10. Another One Bites The Dust
Irgendwo schrie ein Vogel. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Moment mal! Es war doch schon fast hell, ich sollte eigentlich schon seit mindestens einer Stunde zum Wachehalten an der Reihe sein. Schnell stand ich auf und sah, dass Legolas neben dem Feuer saß. Häh? Eigentlich wäre doch Aragorn vor mir dran gewesen?
Mit einem Lächeln deutete der Elb an, ich solle mich neben ihn auf den Baumstamm setzten. Sobald ich mich hingesetzt hatte, klärte er mich auf, ohne meine Frage abzuwarten.
„Ich habe Aragorn gar nicht erst geweckt. Er braucht seinen Schlaf mehr als ich."
Auf meinen erstaunten Gesichtsausdruck hin fügte er hinzu: „Elben brauchen nicht so viel Schlaf wie Menschen. Wenn es sein muss, reicht mir eine Stunde pro Nacht zum Ausruhen."
Ich nickte.
‚Womit klar und deutlich bewiesen wäre, dass ich keine Elbin bin,' dachte ich. Mein Minimum lag normalerweise bei sechs bis acht Stunden. An einem Wochenende schlief ich schon mal so zwölf bis vierzehn Stunden durch.
Schweigend nahm ich die Lembas-Waffel entgegen, die mir Legolas reichte. Nebel hing über dem Wasser. Er war so dicht, dass das gegenüberliegende Ufer nicht mehr zu sehen war. Fröstelnd rutschte ich näher zu Legolas hinüber, der seinen Arm um mich legte.
Die Sonne musste gerade hinter den Bäumen aufgegangen sein, da es langsam heller wurde, doch wegen dem Nebel war nicht viel zu sehen. Im Osten war der Himmel voll mit dunklen, fast schon schwarzen Wolken, die aussahen wie der Qualm eines überdimensionalen Feuers. Legolas warf einen unruhigen Blick auf die schlafenden Gestallten.
„Wenn es an mir wäre, zu entscheiden, würde ich sofort aufbrechen," sagte er leise zu mir. Überrascht sah ich ihn an.
„Aber ich dachte, Orks patrollieren das Ostufer. Wir wollten deshalb doch heute noch rasten und dann erst abends, im Schutz der Dunkelheit aufbrechen."
„Es ist nicht das östliche Ufer, das mir Sorgen macht. Es ist eher ein bedrohlicher Schatten, der sich meiner bemächtigt. Irgendetwas zieht herauf, ich kann es spüren."
„Ich fühle mich hier auch nicht gerade wohl," antwortete ich ihm.
Langsam wurden die anderen auch wach.
„Du hättest mich wecken sollen," meinte Aragorn zu Legolas, doch der widersprach.
„Eine Nacht ohne Unterbrechung durchzuschlafen,, schadet dir nicht. Seit Gandalfs Tod hast du dir sowieso schon zu viel zugemutet."
Daraufhin sagte der Krieger nichts mehr, sondern nickte nur dankbar.
Nachdem alle etwas gegessen hatten, setzten wir uns zusammen, um zu entscheiden, welchen Weg wir nehmen sollten.
„Der Tag der Entscheidung ist gekommen. Lange habe ich versucht es hinauszuschieben, doch nun haben wir keine Wahl mehr. Was soll nun werden aus unserer Gemeinschaft, die so weit gereist ist? Sollen wir uns mit Boromir nach westen wenden und zu den Kriegen von Gondor gehen? Oder sollen wir uns nach Osten wenden, in Richtung von Angst und Schatten? Oder soll unsere Gemeinschaft zerbrechen? Was auch immer wir entscheiden, wir müssen uns beeilen. Jeder Tag der vergeht, spielt dem Feind in die Hand."
Stille. Niemand sagte etwas. Nicht einmal Boromir, und ich hatte gedacht, er würde sofort wieder von Minas Tirith sprechen. Nach einiger Zeit fuhr Aragorn fort.
„Nun Frodo. Ich befürchte, dass es an dir liegt, eine Entscheidung zu treffen. Du bist der Träger der vom Rat gewählt wurde. Nur du allein kannst deinen Weg bestimmen."
Nach einer kurzen Pause antwortete der Hobbit langsam.
„Ich weiß, dass Eile vonnöten ist, doch kann ich nicht wählen. Ich muss allein sein, gebt mir eine Stunde, dann werde ich mich entscheiden."
„In Ordnung, Frodo Sohn des Drogo. Du sollst eine Stunde haben. Wir werden einstweilen hier warten, aber gehe nicht zu weit weg."
Nach diesen Worten Aragorns stand der Ringträger auf und ging in den Wald hinein. Wir anderen blieben sitzen und nach einer Weile begannen die ersten, sich zu unterhalten.
Nach kürzester Zeit langweilte ich mich, weil ich bei den meisten Gesprächsthemen nicht mitkam. Daraufhin begann ich, neben mir aus den Steinen, die überall herumlagen, einen kleinen Turm zu bauen. Immer aufwendiger wurde das ca. zehn cm hohes Gebilde, bis ich einen zweiten Turm baute und eine Mauer zwischen den beiden und so weiter. Auf diese Weise entstand schließlich eine nette kleine Ritterburg.
Als ich aufsah, bemerkte ich, dass mich Merry und Pippin beobachteten. Ich grinste sie an.
„Nettes Bauwerk," meinte Pippin, ebenfalls grinsend.
„Tja, ich hatte Übung," antwortete ich.
„Also baust du öfter Türme aus Steinen?" fragte Merry.
„Nur wenn mir langweilig ist," entgegnete ich.
Plötzlich fragte Legolas leise: „Wo ist Boromir?"
„Frodo ist noch nicht zurück und die Stunde ist schon lange um!" rief Sam und sprang auf. Er rannte in den Wald, gefolgt von Merry und Pippin, die laut „Frodo!" riefen.
„Halt!" rief Aragorn noch, doch sie hörten ihn nicht mehr. Auch Gimli machte schon Anstallten den Hobbits nachzulaufen.
„Ach was soll's," gab der braunhaarige Krieger auf. „Wir treffen uns wieder hier."
Damit sprang er auf und lief den Hobbits nach. Gimli war schon nicht mehr zu sehen. Legolas warf mir meinen Köcher mit dem Bogen zu.
„Komm."
Ich lief hinter ihm her in den Wald hinein. Er folgte einer Art Wildpfad und als dieser sich gabelte, blieb er stehen und fragte mich.
„Rechts oder links?"
„Oder," antwortete ich ohne nachzudenken. „Äh, eigentlich egal."
Der Elb lächelte nur kurz und wand sich mit einem Achselzucken nach links. Wir rannten bergauf, über Steine und Wurzeln hinweg. Und, wie sollte es auch anders sein, ich blieb mit meinem Fuß an einer Wurzel hängen, wäre beinahe der Länge nach hingefallen. Gerade noch konnte ich meinen Fall mit Hilfe meines Bogens auffangen, in dem ich mich darauf stützte.
Plötzlich blieb Legolas stehen und lauschte.
„Orks!" stieß er angewidert hervor. „Hier entlang!"
‚Immer diese Überraschungen!' dachte ich und folgte ihm schnaufend. Als wir über einen kleinen Kamm stiegen und zu einem etwas ebenerem Stück kamen, sah ich sie. Dutzende von Orks mit dunklen, hässlichen Leder- und Metallrüstungen kamen auf uns zu. Sie sahen im Tageslicht noch viel grässlicher aus.
„Oh Mann," sagte ich leise zu mir selbst. „Wenn einer von denen zu Hause zu seinem Spiegel sagt ‚wer ist der Schönste im ganzen Land?', dann sagt der Spiegel ‚geh' aus dem Weg du Arschgesicht, ich kann nix sehen.'"
Legolas schien mich nicht gehört zu haben, er hatte seinen Bogen in der Hand und so schnell gleich drei Pfeile abgeschossen, dass ich ihm gar nicht mit den Augen folgen konnte.
„Oh scheiße," flüsterte ich und legte einen Pfeil an, wobei ich ihn zuerst beinahe fallen ließ. Dann hob ich den Bogen und schoss, während ich hoffte, dass ich mich nicht wieder so dumm anstellen würde, wie bei meiner letzten Schlacht gegen Orks. Doch, oh Wunder, der Pfeil traf einen der Orks direkt ins Auge. Er fiel um, als ob er gegen eine unsichtbare Mauer gerannt wäre.
‚Cool,' dachte ich. ‚Gar nicht so schlecht für jemanden, der in der Schule im Weitwurf nach hinten abgegeben hat.'
Der zweite Pfeil traf nicht ganz so gut, aber gut genug. Plötzlich waren sie schon zu nahe, um noch Pfeile abzuschießen.
‚Oh Mann, jetzt geht's aber richtig los. Das ist der beste Test um festzustellen, ob ich's gelernt hab', mit dem Schwert umzugehen,' dachte ich nervös und zog Gilmegil. Die ansonsten eher violett-blaue Klinge schimmerte eindeutig bläulich. Doch ich hatte keine Zeit zum Nachdenken mehr. Ich riss mein Schwert hoch um den Hieb einer Orkklinge abzufangen und zu meinem Erstaunen zerbrach die Orkwaffe, als ob sie aus Styropor wäre. Wow. Nicht schlecht für den Anfang. Ich fackelte nicht lange und schlug in Richtung Kopf zu. Wahnsinn, der Kopf wurde total abgetrennt und flog dem nächsten Ork direkt ins Gesicht, so dass er meinem nächsten Schlag gar nicht sehen konnte.
Also, dieses Schwert hatte es wirklich in sich, es war überraschend leicht und schien sogar Orkrüstungen wie Butter zu durchschneiden. Ich tötete noch zwei weitere Orks ohne allzu große Probleme.
‚Die sind anscheinend nicht besonders intelligent,' dachte ich. ‚Bloß Fett, kein Grips. Na mir soll's recht sein.'
Der letzte Ork erlag einem Pfeil des Elben und fiel seltsam langsam zu Boden. Jetzt blieb ich erst mal ruhig stehen und überblickte das ‚Schlachtfeld'. Ach du scheiße. Ich hatte zuerst gar nicht bemerkt wie viele Orks es waren, die uns angegriffen hatten, doch jetzt konnte ich sehen, dass es ungefähr 15 oder 16 gewesen waren. Meine Knie fingen an zu zittern.
‚Shit, das hätte leicht schief gehen können.'
Beim Anblick der nicht allzu appetitlichen Leichen wurde mir leicht übel. Seltsam wie schnell man sich an die verrücktesten Sachen gewöhnen konnte. Das Töten hatte mir bei weitem nicht soviel ausgemacht wie damals in Moria. Meine Güte, war das erst einen Monat her? Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, soviel hatte sich verändert.
In dem Moment kam Legolas zu mir herüber, um sich zu vergewissern, dass ich nicht verletzt war. Ich lächelte ihn beruhigend an.
„Mir ist nichts passiert."
Nur mein Mantel hatte ein paar Spritzer Orkblut abbekommen.
Für das Lächeln das er mir als Antwort schenkte, hätte ich auch noch gegen viel mehr Orks gekämpft. (Und ich hatte eine leise Ahnung, dass das auch bald der Fall sein würde.)
„Du hast hervorragend gekämpft," lobte er mich. „Komm, wir suchen Aragorn."
Mit diesen Worten lief er weiter. Schon wieder rennen. Ich folgte in einem kleinen Abstand und gab mein bestes, mitzuhalten.
„Elendil!" erscholl es etwas links von mir und ich konnte Kampflärm hören.
‚Aragorn!' dachte ich und lief in die Richtung des Lärms. Legolas hatte ich bereits aus den Augen verloren, doch als ich auf der Lichtung ankam, kämpfte der Elb schon Seite an Seite mit dem Menschen. Ohne zu überlegen stürzte ich mich in den Kampf. Da ertönte ein seltsames Geräusch, vielleicht eine Trompete oder so.
„Das Horn von Gondor!" rief Legolas.
„Boromir!" rief Aragorn und rannte in die Richtung aus der der Hilferuf erklungen war. Legolas folgte etwas langsamer und blieb etwas zurück, um die Orks davon abzuhalten, Aragorn zu folgen. Ich tötete den Ork, mit dem ich gerade kämpfte und schloss mich Legolas an.
Da ertönte ein anderes Horn, dumpfer und hässlicher. Die Orks hielten in ihrem Ansturm inne und liefen in die andere Richtung davon. (Was auch ganz gut so war, denn wir hätten ihnen nicht mehr lange standhalten können.) Die letzten erlagen noch unseren Pfeilen, doch die meisten verschwanden zwischen den Bäumen.
„Ich weiß zwar nicht, was das gerade bedeutet hat, aber wir können sie jetzt nicht verfolgen, wir müssen Aragorn und Boromir helfen."
Ich nickte nur als Antwort und hob mir den Atem zum Rennen auf, da Legolas bereits loslief. Ich stolperte hinterher und versuchte, einerseits mithalten zu können und andererseits nicht gegen einen Baum zu laufen.
‚DAS ist ein Hindernisrennen, nicht dieses lächerliche über-Hürden-Springen-und-so,' dachte ich sarkastisch und duckte mich gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass ich gegen einen Ast lief.
Auf einmal blieb Legolas so plötzlich stehen, dass ich beinahe in ihn hinein gelaufen wäre. Zuerst starrte ich nur nach vorne, ohne wirklich etwas zu sehen, doch dann begann mein Hirn wieder zu arbeiten. Mehrere tote Orks lagen auf dem Boden, wie übergroße Puppen, die jemand weggeworfen hatte. Inmitten dieser Leichen lag Boromir, der mit Pfeilen durchbohrt war. Aragorn kniete neben ihm. Sah nicht besonders gut aus für den Krieger aus Gondor. Ich schluckte. Zuerst hatte ich mich zwar nicht so gut mit ihm verstanden, aber ich hatte Boromir trotzdem gemocht. Ich fand es einfach unfair, dass er sterben musste.
Langsam ging Legolas auf die Beiden zu. Ich folgte ihm mit etwas Abstand. Traurig stand Aragorn auf und ging einige Schritte auf uns zu.
„Boromir ist tot. Er fiel, als er Merry und Pippin vor den Orks beschützen zu versucht," sagte er mit leiser Stimme. Legolas legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zu trösten.
„Die Hobbits!" rief Gimli, der gerade eben gekommen war, plötzlich. „Wo sind sie denn? Wo ist Frodo?"
„Ich weiß es nicht," antwortete Aragorn müde. „Bevor er starb, teilte mir Boromir mit, dass Merry und Pippin von den Uruk-Hai gefangengenommen worden sind. Wo Frodo und Sam sind, weiß ich nicht. Doch bevor wir irgendetwas unternehmen, müssen wir uns um Boromir kümmern: Er hat tapfer gekämpft und verdient es nicht, zwischen diesen stinkenden Orks liegengelassen zu werden."
„Wir müssen uns beeilen. Er würde nicht wollen, dass wir allzu viel Zeit verlieren. Wir haben weder die Zeit noch die Möglichkeit, ihm ein Grab auszuheben," sagte Gimli.
Da ich nicht wusste, was für einen Krieger aus Gondor ein angemessenes Begräbnis wäre, schwieg ich lieber, bevor ich noch etwas Falsches sagte. Wäre nicht das erste Mal.
„Lasst den Fluss sein Grab sein," schlug Legolas vor.
„Wir könnten ihn zusammen mit seinen Waffen und den Waffen seiner erschlagenen Feinde in ein Boot legen und ihn so Anduin übergeben," ergänzte Aragorn.
Dagegen schien niemand etwas einzuwenden zu haben, also machten wir uns daran, die Orkwaffen sowie ihre zerbrochenen Helme auf einen Stapel zu tragen. Orkblut, igitt! Nebenbei sammelte Legolas alle unbeschädigten Pfeile ein und füllte seinen Köcher wieder auf. Er reichte auch mir ein paar Pfeile.
„Hier. Du hast bereits einige deiner Pfeile verschossen. Es ist immer von Vorteil, nach einer Schlacht die unbeschädigten wieder einzusammeln, so kommst du nicht so leicht in die Lage, dass du keine Pfeile mehr hast."
„Danke." Daran hatte ich ja überhaupt nicht gedacht. In den Robin Hood Filmen füllten sich die Köcher ja immer wieder von selbst auf. Aber in Wirklichkeit muss man das wohl selbst machen.
Gimli hatte mit seiner Axt einige Äste abgeschnitten und eine provisorische Bahre hergestellt. Auf diese wurde nun die Leiche Boromirs gelegt, zusammen mit den Waffen und Helmen der Orks. So schafften wir alles ans Ufer. Dort fanden wir jedoch nur zwei anstatt von drei Booten.
„Seltsames passiert hier," stellte Aragorn fest. „Doch darum wollen wir uns später kümmern."
‚Mir soll's recht sein,' dachte ich und half Gimli dabei eines der Boote zu leeren.
Aragorn und Legolas legten anschließend Boromir hinein. Seinen Elbenmantel legten sie unter seinen Kopf und sein Schwert legten sie in seine Hände. Das Horn von Gondor kam neben ihn und zu seinen Füßen stapelten sich die Waffen und Helme seiner erschlagenen Feinde. Sah alles in allem sehr beeindruckend aus. Die Pfeile, die ihn getötet hatten, lagen ebenfalls neben ihm.
Zusammen schoben wir das Boot ins Wasser und sahen zu, wie es von der Strömung erfasst wurde. Keiner sagte etwas, alle sahen nur still dem Totenboot nach. Ich fühlte mich an die Schlussszene des Films ‚Der Erste Ritter' erinnert. Nur dass wir das Boot nicht angezündet hatten. Jetzt verschwand es lautlos über den Wasserfall. Weg, einfach so. Vor noch nicht mal einer Stunde hatte Boromir noch hier gesessen und sich unterhalten und jetzt war er weg, den Wasserfall hinunter.
Eine Zeitlang unterbrach niemand die Stille, bis Aragorn traurig sagte: „Vom Weißen Turm aus werden sie nach ihm Ausschau halten, doch er wird nicht zurückkehren."
Dann begann er langsam zu singen:
„Durch Rohan über Moorland und Feld wo das lange Gras wächst
Der West Wind kommt, und er geht über die Mauern.
'Was bringst du mir heute Nacht Neues aus dem Westen, O wandernder Wind?
Hast du Boromir den Großen gesehen, unter Mond oder Sternenlicht?'
'Ich sah ihn reiten über sieben Ströme, über Gewässer weit und grau;
Ich sah ihn in leeren Landen gehen, bis er entschwunden warIn den Schatten des Norden. Ich sah ihn dann nicht mehr.
Der Nord Wind mag gehört haben das Horn von Denethors Sohn.'
'O Boromir! Weit westwärts blickte ich von den hohen Mauern,
Aber du kamst nicht von den leeren Landen wo keine Menschen sind.'"
Darauf sang Legolas:
„Vom Rande der See der Süd Wind fliegt, von den Sandhügeln und den Steinen;
Das Geklage der Möwen trägt er, und am Tor stöhnt er.
'Was bringst du mir Abends Neues aus dem Süden, O seufzender Wind?
Wo ist Boromir der Schöne jetzt? Er verweilt und ich trauere.'
'Erfrage nicht von mir wo er sich befindet – so viele Knochen liegen dort
An den weißen Küsten und an den dunklen Küsten unter den stürmischen Himmel;
So viel sind den Anduin hinunter, um die ströhmende See zu finden.
Erfrage vom Nord Wind Neues von jenen die der Nord Wind zu mir sendet!'
'O Boromir! Hinter dem Tor verläuft südlich die Straße zum Meer,
Aber du kamst nicht mit den klagenden Möwen vom grauen Munde der See.'"Dann sang Aragorn wieder:
„Vom Tor der Könige reitet der Nord Wind, und über die brüllenden Fälle;
Und klar und kalt rufen seine lauten Hörner über dem Turm.
'Was bringst du mir heute Neues aus dem Norden, O mächtiger Wind?
Was für Neuigkeiten von Boromir dem Tapferen? Denn er ist lange abwesend.'
'Unterhalb von Amon Hen hörte ich seinen Schrei. Er bekämpfte viele Feinde dort.
Sein gespaltenes Schild, sein zerbrochenes Schwert, brachten sie zum Wasser.
Sein Kopf so stolz, sein Gesicht so schön, seine Glieder sie zur Ruhe legten;
Und Rauros, goldene Rauros-Fälle, trugen ihn auf ihrer Brust.'
'O Boromir! Die Wachtürme werden immer nordwärts blicken
Zu Rauros, goldene Rauros-Fälle, bis ans Ende aller Tage.'"
Diese Totenklagen waren wirklich wunderschön. Ich wollte auch etwas singen, wollte dem Krieger auch die letzte Ehre erweisen. Ich sah Legolas fragend an und als er nickte, fing auch ich an zu singen:
„Nothing on Earth stays forever,
But none of your deeds were in vain,
Deep in our hearts you will live again,
You're gone to the home of the Brave."
Außer mir und Legolas verstand zwar niemand diese Worte, doch die anderen schien ihren Sinn verstanden zu haben, denn Aragorn warf mir einen beifälligen Blick zu.
"Ihr habt den Ost Wind mir überlassen," sagte Gimli. „Aber ich werde nichts über ihn sagen."
„Das ist wie es sein soll," antwortete Aragorn. „In Minas Tirith erdulden sie den Ost Wind, doch sie fragen ihn nicht nach Neuigkeiten. Aber jetzt ist Boromir auf seinem Weg unterwegs und wir müssen uns beeilen, unseren eigenen zu wählen."
Daraufhin ging er zu dem letzten Boot zurück, um das Rätsel des verschwundenen Bootes zu lösen.
‚Hey cooler Titel: Sherlock Holmes und das Rätsel des verschwundenen Bootes. Mit Gimli als Dr. Watson,' schoss mir durch den Kopf.
„Orks waren keine hier, soviel kann ich sicher sagen, doch mehr kann ich nicht erkennen, dazu sind die Spuren zu sehr verwischt," stellte Aragorn fest.
Ich war mit den anderen zurückgekehrt und warf einen Blick auf das letzte Boot und das Gepäck, das daneben lag. Da war mein bereits leicht verdreckter aber ansonsten unbeschädigter Eastpack und einiger Proviant sowie Wasserbehälter. Auch die kleineren Bündel von Merry und Pippin waren da. Ebenso die Sachen von Aragorn, Gimli und Legolas und natürlich der Rest von Boromirs Sachen. Das Einzigen was fehlte, soweit ich das erkennen konnte, war Sams Zeug, das leicht an dem Kochgeschirr zu erkennen war, und das von Frodo. Das sagte ich auch.
„Nur die Sachen von Sam und Frodo fehlen. Vielleicht sind sie alleine aufgebrochen und haben den See überquert."
„Am Ostufer kann ich im Schatten der Bäume den Kiel eines Elbenbootes erkennen," warf Legolas ein.
„Dann gibt es nur eine Möglichkeit. Frodo und Sam haben anscheinend tatsächlich beschlossen, zu versuchen Mordor alleine zu erreichen. Die Frage ist nur, was wir jetzt machen. Folgen wir Frodo und Sam oder versuchen wir Merry und Pippin zu helfen."
Der Krieger schwieg kurz und sagte dann entschlossen: „Frodos Schicksal liegt nicht länger in unseren Händen."
„Dann war alles umsonst?" fragte Gimli. „Die Gemeinschaft hat versagt."
„Nicht, wenn wir zusammen halten," antwortete Aragorn mit fester Stimme und legte mir und Gimli jeweils eine Hand auf die Schulter. Mit einem leichten Lächeln legte ich nun meinerseits Legolas die Hand auf die Schulter. Der Zwerg tat es mir nach.
„Wir werden Merry und Pippin nicht der Folter und dem Tod überlassen," sagte Aragorn entschlossen. „Nicht solange wir noch Kraft übrig haben. Lasst alles zurück, was zurückgelassen werden kann. Wir reisen mit leichtem Gepäck. Lasst uns Orks jagen!"
