Kapitel X – Der Kreis schließt sich

Wait, you don't understand.

If you don't play there's no music.

If there's no music they don't dance.

If they don't dance they don't kiss and fall in love and I'm history!

Quelle unbekannt

„Und? Können Sie mit den Werten inzwischen mehr anfangen?" Beka warf einen kurzen Blick über die Schulter. Die Maru befand sich jetzt seit einer knappen Viertelstunde in der Atmosphäre, und sie näherten sich der Anhäufung von Lebenszeichen, die die Sensoren angezeigt hatte.

„Ich bin mir nicht sicher." Farkha runzelte die Stirn. „Etwas scheint auch hier die Sensoren zu stören. Ich kann aber inzwischen zwei Ballungsgebiete ausmachen, das eine erheblich dichter besiedelt als das andere."

„Dann sollten wir vielleicht genau da nach ihm suchen. Rein statistisch sind unsere Chancen da größer, wo sich mehr – Lebewesen aufhalten. Es sind doch Humanoide, oder?"

„Ich denke schon." Die Perseidin rieb nachdenklich ihr Kinn. „Die Störungen scheinen jedoch von dort zu kommen. Wirklich merkwürdig."

„Störungen?" Tyrs Lippen wurden kurz in einem schmalen Lächeln auseinandergezogen. „Das klingt nach Harper."

„Was genau ist es? Interferenzen? Ein Notsignal vielleicht?" fragte Beka.

„Nein. Es wirkt nicht wie eine technische Störung." Farkhas Stimme begann, nervös zu klingen. „Ich denke, wir sollten mit der kleineren Siedlung beginnen."

„Irgendein Muster, das ich nicht sehe?"

„Nein, eher eine Ahnung."

„Also gut. So eilig haben wir es ja nicht. Sehen wir uns also zuerst die Vorstadt an." Beka zog die Maru noch ein Stück weiter hinunter und brachte sie auf Kurs. Tief unter dem Schiff erstreckte sich ein endlos scheinender Wald, an dessen Rand ein Fluss, aus dieser Höhe nur ein schmaler glitzernder Streifen, das Mondlicht silbern reflektierte.

Harper fiel weiter. Um ihn herum war es vollkommen dunkel, und er hatte keinerlei visuelle Anhaltspunkte, wie weit es noch bis zum Boden war, wenn ihn denn einer erwartete, doch er hatte das seltsame Gefühl, dass er nicht so schnell fiel, wie die Gesetze der Physik es verlangt hätten. Er verspürte keinerlei Angst, nur eine morbide Neugier, ob dies vielleicht sein persönlicher Tunnel war, und wann er beginnen würde, Licht zu sehen.

Ein dumpfes Geräusch, als sein Körper auf weichem Grund aufschlug, riss ihn aus diesen Gedankengängen. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg, aber er stellte schnell fest, dass er sich nicht verletzt hatte. Langsam rappelte er sich auf, und seine Hände griffen in feuchtes Moos.

Moos? Wo zur Hölle war er hier gelandet? Und wichtiger noch: wie war er hierher gekommen?

Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Finsternis. Mit gelindem Erstaunen registrierte er, dass um ihn herum Bäume hoch in den Nachthimmel ragten. Er stand in einem Wald.

Verwirrt sah er sich um. So viel war ihm klar: aus dem Bett zu fallen, brachte einen in den wenigsten Fällen von einem Raumschiff direkt in die freie Natur.

Das dumpfe Rauschen der Blätter schien lauter zu werden, und er zog in Erwartung eines kalten Windstoßes die Schultern hoch. Stattdessen jedoch wehte es warm durchs Geäst, und in das Rauschen mischte sich ein dumpfer Unterton, der ihm so vertraut war, dass er umso weniger an diesen Ort passte.

Ein breiter Lichtkegel tastete sich über den Waldboden, und die dichten Bäume warfen lange Schatten. Harper sah ihn näher kommen und riss sich trotz der Kälte sein bunt gemustertes Hemd vom Leib. Wild schwenkte er den vom allgegenwärtigen Schlamm schon etwas verdreckten Baumwollstoff und sprang auf und ab, wobei die mit eisigem Wasser vollgesogenen Socken laut platschten und schmatzten. Vor Aufregung vergaß er für einen Moment sogar seine Grippe. Er wusste, auch ohne den Frachter zu sehen, dass es die Maru war, die sich seinem Standort näherte. Er hatte zwar keine Ahnung, was hier vorging, aber den Antrieb des Schiffes, das ihm zur zweiten Heimat geworden war, würde er überall und unter Tausenden erkennen. Auch wenn die Triebwerke sich nicht sonderlich gesund anhörten. Was hatte Beka nur mit dem Schiff angestellt?

Jetzt endlich richtete sich der Scheinwerfer auf ihn. Harper winkte noch ein paar Mal heftig mit seinem Hawaiihemd, bis er sicher war, dass sie ihn tatsächlich gesehen hatten. Dann warf er sich das Hemd wieder über und blieb stehen, wo er war. Zitternd trat er von einem Fuß auf den anderen.

„Wir sind jetzt fast bei den Koordinaten", meldete Beka. „Ich kann keine Anzeichen einer Siedlung entdecken."

Farkha nickte. „Allem Anschein nach leben sie unterirdisch. Aber einige der Lebenszeichen kommen von der Oberfläche."

„Können Sie Harper herausfiltern?"

„Ich versuche es. Ich vermute, wir haben es hier mit einer recht primitiven Kultur zu tun. Die Sensoren zeigen nur wenig Eisen, praktisch keine elektromagnetischen Felder. In Mr. Harpers neuralem Interface wurden verschiedene Legierungen verwendet, die der Bevölkerung hier fremd sein müssen. Ich scanne."

Plötzlich zuckten einige blaue Blitze durch die Baumkronen, und fast zeitgleich meldete sich die Perseidin wieder zu Wort. „Ich habe ihn."

„Was war das für ein Licht?" fragte Beka.

„Möglicherweise Tesserakte."

„Oder Waffenfeuer", ergänzte Tyr.

„Jedenfalls sollten wir ihn so schnell wie möglich auflesen", sagte Beka knapp. „Koordinaten?"

„Auf Ihrer Navigationsanzeige."

Die Pilotin sah auf die Kontrollen. Dort leuchteten einige Zahlen, die die Perseidin eben von ihrer Konsole aus übermittelt hatte. „Dann mal los", sagte sie. „Ich gehe so tief wie möglich. Haltet eure Augen offen."

Sie schaltete den Suchscheinwerfer der Maru an und brachte das Schiff bis auf wenige Meter über die Baumwipfel. Der Wald war dicht, und nur selten konnte man den Boden erkennen. Beka hatte sich schon fast damit abgefunden, landen und zu Fuß weitersuchen zu müssen, als sie eine Bewegung wahrnahm. Eine kleine, helle Gestalt, aus der Höhe gerade eben als solche zu erkennen, hüpfte auf und ab und schwenkte etwas Buntes, das im Licht des Scheinwerfers grell fluoreszierte.

„Harper", sagten Beka und Tyr unisono. Niemand sonst besaß derart aufdringlich gefärbte Kleidung wie der zappelige Ingenieur.

Beka konzentrierte sich darauf, eine halbwegs freie Stelle in dem dichten Bewuchs zu finden, und brachte die Maru nach unten. Mit einem dumpfen Saugen setzte das Frachtschiff auf dem weichen Waldboden auf.

Harper tat einen kurzen, triumphierenden Schrei, als er sah, wie sich die Maru in Richtung Boden senkte, und setzte sich in Bewegung.

Er kam bei dem Schiff an, als sich die Luftschleuse schon geöffnet hatte, und sah Tyrs vertraute Gestalt den Rahmen fast ausfüllen. „Tyr!" rief er und wäre dem Nietzscheaner um den Hals gefallen, hätte dieser ihn nicht mit einer Hand, die er gegen Harpers Stirn drückte, auf Abstand gehalten.

„Bist du verletzt?" fragte Tyr knapp, und Harper antwortete mit einem heftigen Kopfschütteln, gefolgt von einem kräftigen Niesen.

„Nur fast zum Eiszapfen geworden. Wie zum Teufel konntet ihr so schnell hier sein?"

„Seit wann bist du hier?"

„Wenn ich das richtig sehe, ein paar Minuten. Wo ist ‚hier' eigentlich? Ich kann mich nur an ein blaues Licht erinnern, das für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr nach Tesserakt aussah."

„Später. Beka und die Perseidin errechnen schon die Koordinaten für den Rückweg."

Harper stutzte. „Welche Perseidin?"

„Später."

„Ja klar", brummte Harper. „Wie üblich. Dem todkranken Ingenieur sagt mal wieder keiner was. Aber wenn es was zu reparieren gibt, heißt es wieder –„

„Harper!" Tyrs Stimme hatte einen ausgesprochen bedrohlichen Unterton, und er zeigte mit düsterem Blick auf die Luftschleuse.

„Meine Rede." Mürrisch und mit hochgezogenen Schultern drückte Harper sich an dem hochgewachsenen Nietzscheaner vorbei und schlurfte durch die Schleuse. Auf der anderen Seite entfuhr ihm ein angeekelter Laut. „Was ist das denn?" fragte er entsetzt, als er kleine rotbraune Brocken, in gelblichgrünem Schleim schwimmend, in großen Pfützen auf dem Boden entdeckte.

„Später."

Harper hob den Kopf und sah Tyr entnervt an, beschloss dann aber schnell, dass Erklärungen tatsächlich warten konnten. Der Blick des Nietzscheaners sagte ihm das sehr deutlich.

„Harper!" Beka begrüßte ihren Freund leichthin und machte sich nicht einmal die Mühe aufzustehen, aber ihre Erleichterung konnte sie nicht verbergen. Rasch musterte sie den jungen Ingenieur und nickte zufrieden, als sie keine offensichtlichen Verletzungen erkennen konnte. „Wie war dein Urlaub?" wollte sie wissen.

„Vor allem kurz", erwiderte Harper.

„Er sagt, er war nur ein paar Minuten hier", erklärte Tyr auf Bekas fragenden Blick hin.

„Das ist interessant", kommentierte sie. „Ach ja, das da drüben ist Farkha, Technische Assistentin der..."

„Forschungsabteilung des Hohen Rats", half die Perseidin aus.

„Genau. Bei ihr kannst du dich bedanken, das wir dich so schnell gefunden haben."

„Na dann – danke schön." Galant nahm Harper eine zierliche graue Hand und deutete einen Handkuss an. Die Ausführung geriet allerdings etwas unbeholfen, weil ihn plötzlich ein Hustenkrampf schüttelte.

„Du hörst dich nicht gut an", bemerkte Beka.

„Dafür sehe ich umso besser aus. Damit kann ich leben." Harper grinste breit.

„Soll ich ihn wieder auf dem Planeten aussetzen?" bot Tyr an.

Beka tat so, als müsse sie überlegen. „Ach nein", sagte sie dann, ebenfalls grinsend. „Zu irgendwas wird er schon gut sein, und die meiste Zeit isst er nicht viel." Dann schoben sich ihre Augenbrauen zusammen. „Farkha?" sagte sie. „Können Sie mir vielleicht erklären, wieso wir vor Harper hier angekommen sind?"

„Nun, ich sagte ja bereits, dass meine Berechnungen nicht vollständig präzise sein können. Diese Unsicherheit kann sich sowohl zeitlich als auch örtlich äußern."

„Na, dann hat ja zumindest Harper noch mal Glück gehabt. Wer weiß, was sich so alles an Lebensformen auf diesem Planeten herumtreibt."

„Darf ich auch mal?" meldete Harper sich zu Wort. „Was meint ihr mit Unsicherheiten? Und wieso vor mir angekommen?" In seinem Gesicht malte sich leichte Verzweiflung, gemischt mit einem Anflug von Panik, ab. „Sagt jetzt nicht, ihr seid auch durch einen Tesserakt hier gelandet."

„Das sind wir. Ich habe geeignete Ereignisse errechnet, auf der Grundlage der vorliegenden Daten und unter Zuhilfenahme des Hauptcomputers der Andromeda Ascendant und eines Schwarzen Loches", sagte Farkha nicht ohne Stolz.

„Ich glaub, mir wird schlecht", sagte Harper in komischer Verzweiflung. „Und das ist gutgegangen?"

„Mit ein paar... Unannehmlichkeiten auf dem Weg, ja", sagte Beka. „Und jetzt würde ich vorschlagen, dass du dich freust, dass wir das getan haben, dir ein paar trockene Sachen anziehst und für ein paar Stunden ins Bett verschwindest. Hier kannst du im Moment nichts tun. Und du siehst nicht halb so gut aus, wie du denkst."

„Kein Widerspruch von meiner Seite. Abgesehen von der Sache mit dem Gutaussehen. Da müssen wir noch mal drüber reden." Er nickte Farkha zu und baute sich dann vor Tyr auf. Merkwürdig – hatte er schon immer so weit zu dem Nietzscheaner aufsehen müssen? „Liest du mir was vor?" fragte er mit Hundeblick und Augenaufschlag.

„Das einzige Buch, aus dem ich dir vorlesen würde, ist vor einer knappen Stunde in eine andere Dimension verschwunden", sagte Tyr trocken, und Beka prustete los.

„Was ist?" Harper sah vollkommen verständnislos in die Runde.

„Darüber mach dir mal keine Sorgen", sagte Beka. „Umziehen, und ab ins Bett. Du hast fünf Minuten, dann schicke ich Tyr hinter dir her, um dir Beine zu machen."

Beka glaubte, ein leises „Plopp" zu hören, als die Luft in den Raum strömte, an dem Harper eben noch gestanden hatte. Mit einem Lächeln schüttelte sie den Kopf und kümmerte sich dann wieder darum, die Koordinaten zu betrachten, die Farkha ihr auf die Konsole spielte. „Sind diese Daten genauso... exakt wie die, die uns hierher gebracht haben?" fragte sie.

„Die Fehlerstreuung bewegt sich etwa im gleichen Rahmen, ja", bestätigte die Perseidin.

„Dann könnte das ein lustiger Ritt werden." Ungetrübt von ihrem Abenteuer mit den untoten Angreifern, stand ein erwartungsfrohes Funkeln in den Augen der Pilotin. „Dann wollen wir uns mal wieder nach Hause bringen."

Zwischen Büschen und Sträuchern, durch Schlamm und tiefe Wasserpfützen, hetzte eine junge Frau. Ihr langes, dunkelbraunes Haar hatte sich gelöst und wehte wild um ihren Kopf. Ihre Arme, geziert von Knochenspornen, bewegten sich rhythmisch an ihren Seiten, als sie mit sicherem Tritt durch die Dunkelheit rannte. Ihr Atem ging schwer, doch sie wurde nicht langsamer. Sie wusste, wenn sie stehenblieb, würde sie Schlimmeres erwarten als der Tod.

Hinter ihr stach das weiße Licht einer Stablampe Löcher in die schützende Dunkelheit, und die Gewehre, die die drei Wachen trugen, musste sie nicht sehen, um zu wissen, dass sie schussbereit in den Händen ihrer Verfolger lagen.

Der Schwarzgrund war ihr Revier, nicht das der Wachen, und die Wut darüber, dass man sie bis hierher verfolgt hatte, gab ihr zusätzliche Kraft.

Leider aber waren die Unterwachen gut ausgebildet und in der Überzahl, und ohne es zu wissen, hatte sie sich in einem großen Kreis treiben lassen. Plötzlich waren sie vor ihr, neben ihr, hinter ihr. Es waren nur drei, aber sie tauchten so unvermittelt auf, dass sie den Eindruck hatte, es wäre eine ganze Armee.

Mit vor Angst und Hass verzerrtem Gesicht presste sie sich rückwärts an einen Baum. Sie atmete schwer, wusste aber, dass es sinnlos war, mit ihren Verfolgern reden zu wollen. Sie sagte keinen Ton.

Der Mann mit der Stablampe trat auf sie zu. „Es hat keinen Sinn, wegzulaufen", sagte er kühl. Er wirkte nicht sonderlich erschöpft. „Du weißt, was du getan hast, und du weißt auch, was dir dafür blüht. Wenn du still hältst, belassen wir es dabei und bringen dich zurück. Solltest du dich wehren, fällt uns sicher noch eine andere Bestrafung ein." Mit seiner freien, schwarz behandschuhten Hand zog er etwas aus dem Gürtel, das wie ein großes Messer aussah. Eine breite Klinge blitzte böse auf.

Die junge Frau schluckte hart, gab aber immer noch keinen Laut von sich. Karee Muindor vom Stamm der Kodiak würde den jämmerlichen Kludges nicht die Befriedigung geben, um ihr Leben oder ihre Unversehrtheit zu betteln.

Der Mann mit der Lampe hob Karees rechten Arm und legte ihn an den Baum, an dem sie lehnte. Sie bewegte sich nicht und sah ihm starr in die Augen. Der Soldat hob das Messer, das auf den zweiten Blick eher Ähnlichkeit mit einem Säbel hatte, holte aus und schlug zu.

Jetzt erhob die Nietzscheanerin zum ersten Mal ihre Stimme. Als ihre abgetrennte Hand zu Boden fiel, stieß sie einen Schrei aus, der das Wild ringsum aufschrecken ließ und einen eventuellen Beobachter das Fürchten gelehrt hätte.

Noch immer ließen die Wachen sie nicht los. Sie hatten Erfahrung mit Nietzscheanern und wussten, dass sie verwundet womöglich noch gefährlicher waren als gewöhnlich. Die Wachen hielten Karee fest, bis der Blutverlust aus der Wunde so groß war, dass sie wimmernd auf die Knie sank.

Die Nietzscheanerin hielt sich mühsam bei Bewusstsein, als die Wachen sie schließlich hinter sich herschleiften wie erlegtes Wild. Sie hatte bei ihrer Erkundung rund um die Festung der Herzkönigin einige der Menschen getötet, und sie war fast damit davongekommen. Wenn sie es fertig brachte, kampfbereit zu bleiben, konnte ihr vielleicht die Flucht gelingen, bevor sie als Spieler endete und es ihr wie denen erging, deren leere Gesichter Zeugen einer monströsen Grausamkeit waren, die sie verfolgte, seit sie denken konnte.

Doch die Schwäche überkam sie und zwang ihre Augenlider nach unten. Schwärze umfing sie, und als sie mit einem schmutzigen Verband über ihrem Armstumpf erwachte, blickte sie auf Gitterstäbe und einen lehmigen Boden.

Alle Hoffnung war verloren. Sie würde spielen.

Bekas Augen flogen zwischen den Kontrollen und der leeren Weite vor dem Schiff hin und her. „Wie lange noch, sagten Sie?"

„Zwanzig Sekunden." Farkhas Stimme klang gezwungen ruhig. „Achtzehn."

Die Pilotin warf einen letzten Blick auf den kleinen grünen Planeten, seinen Mond und dessen roten Trabanten, den sie in ihrem Leben möglichst niemals wiedersehen wollte. „Wo bleiben denn diesmal die Echos?" fragte sie nervös.

Wie auf Kommando zuckte ein blauer Blitz neben dem Schiff auf, und gleich darauf trieb ein bunt geblümtes Sofa vor dem Cockpit vorbei.

„Vielen Dank", sagte Tyr ironisch.

„Okay, ich sage keinen Ton mehr." Wie um ihr Versprechen Lügen zu strafen, begann Beka leise vor sich hinzumurmeln. „Keine Zombies, keine Zombies." Es klang wie ein Mantra.

„Sieben. Sechs. Fünf." Ausdruckslos zählte Farkha die letzten Sekunden herunter. „Zwei. Eins."

Eine gigantische, blau gleißende Wand, die wirkte wie ein riesiges leuchtendes Spinnennetz, entfaltete sich direkt vor dem Bug der Eureka Maru und schien sich ihr entgegenzustrecken. Beka brauchte nur Minimalschub zu geben, und der Frachter bewegte sich so übergangslos in den Tesserakt, als wäre dieser ihm ein Stück entgegengekommen.

Ein leichter Ruck, und sie traten aus der Verzerrung aus. Bekas Gesicht wurde lang, als sie aus dem Fenster sah. Sie fühlte sich an ihre erste Reise erinnert, als sie fast auf die Oberfläche des Mondes geprallt waren. Nur dass, worauf auch immer sie gerade zusteuerten, eine mattgraue Oberfläche hatte. Und es gab absolut keine Möglichkeit, auszuweichen.

„Dylan?" klang es ängstlich über das bordinterne Kommunikationssystem.

„Was gibt es, Trance?"

„Wir müssen uns beeilen."

Hunt bemühte sich, ruhig zu bleiben. Wenn Trance so darauf drängte, dass gehandelt werden musste, bezweifelte er keinen Moment, dass sie recht hatte. Leider standen Aussagen von mysteriösen goldenen Lebensformen nicht auf der Liste der Beweise, die die Commonwealth-Regierung akzeptieren würde.

„82,1 Prozent", murmelte er. „Unsere Chancen haben schon schlechter gestanden." Lauter sagte er: „Ich bin auf dem Weg. Sobald Bolivars Flotte sich uns angeschlossen hat, gehen wir in den Slipstream und statten den Aconcaguanern einen kleinen Besuch ab."

„Kollisionsalarm."

Dylan hatte keine Zeit, diese Information, die Andromeda plötzlich lieferte, zu verarbeiten. Bevor er den Inhalt der Warnung realisieren konnte, machte das Schiff eine abrupte Ausweichbewegung, die selbst die hervorragenden Trägheitsdämpfer nur zu einem großen Teil abfangen konnten.

Hunt kam ins Stolpern, fing sich wieder und starrte das Hologramm an, das sich vor ihm aufbaute. „Was um alles in der Welt war das?" fragte er entgeistert.

„Die Eureka Maru. Und ich habe genauso wenig eine Erklärung dafür wie du." Trotz dieser wenig hilfreichen Aussage lächelte das Abbild der Schiffs-KI ihn freundlich an.

„Ah ja. Ruf sie."

„Captain Valentine zu Ihren Diensten, Captain. Darf ich fragen, welches Datum wir haben?" tönte Bekas Stimme leicht verzerrt.

„Sie haben uns vorgestern verlassen", erwiderte Hunt. „Dürfte ich jetzt im Gegenzug fragen, wo Sie so plötzlich herkommen?"

„Ich liebe Tesseraktreisen", kam die fröhliche Antwort. „Man spart so enorm viel Zeit."

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie eigentlich reden. Haben Sie Harper?"

„Ich habe das Schiff voller abgetrennter Körperteile, eine Großreinigung vor mir, ein paar Triebwerke, die sich vermutlich bald verabschieden, und außerdem habe ich Harper."

„Großartig. Sobald Sie an Bord sind, möchte ich Sie alle auf der Brücke sehen. Die eine oder andere Erklärung können Sie sich auf dem Weg ja schon überlegen. Außerdem sollten Sie sich bereit machen, das Kommando auf der Andromeda zu übernehmen. Die Lage hier hat sich etwas verkompliziert."

„Wenn Sie kompliziert wollen, warten Sie auf meinen Bericht. Maru aus."

Dylan seufzte. Er wusste nicht, ob er sich über das plötzliche Eintreffen seines Ersten Offiziers freuen sollte. Auf noch mehr Verwirrungen hatte er wenig Lust – aber zumindest war die Besatzung jetzt wieder in voller Stärke präsent.

Trances Warnungen zum Trotz, würden sie die Mission jetzt noch ein paar Minuten verschieben müssen. Auf der anderen Seite konnte er jetzt viel besser taktieren, was den Zeitverlust hoffentlich ausgleichen würde.

Trance hob überrascht den Kopf. Etwas hatte sich gerade verändert. Mit einer Erschütterung des Schiffes waren neue Faktoren in diese Realität katapultiert worden, die die Ausgangssituation grundlegend änderten.

Vor ihren Augen veränderte sich der Bonsai, eine Reflektion der möglichen Entwicklungen. Einige Äste verschwanden, andere wuchsen rasant, und mit einem Mal bot sich ein völlig neues Bild der Zukunft. Eines, das nicht perfekt war, aber lange nicht so hoffnungslos wie noch vor wenigen Sekunden.

Das goldene Wesen lächelte. Noch war ihre Mission also nicht gescheitert. Solange es Veränderung gab, gab es Hoffnung.

„Was war das denn schon wieder?" Ein zerzauster Harper kam ins Cockpit geschlurft und hielt mühsam das rechte Auge offen.

„Wir sind wieder zu Hause", berichtete Beka. Knapp zwei Sekunden vorher hatte die Maru im Hangar der Andromeda aufgesetzt.

„Wie lange habe ich geschlafen?"

„Ungefähr zwei Stunden."

„So fühle ich mich auch. Ich geh wieder ins Bett. Weckt mich, wenn die Welt untergeht."

„Dann bleib gleich hier. Wie's aussieht, geht es hier gleich rund. Dylan will uns auf der Brücke sehen."

„Was Captain Wunderbar will, geht mir im Moment ungefähr so weit an meinem Allerwertesten vorbei." Harper deutete eine großzügige Armlänge an und drehte sich um. Bevor er auch nur einen Schritt machen konnte, traf ihn Bekas Stimme im Nacken.

„Wenn du jetzt gehst, sage ich Tyr, er soll dir die Beine ausreißen. Er kann das. Ich hab's gesehen."

Wie zur Bestätigung ließ der Nietzscheaner die Fingerknöchel knacken.

„Alles leere Versprechungen. Ihr wisst, wo ihr mich findet."

„Mr. Harper?" Farkha trat einen Schritt vor und streckte Harper erneut die Hand entgegen. „Verzeihen Sie meine forsche Art, aber es ist mir ein großes Vergnügen, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Ich wollte Sie eben nicht belästigen, aber jetzt möchte ich Ihnen sagen, dass ich Ihre Arbeit als sehr inspirierend empfinde."

Während Harper argwöhnisch die ihm angebotene Hand nahm, zog Beka belustigt die Augenbrauen hoch. Meinte die Perseidin das wirklich ernst, oder wollte sie Harper nur bei Laune halten?

Als die beiden wenige Sekunden später über Quantenphysik und Elementartheorien diskutierten, entschied sie, dass die Bewunderung nicht geheuchelt gewesen sein konnte. Nicht ausschließlich zumindest.

„Dürfte ich kurz unterbrechen?" sagte sie. „Bei allem Respekt für Heisenberg und Tre'Deen, wir sollten uns auf den Weg machen. Dylan klang, als wäre es dringend."

„So klingt er immer", kommentierte Harper. Nichtsdestoweniger folgten er und die Perseidin ohne Widerspruch.

„Harper?" tönte es aus dem Bordfunk, als sie kurz vor der Luftschleuse waren.

Der Angesprochene zuckte zusammen, als er die Stimme des Captains hörte. „Was gibt's, Boss?"

„Trance lässt ausrichten, Sie sollen Ihren Notfallkoffer mitbringen. Was immer das heißt."

Typisch. Da sollte Dylan noch einmal behaupten, er würde seinen Ingenieur gut kennen. Kannte seinen Notfallkoffer nicht. Andererseits war er auf der Andromeda auch noch nicht sehr oft zum Einsatz gekommen, weil Werkzeug entweder griffbereit war oder schnell von einem Droiden angereicht werden konnte. Auf der Maru allerdings war oft mehr nötig, als er im Gürtel mit sich tragen konnte, und so bewahrte Harper einen Satz der wichtigsten Werkzeuge und kleinen Geräte in einem handlichen Koffer auf. Wo hatte er das Ding nur beim letzten Mal stehen gelassen? Richtig, im Frachtraum.

„So gut wie erledigt, Boss!" Mit Blick auf die anderen fuhr er fort: „Ich brauche fünf Minuten. Dann ist die Rede vielleicht schon vorbei, wenn ich dazukomme."

„Das habe ich gehört."

Harper verzog schmerzlich das Gesicht und trabte los zum Frachtraum. Das bisschen Schlaf, das er bekommen hatte, half nicht im Geringsten, die Symptome der Grippe zu mildern. Sein Kopf dröhnte und pochte, seine Sicht verschwamm jedes Mal, wenn er blinzelte, seine Hände kribbelten, und seit er bis zu den Knöcheln in eiskaltem Schlamm gestanden hatte, wollten auch seine Füße nicht mehr warm werden. Natürlich standen seine Stiefel noch auf der Andromeda, und so stapfte er auch jetzt noch auf Socken über die kühlen Metallplatten.

Er öffnete die schwere Tür zum Frachtraum, warf einen Blick hinein und schloss sie wieder. Mit einem ungläubigen Blinzeln drehte er sich um und lehnte sich an die Wand. Dann aktivierte er die Kommunikation.

„Beka?"

„Was ist denn, Harper?"

„Als du das letzte Mal im Frachtraum warst, lagen da auch schon Unmengen an Schleim, ein paar Beine und ein Typ ohne Kopf?"

„An den Kerl ohne Kopf kann ich mich nicht erinnern, aber der Rest stimmt soweit. Tyr, ein kopfloser Kerl? Geht der auf dein Konto?"

„Ja", erklang die Stimme des Nietzscheaners.

„Okay, wollte ich nur wissen." Harper schluckte kurz, um einen Würgereiz zu unterdrücken, wandte sich wieder um und öffnete erneut die Tür. Kurz fragte er sich, wie übel der Gestank wohl gewesen wäre, wenn seine Nase nicht den Dienst eingestellt hätte.

Für ein paar Sekunden stand er unentschlossen auf der sauberen Seite der Tür. Wenn er Stiefel angehabt hätte, wäre die Entscheidung leichter gewesen, aber auf Strümpfen durch diesen stinkenden Schnodder?

Schließlich gab er sich einen Ruck. Die Bitte, den Koffer mitzubringen, war immerhin von Trance gekommen. Ihr konnte er selten etwas abschlagen, und sie wusste meistens, was sie tat. Ergo musste der Koffer wichtig sein.

„Und wehe, wenn nicht." Mit angeekeltem Gesichtsausdruck stakste er durch die Schleimschicht und gab ein leidendes Stöhnen von sich, wenn er in größere, saftige Brocken trat. Das würde Beka ihm erklären müssen, und eins war sicher: er würde diese Sauerei nicht aufräumen.

Suchend ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen und vermied es geflissentlich, die einzelnen Beine oder den kopflosen Körper anzusehen. Schließlich machte er den Koffer in einer Ecke aus, in die er ihn nicht gestellt hatte. Die Party musste ziemlich wild gewesen sein, wenn sogar die Einrichtung ihren Platz gewechselt hatte.

Schnell arbeitete er sich bis zum Koffer vor und hob ihn aus dem Schleim, der ihm wenigstens den Gefallen tat, keine Fäden zu ziehen.

Als er sich umdrehte, starrte er dorthin, wo bei einem normalen Menschen das Gesicht gewesen wäre. Leider hatte derjenige, der da vor ihm stand, nicht einmal einen Kopf, also sah Harper für einen Moment auf die Wand einige Meter hinter der Gestalt, bevor er seinen Blick senkte und eine eindrucksvolle Lektion in menschlicher Anatomie bekam. Ihm war nie wirklich klar gewesen, wie dünn doch das Rückenmark war.

Sein Gehirn nahm den Anblick des bizarren Körpers widerspruchslos auf und verarbeitete ihn brav. Leider spuckte es kein verwertbares Resultat aus, das einer Erklärung oder auch Handlungsvorschlägen ansatzweise nahegekommen wäre. Also sprang der uralte „Kampf oder Flucht"-Mechanismus an, und von klein auf war Harper eigentlich eher auf letzteres programmiert gewesen. Automatisch machte er einen Schritt zurück, warf noch einen verwirrten Blick auf faulige Arme, die sich nach ihm ausstreckten, und startete einen Sprint in Richtung der Tür, bei dem er mehrmals fast auf dem Boden landete. Socke auf Schleim bot einfach keine allzu gute Bodenhaftung.

„Was – für – ein – Scheiß – Tag", keuchte er im Rhythmus seiner Schritte.

„Was gibt es denn so Wichtiges?" wollte Beka wissen, als sie sich vor Hunt aufbaute.

„Das sollte vielleicht besser Trance erklären", erwiderte Dylan. „Momentan bin ich mir selber nicht ganz sicher, was hier vorgeht."

„Wo ist sie?"

„Schon hier." Lächelnd trat das goldene Geschöpf auf das Kommandodeck. „Du weißt gar nicht, wie schön es ist, euch zu sehen." Sie blickte sich suchend um.

„Harper kommt gleich", erklärte Beka.

„Das ist gut. Wir brauchen zwei Slipfighter. Harper fliegt mit Dylan, Farkha wird mich begleiten." Sie bemerkte, dass alle sie verständnislos ansahen. „Keine Sorge", sagte sie. „Es wird schon gut gehen."

Hunt hatte sich als erster gefangen. „Ich hatte vorgehabt, meinen Slipfighter mit Bucky-Kabeln auszurüsten. Ich nehme an, für den zweiten wäre das auch keine schlechte Idee?"

„Ganz und gar nicht", lächelte Trance.

Mit einem Poltern fiel etwas auf den Boden der Brücke, und ein kleiner Metallkoffer rutschte ihr genau vor die Füße. „Und erzähl mir jetzt nicht, du willst das Ding nicht mehr", fauchte Harper, der auf schleimdurchtränkten Socken hinter der Kiste herschlitterte.

„Harper!" Trances Augen strahlten, und sie ging auf ihn zu und umarmte ihn. Harper stutzte, ließ sich die Behandlung aber gerne gefallen.

„Womit hab ich das verdient?" fragte er vorsichtig.

„Es kommt mir vor, als hätten wir uns Ewigkeiten nicht mehr gesehen."

„Ach, wirklich? Für mich ist es gerade ein paar Stunden her."

„Können wir die Wiedersehensfreude vielleicht auf später vertagen?" drängte Dylan. „Wir stehen hier unter einem gewissen Zeitdruck."

„Natürlich. Gehen wir." Abrupt ließ Trance Harper los.

Farkha deutete in Richtung des Koffers. „Es wäre gut, wenn beide Slipfighter ähnliche Ausrüstung an Bord hätten."

Trance nickte zustimmend. „Sie lesen meine Gedanken", lächelte sie.

Während der Ingenieur nur achselzuckend den Werkzeugkoffer aufnahm und akzeptierte, dass er auf Erklärungen jedweder Art wohl noch eine Weile würde warten müssen, begann Dylan zu begreifen, was Trance vorhatte. Zwei Ingenieure, Ausrüstung – es sah aus, als wolle sie die Novabomben an Ort und Stelle entschärfen. Warum das nicht bis nach der Bergung warten konnte, war ihm noch nicht klar, aber er war bereit, diese Unklarheit in Kauf zu nehmen, wenn es nur endlich losgehen konnte. Auch er hatte ein ungutes Gefühl, wenn er an die Bomben dachte.

„Beka, Sie haben die Brücke", sagte er. „Bringen Sie uns nach Aconcagua."

Harper nestelte unbehaglich am Kragen der schwarzen Slipfighterkombi. Nicht nur, dass er keine Ahnung hatte, worum es ging, den Sitz des Kampfgleiters gerne gegen sein Bett eingetauscht hätte, nicht dazu gekommen war, zu fragen, was es mit diesem Ding im Frachtraum auf sich gehabt hatte und sich alles in allem eher bescheiden fühlte. Auch die Uniform drückte ihm aufs Gemüt. Sie war nicht zu eng – Andromeda hatte für jedes ihrer Besatzungsmitglieder ein perfekt passendes Exemplar angefertigt -, doch vielleicht beunruhigte ihn gerade das. Das einzig Tröstliche in dieser Situation waren Trances Stimme, die eben über Funk zu hören war, und Dylans breite Schultern vor ihm.

Harper schloss gequält die Augen, als der Slipfighter als zweites den Hangar verließ und die Beschleunigung einen schmerzhaften Druck auf seine verstopften Stirnhöhlen erzeugte. Mit zwei Fingern rieb er sich über die Nasenwurzel. Die Tage, die schlechter gewesen waren als dieser, konnte er wirklich an einer Hand abzählen.

Dylan hatte alle Mühe, Trances unvorhersehbaren Manövern zu folgen. Ihr Slipfighter wand sich durch das orbitale Verteidigungssystem, als wüsste sie, wohin die Geschosse gerichtet sein würden, bevor sie überhaupt abgefeuert waren.

„Dylan, ich fange einen Funkspruch auf. Er scheint von der Nietzscheanischen Flotte zu stammen und an die Oberfläche gerichtet zu sein", meldete sich Beka.

„Inhalt?"

„Er ist verschlüsselt, aber die Bomben bewegen sich jetzt."

„Dann dürfte das wohl klar sein", knirschte Hunt. „Koordinaten!"

„Übermittle."

„Trance, welche möchten Sie?"

Eine kurze Pause entstand.

„Trance?"

„Norden", kam es dann zögerlich zurück. „Dylan, wir müssen sie sicherstellen und sofort entschärfen."

„Warum?"

Überraschend war jetzt Farkhas Stimme zu hören. „Der Funkruf kam von den Nietzscheanern und diente dazu, die Aconcaguaner zu warnen. Sie möchten nicht, dass uns die Bomben in die Hände fallen, und die Nietzscheaner würden es als Vorteil betrachten, Sie als Leitfigur des Commonwealth aus dem Weg zu haben, mit der wenn auch geringen Möglichkeit, Ihr Schiff an sich bringen zu können und die Aconcaguaner mit einer unbestimmten Anzahl an Schiffen und Verbündeten auf ihrer Seite zu haben. Soll ich fortfahren?"

Nicht nur, dass Dylan jetzt endlich verstand, die Rede der Perseidin dauerte auch bereits entschieden zu lange.

„Mr. Harper, ich hoffe, Sie haben an Ihr Surfbrett gedacht", sagte er grimmig. „Es geht in den Süden."

Wenn das, was Farkha und Trance sich überlegt hatten, richtig war, hatten sie nichts zu verlieren. Dylan gab vollen Schub, bis er fast in den kleinen Frachter prallte, der laut Sensoren eine der Bomben an Bord hatte. Für einen Moment überlegte er, wie er die Novabombe an sich bringen konnte, ohne das andere Schiff zu zerstören, kam dann aber zu dem Schluss, dass die einzig praktikable Lösung war, die Kokosnuss auf einen Felsen zu schlagen, um an die Milch zu kommen. Immerhin war er relativ sicher, dass nur der eingebaute Zünder oder die Hitze einer Sonne die Bombe zur Explosion bringen konnten.

Als Hunt auf den Frachter zu feuern begann, ließ Harper hinter ihm ein entsetztes Japsen hören, das in ein erleichtertes Aufatmen überging, als das inzwischen menschenleere Schiff nur in einem Feuerball verschwand, ohne die Sonne des Systems mit ins Verderben zu reißen.

„Machen Sie sich bereit", sagte Dylan, als er zu einer harten Landung ansetzte. „Sie haben eine Bombe zu entschärfen."

„Haben Sie irgendetwas Tröstliches über die Zukunft zu sagen?" fragte Farkha nervös, als Trance Kurs aufnahm, um dem Schiff mit der tödlichen Ladung zu folgen.

„Ich fürchte nicht", erwiderte Trance. „Ich glaube sogar, im Moment wissen Sie mehr über die Zukunft als ich."

„Liegt es an den Tesserakten?"

„Möglich. Sonderbar – sie sind Chaos, und doch unvorhersehbar."

Jeder andere hätte an dieser Stelle protestiert oder aber verwirrt geschwiegen, doch die Perseidin nickte zustimmend. „Für manche, ja. So sehen wir alle die Welt mit anderen Augen."

„Und genauso soll es wahrscheinlich auch sein."

Sie holten rasch auf und hatten das Schiff bald erreicht.

Zum Andocken waren die Fighter nicht gebaut, und auch wenn Novabomben angeblich nur durch Aktivierung des Zünders zur Explosion gebracht werden konnten, mochte Trance den Frachter nicht abschießen.

Sie entschloss sich zu einem Kompromiss und feuerte auf die Ladeluke. Hätte sie eine Hand frei gehabt, hätte sie jetzt die Daumen gedrückt.

Wie durch ein Wunder flog die Klappe in hohem Bogen davon, und sie konnte in den Frachtraum sehen. Da war sie, genau in der Mitte des Raumes und fest verankert. Etwas Dunkles, Böses ging von ihr aus.

Trance zielte und löste dann die Bucky-Kabel aus. Mit viel Glück würden die Krampen der Halterung nachgeben, und sie würde die Bombe einfach herausziehen können.

Die Krampen lösten sich nicht. Stattdessen brach ein gutes Stück der Bodenplatten einfach heraus, und als Trance den Slipfighter nach oben zog, kam die Bombe inklusive ihrer Halterung mit.

Schön und gut – die Bombe hatten sie jetzt, aber ihre Instrumente zeigten Objekte an, die sich rasch ihrer Position näherten. Wenn sie angegriffen wurden, konnte Farkha unmöglich gleichzeitig die Bombe entschärfen.

Trance war kurz davor, die Perseidin um Rat zu fragen, als die kleinen Objekte plötzlich abdrehten und dafür ein wesentlich größeres in Sensorenreichweite kam.

„Ihr hattet da ein kleines Ungezieferproblem", tönte Bekas fröhliche Stimme über Funk. „Ich hab euch mal den Pelz gekämmt. Jetzt ist Dylan dran – keine Sorge, ihr seid hier nicht allein."

Trance war zum ersten Mal seit langer Zeit verwirrt. Dennoch grübelte sie nicht weiter darüber nach, wie die Andromeda so schnell zur Stelle hatte sein können, sondern beeilte sich, den Slipfighter zum Boden zu bringen. Farkha machte sich schon sprungbereit, bevor der Gleiter aufgesetzt hatte.

Um ihre Verfolger brauchten sie sich keine Sorgen zu machen, denn aus dem durchsichtigen Dach des Cockpits heraus konnte Trance mehrere große Schiffe erkennen – allem Anschein nach Nietzscheaner. Langsam glaubte sie zu begreifen. Schadenfreude gehörte gewöhnlich nicht zu ihren Gefühlsregungen, trotzdem schlich sich ein leises Lächeln auf ihr Gesicht.

Sie setzte die Bombe sanft ab und platzierte den Gleiter direkt daneben, sodass Farkha nur aus dem Cockpit klettern musste, was sie mit erstaunlicher Behändigkeit tat. Sofort beugte sie sich über das dunkle Gehäuse, das aufrecht fast so groß gewesen wäre wie sie, und bestätigte die schlimmsten Befürchtungen, die die beiden gehabt hatten.

„Ein Zeitzünder", rief sie Trance zu, die im Slipfighter geblieben war, um den Funkkontakt mit Dylan und Harper aufrechtzuerhalten.

„Wie lange noch?" wollte Trance wissen.

„Vier Minuten."

Dylan schloss kurz die Augen. „Dann schlage ich vor, dass Sie sich beeilen."

„Danke. Sie sind wie immer sehr hilfreich, Boss." Harper schüttelte den Kopf – teils aus Ärger, teils um ihn freizubekommen – und nahm den Zünder näher in Augenschein. Im Grunde war es ein relativ einfacher Mechanismus, anscheinend hatte man nicht damit gerechnet, dass er entdeckt werden würde. Trotzdem konnte er sich nicht sicher sein, ob nicht eine Falle eingebaut worden war, irgendein Rückkopplungsmechanismus, durch den ihnen die ganze Geschichte um die Ohren fliegen würde, sobald er sie anrührte. Er sah zu Dylan auf. „Fragen Sie die Perseidin, ob sie das gleiche sieht wie ich: einen einfach geschalteten Dalziel-Zeitzünder, Codierung Rot-Braun-Schwarz-Braun-Violett."

„Exakt die gleiche Schaltung", bestätigte Farkha, und Trance gab es an Dylan durch.

Für einen Moment herrschte Funkstille, als die beiden Ingenieure sich das, was sie über diese Art Zeitzünder wussten, ins Gedächtnis riefen und mit dem abglichen, was sie vor sich sahen.

Schließlich blickte Farkha auf. Sie war nervös. Sie sah die Möglichkeiten, wie der Mechanismus durch Schutzschalter abgesichert worden sein konnte, doch ohne jede Kenntnis über den Konstrukteur war es ihr unmöglich, ein genaues Muster zu erkennen. Einiges konnte sie aus der Art ablesen, wie das Gerät verschaltet war, doch nicht genug, um wirklich eine sichere Entscheidung zu treffen.

„Ich wüsste gerne, was Mr. Harper vorhat", meldete sie an Trance. „Wir sollten nach dem gleichen Schema vorgehen."

„Das denke ich auch", bestätigte Harper. Er sah kurz zum Himmel auf, wo die Andromeda ruhig schwebte und durch ihre bloße Anwesenheit eventuelle Angreifer auf Distanz hielt. Dann wandte er sich wieder dem Zünder zu, der unerbittlich die Sekunden von ihrer verbleibenden Lebenszeit abzog. „Drei Minuten Zwanzig", las er laut vor.

Es würde nichts bringen, jetzt nur auf die Digitalanzeige zu starren und sich knapp drei Minuten lang mit Wenns und Abers verrückt zu machen. Wenn sie eine Entscheidung trafen, dann sofort. Mehr Informationen als in diesem Moment würden sie nicht bekommen, also konnten sie genauso gut jetzt handeln.

„Konventionelle Vorgehensweise?" fragte Farkha.

„Es sei denn, Sie sehen Hinweise auf eine Backupschaltung", gab Trance Harpers Antwort wieder.

„Ich sehe keine, und es ist unwahrscheinlich, dass es eine versteckte Sicherung gibt", entgegnete Farkha.

„Sehe ich auch so", bestätigte Harper. „Na dann..." Er schüttelte die Hände aus, um das Kribbeln in den Fingern wenigstens für einen Moment zu unterdrücken, und griff nach einem Nanomanipulator. „Konventionelle Vorgehensweise. Viel Glück."

„Ihnen auch." Farkha konzentrierte sich jetzt voll und ganz auf das Entschärfen der Bombe und warf nur noch einen Blick auf die Anzeige des Zeitzünders, bevor sie zu arbeiten begann. Sie zeigte zwei Minuten und dreißig Sekunden.

Die konventionelle Entschärfung des Dalziel-Zünders war tatsächlich eine simple Angelegenheit. Wenn ein Techniker, der etwas auf sich hielt, diesen Mechanismus nicht außer Kraft setzen konnte, verdiente er es eigentlich, dabei in die Luft zu fliegen. Trotzdem zitterten Harpers Finger leicht, als er mit dem Nanomanipulator die entsprechenden Handgriffe ausführte. Die Grippe hatte er in diesem Moment fast vergessen. Der Teil seines Gehirns, der nicht mit der Arbeit an dem Zünder beschäftigt war, konstruierte Schreckensbilder davon, wie beide Novabomben hochgingen und das halbe Sonnensystem auslöschten. Mit ihm mittendrin.

Farkha konnte nicht anders – in einem Anflug von wissenschaftlichem Ehrgeiz prägte sie sich den letzten Stand des Zeitzünders ein, bevor sie ihn deaktivierte. Erleichtert, dass keine Sicherungsschaltung den Timer wieder in Betrieb setzte, saß sie für einige Sekunden einfach nur da und atmete tief durch. Dann sah sie Trance lächelnd an. „Mehr können wir hier nicht tun."

Sie warteten die restlichen Minuten ab, bevor sie den anderen Slipfighter riefen. Wenn Harper Probleme bekommen hatte, wollten sie ihn um keinen Preis in seiner Konzentration stören.

„Unsere Bombe ist gesichert", beantwortete Dylan die Frage, die nach quälend langen Minuten des Wartens über die Bordlautsprecher ausgegeben wurde. Harper saß schon wieder im Copilotensitz und sah aus, als würde er jede Sekunde einschlafen.

„Darf ich fragen, wann Sie sie entschärft haben?" erklang Farkhas Stimme.

Jetzt kam wieder Leben in Harper. „Eins-Achtundfünfzig", sagte er stolz und richtete sich in seinem Sitz auf.

Ein leises Kichern war die Antwort. „Niemand wird uns glauben, dass wir einen gemeinsamen neuen Rekord für diese Art Zünder aufgestellt haben", ließ die Perseidin vernehmen.

„Sie auch?"

„Eine Minute, achtundfünzig Sekunden auf dem Timer. 32 Sekunden für die Entschärfung."

Breit grinsend lehnte Harper sich zurück. „Ach, Rekorde", sagte er lässig. „Solange wir wissen, dass wir genial sind..."

„Ich freue mich für Sie beide", schaltete Dylan sich ein, „aber die Aconcaguaner haben mit einiger Wahrscheinlichkeit Verstärkung angefordert. Lange werden Beka und die Nietzscheaner uns den Rücken nicht mehr freihalten können. Bringen wir die Bomben an Bord." Er schloss das Cockpit und machte den Slipfighter startbereit.

Harper brummelte etwas Unverständliches. Als Hunt die Bombe mit den Bucky-Kabeln aufgenommen hatte und Schub auf die Triebwerke gab, hob er seine Stimme soweit, dass Dylan ihn verstehen konnte. „Bei aller Genialität hätte ich mich über ein ‚gut gemacht' trotzdem gefreut", maulte er.

Dylan drehte den Kopf soweit, dass er ihn ansehen konnte. „Gut gemacht", sagte er mit ernstem Blick. „Sie beide haben vielleicht Millionen Leben gerettet."

Etwas verlegen wich Harper dem Blick des Captains aus und sah nach draußen, wo die Andromeda rasch größer würde. „Nicht der Rede wert", erwiderte er leise.

Erleichterung bestimmte auch die Atmosphäre an Bord des anderen Slipfighters. Trance brachte den Gleiter so sanft in die Luft, als transportiere sie ein rohes Ei, und schenkte Farkha dann ein angedeutetes Lächeln. „Das wäre geschafft", sagte sie.

„Wenn man bedenkt, wie wenig Zeit wir hatten", sagte die Perseidin nachdenklich. „Vier Minuten hätten gerade gereicht, um an Bord der Andromeda zu gelangen, oder angesichts der Umstände vielleicht auch in den Slipstream..." Für einen Moment schwieg sie, als sie über die möglichen Konsequenzen sinnierte. In einem dieser Szenarien wäre die Bombe tatsächlich im Slipstream detoniert, und die Augen der Ingenieurin weiteten sich, als ihr klar wurde, was das bedeutet hätte.

Erschrocken sah sie nach vorne, wo Trance sich auf ihre Flugmanöver zu konzentrieren schien. Doch ihre leicht hochgezogenen Schultern zeigten der Perseidin, dass auch sie düsteren Gedanken nachhing.

Für den Rest des kurzen Fluges herrschte Schweigen an Bord des Slipfighters.

Sobald beide Slipfighter im Hangar gelandet waren, brachte Beka die Andromeda in sicheren Abstand von Aconcagua und in den Slipstream. Die nietzscheanischen Schiffe folgten dichtauf.

Gleich nachdem sie wieder in den Normalraum eingetreten waren, überließ sie Tyr das Steuer und lief den Vieren entgegen, die ihrerseits auf dem Weg zum Kommandodeck waren.

Als erstes wandte sie sich Harper zu, dem der Schweiß im blassen Gesicht stand. „Alles klar?" fragte sie.

„Wir haben mal wieder die Welt gerettet", grinste er zurück. „Hab mich noch nie besser gefühlt."

Sie sah ihn von oben bis unten an. „Du siehst aus wie eine wandelnde Leiche." Dann musterte sie ihn noch einmal genau. „Nein, doch nicht."

„Da fällt mir was ein –„

„Ja, mir auch. Tyr?"

Andromeda hatte wie üblich ihre Absicht richtig verstanden und den Ruf auf die Brücke geleitet.

„Ja?" kam die prompte Antwort.

„Du hast im Frachtraum der Maru noch etwas Unordnung hinterlassen. Würdest du das bitte aufräumen?"

„Mit Vergnügen."

„Beka?" fragte Dylan nach.

„Ach, wir mussten heute noch jemanden nach Hause bringen. Seine Freunde wussten nicht, wie man sich als Gast benimmt."

„Und Sie haben ihnen Manieren beigebracht."

„Sozusagen." Insgeheim überlegte Beka schon, ob sie Andromeda dazu überreden könnte, ihre Wartungsdroiden zum Großreinemachen zur Verfügung zu stellen.

„Auf diesen Bericht bin ich gespannt", seufzte Dylan.

„Sie werden nicht enttäuscht sein. Aber zuerst bringe ich Harper ins Bett."

„Klingt gut", kommentierte der junge Ingenieur. „Auf welcher Seite willst du liegen?"

„Netter Versuch. Du hast Glück – ich werte das als Fiebertraum und lasse dich leben."

„Was bin ich doch für ein Glückspilz."

Beka schob Harper auf sein Bett, was er sich gerne gefallen ließ. Auch, dass sie den Reißverschluss seiner schwarzen Uniform öffnete und ihm half, den oberen Teil der Kombi abzustreifen, war ihm nicht unrecht.

„So, den Rest wirst du wohl selber schaffen", sagte sie.

„Danke, Boss."

„Kein Problem. Aber sieh diesmal zu, dass du im Bett bleibst und nicht wieder in einen Tesserakt fällst. Du glaubst gar nicht, was es für ein Aufwand war, dich zurückzuholen."

„Tut mir wirklich leid."

„Ach, was soll's. Irgendwie hatte die Geschichte auch etwas für sich." Kurz dachte sie an Ash. „Wenn man sich mal überlegt, dass Farkha nicht hier gewesen wäre, wenn du nicht verschwunden wärst... Vielleicht hätte auch einer von uns die Bombe entschärfen können, aber insgesamt bin ich ganz froh, dass es so gekommen ist."

„Das mit der zeitlichen Verschiebung musst du mir sowieso noch mal erklären."

„Später."

„Klar." In diesem Moment wäre jede Erklärung eines Sachverhaltes, der mehr als zwei Zeitebenen einschloss, ohnehin vollkommen an Harper vorbeigegangen.

„Schlaf gut." Beka klopfte ihm noch einmal auf die Schulter und ging dann in Richtung Tür.

„Ganz bestimmt." Harper zögerte einen Moment und zog dann die Stiefel aus. Noch mal würde der Wahnsinn sicher nicht an der gleichen Stelle zuschlagen.

Schließlich war die Besatzung der Andromeda auf dem Kommandodeck versammelt. Auch Tyr hatte sich inzwischen eingefunden und wischte abwesend einen kleinen Gewebefetzen von seiner Hose.

„So, und jetzt erklären Sie mir doch bitte, warum die Nietzscheaner heute schneller die Seiten gewechselt haben als eine Nightsider-Kaulquappe die Farbe", verlangte Hunt.

„Tja", sagte Beka genüsslich, „ein gewisser Nietzscheaner hat einen Funkruf an die Aconcaguaner abgesetzt, der offensichtlich den Sinn hatte, die Bomben anstatt ihrem ursprünglichen Zweck einem ganz anderen zuzuführen. Nämlich dem, einen hochrangigen Commonwealth-Offizier aus dem Weg zu räumen und gleichzeitig die Beziehungen zwischen besagtem Nietzscheaner und der aconcaguanischen Regierung zu stärken."

Dylan bekam eine handfeste Ahnung, um welchen Nietzscheaner es sich handelte. „Aber warum waren Sie plötzlich mit nietzscheanischer Verstärkung bei uns?"

„Als wir den Funkruf entschlüsselt und lokalisiert hatten, haben wir mal bei dem jungen Mann durchgeklingelt, um zu fragen, ob er einen Vorsprung will, bevor wir ihn zur Hölle schicken. Interessanterweise hatten wir seine Frau am Apparat."

„Die mit seinen Plänen ganz und gar nicht einverstanden war."

Dylan drehte sich um. Anscheinend hatte eines der nietzscheanischen Schiffe ohne sein Wissen angedockt, denn hinter ihm stand Elssbett Mossadim, hoheitsvoll gerade aufgerichtet und mit einem gewissen zufriedenen Zorn in den Augen.

„Dann ist wohl ein Dankeschön angebracht", sagte Hunt.

„Ach." Elssbett zuckte achtlos die Achseln. „Angemessen bedanken werden Sie sich bei mir ja ohnehin nicht", sagte sie mit einem theatralischen Seufzen, was Beka mit einem Augenrollen quittierte. „Außerdem haben Sie sich vor nicht allzu langer Zeit um mein Wohlergehen gekümmert, als mein Gatte zu sehr mit seinem Ego beschäftigt war. Sagen wir, seine Pläne durchkreuzt zu haben, ist die einzige Befriedigung, die ich für lange Zeit haben werde."

„Das glaube ich ihr nicht", raunte Beka Tyr zu, der ein Grinsen andeutete.

Dylan hörte das Gemurmel seiner Offiziere, ignorierte es aber geflissentlich. „Trotzdem möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Gibt es irgendetwas – in einem gewissen Rahmen natürlich -, das ich für Sie tun kann?" Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, bereute er es auch schon.

Mit einem überlegenen Lächeln kam Elssbett auf ihn zu. „Es gäbe genau zwei Dinge. Eines davon wäre eine der Novabomben. Das andere –„ sie fuhr mit einem Finger den Rand seines rechten Ohrläppchens nach. „Aber da ich genau weiß, dass ich keines dieser Dinge bekommen werde, werde ich Sie in dem Wissen verlassen, dass Sie mir jetzt etwas schulden. Was auch eine gewisse Befriedigung darstellt."

„Was geschieht mit Charlemagne?" wollte Dylan wissen.

"Wir werden sehen." Elssbett wandte sich zum Gehen.

„Er muss vor ein ordentliches Gericht gestellt werden", hielt Hunt sie auf.

„Wenn ich das richtig sehe, hat er sich gerade in hohem Bogen aus dem Commonwealth katapultiert und fällt damit nicht mehr unter Ihre Rechtsprechung." Dylan konnte dieser Argumentation nicht ganz folgen, ließ Elssbett aber aussprechen. „Ich werde mich darum kümmern, dass er angemessen bestraft wird. Keine Sorge, Sie werden ihn wiedersehen."

„Ich kann Sie nicht so einfach Selbstjustiz üben lassen", widersprach Dylan matt.

„Betrachten Sie es als Teil des Gefallens, den Sie mir noch schulden." Damit verließ die Nietzscheanerin das Kommandodeck endgültig.

Hunt hätte sie aufhalten lassen können, doch als Beka hinter ihn trat und ihm ein „Was sie für ihn auf Lager hat, ist bestimmt um Längen amüsanter als alles, was dem Commonwealth einfallen würde" ins Ohr raunte, konnte er einfach nicht widersprechen.

„Zumindest sind jetzt soweit alle Probleme auf unserer Tagesordnung gelöst", schloss er. „Oder gibt es noch etwas, um das wir uns kümmern müssen? Was ist mit Mr. Harper?"

„Liegt friedlich im Bett", erwiderte Beka.

„Das müsste ich selber sehen, um es zu glauben, aber ich verlasse mich da auf Sie", lächelte Dylan. „Dann bleibt uns wohl nur noch, unseren perseidischen Gast zu verabschieden."

„Sie hat gepackt und wartet nur noch auf die Ankunft ihres Taxis", informierte Beka.

„Welches in etwa elf Minuten eintreffen wird", ergänzte Andromeda. „Das Schiff ist soeben in dieses Sonnensystem eingetreten. Wir werden gerufen."

„Archivar Joltar", grüßte Dylan, als er das graue Gesicht auf dem Hauptschirm wiedererkannte. „Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ihre Technische Assistentin war uns eine ausgesprochen große Hilfe, und ich bin sicher, dass sie einige Erkenntnisse gewonnen hat, die der wissenschaftlichen Abteilung des Hohen Rates zugute kommen werden. Ich möchte Ihnen danken, dass Sie uns so großzügig unterstützt haben."

„Keine Ursache." Joltar schien verwirrt. Wahrscheinlich hatte er noch nicht einmal damit gerechnet, seine Mitarbeiterin überhaupt jemals wiederzusehen. „Eine Fähre wird in einigen Minuten eintreffen. Auch ich freue mich über diese gelungene Kooperation und bin sicher, dass wir auch in Zukunft wieder erfolgreich zusammenarbeiten werden."

Das Gesicht verschwand vom Schirm, und Dylan amtete auf. „Na, das ist doch mal was", sagte er. „Damit scheint die Beziehung zwischen uns und Sinti wieder gefestigt zu sein."

„Ein Perseid hat die Andromeda betreten und es überlebt", meinte Beka. „Kaum zu fassen."

„Warten Sie mit der Freude lieber, bis sie tatsächlich von Bord ist", erwiderte Hunt zweifelnd.

Beka zog eine Grimasse. „Sie haben recht. Wir sollten es nicht beschreien."

Sie verabschiedeten Farkha zunächst förmlich, wie es sich gehörte, doch dann trat Trance vor und umarmte die zierliche Gestalt. „Es ist schön, sie getroffen zu haben", sagte sie.

Die Perseidin lächelte herzlich. „Ich kann nicht leugnen, dass Sie mir nach wie vor ein Rätsel geblieben sind. Eines der kompliziertesten und schönsten in diesem Universum. Ich schätze mich glücklich, Sie zu kennen."

Es folgte ein freundschaftliches Händeschütteln mit Beka und schließlich sogar mit Tyr.

Alle sahen der Perseidin nach, als sie in die Luftschleuse trat. „Richten Sie Mr. Harper meine Grüße aus", sagte sie, bevor die Schleuse sich schloss. „Ich hoffe, dass wir eines Tages gemeinsam an einem weniger lebensbedrohlichen Projekt arbeiten werden." Sie winkte und verschwand dann hinter der schweren Metalltür.

„Ein erfreuliches Erlebnis", sagte Dylan und baute sich dann vor Beka und Tyr auf. „Und nun zu Ihrem Bericht."