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Was hab ich getan?!
Ich habe sie umgebracht!
Sie hatten Recht, sie hatten alle Recht, ich bin ein Monster!
ICH HABE SIE UMGEBRACHT!
Wieso?!
Wieso habe ich mich nicht einfach beherrscht?
Ich höre Stimmen irgendwo neben mir.
Wieso ist eigentlich alles so dunkel? Bis grade eben war es noch so hell... Nein, schon länger nicht mehr... Sekunde, was ist hier los?
Dann höre ich die Stimme zum ersten Mal deutlich. Sie klingt irgendwie vertraut.
„Halbdämon, Sohn Satans und so weiter."
Panik macht sich in mir breit.
Die sind garantiert aus dem Hauptquartier!
Sie sind hier um mich zu töten!
Ich reiße die Augen auf.
Über mir stehen zwei Teenager. Einen von ihnen kenne ich... aber woher?
Dieser öffnet den Mund, wie um etwas zu sagen. Nein! Ich darf ihn nicht zu Wort kommen lassen. Was, wenn er so einen Spruch verwendet, wie Shura es getan hat, als ich in Kyoto durchgedreht bin? Das war schmerzhaft... was hat er mit mir vor?!
Ich rufe panisch meine Flammen her.
Schleudere sie auf die beiden hoch.
Sie sehen völlig entsetzt aus.
Der Unbekannte tritt inmitten des Feuers vor.
Um seine Hände sammelt sich bläulich-grüne Energie, von der die Flammen einfach abprallen!
Einen Moment lang bin ich völlig verwirrt.
Ich sehe zu dem Bekannten...
Scott!
Verdammt, was tue ich hier?
Wir sollten einander doch helfen!
Aber was, wenn er mich angreift?
Es gibt bestimmt auch eine Menge Leute, die er beschützen will... beschützen!
Ich muss das verhindern!
Ich muss kämpfen!
„Nein..."
Angst macht sich in mir breit.
Nicht kämpfen! Zusammenhalten!
Ich spüre eine Träne über mein Gesicht laufen.
Dann ersterben die Flammen.
Ich sehe an ihnen vorbei.
Meine Gedanken kreisen wie verrückt, aber nicht ein einziger von ihnen bleibt hängen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist.
Die unnatürliche Stille wird von Scotts leiser Stimme durchbrochen.
„Rin." Er kniet sanft neben mir nieder. „Alles wird gut. Hörst du mich? Wir werden nicht gegeneinander kämpfen. Und das gerade eben war nur ein Traum, hörst du? Nur ein Traum..."

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Okay...?
Gut, wenigstens hat Rin sich wieder im Griff.
Alles andere wäre auch mehr als nur schlecht gewesen.
Ich streiche leicht mit einer Hand durch Rins Haare.
Er zittert am ganzen Körper.
„Was...?"
Ich sehe zu Chase hinter.
Er sieht mehr als nur geschockt aus.
„Alles in Ordnung?", frage ich ihn verwirrt.
Er schluckt mühsam.
„Was... war das? Diese Flammen... das war nicht menschlich."
Ein seltsames Gefühl macht sich in mir breit. Ich vermute schon seit unserer kleinen Kräftedemonstration im Wald, dass ich noch längst nicht alles über Chase weiß. Er sagte doch, auf seiner Welt gäbe es einige Leute, die durch Technologie zu Helden wurden. Woher weiß er dann, dass das hier nicht menschlich ist?
„Rin ist, wie ich vorhin sagte, der Sohn Satans. Er kann diese Flammen kontrollieren."
Er sieht sich leichenblass um.
„Satan. Du willst mir also weismachen, dass es Dämonen gibt?!"
„Na ja, auf seiner Welt schon."
Er bleibt mir die Antwort schuldig.
Ich wende mich wieder Rin zu. „Rin? He, Kumpel... alles in Ordnung? Na komm, sieh mich an. He, Rin, Sieh her, bitte..."
Ich versuche erfolglos, meine aufsteigende Panik zu unterdrücken.
Unser Gastgeber kann maximal sechs Leute gleichzeitig angreifen, nur sechs Leuten diese Visionen zeigen... sieben wären einer zu viel. Aber wenn Rin jetzt nicht mehr mitmacht... dann sind da wieder nur sechs. Dann kann er uns andere langsam in den Wahnsinn treiben, bis wir einander zerfleischen.

„Du siehst blass aus."
Ich drehe den Kopf zu Chase.
„Ja, mir wird gerade klar, dass wir erledigt sind, wenn auch nur ein einziger hier den Widerstand aufgibt."
Er zieht eine Augenbraue hoch.
„Glaubs oder nicht, das geht mir einfach immer noch ein Bisschen zu hoch."
„Verständlich."

Lange Zeit herrscht Schweigen zwischen uns. Meine volle Konzentration liegt bei Rin. Es dauert eine Weile, dann fokussieren sich seine Auge plötzlich. Erst auf mich, dann auf Chase, dann wieder auf mich. Er wirkt ein wenig neben der Spur.

„Alles in Ordnung?"

Er reibt sich mit einer Hand über den Kopf. Seine Bewegungen sind noch immer träge.

„Ja, … ja, ich denke schon. Wie oft hast du mich das in der letzten Stunde gefragt?"

„74 Mal", antwortet Chase für mich, „aber das zählt ja ohnehin niemand mit."

Ich sehe ihn einen Moment verblüfft an. „Du tust es."

Er lacht leise. „Erinnert mich sehr an daheim."

In dem Moment, als er 'daheim' sagt, leuchten Rins Augen auf. „Daheim... Wir kommen alle nach Hause. Wir kommen alles heim."

Ich lächle ihn sanft an.

Plötzlich verblasst sein Lächeln leicht. „Hoffentlich bin ich nicht der Einzige, der daran glaubt..."

Seine Augen sehen an uns vorbei, auf jemand anderen. Ich drehe mich um. Ein weiteres Mitglied hat seinen Weg zu uns zurück gefunden. Legolas blaue Augen sind geöffnet und starren schmerzerfüllt in den Himmel. Ich tausche einen schnellen Blick mit Chase und Rin. Dann sehe ich zurück zu Legolas. Er reißt sich überraschend schnell aus seiner Starre, und springt mit einer flüssigen Bewegung auf.

Was jetzt?

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Als meine Sinne zurückkehren, fühle ich mich... zerrissen. Immer wieder sehe ich diese entsetzlichen Bilder vor mir. Der Eryn Lasgalen*¹ in Flammen. Minas Tirith und Edoras als Trümmerhaufen. Imladris*² und Lothlorien komplett zerstört. Die Gesichter meiner sterbenden Freunde... Tauriel, meine Geliebte... Aragorn, mein bester Freund und Bruder im Geiste... die gesamte Ringgemeinschaft, die Elben daheim in den Hallen des Königs...

Entschlossen springe ich auf die Beine. Das wird nicht passieren! Diese Stimme, sie hat mir Erlösung versprochen... Hilfe und Beistand...

Eine Stimme durchbricht diesen Gedanken.

„Legolas?"

Ich hebe den Blick. Ah, ja. Jetzt verstehe ich. Wieder dieser Traum... Nein, diesmal nicht!

Scott kniet neben einem irgendwie geschockt wirkenden Rin und sieht mich an.
Moment. Sie sind beide wach und greifen sich nicht gegenseitig an! Besteht dieses Mal etwa gar eine Chance, dem hier zu entkommen?

Ich eile auf sie zu.

„Wie geh es Rin?"

Scott wirkt kurz überrascht, sagt dann aber: „Gut... er wird eine Weile brauchen, so wie jeder andere hier. Und du?"

„Ich habe seit dem letzten Mal in so vielen Schlachten gestanden, dass mir irgendwie klar geworden ist, das man alle Dinge lösen kann, auch wenn man unterlegen ist. Ich werde mich dem nicht beugen. Nicht noch einmal. Außerdem... wenn diesmal tatsächlich alle widerstehen, dann können wir das hier schaffen."

Seine Augen leuchten. Ihm scheint etwas einzufallen und er dreht sich zu dem unbekannten Jungen neben ihm. „Stellt euch doch mal vor."

Der andere zögert kurz, geht dann aber auf mich zu. „Hi, ich bin Chase. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen."

Ich reiche ihm die Hand. Er verhält sich deutlich erwachsener, als ich vermutet hätte.

„Mein Name ist Legolas. Aber sag bitte einfach du... diese Anreden verdrehen mir den Kopf."

„Geht klar."

Rin setzt sich mit Scotts Hilfe auf. Der Junge zittert am ganzen Körper.

Dumm nur, dass ich jetzt vermutlich jedem einen noch größeren Schock einjagen muss.

„Sagt mal... erinnert ihr euch an das, was Percy und Carter über diese Ereignisse erzählt haben, darüber, wogegen sie gekämpft haben, bevor sie hierher gekommen sind? Ihr Kampf gegen den Balrog? Ich habe ein wenig über die Sache nachgedacht und mir sind ein paar Dinge wieder eingefallen. Unser werter Gastgeber hat pro Dimension mehrere Leute, die ihn unterstützen. Und jedes Mal sendet er eine Kreatur aus der einen Dimension in die, aus der die meisten Teilnehmer kommen. Ich habe so ein dumpfes Gefühl, dass die alle verrückt spielen werden, wenn wir ihn besiegen."

Drei Augenpaare starren mich überrascht an.

„Und es ist leider noch mehr... es wäre möglich, dass wir hier auf sie treffen. Wenn wir uns zu sehr gegen ihn auflehnen, wird er sie holen. Er kriegt davon nicht genug Energie, um zu entkommen... und dieses wunderbare Turnier würde im nächsten Jahrhundert ein weiteres Mal stattfinden. Kurzum, egal was passiert, egal, mit wem wir es zu tun bekommen, wir müssen ihn diesmal in den Griff bekommen. Und noch mehr..." Ich zögere leicht. Wie erkläre ich ihnen das am besten?

„Ich weiß, dass ihr nicht so gerne für einen Todesfall verantwortlich sein würdet... aber er darf nicht überleben. Unter keinen Umständen."

Stille folgt auf meine Worte.

Dann sagt Carters Stimme von der anderen Seite der Lichtung: „Oh... yeyh... wir haben vermutlich eine ganze Armee gegen uns und müssen den Anführer töten... kann ja nur funktionieren..."

Niemand sagt etwas.

*¹Eryn Lasgalen: Düsterwald
*²Imladris: Bruchtal