Kapitel 9

Der Garten von Godric's Hollow war in der Tat zauberhaft und Ginny fiel es nicht schwer die richtigen Worte zu finden, als ihre Augen bewundernd über die roten Rosen wanderten. Harry lächelte traurig und Ginny hob eine Hand, berührte sanft seine Wange.

„Ich bin sicher, dass sie ihren Garten sehen kann und stolz auf dich ist."

Harry schaute sie an und legte für einen Augenblick seine Hand auf ihre.

„Komm. Du hast noch nicht alles gesehen.", sagte er schließlich und führte sie weiter.

Sie waren jedoch erst ein paar Schritte weit gekommen, als eine laute Stimme durch den Garten schallte.

„Harry! Ginny! Der Tee wird kalt!"

„Ja, ja! Wir kommen schon!", rief Harry zurück und Ginny lächelte. Harry hatte nicht abwarten können ihr den Garten zu zeigen und auch sein Vater hatte ihn nicht davon abbringen können. Und da sie wusste, wie viel ihm der Garten bedeutete, hatte sich Ginny bereitwillig in den kleinen Garten zerren lassen. Als sie die Terrasse betraten, blitzte es auf.

„Sirius! Das reicht jetzt. Für Fotos ist später immer noch genügend Zeit.", sagte Remus vorwurfsvoll und versuchte Sirius den Fotoapparat fortzunehmen, der tänzelnd zurückwich und Remus die Zunge herausstreckte.

„Spaßverderber."

Ginny sah, wie Harry und James die Augen rollten und sie hatte alle Mühe ein Kichern zu unterdrücken. Dieser Familienbesuch versprach völlig anders zu werden und für einen Moment verspürte sie einen Stich, als sie sich an das kühle Willkommen erinnerte, das Harry im Haus ihrer Eltern erwartet hatte. Sie hingegen war mit solch einem herzlichen Überschwang begrüßt worden, dass sie Harrys Vater, Sirius und Remus, dessen Begrüßung zwar zurückhaltend gewesen war, doch nicht minder freundlich, augenblicklich ins Herz geschlossen hatte.

Und alle drei hatten sofort darauf bestanden, dass sie sie mit deren Vornamen anredete. Sich setzend, sah Ginny auf den Tisch, der von unzähligen Kuchensorten überquoll. Und es gab nicht nur Kuchen, sondern auch Torten, Pudding und sogar Eis und mehrere Schälchen mit verschiedenen Soßen. Ginny starrte auf den Tisch und fragte sich, wer das alles essen sollte.

„Binky und Diri wussten nicht, welchen Kuchen du magst. Also haben sie, glaube ich, alle Sorten gemacht."

Ginny fuhr leicht zusammen, drehte sich zur Seite und sah in Remus' Gesicht.

Unwillkürlich zurücklächelnd, fragte sie:

„Binky und Diri?"

„Unsere Hauselfen. Als James ihnen gesagt hat, dass du kommst, haben sie sich vor Freude beinahe überschlagen. Du musst sie nachher kennenlernen."

Ginny nickte schwach.

„Es hat ihnen Spaß gemacht, Ginny. Und keine Sorge, das schaffen wir schon. Also, was möchtest du essen? Himbeertorte? Kirschkuchen? Schokoladenkuchen?", mischte sich Sirius ein, hielt einen Teller hoch und schaute sie erwartungsvoll an.

„Irgendetwas, was du nicht magst?", fragte er und als Ginny, die noch dabei war sich zu entscheiden, den Kopf schüttelte, häufte er kurzerhand ein Kuchenstück nach dem anderen auf den Teller.

„Hier, probiere einfach alles."

„Harry? James? Was wollt ihr?"

Der Kuchen war, wie Ginny nach dem ersten Bissen feststellte, einfach himmlisch und ihre Sorge, dass sie ihren Berg von Kuchen nicht würde aufessen können, schwand.

„Ihr müsst uns öfter besuchen.", sagte James Potter.

„Wirklich schade, dass wir damals Hogwarts über das Wochenende nicht verlassen durften."

Zur Seite sehend, stieß er Sirius an.

„Das hätte uns manchen Ärger erspart, nicht?"

Sirius grinste und bald fingen er und James an Geschichten über ihre Schultage zum Besten zu geben. Es dauerte nicht lange, da kamen sie aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Und Ginny erkannte Harry fast nicht wieder. Nie hätte sie gedacht, dass er so unbeschwert lachen konnte. Ihr Blick kreuzte sich mit James Potters und sie sah, dass er ähnliche Gedanken hegen musste. Er lächelte ihr zu, beugte sich vor und ergriff sein Glas. Als das Gelächter allmählich abklang, sagte er laut:

„Auf Ginny und Harry!"

Ginny spürte, wie sie über und über rot wurde. Sie trank zu hastig und verschluckte sich prompt. Nachdem sie aufgehört hatte zu husten, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Sie fühlte sich leicht müde und hatte viel zu viel Kuchen gegessen.

Remus hielt sein Wort und stellte ihr die Hauselfen vor, die in der Tat völlig aus dem Häuschen waren, sie kennenzulernen. Doch Binky hatte Ginny schon einmal gesehen. Die kleine Hauselfe hatte ihr damals, im Hauptquartier des Dunklen Lords, einen Tee gebracht.

Binky verbeugte sich mit strahlenden Augen.

„Binky ist glücklich Miss wiederzusehen."

Ginny lächelte und versicherte Binky, dass sie sich ebenfalls freute. Auf jeden Fall machten beide einen glücklichen Eindruck und doch war sie neugierig und fragte Harry nach ihnen. Im gleichen Moment wünschte sie sich, dass sie es nicht getan hätte. Ein Schatten huschte über sein Gesicht und er seufzte leise.

„Es war ihr Wunsch und ich konnte es ihnen nicht abschlagen. Nicht nach allem was sie für meine Mutter und mich getan haben."

Ginny nickte und wechselte dann das Thema.

„Fred und George sind übrigens schon fleißig dabei sich umzusehen und zu planen. Sie waren vorgestern und gestern den ganzen Tag außer Haus. Mum ist schon argwöhnisch geworden, aber bis jetzt weiß sie von nichts."

„Ja, ich weiß. Sie halten mich auf dem Laufenden. Obwohl ich nie gedacht hätte, dass sie sich so schnell in ihre Arbeit stürzen würden. Wenn sie so weitermachen, dann glaube ich wirklich, dass sie ihr Geschäft in einem Monat aufmachen können."

Ginny lachte.

„Oh, du solltest ihnen glauben. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, kann sie keiner aufhalten."

„In dem Fall bin ich ja beruhigt. Ich hätte nichts dagegen einen Anteil von einigen Millionen zu bekommen.", sagte Harry mit einem Funkeln in den Augen, zog sie in seine Arme und küsste sie.

An ihrem Ohrläppchen knabbernd, hielt er plötzlich inne und flüsterte:

„Könntest du nicht die Nacht über bleiben?"

Ginny seufzte leise.

„Ich würde gern, Harry. Aber ich habe meinen Eltern gesagt, ich würde abends nach Hause kommen. Außerdem…"

Den Satz abbrechend, schaute Ginny zu Harry hoch. Sie wollte die Stimmung nicht verderben und von ihren Eltern reden, wollte sie schon gar nicht.

„Es ist schon spät. Ich sollte jetzt gehen, aber das nächste Mal werde ich bleiben, ob sie damit einverstanden sind oder nicht.", sage sie, schlang die Arme um seinen Hals und küsste Harry so leidenschaftlich wie sie vermochte.

Ein johlendes Pfeifen ließ Ginny zusammenzucken. Sich umdrehend, blickte sie in das strahlende Gesicht von Sirius', der ihnen mit dem Fotoapparat in seiner Hand zuwinkte und hastig hinter einem der Bäume verschwand.

Harry schüttelte den Kopf.

„Ah, ich denke, wenn du wirklich hier übernachtest, müssen wir uns ein paar Vorsichtsmaßnahmen einfallen lassen."

Ginny lachte, als sie Harrys nachdenkliche Miene sah und war überrascht, als sie merkte, dass ihr Sirius' Erscheinen überhaupt nichts ausmachte. Während sie zurück zum Haus gingen, so dass sich Ginny verabschieden konnte, begriff Ginny, dass Harrys Vater und dessen Freunde sie an diesem Nachmittag in ihre Familie aufgenommen hatten. Sie hatten ihr nicht nur das Gefühl gegeben dazuzugehören, sie hatten es ihr auf einfache und subtile Art unmissverständlich klar gemacht.

Ginny wusste, sie hätten ihr nicht zu erzählen brauchen, dass James und Sirius Animagi waren, ein Umstand, der niemandem bekannt war, weder dem ehemaligen Phönixorden, noch dem Ministerium. Doch sie hatten es getan und hatten sie noch nicht einmal gebeten darüber Stillschweigen zu bewahren. Harry liebte sie und das war völlig ausreichend für James, Sirius und Remus.

James umarmte sie leicht.

„Komm bald wieder, Ginny. Du bist uns immer willkommen. Auch mitten in der Nacht, also wenn du Harry sehen willst, komm' einfach rüber."

Die Umarmung erwidernd, nickte Ginny. Zeit um rot zu werden, hatte sie nicht, denn James schob sie Sirius zu.

„Aber erschrick nicht, wenn du über einen großen Hund stolperst, Ginny. Ich schleiche oft ums Haus.", sagte er mit völlig ernstem Gesicht und umarmte sie ebenfalls kurz, während Ginny versuchte zu entscheiden, ob es ein Scherz gewesen war oder nicht.

Remus gab ihr die Hand, doch sein Lächeln war voller Wärme.

Zu ihrer Überraschung und Freude bestand Harry darauf, dass Rainbow sie nach Hause flog. Und er kam ebenfalls mit.

„Sagtest du nicht, dass du apparieren nicht leiden kannst?"

Ginny antwortete nicht, während sie sich enger an Harry lehnte und das Gefühl genoss den Wind auf ihrem Gesicht zu spüren. Zu ihrer Enttäuschung war der Flug viel zu schnell zu Ende.

Als Ginny Harry nachsah, wie er auf seinem Phönix davonflog, stieg eine seltsame Entschlossenheit in ihr hoch.

In zwei Wochen würde Bill seinen Geburtstag feiern und sie würde dafür sorgen, dass auch Harry eingeladen werden würde und dieses Mal würde es anders sein. Eine Woche zuvor hatte sie eine Konfrontation vermieden, aber heute würde sie mit ihrer Familie sprechen, würde ihnen klipp und klar sagen, was sie von deren Verhalten am letzten Wochenende gehalten hatte.

Und eine Sache würde ihre Mutter treffen. Dass sie es zugelassen hatte, dass sich ein Besucher des Fuchsbaus unwohl fühlte, ob sie es nun mit Absicht oder nur aus Sorge um sie gemacht hatte. Bei den Zwillingen hatte es schließlich funktioniert, also warum sollte ein schlechtes Gewissen nicht auch ihre anderen Brüder und vor allem ihre Eltern dazu bringen ihr Verhalten zu ändern? Und sie konnte ebenfalls hartnäckig sein, wenn sie wollte. Sich abrupt umdrehend, marschierte Ginny mit großen Schritten auf das Haus zu.


Im Dämmerlicht kehrte Harry nach Godric's Hollow zurück. Rainbow trillerte kurz, breitete ihre Flügel aus und flog davon. Harry sah seinem Phönix nach und schlenderte durch den Garten. Als er auf die Terrasse trat, erblickte er Remus, der gerade damit beschäftigt war den Tisch zu decken. Remus lächelte leicht und verschwand wieder im Haus. Harry wandte sich an seinen Vater, der in einem der Schaukelstühle saß.

„Warum deckt Remus den Tisch? Wo sind die Hauselfen?"

Sein Vater stand auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er legte ihm eine Hand auf den Arm und führte ihn ein Stück beiseite.

„Lass ihn, Harry. Er will sich nur ein wenig nützlich fühlen. Du weißt doch, dass er keine Arbeit im Ministerium bekommen hat. Während wir als Auroren arbeiten, sitzt er zu Hause."

Sein Vater unterdrückte einen Fluch.

„Ich habe bereits ein Dutzend Male mit Aderley gesprochen. Aber es ist einfach nichts zu machen. Aderley scheint ganz vernünftig und zugänglich zu sein. Doch er will natürlich seinen Posten als Zaubereiminister nicht verlieren. Das Einzige was er gesagt hat, war, dass es vielleicht in ein paar Monaten besser aussehen wird. Und das alles nur, weil Remus ein Werwolf ist. Es ist einfach ungerecht. Während des Krieges wurde er gebraucht, doch jetzt…."

Er schüttelte den Kopf.

„Wir werden schon einen Ausweg finden. Vielleicht, wenn die Gerichtsurteile endlich alle abgehandelt worden sind, ergibt sich etwas. Komm, erzähl mir lieber, wann du und Ginny uns wieder besuchen kommen."

Einen Blick auf seinen Vater werfend, zuckte Harry mit den Schultern.

„Wahrscheinlich bald. Ich lass es dich wissen. Und Dad, danke.", sagte Harry und suchte nach Worten, wie er seine Dankbarkeit ausdrücken konnte, doch bevor er weiter darüber nachsinnen konnte, hatte sein Vater einen Arm um seine Schultern geschlungen.

„Harry, wir sind deine Familie. Du brauchst uns nicht zu danken. Außerdem war es auch für mich…

Sein Vater blieb stehen und sah ihn an.

„Komm oft nach Godric's Hollow, Harry. Und bring mit wen immer du willst. Es wird jeder willkommen sein."

Harry neigte den Kopf und nach einem kurzen Zögern umarmte er seinen Vater. Es war immer noch ungewohnt, doch allmählich wurde es leichter für Harry seine Zuneigung auch zu zeigen.

„Übrigens, was ich dich noch fragen wollte, wir haben doch bestimmt einen Anwalt, oder?"

„Einen Anwalt?" James ließ ihn los und zog eine Augenbraue hoch.

„Wofür brauchst du einen Anwalt?"

Die Sorge seines Vaters rührte Harry und schnell begann er zu erzählen, welches Geschäft er mit den Zwillingen getroffen hatte. Wie Harry vorausgesehen hatte, machte James ihm keine Vorhaltungen. Das Gegenteil war der Fall.

„Wenn du willst, können wir ihn nachher aufsuchen. Er ist ziemlich fähig und verwaltet unser Vermögen schon seit Jahrzenten."

Harry nickte und während sie zur Terrasse zurückgingen, begann Harry sich zum ersten Mal für das Vermögen der Potters zu interessieren und stellte einige Fragen.

Es überraschte ihn zu erfahren, wie reich sie wirklich waren und dass sie mehrere weitere Häuser besaßen, ganz zu schweigen von dem Familiensitz der Potters, der nahe an der Westküste gelegen war.

James lächelte leicht.

„Ich werde es dir eines Tages zeigen, auch wenn Lily das Schloss nie gemocht hat. Sie hat immer gesagt, dass du Tage brauchen würdest um wieder hinaus zu finden, solltest du dich verlaufen. Wir haben nie dort gewohnt. Unser Zuhause war Godric's Hollow."

Nach einer Pause fügte er hinzu:

„Komm, lass uns essen und dann können wir in die Winkelgasse gehen."

Zwei Tage später schlich sich Harry am frühen Abend aus Hogwarts, traf sich mit den Zwillingen und machte sie mit Maybery bekannt. Der Anwalt seines Vaters war in der Tat sein Geld wert, wie Harry amüsiert feststellte. Denn nach einer kurzen Besichtigung des Gebäudes, welches Fred und George sich ausgesucht hatten, handelte er den Kaufpreis auf die Hälfte herunter indem er allerlei Mängel aufzählte und dem armen Verkäufer im Grunde genommen überhaupt keine Wahl ließ. Harry lachte leise in sich hinein, während er zusah.

Und auch den Vertrag den Harry mit den Zwillingen schloss, hätte er wohl nur zu Harrys Gunsten abgeschlossen, wenn Harry sich nicht eingemischt hätte. Doch er hatte keines Falls die Absicht Fred und George aufzuerlegen ihm das geliehene Geld binnen eines Jahres zurückzuzahlen. Wenn sie es schafften war es gut, wenn nicht ebenfalls.

Als Fred und George sich verabschiedet hatten und wie Harry vermutete auf schnellstem Wege zu ihrem neuen Geschäft zurückgekehrt waren, unterhielt er sich noch mit Maybery. Und wieder spürte Harry Dankbarkeit in sich aufwallen, als er begriff, welches Vertrauen sein Vater ihm entgegenbrachte und wie viel eigenes Geld er ihm zur Verfügung gestellt hatte.

Als Harry wenig später durch die Winkelgasse schritt, pfiff er vor sich hin. Das Leben war doch wahrlich schön.


Sich gegen den Baum lehnend, unterdrückte Harry ein Seufzen. Er hatte immer noch ein leichtes unwohles Gefühl, wenn er daran dachte, dass die Kammer nicht länger nur ihm und Ginny bekannt war. Aber dann schüttelte er resolut den Kopf. Hatte er sich nicht geschworen, dass er nicht zulassen würde, dass seine Vergangenheit seine Zukunft bestimmte? Und schließlich konnte seine Kammer ohne sein Wissen weder betreten noch verlassen werden.

Sein Blick wanderte zu Neville, der am Boden kniete und einen höchst konzentrierten Eindruck machte. Als Ginny ihn um Hilfe gebeten hatte, hatten seine Augen aufgeleuchtet und war nun begeistert bei der Sache. Ginny und Hermione planten derweil das Halloween Fest, während Ron leise vor sich hin schnarchte.

Auf Ginny schauend, lauschte er dem Klang ihrer Stimme und versuchte Neville im Auge zu behalten. Auch wenn er um Ginnys Willen mit einem Bach und sogar einem Wasserfall einverstanden war, hieß das nicht, dass er gewillt war, den Garten, an den er sich gewöhnt hatte, völlig verändern zu lassen.

Doch abgesehen von dem Bach und dem Wasserfall waren Nevilles Veränderungen alle relativ gering und doch hatten sie eine große Wirkung. Harry war von dem Resultat mehr als überrascht. Alles schien bis ins kleinste Detail miteinander zu harmonieren, selbst die verschiedenen Farben der Blumen ergänzten sich. War der Garten vorher schön gewesen, so hatte es Neville fertiggebracht den Garten in ein kleines Paradies zu verwandeln. Ginny und Hermione waren begeistert und Harry bedauerte es nicht länger, dass er Ginnys Wunsch nachgekommen war.

Als Hermione jedoch mit einem wehmütigen Seufzer meinte, der Garten wäre der ideale Platz zum Lernen, jedenfalls im Sommer, wurde Harry schnell klar, dass er in Zukunft seine Kammer wohl selten ganz für sich haben würde. Ginny würde ihre Freunde nicht ausgrenzen wollen und Ginnys strahlende Augen verscheuchten seinen Ärger. Im gleichen Moment fragte er sich, worüber er eigentlich so zornig war. Natürlich würden Ginny und er immer noch Zeit finden, in der sie ungestört sein würden. Hermione und Ron waren schließlich auch ein Paar.

Vielleicht lag es einfach daran, dass er es nicht gewöhnt war irgendetwas zu teilen oder Rücksicht zu nehmen. Und somit wären wir wieder bei meiner Vergangenheit, dachte Harry zynisch und aus schierem Trotz und um sich zu beweisen, dass seine Vergangenheit keine Macht mehr über ihn hatte, verdrängte er alle unguten Gefühle und schlug Ginny noch am selben Abend vor eine kleine Party im Garten zu veranstalten.

Ginny starrte ihn ungläubig an. Ihre dunklen Augen mit den goldenen Sprenkeln, die er so liebte, weiteten sich.

„Das wäre wirklich schön! Aber bist du sicher, dass es dir nichts ausmachen würde?"

Harry nickte entschlossen, umfasste sachte Ginnys Kinn, küsste sie und murmelte dann gegen ihre Wange.

„Ja, ich bin sicher, Gin."

„Es wäre ein weiterer Schritt.", flüsterte er und für einen flüchtigen Moment wollte er ihr erzählen, was er ihr verheimlicht hatte, wollte, dass sie Bescheid wusste über Voldemorts Hinterlassenschaft.

Doch als er Ginny ansah, erkannte er, dass sie verstanden hatte, was er meinte. Ob es daran lag, dass er versäumt hatte seine Gefühle zu verbergen und sie etwas in seinem Gesicht gesehen hatte oder dass sie einfach dachte, sie müsse ihn von etwaigen dunklen Gedanken ablenken, plötzlich sprang sie auf und schritt durch den Garten.

„Und ich habe schon einige Ideen, wie wir den Garten dekorieren können.", sagte sie.

In den nächsten Tagen steckten Ginny und Hermione häufig die Köpfe zusammen und berieten sich miteinander, doch beide weigerten sich beharrlich ihm etwas zu verraten. So dass sich Harry oftmals in der Gesellschaft von Ron oder Damian befand.

Als die Woche voranschritt, merkte Harry, dass die Schule langsam aber stetig immer fordernder wurde. Zu seinem Verdruss verbrachte er mehr und mehr Zeit mit Hausaufgaben.

Und er war nicht der Einzige, dem dies auffiel. Als er am Donnerstag mit Damian die Kerker verließ, seufzte der Schulsprecher müde.

„Es ist wirklich ein Jammer, dass wir im letzten Schuljahr sind. Allem Anschein nach sind die Lehrer darauf aus, uns das keinen Augenblick vergessen zu lassen. Und Snapes Hausaufgabe hat uns wahrlich noch gefehlt."

Harry nickte düster. Der Zaubertränkelehrer war auf die brillante Idee verfallen ihnen ein paar Themen zur Auswahl zu stellen, die sie nun in zweier Teams bearbeiten sollten und am Ende sollten sie nicht nur den entsprechenden Zaubertrank vorzuweisen haben, sondern auch noch einen seitenlangen Aufsatz. Etwas, das viel Vorbereitung, Zeit und Recherche kosten würde.

Harry war erleichtert gewesen, als Damian ihn gefragt hatte, ob sie sich nicht zusammen tun könnten.

„Wann sollen wir uns treffen?", fragte er.

Damian lächelte leicht.

„So erpicht darauf, dass wir anfangen? Aber du hast Recht. Je schneller wir das beenden, desto eher haben wir Zeit Quidditch zu spielen."

Da Ginny ohnehin noch damit beschäftigt war mit Hermione ihr kleines Fest zu planen – wie sie gesagt hatte, kam dauernd etwas dazwischen, ganz zu schweigen davon, dass Hermione nicht für eine Minute ihre Pflichten als Schulsprecherin vergessen konnte – traf sich Harry

am Abend mit Damian in der Bibliothek. Damian hatte bereits angefangen.

„Hier, ich habe einige Notizen aufgeschrieben. Lies sie."

Das Pergament von Damian entgegennehmend, fand sich Harry mit einem weiteren Abend ab, der mit Schularbeit vergeudet wurde. Doch am Ende stellte sich der Abend als sehr viel angenehmer heraus, als er gedacht hatte, dass er sein würde. Damian hatte eine rasche Auffassungsgabe und sie arbeiten gut zusammen. Sie schafften viel in der Zeitspanne von zwei Stunden. Und dann klappte Damian das Buch zu und schlug vor einen schnellen Spaziergang nach Hogsmeade zu unternehmen. Einen Blick auf seine Uhr werfend, sah Harry Damian an.

„Um rechtzeitig wieder hier zu sein, müssten wir uns aber ziemlich beeilen."

Damian lachte und stand auf.

„Und? Was hindert uns daran?"

Da die Zeit in der Tat ziemlich knapp war, reichte es nur für ein Butterbier. Aber als sie im Laufschritt auf das Schloss zu hasteten, war Harry dennoch froh, dass er zugestimmt hatte. Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit war es genau das Richtige gewesen. Der Gedanke an Zaubertränke jedoch erinnerte Harry an etwas, als er, nachdem er sich von Damian verabschiedet hatte, den Korridor entlang ging. Davon ausgehend, dass Snape noch nicht zu Bett gegangen war, schlug Harry den Weg in die Kerker ein um den ehemaligen Spion zu fragen, wann er denn ein wenig Zeit erübrigen könnte um ihm das nötige Wissen zu vermitteln, das ihm zu seinem Leidwesen fehlte.

Snape empfing ihn mit unbeteiligter Miene und wenn er überrascht über Harrys Forderung war ihm zusätzliche Stunden in Zaubertränke zu geben, so zeigte er es nicht. Doch Harry war sich sicher flüchtige Erleichterung in den schwarzen Augen gesehen zu haben. Sich nicht weiter darum kümmernd, verließ Harry bald darauf die Kerker und fragte sich, warum er Snape eigentlich nicht befohlen hatte die Aufgabe zurückzunehmen, doch Harry wusste, dass er das nicht tun konnte.

Denk nicht darüber nach, sagte er sich heftig. Es wäre nicht richtig. Snape dazu zu zwingen ihm alles beizubringen was dieser wusste, würde den ehemaligen Spion nicht schaden und ihm nutzen, aber sich in Snapes Unterricht einzumischen, wäre etwas anderes, so verlockend es auch sein mochte.

Und als das Wochenende in strahlendem Sonnenschein heraufzog, fiel es Harry in der Tat nicht schwer seine Gedanken auf etwas anderes zu richten.

Als Harry am Abend in den Garten trat, blieb er verwundert stehen. Überall schwebten bunte Lichter in der Luft und Harry begriff, warum Ginny und Hermione darauf bestanden hatten zu warten bis die Dämmerung hereinbrach.

Auf runden, flachen Tischen häuften sich kleine Köstlichkeiten und von irgendwoher kam Musik. Neben Neville, Ron und Hermione, hatten sie auch Rebecca, Melanie, Rons Freunde und Damian eingeladen.

Und zu Harrys Überraschung genoss er den Abend, der ein voller Erfolg wurde, wirklich. Während er sich mit Ginny in den Armen langsam zur Musik drehte und zum ersten Mal im Leben tanzte, spürte er Ginnys Wärme und fühlte sich einfach nur glücklich.