommen. Der Doktor sah mich noch einen Moment traurig an, wandte sich dann um und verschwand, wie die anderen auch, hinter einer weiteren Tür. Dieses Mal fiel es mir schwer, mich so zu sammeln, dass ich mich überhaupt wieder bewegen konnte. Die Angst um Mick lastete wie ein Tonnengewicht auf meinem ganzen Körper. Aber ich musste mich wieder bewegen. Da war noch so viel, um das ich mich kümmern musste. Das Leben wartete nicht. Die Zeit lief einfach weiter, tickte wie eine Bombe unter den Füßen derer, die nicht fähig waren, zu verdrängen und zu vergessen. Also straffte ich die Schultern und atmete tief und zitternd ein. Es galt einen Plan zu entwickeln, um unser aller Überleben wenigsten für die nächsten 24 Stunden zu sichern. Wir hatten der Legion den Kampf angesagt, hatten sie mit unserem Überraschungsangriff empfindlich verletzt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie herausfand, wo wir waren.
