10. Der 5. Marauder

Punkt viertel vor elf Uhr verließ Lily den Schlafsaal in dem ihre Freundinnen bereits schliefen. Sie hatte nur Marie von Sirius Brief erzählt und die Freundin hatte versprochen ihr nicht zu folgen, sondern nur zu schauen, wo sie war, wenn sie über zwei Stunden lang weg sein würde.

Im Gemeinschaftsraum sah sie erst gar nichts, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie erkennen konnte, dass jemand in einem der Armsessel am Kamin saß, in dem nur noch ein Haufen Glut lag.

Langsam ging sie auf die Person zu. Dann erkannte sie, dass es James war, der offenbar beim Warten eingeschlafen hatte.

Vorsichtig zupfte sie an seinem Umhangärmel. Langsam drehte er sich, leise grunzend auf die andere Seite und schlief seelenruhig weiter.

Lily stupste ihn nun energisch an und endlich fielen ihre Bemühungen auf fruchtbaren Boden. James öffnete langsam die Augen.

„Hab ich verschlafen? Hat Zauberkunst schon angefangen, Sirius?", fragte er schläfrig.

„Also wirklich. Ich dachte eigentlich nicht, dass ich Sirius so ähnlich sehe!", empört richtete sich Lily auf.

„Wa- oh, tut mir leid. Ich wusste momentan nicht so genau wo ich bin. Entschuldige E- Lily." James rappelte sich jetzt schnell auf und zog ein blaues Tuch aus seiner Umhangtasche.

„Hier, komm her."

„Was? Was hast du denn vor?" Lily schaltete sofort auf Misstrauen.

„O mann! Ich will dir nur die Augen verbinden und dann bring ich dich zu den Anderen. Keine Panik. Ok."

James fiel das alles langsam wirklich auf die Nerven. Wieso taten die Anderen immer so, als hätte er je Chancen bei Evans. Sie misstraute ihm ja offensichtlich mehr als einem Alligator, der wollte, dass man ihm eine Hand ins Maul legte. Sie schien ihn wirklich für einen Unmenschen zu halten.

Lily war noch immer nicht überzeugt davon, dass sie der ganzen Sache trauen konnte, doch sie merkte an James´ Gesichtsausdruck, dass sie ihn mit ihrem Misstrauen wirklich getroffen hatte. So drehte sie sich um und ließ sich die Augen verbinden.

James nahm sie an der Hand und führte sie wie es schien aus dem Schloss heraus.

Sie atmete tief die kalte klare Nachtluft ein.

„Man könnte meinen, dass alles so friedlich ist, wenn man so draußen ist.", meinte Lily nach einiger Zeit um etwas Konversation zu schaffen.

„Wenn man es so oberflächlich sieht vielleicht schon!" James gab sich absichtlich kurz angebunden, obwohl es ihm oft ähnlich ging.

„Meinst du wegen Voldemort?"

Lily erwartete ein Zucken in seiner Hand zu spüren, ein Schaudern oder, dass er scharf die Luft einsog, doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil.

James sagte: „Genau, wegen Voldemort. Während wir hier im sicheren Schloss herumsitzen, werden draußen vermutlich gerade jetzt wieder Familien von Unschuldigen umgebracht."

„Ja und alles nur wegen dieses Scheiß Reinblutwahns.", meinte Lily erbittert.

James lachte trocken. „Ja nicht wahr. Ich schäme mich manchmal richtig wegen meiner Herkunft. Ein Reinblüter. Na und. Zum Glück ist das Blut in meiner Familie egal. Es geht darum wie man ist und nicht was man ist. Bei Sirius dagegen..."

„Er ist wegen seiner Familie zu dir gezogen, oder?" Lily konnte ihre Neugier nicht unterdrücken.

„Ja. Seine Familie behandelte ihn wie Dreck, der es nicht wert ist ein Black zu sein."

James Stimme hatte einen bitteren Unterton angenommen.

Bevor Lily noch etwas sagen konnte, sagte James: „So, Achtung. Bleib hier stehen. Ich hole dich gleich."

Sie hörte etwas Zischen und Schnalzen, dass plötzlich verstummte. Dann führte James sie weiter.

„Jetzt rutscht du gleich eine Rutsche hinunter, ich halte dich fest und fang dich auch unten auf, also keine Angst und nicht schreien."

Nervös spürte Lily, dass James neben ihr sich nach unten sinken ließ. Er zog sie mit sich und schon spürte sie sich hinabfallen. Anscheinend sausten sie eine sehr steile Erdrutsche hinunter. James hielt sie am Umhang fest und sorgte so dafür, dass sie nicht zurückblieb.

Nach ein paar Minuten war es zu Ende und sie rutschte in James ausgestreckte Arme der damit verhinderte, dass sie gegen die Wand rutschte.

Er half ihr auf die Beine und führte sie weiter durch einen niedrigen Erdgang, der ewig lange zu sein schien.

Am Ende des Ganges führte er sie eine Treppe hoch. Sie stand auf Holzboden und konnte Stimmen hören, die immer näher kamen.

Dann spürte sie, wie sie jemand zu einem Tisch führte und auf einen Stuhl setzte.

Und dann hörte Lily Evans eine Geschichte. Eine wunderbare Geschichte von vier Freunden, einem Werwolf, einem Hund, einem Hirsch und einer Ratte.

Schließlich trat Schweigen ein und ihr wurde das Tuch von den Augen genommen.

Sie sah in die ernsten Gesichter der vier Marauder, die ebenfalls rund um den Tisch saßen, an dem auch sie saß.

Dann fragte Remus ernst: „Und willst du eine von uns werden? Was auch immer, du darfst jedenfalls nichts zu irgendjemandem sagen. Auch nicht zu Zoe, Ceci oder Marie."

„Also wirklich. Aber ich will euch nur sagen, dass das verdammt leichtsinnig von euch war. Aber ich würde trotzdem gerne bei euch mitmachen."

Remus, Sirius und Peter grinsten, doch James wusste nicht so recht, ob er sich freuen sollte oder nicht.

„Also gestatten Padfoot!"

„Moony!"

„Wormtail."

Alle drei reichten Lily die Hand und stellten sich vor.

„Prongs", murmelte schließlich auch James in den Kragen seines Umhangs.

Sirius sah Remus vielsagend an, so als ob er schon immer gesagt hätte, dass James noch immer in Lily verliebt war. Remus verdrehte die Augen. Typisch Sirius. Lange Leitung.

Dann stießen sie alle mit Kribbelsekt auf den fünften Marauder an und gingen dann zurück zum Schloss.

Sie stiegen auf den Westturm, wobei sie Lily gleich zwei der wichtigsten Utensilien für Streiche und Regelbrechungen aller Art zeigten. James Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers.