Kapitel 10: Gefährliches Treiben

Es dauerte nicht lang und der Oktober brach an. Es wurde kälter, trüber und auch regnerischer in Hogwarts. Zudem stand das erste Quidditchspiel der Session vor der Tür. Slytherin gegen Gryffindor. Severus interessierte es, ehrlich gesagt, nicht die Bohne.

Es war der erste Samstag im Monat und alle Schüler und Lehrer der Schule strömten nach draußen, um sich das Spiel anzusehen. Nur Severus blieb zurück. Er wollte nur noch seine Ruhe. Die letzten Wochen waren alles andere als berauschend gewesen. Alles und jeder schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Zumindest kam es ihm so vor. Freundschaften lösten sich in Luft auf. Feindschaften erblühten. Severus war inzwischen dazu übergegangen nur noch für sich allein zu bleiben, da alles andere sich als sinnlos erwies. Und über sein derzeitiges Aussehen, von seiner Laune ganz zu schweigen, redete man besser auch nicht. Seine Verfassung spiegelte sich auf wirklich üble Art in seiner äußeren Erscheinung. Von Pflege konnte weiß Gott schon lange nicht mehr die Rede sein. Zudem hatte er begonnen seine Kippen ohne Rücksicht auf die Hausordnung und seine Mitschüler im Schloss zu rauchen.

Severus ging ziellos durch die leeren Flure von Hogwarts. Beim Laufen zündete er sich eine Zigarette an und zog kräftig daran.

Er bog um die nächste Ecke und stoppte abrupt. Er stand plötzlich vor Murlahey. Ehrlich gesagt; hätte er ihn fast über den Haufen gerannt.

„Bist du nicht beim Spiel?", fragte Murlahey.

„Was sollte ich denn dort?", antwortete Severus.

„Weiß nicht." Murlahey zuckte mit den Schultern. „Die Lemminge bei ihrem wichtigen Ereignis beobachten. Zusehen wie sich gegenseitig ausbuhen und handgreiflich werden."

„Sorry, aber die Lemminge sind mir egal.", sagte Severus. Murlahey lachte.

Die Lemminge. So nannte Jason Murlahey all jene, die seiner Meinung nach Mitläufer waren. Leute, die mit dem Strom schwammen. Menschen ohne eigene Identität, die alles so machten, wie es ihnen die Masse vorgab. Lemminge eben, die zielstrebig auf ihr Ende zurasten.

„So wie alles andere auch?", fragte Murlahey.

„Wie meinst du das?"

„Dir ist alles egal. Dein Aussehen, die Schulordnung und offenbar auch alle, die um dich herum sind."

„Ich habe niemanden den es kümmern könnte. Ich bin allein, Jason. Nackt in der Dunkelheit, sozusagen.", sagte Severus und lehnte sich an die Korridorwand.

„Bin ich niemand?", fragte Murlahey.

„Du bist jemand, ja, aber …" Er brach ab. Er konnte seinem letzten, verbliebenen Gleichgesinnten nicht sagen, was er dachte. Es wäre töricht gewesen.

Du bist derjenige, wegen dem ich all die Scherereien habe. Und ich bin ein Feigling, der erwägt dich deshalb zu hassen. Bitte verschwinde und komm nie wieder! Gollum! Gollum! Hahaha! Severus, fast hätte ich gelacht.

Er schüttelte den Kopf.

„Vergiss es einfach.", sagte Severus unbewusst.

„Drück dich nicht.", sagte Murlahey. „Sag was du sagen wolltest. Sprich es aus. Wir sind hier doch unter uns."

„Ich kann nicht."

„Warum nicht? Verdammt, Severus, Angst vor den eigenen Worten ist Angst vor der eigenen Seele. Sprich es aus."

„Nein.", sagte Severus entschieden und wandte sich von ihm ab.

„Okay, dann erzählst du mir es eben nicht. Deine Entscheidung.", meinte Murlahey locker. „Aber hey …" Er packte Severus und legte seinen Arm um ihn. „… lass uns was trinken gehen. Jetzt da hier eh tote Hose ist."

„Jason, wir können nicht einfach nach Hogsmade spazieren.", warf Severus ein.

„Und ob wir das können. Ach, die sind doch alle beim Spiel. Uns wird in den nächsten zwei, drei Stunden keiner vermissen." Und ohne auf Severus Antwort zu warten zerrte Murlahey ihn zum nächsten Geheimgang, durch den sie nach Hogsmade gelangten.

Das Zaubererdorf in der Nähe von Hogwarts war klein und lag dicht zusammengedrängt zwischen den Hügeln, Bergen und Wäldern des schottischen Hochgebirges. Postkartenidylle.

Severus und Murlahey machten sich auf den Weg zum Eberkopf. Einem zwielichtigen Lokal, welches am Rand des beschaulichen Ortes lag.

Der Wirt, dem ebenfalls das Gasthaus gehörte, war ein alter Kauz namens Aberforth. Mit Ordnung hatte es der Gute nicht so und mit Hygiene erst Recht nicht. Es handelte sich beim Eberkopf wahrlich nicht um das gepflegteste Haus und ja, wenn man Pech hatte landete eine Kakerlake im Essen, doch Severus und Murlahey waren nach all den Jahren schlau genug nichts Essbares zu bestellen. Zudem war es Aberforth reichlich egal wer hier was bestellte, Hauptsache er zahlte dafür. Somit war der Eberkopf das perfekte Lokal für zwielichtiges Volk und Schüler, die gern ungenannt blieben, während sie sich allerhand hirnzellenfeindliches Zeug hinter die Binde kippten.

„Was darf's sein?", fragte Aberforth, während sie sich an den Tresen setzten.

„Das übliche.", sagte Murlahey.

„Für dich auch?", fragte der Wirt Severus. Dieser nickte knapp.

Aberforth verschwand daraufhin ins Hinterzimmer. Kaum eine Minute später kam er mit zwei Flaschen Feuerwhisky zurück, die er auf den Tresen knallte.

„Gläser?", fragte der Wirt. Severus verwunderte die Frage nicht, denn Aberforth kannte genügend Leute, die lieber aus ihrer eignen Flasche tranken. Nicht selten vergifteten sich die Ganoven im Schankraum gegenseitig. Seitdem Aberforth jedoch die Gläserfrage eingeführt hatte ließen sich weniger Vergiftungen feststellen. Tendenz steigend.

„Nein danke.", sagten Severus und Murlehey beinah synchron. Zudem stellten Aberforths Gläser ebenfalls gesundheitliche Risiken dar – denn wie gesagt; Hygiene war nicht das beste Fach des Wirts.

„Wohl bekomms.", meinte Aberforth ging davon, um sich seinen übrigen Gästen zu widmen, die im hinteren Teil des Schankraums saßen und mit verbissenen Mienen pokerten.

„Frage, Severus.", sagte Murlahey nachdem er die Flasche an den Mund setzte und einen Schluck nahm. „Gegen wen würdest du gern kämpfen?"

„Inwiefern?"

„Wenn du frei wählen könntest, aus allen Menschen der Erde, gegen wen würdest du kämpfen wollen?"

Severus überlegte kurz.

„Tot oder lebendig?"

„Egal."

„Ich denke, ich würde Terry Metthews nehmen."

„Wie, der Halbriese im Schwergewichtsboxen?", fragte Murlahey.

Severus nickte. Er fand es Paradox, dass die Magier, die so viel von ihren Fähigkeiten hielten, eine Boxliga hatten. Allen voran eine in der bevorzugt Halbblüter kämpften.

„Genau der."

„Du würdest keine zwei Minuten im Ring stehen. Der würde dich mit einem Schlag um einen Meter kürzer machen, Mann."

„Es wär sicher ein interessanter Kampf.", meinte Severus.

„Vor allem wäre es ein kurzer Kampf."

„Ach." Severus winkte ab. „Wen würdest du nehmen?"

„Charles Havager.", sagte Murlahey.

Severus zog die Braunen hoch. Havager war der Manager von „Wallmen Inc.", einer den Todessern unterstehenden Sicherheitsfirma, die Söldner, Wachttrolle und angeblich sogar Kampfdrachen ausbildeten. Sie waren für die Arbeiten im Krieg zuständig, die sogar den Todessern zu dreckig waren.

„Gute Wahl.", sagte er.

„Ja, kleine, dürre Typen sind besonders fies." Murlahey nahm einen Zug aus seiner Flasche. „Aber wahrscheinlich würde ich auch gerne gegen meine Erzieher kämpfen. Die Wichser hätten es aufrichtig verdient, dass man ihnen die Zähne ausschlägt."

„Jason, du wirst im November achtzehn. Dir kann das Waisenhaus doch theoretisch egal sein.", sagte Severus, der nun ebenfalls einen kräftigen Schluck Schnaps nahm.

„Mag sein, aber sie haben die Arschtritte verdient … für alles, was sie mir in den letzten 12 Jahren angetan haben. Ach und apropos Nach-Waisenhaus-Zeit ... ich weiß schon, was ich nach Hogwarts mache."

„Armee?", fragte Severus, obwohl er die Antwort eigentlich schon kannte.

„Wo denkst du hin! Ich hab mir eine Wohnung in der Nähe von Southampton gesucht und dort fang ich dann ein anderes Leben an."

Ein Leben ohne Todesser & Co.KG? Na dann, viel Glück!

„Du willst Dissertieren? Die bringen dich um."

„Man kann nicht dissertieren, wenn man gar nicht erst in die Armee eingetreten ist, Severus."

„Sie werden dich trotzdem jagen."

„Das weiß ich, aber für den Fall habe ich bereits vorgesorgt.", sagte Murlahey.

„Wie …?", setzte Severus an, doch sein Kumpel schnitt ihm das Wort ab.

„Ich werde mein Geheimnis nicht ausplaudern."

Severus nickte und nahm einen Zug Feuerwhiskey.

„Du gehst zu den Truppen, oder?", fragte Murlahey.

„Ich muss. Ich habe keine Wahl …"

Murlahey stöhnte genervt auf.

„Was?", fragte Severus voller Unverständnis.

„Worum geht es beim Fight Club, Severus?"

„Wie bitte? Was hat das denn damit zutun?"

„Eine ganze Menge! Ich dachte ich hätte wenigstens dir beigebracht, dass mit dem Lemmingen ziehen Suizid bedeutet."

„Aber manchmal geht es nicht anders, Jason!", sagte Severus strikt.

„Es geht immer anders! Man muss nur den Mut dazu aufbringen. Du musst das verstehen, Severus. Es ist mir wirklich wichtig, dass du verstehst, dass die Lemminge zu verachten sind. Denn irgendwann fallen sie alle blind die Klippe hinunter und ersaufen jämmerlich in den reisenden Fluten des Meeres."

„Das weiß ich. Aber ich hab ja auch nicht vor auf immer und ewig bei denen zu bleiben. Nur den Grunddienst, dann such ich mir einen Job und …"

„Nur Grunddienst? Bist du wirklich so naiv zu glauben, dass sie jemanden mit deinen Fähigkeiten nach der Grundausbildung laufen lassen? Das machen sie mit den dummen Idioten für die sie nicht mal als Kanonenfutter Verwendung finden, aber nicht mit dir."

„Dann lass ich mich eben feuern.", sagte Severus.

„Geht das bei den Todessern überhaupt?", fragte Murlahey skeptisch. „Sich feuern lassen im herkömmlichen Sinne geht hier nur per Kopfschuss, denke ich."

Severus legte seinen Kopf auf die Tresenplatte.

„Ach, keine Ahnung." Der Whiskey tat langsam seine Arbeit. Es wurde ihm wohlig warm, allerdings setzte zugleich auch eine gewisse Trägheit ein.

Die Beiden schwiegen einige Minuten, während sie nach und nach die Flaschen leerten, welche sie unverzüglich nachbestellten und schließlich in den Genuss ihres eigenen Tabaks kamen.

„Sag mal, warum bist du eigentlich in letzter Zeit so mies drauf, Sev?" Murlahey klang leicht angeheitert. Zudem begann er Severus Namen abzukürzen, was bei ihm immer auf die lockernde Wirkung von Spirituosen zurückzuführen war.

„Weiber.", sagte Severus düster.

„Du trauerst doch nicht immer noch der Evans hinterher, oder?"

„Du verstehst das nicht." Severus zog an seiner Zigarette. Er ärgerte sich insgeheim darüber, dass es etwas in seinem Inneren gab, das die Sache nicht einfach beenden konnte. Seine Vernunft sagte ihm seit Wochen, dass Lily Evans der Vergangenheit angehörte und abgehakt war, doch dann gab es diesen eigenwilligen, anderen Teil seiner Seele, der ihn pausenlos an das Mädchen … an seine Sandkastenfreundin, die sich in die Arme eines Gorillas verloren hatte, erinnerte.

„Es ist alles so schief gelaufen.", sagte Severus deprimiert und stützte sich auf den Tresen. Für einen kurzen Augenblick hatte er das Verlangen seinen Kopf hemmungslos auf die Tischplatte zu schlagen. „Es ist … als wollte der scheiß Sadist da oben …" Er gestikulierte unkoordiniert gen Himmel. „…, dass ausgerechnet mir immer so viel Mist passiert. Okay, vielleicht hab ich's ja verdient. Ich bin daran schuld. Irgendwie …" Jetzt knallte Severus tatsächlich mit dem Kopf auf den Tresen.

Murlahey klopfte ihn beruhigend auf die Schulter.

„Das wird schon wieder, Mann. Vergiss Evans! Sie war nicht die letzte Frau auf Erden! Es gibt so viele Weiber auf dieser Welt – Milliarden!!! –, da wird doch irgendwo eine für dich dabei sein." Murlaheys Worte über die Häufigkeit des weiblichen Geschlechts auf Erden besserte Severus Laune nicht im Geringsten. Er legte seinen Kopf auf die Seite und sah zu seinem Begleiter hoch.

„Ich weiß, aber … ich weiß nicht … ich glaube ich habe sie geliebt … irgendwie …"

„Sie hat dich hängen lassen! Sie hat dir ins Gesicht gesagt, dass du für sie keinerlei Bedeutung hast. Und sie ist im erstbesten Augenblick zu Potter gerannt! Sie hat deine Liebe nicht im Geringsten verdient, Sev!", ereiferte sich Murlahey.

Severus steckte seine Zigarette in den Mund und stützte sich erneut auf seine Hände, während er Löcher in die Barwand starrte.

„Ich seh schon; sie hat dir übel zugesetzt." Murlahey winkte Aberforth zu sich heran.

„Mehr Whiskey!", rief er.

„Jungs, ich glaube, ihr solltet in der Schulzeit nicht so viel trinken.", sagte der Wirt.

„Aberforth, bist du jetzt zu einem dieser Jugendschützer in den Drei Besen mutiert!? Die Situation ist ernst! Wir befinden uns allesamt in einer Phase der tiefen Trauer, die es mit sofortiger Wirkung zu begießen gilt!"

„Ihr solltet euch deshalb nicht besaufen.", sagte Aberforth, der nun das erste Mal in Severus Leben so etwas wie Verantwortungsbewusstsein durchblicken ließ.

„Wir sind zwei Junggesellen, die sich mit der verlorenen Liebe ihres Lebens auseinandersetzen müssen, Aberforth! Wir brauchen diesen Whiskey!", sagte Murlahey. Er war so voller Eifer, dass es Severus schon gruselig vorkam. „Wir brauchen diesen Whiskey mehr als alles andere, Aberforth! Ohne ihn ertränken wir uns voller Verzweiflung in der nächsten Toilette!"

„Schon gut. Schon gut.", maulte der Wirt und verschwand ins Hinterzimmer, um die Beiden mit Feuerwhiskeynachschub zu versorgen.

Wenig später saßen die Beiden in finsterer Depression am Tresen, in welcher sie ihren Alkohol geradezu in sich reinkippten – und diskutierten. Vorzugsweise über Frauen und ihre Eigenarten, die es Männern nahezu unmöglich machten sie zu verstehen. Frauen, das waren für Severus komplizierte Mechanismen, die man nur schwerlich durchblicken konnte.

Warum war es nur so schwer mit ihnen auf einen Nenner zu kommen? Wahrlich war es das nicht mit allen. Jennifer war bei weitem nicht so kompliziert wie Lily – zumindest kam es Severus augenblicklich so vor.

Während sie das Für und Wider dieser ganzen komplizierten Angelegenheit diskutierten und rekapitulierten verging die Zeit wie im Fluge. Und schließlich, nachdem sie die vierte Flasche Feuerwhiskey geleert hatten, weigerte sich Aberforth strikt ihnen noch mehr zu bringen.

„Von mir bekommt ihr nur noch Wasser, Jungs!", sagte der Wirt.

„Meein lieber Aaberforddd …", lallte Murlahey. „… isch binn schon achdsähn und kann so wiel drinken wie isch will!"

„Du vielleicht, aber er noch nicht." Aberforth zeigte auf Severus.

„Ich werd im Februar siebzehn." Anders als Murlahey konnte er seine Sprache noch halbwegs beherrschen.

„Februar? Das sind noch reichlich fünf Monate."

Severus winkte ab.

„Was sind schon fünf Monate in anbetracht der Ewigkeit des Universums?" Er gestikulierte wild und theatralisch.

Tz, irgendwie weckt Alkohol ab und an den Philosophen in mir.

„Ich schlage vor ihr geht zurück zum Schloss, solange ihr noch laufen könnt.", sagte Aberforth und wirkte nun tatsächlich sehr ernst. Nun war es an Murlahey mit dem Kopf auf die Tischplatte zu sinken.

„Ooch, sei nischd so …", lallte dieser und klammerte sich an seiner Whiskeyflasche fest.

„Wollen Sie uns rausschmeißen, Sir?", fragte Severus in einem Anflug jäher Inspiration.

„Ja, allerdings."

„Endfäälld da auch die Besahlung?", fragte Murlahey, während dieser mit der Hand über Tresen langte und einige Strohhalme aus einem Gefäß zog, um sich kunstvoll ins Haar zu stecken.

Ich bin eindeutig Alkoholresistenter. , dachte Severus so für sich. Hauptsache Murlahey kam nicht noch auf die Idee Severus Haarschopf ebenfalls einiger Verschönerungsmaßnahmen zu unterziehen.

„Garantiert nicht!", sagte Aberforth und verschränkte die Arme vor den Beiden

„Wir ham es gar nischt verdiend rausgeschmissn zu wern. Wir sind sooo ruhig und liebwenswürdisch. Ham nischt mal randalierd."

„Ja, so gütig wart ihr, aber trotzdem seid ihr Schüler. Ich bekomm einen Haufen Ärger von Dumbledore, wenn ich hier Alkoholtote zulasse."

„Kann es Ihnen nicht egal sein, was der Alte sagt? Ist doch Ihre Kneipe.", meinte Severus.

Aberforth schien einen Augenblick zu überlegen, ob er antworten sollte.

„Na los, macht euch raus!", sagte er schließlich ziemlich grob.

„Aaaalllles klaaaar!", rief Murlahey und klatschte dem Wirt die entsprechende Summe auf den Tresen. Severus tat es ihm nach.

„Wir siind schon wech!" Murlahey rutschte von seinem Hocker und krachte auf den Fußboden. Severus hatte zum Glück noch genügend Koordinationsvermögen, um seinem Freund aufzuhelfen.

„Tschau meine Süßen!", rief Murlahey dem gesamten Wirtshaus zu als sie den Eberkopf verließen.

Draußen war bereits die Dämmerung eingebrochen. Die Beiden machten sich mit schwankenden Schritten auf den Weg hinauf ins Schloss.

Und auf halber Strecke zum altehrwürdigen Hogwarts überkam Severus und Murlahey eine eigenartig ausgelassene Stimmung. Die beiden Slytherins, kaum Fähig geradeaus zu gehen und auf den Beinen zu bleiben, stimmten eine höchst unmelodische und obszöne Variante der Schulhymne „Hoggy-Hoggy-Hogwarts" an.

Hog-Hog-Hoggy-Hoggy-Hogwarts,

bring uns etwas bei,

Ob verpisst und fahl oder angeschissen und glatt wie ein Aal,

wir stehen uns bei!

Denn noch sind unsre Köpfe voll,

voller schalem Bier und berauschenden Gräsern,

wir wollen nun alles verwässern!

Was du uns hast beigebracht,

ist von gestern!

Gib dein Bestes – wir können's gebrauchen,

unsere Köpfe, sie sollen nicht so rauchen, denn der Kater ist nicht weit!

Sie grölten diesen wahren Erguss an moderner Dichtkunst über die Ländereien. Es war nicht ihre Art das zutun, aber wer sollte sie schon hören? Zudem gab es Schlimmeres als eine verstümmelte Schulhymne, bei dessen Klang sich der ursprüngliche Verfasser wahrlich im Grabe umdrehen würde. Und genau deshalb ließen es sich Severus und Murlahey auch nicht nehmen auf dem Weg bis zum Schlosstor noch eine zweite Strophe zu improvisieren.

Hog-Hog-Hoggy-Hoggy-Hogwarts,

komm schnell herbei,

denn wir sind menschlicher Brei!

Sei nicht so und lass uns rein,

unser Hirn ist matschig wie ein Ei!

Wir sind wuschlige Wuscheltrolle und schlagen jeden Trottel zu Brei!

Voller Bier und voller Schnaps wird die Fresse zugemacht!

So sind wir hier, um uns rächen,

um zu lächeln,

um zu grölen,

Ja, wir hau'n dir die Fresse ei'!

Kurz vor dem Tor brachen die Beiden in Gelächter aus. Worüber sie lachten wussten sie selbst nicht. Wahrscheinlich war es nur der Alkohol, der sie in diese Stimmung versetzte.

Sie torkelten durch das Schlossportal, hinein in die belebte Eingangshalle, in welcher gerade ganze Scharen von Schülern zum Abendessen strömten.

„Haaallooooow, ihr Schisser von Hogwards!", rief Murlahey durch die ganze Halle. Schüler und Lehrer drehten sich nach ihnen um.

Professor McGonnagall, die gerade die Große Halle verließ, wäre beinah der Mund nach unten aufgeklappt als sie die beiden, soeben erschienenen Schüler sah. Ebenso ging es Professor Slughorn, der offenbar nicht glauben konnte, dass es Schüler seines Hauses waren, die sich so furchtbar daneben benahmen.

Die beiden Lehrer traten auf Severus und Murlahey zu.

„Was um alles in der Welt …?", begann McGonagall völlig von der Rolle.

„Wir hadden etwas weldlischen Spaß, meine Gude!", lallte Murlahey der Hauslehrerin von Gryffindor entgegen.

„Sie sind ja betrunken!", sagte Slughorn. Es wollte nicht in sein Spatzenhirn hineingehen, was er da gerade sehen musste.

„Wirklisch gudd beobachded!"

Severus entgegnete nichts. Er wollte die Situation nicht noch verschlimmern. Sie war so schon miserabel genug, denn das alles würde noch ein Nachspiel haben – und der morgendliche Kater, der ihn in ein paar Stunden heimsuchen würde, war da noch das kleinere Übel.

„Mr Snape …", wandte sich McGonnagall an ihn, offenbar in der Hoffnung er habe Murlahey in diesem Zustand gefunden und ihn ins Schloss überführt – okay, wenn man es etwas ausschmückte, drehte und wendete, dann konnte dies durchaus zutreffen.

Die gute Professorin verlor, als sie Severus ansah, jedoch jegliche Hoffnung, dass es so gewesen sein könnte. Er wusste auch warum. Seine versoffenen und geröteten Kaninchenaugen verrieten ihn.

„Tja, Professor …", sagte Severus, bevor McGonnagall zu einer belehrenden, nahezu tobsüchtigen Rede ansetzen konnte. „… wir hatten auch ohne Quidditch unseren Spaß."

Das hättest du jetzt nicht sagen sollen.

„Sie Beide …", brauste Professor Slughorn auf, der sich offenbar wieder gefangen hatte. „… kommen sofort in mein Büro! Wir haben so einiges zu klären, meine Herren." Die Stimme ihres Hauslehrers hatte nichts, was auf den sonst so geselligen Mann hinwies. Sie war voller Wut und Strenge und stand dem Ton von Professor McGonngall in nichts nach.

Während Slughorn die Beiden in die Kerker führte verhielten diese sich ausgesprochen ruhig. Selbst Murlahey, der sonst bei jeder Gelegenheit sein loses Mundwerk gegenüber Autoritätspersonen nicht zügeln konnte, blieb still. Auch er musste sich über den ernst der Lage im Klaren sein.

„Hier rein!", sagte Slughorn ungewohnt grob als sie sein Büro erreichten. Sie betraten den Raum mit schuldbewussten Mienen – zumindest versuchten sie es, denn mit Horace Slughorn war in solchen Situationen wahrlich genauso wenig zu Spaßen wie mit dem alten Gryffindordrachen McGonnagall.

„Was … Was, frage ich mich, ist in Sie gefahren, Mr Murlahey, Mr Snape?! Haben Schüler unseres Hauses nicht ein viel besseres Verhalten gelernt?"

„Was denn? Zum Beispiel Halbblüter töten?", rutschte es Severus heraus.

Oh O, Alkohol und lockere, rebellische Zungen. Das passt eindeutig nicht zusammen.

Slughorn stemmte sich auf seinen Schreibtisch und sah die Beiden durchdringend an.

„Sie Beide haben heute dem Haus Slytherin eine größere Schande gebracht als es hätte Mr Malfoy je tun können – und glauben Sie mir; ihr Freund war damit heute ebenfalls sehr fleißig."

Lucius hat auch Scheiße gebaut? , dachte Severus erfreut. Na dann sind wir wenigstens nicht die einzigen Slytherins, die die Hucke voll kriegen.

„Ich hätte so etwas nicht von ihnen erwartet. Verdammt noch mal!" Slughorn schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. „Ich weiß, dass sie Beide über sehr viel Intelligenz verfügen. Es wäre nur ratsam diese auch zu benutzen."

„Awer wir ham sie benudzd.", sagte Murlahey. „Hädden wir sie nischd benudzd, dann wär'n wir beim Spiel gewesem und hätten die Grywindorws aufgemischd."

Slughorn schloss kurz die Augen, als wolle er sich selbst um so etwas wie Beherrschung bitten, und ignorierte Murlaheys Bemerkung.

„Ich weiß nicht wie sie es geschafft haben sich während der Schulzeit ins Dorf zu schleichen, um sich dort in gewissen Etablissements herumzutreiben. Denn anders kann es nicht gewesen sein …"

„Awer Proffeschor, es war wichtisch! Wir mussten Sewerus Liewesgummer begießen."

Severus sah Murlahey beinah entsetzt an. Liebeskummer? Er wollte das Wort Liebeskummer auf gar keinen Fall in dieser Beziehung stehen sehen. Schon gar nicht hier! Schon gar nicht vor Slughorn! Und schon gar nicht in dieser Situation!

Noch bevor Severus den Mund aufmachen konnte, um etwas zu entgegnen, war Professor Slughorn bereits wieder in voller Fahrt, wie ein Eisbrecher auf Zermalmungskurs.

„MIR IST EGAL, WAS SIE BEGIESSEN WOLLTEN!", schrie er zornig. „DAS EINZIGE, WAS ZÄHLT IST IHR UNMÖGLICHES VERHALTEN!"

An Murlahey prallten diese Worte mühelos ab. Severus hingegen spürte wie er um ein paar Zentimeter schrumpfte.

„Nun gut …", sagte Slughorn, zum Teil, um sich zu beruhigen. „Ich ziehe jeden von ihnen 50 Punkte ab! Zudem werden sie Strafarbeiten bei Mr Holkery bekommen, für die nächsten 6 Wochen bis zu den Weihnachtsferien, jedes Wochenende! Vielleicht hilft ihnen harte Arbeit dabei sich zusammenzureißen und den Ruf ihres Hauses zu achten."

Kalte Wut lag in der Stimme ihres Hauslehrers.

Holkery? Oh nein, das heißt Klodienst.

Slughorn hielt kurz inne und schnaufte wie ein Walross.

„Nun gut … Sie können gehen. Schlafen sie ihren Rausch aus und melden sie sich morgen um 15 Uhr bei mir, verstanden?"

Severus und Murlahey nickten und trabten schließlich aus dem Büro.

„Es hätte schlimmer kommen können.", sagte Severus als sie in den Gemeinschaftsraum traten.

„Wie Rescht du hasd!", meinte Murlahey. „Was sin' schon 100 verlorne Hauspungde! Die hol'n wir in nullgommanischts wieder raus!"

Glücklicher Weise war der Gemeinschaftsraum völlig verlassen, sonst hätte sie das zugeben dieser Tatsache Kopf und Kragen kosten können.

Während der Rest des Schlosses noch das Abendessen genoss standen Severus und Murlahey unter der Dusche und hielten ihre dröhnenden Köpfe ins kalte Wasser. Der Kater machte sich bereits bemerkbar und ehrlich gesagt wollte Severus gar nicht wissen wie sich dieser morgen Früh anfühlen würde.

Schließlich wankten die Beiden in den Schlafsaal und ließen sich ohne Worte in ihr Bett fallen. Severus verfiel nach wenigen Minuten in einen todesähnlichen Schlaf aus dem ihn niemand zu wecken vermochte. Weder die lärmenden Schüler, die sich einige Stunden später ins Bett begaben, noch die merkwürdigen Träume, die Severus heimsuchten, in welchen er versuchte einen Stein davon zu überzeugen, dass er ein Hund war und mit ihm „Fang das Stöckchen" spielen wollte.

Absolut nichts konnte Severus Snape in dieser Nacht wecken.

Am nächsten Tag schlief er lang. Fast bis zum Mittag, um genau zu sein. Als Severus seine schweren Lieder öffnete tat sein Kopf genau das, was er von ihm befürchtet hatte. Er fühlte sich an als wolle explodieren und seine rötliche Gehirnmasse in jedem Winkel des Zimmers verteilen. Langsam, unter quälendem und schmerzvollem Stöhnen, setzte er sich auf.

Hat mal jemand einen Hammer? Ich will mir damit auf den Kopf hauen! Nein? Das ist aber schade.

Severus zog sich an – zumindest versuchte er es, denn so ein Kater war wahrlich nicht zu unterschätzen. Er besaß an diesem Morgen so viel Koordinationsvermögen wie ein Kleinkind. Es war schon erstaunlich wie schwierig es sein konnte sich seine Socken anzuziehen. Er brauchte fast eine halbe Stunde für den Rest seiner Sachen.

Schließlich verließ Severus den Schlafsaal, ungekämmt, mit schlecht sitzenden Klamotten, aber immerhin auf beiden Beinen stehend.

„Hast du bis jetzt geschlafen?", fragte eine verblüffte Stimme, die er augenblicklich nicht zuordnen konnte. Severus stand auf der Treppe und sah in den Gemeinschaftsraum hinab, unfähig irgendwas zu erkennen – beziehungsweise sein Gehirn weigerte sich ihm die zur Verfügung stehenden Informationen zu den dazupassenden Gesichtern zu liefern.

Während er in den Untiefen seines Kopfes kramte machten sich seine Füße selbstständig und kaum eine Sekunde später verlor Severus das Gleichgewicht. Er rutschte mit dem Fuß von der Treppe ab und stürzte nach vorn. Unter einem überraschten Aufschrei prallte er auf die Stufen auf und überschlug sich ein paar Mal bis er auf dem kalten Steinboden des Gemeinschaftsraumes knallte.

Auwa …! Der Kater ist so schon schlimm genug!

„Sev …!", rief ein Junge und kaum einem Moment später tauchte ein Blondschopf über ihm aus.

Das ist der Dings … Mist, wie heißt er gleich …? Na toll, jetzt hab ich auch noch Amnesie!

Ein paar Hände packten ihn und halfen ihm auf.

Ihh, ich glaub, ich kotz mir gleich auf die Füße!

Alles in seinem Kopf drehte sich und schmerzte.

Bitte bring mich einer um!

Die Hände, die offensichtlich zu irgendwelchen Schülern gehörten, bugsierten ihn in einem Sessel am Kamin.

„Alles in Ordnung?", fragte erneut jener bekannte Unbekannte.

NEEEIIIIINNN!

Er konnte nichts antworten, aus Angst sich zu übergeben. Zudem wusste er nicht, was er hätte sagen sollen außer vielleicht: „Wer seid ihr alle?"

„Soll ich Slughorn holen?", fragte eine weitere mysteriöse Stimme, die irgendwas in seinem Kopf klingeln ließ.

„Nein, lass mal, ich glaub er ist noch voll von gestern … Hat einen totalen Black Out, würd ich meinen."

Severus sah in die Gesichter, der Leute, die um ihn herum standen. Er wusste nicht, was in seinem Gehirn los war, doch diese Schüler waren ihm allesamt bekannt und unbekannt zugleich.

„Severus, wir sind's.", sagte der Blonde und irgendwie – wenn auch ganz langsam – rastete etwas in seinem Kopf ein. Er hatte das fehlende Puzzleteil endlich gefunden. Die lockere Schraube festgezurrt. Das Uhrwerk geölt und wieder in Betrieb genommen.

„Lucius!", rief Severus mit einem Ausdruck plötzlichen Erstaunens.

„Ja, der bin ich.", sagte Lucius Malfoy mit einem sanften lächeln auf den Lippen. Offenbar war auch er froh darüber, dass bei Severus endlich der Groschen gefallen war.

Verdutzt stellte er fest, dass Lucius Lippe aufgeplatzt war und ein gigantisches Veilchen sein linkes Auge schmückte.

„Was zum Teufel ist mit dir passiert?", fragte Severus.

„Sirius Black.", antwortete Lucius in einem leicht verlegenen Ton. Offenbar wollte er nicht darüber reden.

„Black? Was? Wieso …?" Severus versuchte alle Ereignisse des gestrigen Tages zusammenzukriegen, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er sich doch gestern zusammen mit Murlahey das Hirn wegesoffen hatte.

„Während du mit Murlahey eine Sauforgie gestartet hast bin ich meiner Pflicht als Slytherin nachgekommen und war beim Spiel!"

Hatte sich die Sache tatsächlich schon so dermaßen herumgesprochen? Okay, immerhin hatte Murlahey durch die Eingangshalle gegrölt, aber … Ach, der verfluchte Alkohol!!! Er hatte wirklich keine Ahnung! Ein Totalausfall!

„Und na ja, wir haben gewonnen …"

Deshalb war Slughorn so fuchsteufelswild! Ich und Jason haben den Hausvorsprung zunichte gemacht. Immerhin; eine glorreiche Tat – wenn auch im negativen Sinne.

„… was Black und Potter irgendwie nicht verkraftet haben. Hmpf, diese Gryffindorgorillas!" Es hatte schon was wie Lucius das Wort „Gryffindorgorillas" betonte. Abwertend, ohne Frage, aber dennoch irgendwie … stolz? Hörte er da tatsächlich Stolz, oder hatte der ganze Feuerwhiskey neben seinem Erinnerungsvermögen auch sein Gehör geschädigt?

„Nun … wie dem auch sei … die Beiden kommen nach dem Spiel auf uns zu – mich, Avery, Rookwood, Carrow und einige andere – und blasen sich auf wie sonst was. Und nun ja, ich habe die … die Initiative ergriffen."

„Ha, red nicht, Malfoy! Ich sag dir, Sev, er hat nicht die Initiative ergriffen! Er hat Potter und Black gleichermaßen fertig gemacht. Hat die beiden mit einem Spruch entwaffnet! Hab so was noch nie gesehen! Dann sind sie aufeinander los und Lucius hat Black zu Brei geschlagen. Potter ist abgehauen! Ha, das feige Schwein hat ihn an McGonnagall verpfiffen und es so gedreht, dass Lucius sie mutwillig angegriffen hätte.", sagte ein Schüler neben Severus, den er nach einem aufwendigem Denkprozess als Augustus Rookwood identifizierte.

„Wie viel hat Slughorn dir dafür abgeknöpft?", fragte Severus.

„50 Punkte.", sagte Lucius und klang einwenig schuldbewusst.

Er konnte nicht anders als Laut loszuwiehern. Nun ergab Slughorns Verhalten tatsächlich einen Sinn. Sein Haus hatte das Spiel gewonnen und nur drei Schüler hatten es geschafft diesen Sieg im Nachhinein in eine Katastrophe zu verwandeln.

„Was ist so witzig daran?", fragte Lucius völlig irritiert.

„150 Punkte!", kicherte Severus und versuchte sich zu beruhigen. „Wir haben an einem Tag 150 Punkte eingebüßt!"

„Ich wüsste nicht, was daran so lustig ist!", meldete sich ein Slythertin in seiner Nähe, dessen Name Severus spontan entfallen war.

„Wie hoch habt ihr gewonnen? Mit 160, vielleicht 180 Punkten? Slughorn muss heute Nacht kein Auge zubekommen haben.", sagte Severus.

„In der Tat.", sagte Lucius. „Ich habe ihn heute Früh an den Stundengläsern vorbeigehen sehen. Er wäre fast in Tränen ausgebrochen."

Severus erhob sich. Er fühlte sich schlagartig besser. Nicht einmal sein Kater oder seine vorübergehende Erinnerungslosigkeit wirkten so schlimm wie vorher.

Schadenfreude ist doch die schönste Freude!

„Wie spät ist es?", fragte Severus.

„Kurz vor Mittag.", antwortete Lucius.

„Gut, wir sehen uns heute Nachmittag, nicht wahr?" Severus sprintete zum Ausgang des Gemeinschaftsraums.

„Wo willst du hin?", rief Lucius ihm voller Verwirrung nach.

„Ich fühle mich inspiriert!", war alles, was Severus seinem verdutzten Freund sagen konnte. Kaum eine Sekunde später war er bereits durch die Tür gerauscht, wie eine Fledermaus auf Beutejagd.

Inspiration! War dies das richtige Wort, um zu beschreiben, was er augenblicklich fühlte? Severus Snape wusste es nicht genau. Es war ein Impuls der Tatkraft, der ihn durchfuhr als er mit Lucius sprach. Etwas Seltsames in seinem Inneren regte sich und ließ ihn nicht wieder los.

Severus ging zielstrebig in Richtung des Verbotenen Waldes. Irgendetwas lockte ihn. Es trieb ihn, obwohl er nicht wusste, was es war.

Inspiration.

Er begann zu rennen, sprintete in die Dunkelheit des Waldes hinein, ohne zu wissen warum. Die mächtigen Fichten und Tannen erhoben sich kahl und bedrohlich über ihn. Wie stumme Wächter und Monster, die ihn mit ihren Klauen zu fassen versuchten.

Je tiefer er in den Wald vordrang desto drängender wurde das Gefühl, welches ihn antrieb, wie der bevorstehende Peitschenhieb eines Gefängniswärters. Es trieb ihn vorwärts! Immer weiter! Schritt für Schritt!

Schließlich kam er zu einem steilen Hang an dessen Fuß sich eine kleine Lichtung befand. Auf der Lichtung befand sich eine Herde von Kreaturen, die Severus nur allzu bekannt waren. Threastrale. Dunkle, geisterhafte Kreaturen. Von Mensch wie Tier gemieden und verflucht von jenen, die fähig waren sie zu sehen. Und Severus konnte sie sehen.

Als er dreizehn war musste mit ansehen wie ein Mann vor seinen Augen ohne ersichtlichen Grund von einem Polizisten erschossen wurde. Es war in der Innenstadt Bristols gewesen, an einem sonnigen, warmen Tag im August. Severus war auf dem Weg zur Bibliothek als plötzlich dieser Polizist und dieser Kerl vor ihm auftauchten. Keine Sekunde verging und schon hatte der Gesetzeshüter seine Waffe gezückt und sein Gegenüber niedergestreckt.

Noch heute sah er die Szene vor sich, die wie aus einem schlechten Gangsterfilm wirkte und bis heute für seinen Verstand keinerlei Sinn ergab. Der Polizist hatte ihn damals nicht bemerkt und war abgehauen. Glücklicher Weise, denn sonst hätte er ihn wohl ebenfalls getötet.

Severus schüttelte den Kopf und rutschte den Abhang vorsichtig hinunter. So gefürchtet die Thestrale auch waren – und ja, er hatte sich beim ersten Mal als er sie erblickte ebenfalls zu Tode erschrocken – so vertraut schienen sie ihm. Er mochte sie irgendwie. Ihr düsteres Erscheinungsbild, ihre anmutige Art sich zu bewegen faszinierten Severus.

Die Tiere hoben ihre Köpfe als er unten ankam. Ihre gelben Augen funkelten ihn an. Die Blicke der Threstrale waren ruhig und fern jeder Aggression. Tatsächlich wirkten sie eher neugierig. Severus erwiderte ihren Blick.

In jenem Augenblick scheuten die Thestrale und gaben ein gespenstisches Heulen von sich. Die Herde trat für einen kurzen Moment verwirrt auf der Stelle bis sie plötzlich davon galoppierten.

Severus sah sich um. Irgendetwas hatte die Tiere verscheucht und kaum eine Sekunde später erblickte er es voller Schrecken. Verwahrloste Gestalten, weder tot noch lebendig, mit Lumpen bedeckt. Mit verzerrten Fratzen und roten Augen, die sich auf ihn fixierten, während sie ihre Zähne voller Vorfreude bleckten.

Inferi! , dachte Severus voller Furcht. Hier? Im Verbotenen Wald? Wie kann das sein? Sie sind …? Doch er hatte keine Zeit in Ruhe darüber nachzudenken, denn die nach Fleisch gierenden Kreaturen hatten ihn schon erblickt. Sie zögerten keine Sekunde und stürmten auf ihn zu. Severus zog blitzartig seinen Zauberstab.

SECTUMSEMPRA!

Ein roter Blitz traf den Inferi vor ihm und riss ihm den Kopf ab. Blut spritzte in alle Himmelsrichtungen. Die anderen, seelenlosen Monster ließen sich vom Tod ihres Artgenossen nicht im Geringsten stören und drangen weiter auf ihn ein.

Severus feuerte einen weiteren Fluch auf einen der Untoten ab und sprintete davon. Sie kamen von allen Seiten. Er hatte nicht die geringste Ahnung woher zum Teufel all diese Inferi kamen, doch Zeit zum denken blieb nicht.

Severus sprintete durch das Unterholz und versuchte die flinken Monster durch plötzliche Haken abzuhängen. Ohne Erfolg. Erneut feuerte er auf die Inferi. Einem seiner Verfolger riss es ein Bein ab und der Untote blieb fauchend und heulend auf dem Waldboden liegen.

Plötzlich tauchten vor ihm einige der Kreaturen auf. Sie stürmten auf ihn zu.

SECTUMSEMPRA!

Die erste Kreatur wurde sauber in zwei Hälften geteilt. Unterleib und Torso trennten sich voneinander als habe man sie mit einem Fallbeil bearbeitet. Ein Schwall warmen Blutes spitzte Severus entgegen. Ihn überkam für einen Augenblick ein Brechreiz, doch er hielt stand, hielt es durch. Als Severus angewidert inne hielt schaffte es der zweite Inferi ihn zu packen. Die abgefaulten Klauen des Monsters gruben sich in seine Schultern. Die Kreatur warf ihn zu Boden und wollte bereits ihre Zähne in seinen Hals versenken, um ihn die Kehle durchzubeißen, als Severus es schaffte den Kopf des Inferi zu packen und von sich wegzudrücken. Der vermoderte Geruch aus dem Rachen des Monsters stieg ihm in die Nase und erneut musste er damit ringen sich nicht zu übergeben.

Fauchen, Jaulen und Heulen durchdrangen die Luft. Die restlichen Untoten waren ganz nah. Severus rammte der Kreatur den Zauberstab in den Hals.

SECTUMSEMPRA!

Es riss den Kopf des Untoten aus seiner Verankerung zwischen den Schultern. Erneut ergoss sich Blut über Severus und dieses Mal muss er sich wirklich übergeben. Zu seinem Glück hatte er heute noch nichts gegessen, weshalb er ausschließlich säuerlichen Magensaft spuckte. Er schob den leblosen Leib des Inferi von sich herunter und rappelte sich auf. Ein weiteres Monster stürzte sich nun von hinten auf ihn und versenkte seine Zähne in seinem Arm. Severus schrie auf, versuchte für einen Moment den Untoten abzuschütteln und schoss schließlich einen Fluch über die Schulter auf ihn ab.

Erneut sprintete er davon. Severus rannte. Rannte bis seine Lunge brannte und seine Muskeln zitterten. Ab und zu schoss er mit dem „Sectumsempra" auf seine Verfolger, um etwas Zeit zu gewinnen, doch es nützte kaum etwas. Erst als der Wald sich langsam lichtete und das Schloss in sicht kam zogen sich die Inferi zurück.

Licht! , dachte Severus und hätte sich gern für seine Dummheit geohrfeigt. Sie fürchten Licht und Feuer, du Hirntoter!

Er rannte weiter. Hoch zum Schloss. Und als er die große Treppe zum Eichenportal erklomm kamen ihm einige Schüler entgegen, die ihn mit aufgerissenen Augen förmlich anstarrten. Er wusste auch genau warum. Das Blut. Es klebte förmlich überall. An seinen Händen, seinen Klamotten, im Gesicht … ja, selbst in seinen Haaren klebte es.

Schließlich, kurz bevor er am Portal ankam forderte sein tollkühnes Unterfangen im Verbotenen Wald seinen Tribut. Die Schwäche übermannte ihn. Er brach auf der Treppe zusammen und verlor kurz darauf das Bewusstsein.

Professor Horace Slughorn wusste sich langsam nicht mehr zu helfen – und dies war ein Zustand, der nur sehr selten bei ihm eintrat. Er hastete gerade durch das Treppenhaus von Hogwarts zum Krankenflügel. Albus und Minerva hatten ihn gerufen, da es um einen seiner Schüler ging. Nach den Ereignissen der letzten Tage und Wochen hatte er inständig gehofft, dass es nicht schon wieder um jenen Jungen ging, der offenbar beschlossen hatte die gesamte Lehrerschaft in den Wahnsinn zu treiben.

Immer wieder Severus Snape! Wüsste ich es nicht besser würde ich sagen, dass diese ganze Sache Methode hat und er das alles absichtlich macht.

Sich selbst beruhigende Worte zuflüsternd betrat Horace den Krankenflügel.

Albus und Minerva standen am Bett des jungen Snape.

„Was ist denn jetzt schon wieder passiert!?", platzte es aus ihm heraus als er sich den Beiden nährte.

„Ganz ruhig, Horace.", beschwor ihn Minerva. „Es geht ihm soweit gut."

Er warf einen blick in das Bett in dem Snape schlief und hätte beinah einen Aufschrei von sich gegeben.

„Was, bei Merlins Bart, ist geschehen? Albus …?"

„Das wissen wir nicht. Noch nicht. Einige Schüler haben ihn auf der Schlosstreppe zusammenbrechen sehen und uns unverzüglich informiert."

„Sollte das nicht ihr ach so toller Elf erledigen?!", fuhr Horace den Schulleiter an. Seine Nerven waren seit einigen Tagen wie zum zerreißen gespannt. Er konnte wahrlich keine weiteren Zwischenfälle dieser Art gebrauchen.

„Beruhigen Sie sich, Horace.", sagte Minerva, doch sie klang nicht so recht überzeugt.

„Nathan hat Severus Snape die letzten Tage über beobachtet. Und ist ihn heute bis in den Verbotenen Wald gefolgt."

„Der Wald? Was zum Teufel hat der Bengel da überhaupt zu suchen?", entfuhr es Horace. Er hatte einfach keine Geduld mehr! Und in der Tat hatte er jeden Grund Snape als Bengel zu bezeichnen. Vor allem, weil er so ein intelligenter, junger Mann war, der nun offenbar vor hatte den Bach herunter zu gehen. Horace musste schon bei vielen begabten Leuten mit ansehen, wie sie den Bach runter gingen. Nichts war schmerzlicher für einen Lehrer als das!

„Nathan berichtete mir, dass er tief in den Wald vordrang und schließlich in eine Gruppe von Inferi geriet."

Inferi? Na das hat grade noch gefehlt …

„Albus, wir müssen etwas unternehmen! Es kann mit ihm nicht so weitergehen. Er bringt sich am Ende womöglich noch selber um!", sagte Horace.

„Das habe ich durchaus mit einkalkuliert.", antwortete der Schulleiter monoton.

„Einkalkuliert? Verdammt, Dumbledore, der Junge ist doch keine Aktie!", entgegnete Horace wütend.

„Das ist mir durchaus bewusst.", sagte Albus als habe er die Bemerkung seines Kollegen nicht gehört. „Am Besten wir warten bis er aufwacht. Dann wird sich womöglich alles klären."

Als Severus Snape die Augen öffnete wusste er zunächst nicht wo er war. Es dauerte einige, verwirrende Augenblicke bis er sich bewusst wurde, dass er im Krankenflügel lag. Dieser lag dunkel und verlassen da. Es musste bereits später Abend sein. Wie lange war er ohnmächtig gewesen? Den halben Tag? Oder noch länger?

Severus stieg ein merkwürdiger Vanillegeruch in die Nase und er bemerkte, dass man ihn gewaschen hatte. Seine Sachen und Habseligkeiten lagen auf einem Stuhl neben ihm.

Severus setzte sich langsam auf und rieb sich den Nacken. Dabei rutsche ihm die Decke herunter und erst jetzt fiel ihm auf, dass er, bis auf seine Unterwäsche, total nackt war. Plötzlich tauchte ein Bild in seinem Kopf auf, in dem er völlig nackt vor Madam Pomfrey lag und …

„Iiihh!", entfleuchte es seiner Kehle und er schüttelte energisch den Kopf, um diese schreckliche Szenerie aus seinem Geist zu vertreiben. In jenem Augenblick bog die besagte Krankenschwester um die Ecke. Severus zog sich blitzartig die Bettdecke hoch, damit das Weib bloß keinen Blick auf seinen Körper erhaschen konnte.

Kann es sein, dass du dir manchmal Sachen einbildest? , fragte seine innere Stimme fast schon belustigt.

„Ah, Mr Snape, Sie sind wach.", sagte Madam Pomfrey. Severus antwortete nicht, sondern sah sie nur berechnend an.

„Ist irgendwas?", fragte sie als sie seinen Blick bemerkte.

„Nein.", sagte Severus mit einer merkwürdig hohen Stimme, die so gar nicht zu ihm passte.

Genau, Severus, es ist überhaupt nichts, wenn man davon absieht, dass deine Phantasie mal wieder mit dir durchgegangen ist und du dich sexuell belästigt fühlst.

Er achtete nicht auf die gehässige Stimme in seinem Inneren.

„Gut. Der Schulleiter möchte mit Ihnen sprechen sobald es Ihnen wieder besser geht."

Ich bin todkrank!

„Und wann ist das?", fragte Severus.

„Frühestens morgen. Sie haben heute ganz schön was mitgemacht." Die Krankenschwester schüttelte kurz den Kopf und legte einen tadelnden Blick auf. „Der Wald ist nicht umsonst verboten, mein Guter."

Severus stutzte. Woher zum Teufel wusste Pomfrey davon? Sicher, er war blutüberströmt auf der Treppe zusammengebrochen, doch niemand konnte wissen, was wirklich passiert war.

„Aha.", sagte er leise.

„Vor der Tür wartet übrigens ein junger Mann, der mit Ihnen sprechen möchte.", sagte Madam Pomfrey. „Obwohl Besuch um diese Zeit wahrlich nicht gutzuheißen ist …"

„Wer ist es?", fragte Severus sofort.

„Lucius Malfoy."

„Ja. Holen Sie ihn.", sagte Severus.

„Aus medizinischer Sicht wäre es jedoch besser, wenn Sie sich ausruhen würden."

„Ich bestehe darauf! Ich … Wir werden es auch nicht großartig ausweiten.", sagte Severus drängend. Obwohl sie in den letzten Wochen nicht miteinander gesprochen hatten war er sehr froh über Lucius Besuch.

„Na, wie Sie meinen.", gab Madam Pomfrey klein bei und ging zur Tür. Sie ließ Lucius ein und ging in ihr Büro.

Lucius Malfoy trug komischer Weise noch seine Schuluniform. Zudem wirkte sein Haar merkwürdig zerstruppelt. Hätte er noch seine Brille aufgehabt, dann wäre Severus dazu geneigt gewesen ihn als blonde James-Potter-Version abzutun. Was ihn jedoch gänzlich verwirrte war der Strauß Blumen, den Lucius in der Hand hielt.

Er wird mir doch wohl keinen Antrag machen wollen? Hahaha.

„Hallo …", sagte Lucius. Es klang melancholisch, ja beinah etwas niedergeschlagen. „… ich hab gehört, was passiert ist."

Gegen diese Schule ist ein Buschfeuer geradezu lahmarschig.

Lucius setzte sich nun auf Severus' Bett.

„Hör zu, Sev, ich … ich wollte dir sagen, dass es mir leid tut." Er blickte betrübt zu Boden, während er das sagte.

„Meinst du das ernst?", fragte Severus, dem diese ganze plötzliche Versöhnung etwas spanisch vorkam.

„Ja, Alter.", sagte Lucius und sah ihn nun an. „Ich hab mich wie ein Vollidiot benommen. Tut mir echt leid. Ich war wohl mit der ganzen Situation einwenig überfordert und brauchte erstmal wieder einen klaren Kopf."

„Okay.", sagte Severus ein wenig monoton. „Und … für wen sind die Blumen?" Er konnte sich die Frage nicht verkneifen.

„Ich treffe nachher noch jemanden."

Severus zog verblüfft die Braunen hoch.

„Jemanden?", fragte Severus nach. „Oder vielleicht eine Sie?"

Wieder blickte Lucius zu Boden. Diesmal wirkte es jedoch äußerst pikiert.

„Hmm."

„Was hmm? Lucius, du brauchst dich doch nicht für eine Freundin zu schämen. Insofern es natürlich eine Sie ist."

„Wie meinst du das denn?", fragte Lucius völlig schockiert. „Denkst du ich würde mit Jungs rummachen? Ich bin doch nicht Avery!"

„Lucius, jetzt beruhige dich!", sagte Severus lachend.

„Ich will, aber nicht! Sev, wir … wir waren ja die letzten Wochen ziemlich getrennt und …" Lucius musste nun tatsächlich ebenfalls lachen. „Wusstest du, dass Avery was mit Mennacan hat?"

„Mennacan? Du meinst doch nicht diesen Wicht von den Gryffindors?"

„Doch! Ich hab die Beiden beim rumknutschen erwischt. Uuäh! Und mit so jemanden liegen wir in einem Schlafsaal.", ereiferte sich Lucius.

„Jetzt werd nicht gleich homophob.", sagte Severus. „Nicht wenige große Magier waren ebenfalls schwul."

Lucius verzog das Gesicht. Sein Freund hörte es nicht gern, aber es war eine Tatsache, dass Homosexualität unter den Magiern deutlich akzeptierter und weiter verbreitet war als unter den Muggeln. Was vor allem den Grund hatte, dass es innerhalb der Zaubererschaften nicht als äußerst absonderlich angesehen wurde, sondern weitgehend als normal.

Es handelte sich dabei um ein Überbleibsel der Antike. Jener Zeit als sich die Magier noch frei und uneingeschränkt unter den Muggeln bewegen konnten. Als es noch keine Rolle spielte welches Blut man in sich trug. Als die Magier noch Teil der Legenden und Mythen der Muggel waren – und umgekehrt.

„Wer ist sie?", fragte Severus schließlich. Er wusste, dass es womöglich taktlos war so direkt zu fragen, doch er war neugierig. Und nichts war schlimmer als unbefriedigte Neugier.

„Narzissia."

Erneut machte sich Überraschung auf Severus' Gesicht breit.

„Wie bitte? Du und Narzissia Black?"

Lucius nickte. Er wirkte erneut niedergeschlagen.

„Warum?", fragte Severus in einem strengen, fast lehrerhaften Ton.

Lucius zuckte mit den Schultern.

„Sie kann ganz nett sein, wenn sie will.", sagte er.

„Vor ein paar Wochen hast du sie noch als eingebildete Schnepfe betitelt.", meinte Severus feststellend. „Und jetzt schenkst du ihr Blumen?"

„Jaaaaa.", brummte Lucius.

„Lucius, jetzt ganz unter uns; machst du das wegen deinen Eltern?"

Lucius Miene verfinsterte sich, jedoch antwortete er nichts auf die harsche Frage seines Freundes.

„Warum kümmert dich das eigentlich?", fragte er nach einigen Sekunden. „Dir kann es doch eigentlich egal sein, Sev."

Wo er Recht hat, hat er Recht! Lass ihn, Severus. Was kümmert es dich, wenn er den größten Fehler seines Lebens begeht und eine Schlampe lieben will?

Stopp! Stopp! Stopp! , gebot Severus seiner faselnden inneren Stimme Einhalt. Soweit ist es noch nicht!

„Weil du mein Freund bist, du Hohlkopf!", sagte Severus unverblümt.

Lucius kratzte sich am Kopf und blickte ihm in die Augen.

„Weißt du, mir ist mit ihr etwas klar geworden."

Oh nein, jetzt kommt's!

„Sie ist genauso mies dran wie ich. Sie hat es auch satt, dass unsere Eltern ständig diese Verkupplungsdinners veranstalten und … Severus, ich weiß ja, dass du sie nicht leiden kannst, aber sie ist wirklich toll, wenn wir ungestört sind."

Jetzt fragt sich; toll bei was?

„Sie ist wirklich nett und … Ach, wenn du dich mal verliebt hast wirst du das auch verstehen."

Severus hätte Lucius am Liebsten für diese Ungerechtigkeit die Meinung gegeigt. Nur, weil er seine Liebe nicht der ganzen Welt auf die Nase band, hieß das nicht, dass er es nicht war!

Lucius erhob sich und blickte auf ihn herab.

„Gute Besserung.", sagte er, bevor er den Krankenflügel mit einem leisen Lächeln auf den Lippen verließ.

Severus saß noch eine ganze Weile im Bett und konnte es nicht fassen: Lucius Malfoy und Narzissia Black … irgendwie jagte ein Alptraum den nächsten.