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Am nächsten Morgen wachte Natalja später als sonst auf. Als sie in die Küche kam, war House gerade dabei, sein Frühstücksgeschirr in den Geschirrspüler zu räumen.
„Guten Morgen", sagte Natalja freundlich. Er erwiderte den Gruß, fragte, ob sie Kaffee wolle und goss ihr dann eine Tasse ein. Sie setzte sich damit auf einen der Bistrostühle, die an einem kleinen Tisch standen. Ihre Krücken lehnte sie daneben an die Wand. Auf dem Tisch stand ein kleines Körbchen mit Croissants und getoasteten Bagels, außerdem Streichkäse und Butter. House fragte:
„ Was möchtest du zum Frühstück?"
„Ich glaube, ein oder zwei Bagels reichen mir."
„Wirklich?"
„Ja. Ich esse nie viel zum Frühstück."
„Wie du möchtest." Er stellte ihr einen Teller hin und legte ein Messer dazu. „Aber wenn du sonst noch etwas willst… dort drüben sind frische Früchte, Cornflakes und Müsli sind hier…" Er stellte die zwei Packungen auf die Anrichte. „…und im Kühlschrank sind Milch und Fruchtsaft."
„Danke. Aber ich bin wirklich zufrieden mit den Bagels."
„Gut. Ich bin drüben in meinem Büro, falls du etwas brauchst." Mit diesen Worten hinkte er aus der Küche.
Während Natalja eine Bagelhälfte dick mit Streichkäse bestrich, fragte sie sich, wo nur all dieses Essen hergekommen war. House musste einkaufen gewesen sein, denn am Vortag hatte es weder Müsli und Cornflakes, noch Orangensaft gegeben und schon gar keine frischen Früchte. Natalja nahm einen großen Biss von dem knusprigen Bagel und kaute genüsslich.
Er benimmt sich seltsam, dachte sie.
Eigentlich benahm House sich ja wie der perfekte Gastgeber. Aber gerade das war seltsam, denn es war untypisch für ihn. Sie hatte sich wohler gefühlt, als er sie zwar ignoriert, aber mehr wie eine Mitbewohnerin als einen Gast behandelt hatte. Plötzlich gab es da eine unangenehme Distanz zwischen ihnen.
„Naja, in ein paar Tagen bin ich sowieso wieder weg." Aber auf die Rückkehr nach Russland freute sie sich auch nicht sonderlich.
Nachdem sie fertig gefrühstückt hatte, räumte Natalja das Geschirr weg und ging dann in ihr Zimmer zurück. Dort putzte sie sich die Zähne, dann bürstete sie eine Ewigkeit lang ihre Haare, bis sie glatt und tiefschwarz glänzend über ihre Schultern fielen. Als sie dann aus dem Bad zurück in ihr Zimmer kam, stellte sie fest, dass sie diesen Tag auf keinen Fall allein vor dem Fernseher verbringen wollte. Aber sie wagte auch nicht, noch einmal so einen Alleingang wie am Vortag zu unternehmen. Schließlich beschloss sie, House zu fragen, was er an diesem Samstag vorhatte. Er schien ja frei zu haben.
Natalja stand vor der Tür, wo sie sein Arbeitszimmer vermutete und klopfte an. Als niemand antwortete, machte sie einfach die Tür auf.
Sie entdeckte House sofort, obwohl sie einen Moment brauchte, um zu erkennen, was er da eigentlich tat. Denn er lag mit geschlossenen Augen auf dem Boden, sein schwaches Bein auf ein Kissen gelegt. Dann sah sie die großen Kopfhörer, die er aufhatte und die mit seinem Ipod verbunden waren, der neben ihm auf dem Teppich lag. In diesem Moment öffnete House die Augen und sah Natalja leicht verwundert an. Er streifte die Kopfhörer ab, aus denen leise Violinklänge zu hören waren und fragte:
„Was ist los?" Doch bevor Natalja antworten konnte, schien ihm etwas eingefallen zu sein und er fragte nach der Uhrzeit. Natalja drehte ihr linkes Handgelenk ein wenig, um auf ihre silberne Armbanduhr schauen zu können und sagte dann:
„Halb elf."
„Dann werde ich heute wohl ein bisschen zu spät kommen", meinte House, setzte sich auf und schaltete den Ipod ab.
„Ins Krankenhaus?", fragte sie erstaunt, da sie geglaubt hatte, er habe frei.
„Wohin sonst? Im Gegensatz zu gewissen Menschen kann ich es mir nicht leisten, tagelang vor dem Fernseher herumzulungern." Er hatte das auf seine übliche arrogante Art gesagt und Natalja wollte gerade etwas erwidern, doch dann fuhr er in einem etwas freundlicheren Ton fort: „Ich werde versuchen, etwas früher als sonst wieder da zu sein. Und vielleicht bringe ich Essen mit." Inzwischen war er mühsam aufgestanden, hatte seinen Rucksack, der neben dem Schreibtisch gelegen hatte, aufgehoben und hinkte aus dem Raum, ohne sich von Natalja zu verabschieden. Sie blieb wie angewurzelt stehen, bis sie schließlich das Zuschlagen der Wohnungstür und kurze Zeit später die Startgeräusche eines Motorrads hörte. Dann ging sie ins Wohnzimmer, wobei sie die Bürotür sorgfältig hinter sich schloss. Nun musste sie sich doch wieder mit einem Tag zwischen Fernseher, Bücherregal und Stereoanlage abfinden. Wenigstens versuchte sie, öfters aufzustehen und eine Runde in der Wohnung zu drehen. Sie brauchte einfach ein Minimum an Bewegung.
Natürlich kam House nicht früher nach Hause. Als er um neun Uhr immer noch nicht aufgetaucht war, bestellte Natalja schließlich wieder etwas beim Chinesen, schlang das Essen ohne großen Appetit hinunter und ging dann sofort ins Bett.
Um kurz nach ein Uhr in der Nacht öffnete House endlich die Türe zu seinem Appartement. Er war müde und ausgelaugt von dem langen Tag. Die Patientin, die sie am Vortag eigentlich schon als geheilt entlassen hatten, war mit einer ganzen Menge neuer Symptome wieder im Krankenhaus gelandet. Sie hatten immer noch nicht herausgefunden, was nun wirklich mit ihr los war. Schließlich war er aber doch nach Hause gefahren. Vor lauter Müdigkeit dachte er nicht einmal daran, dass er Natalja versetzt hatte. Ihm war einfach alles egal. Achtlos warf er seinen Rucksack auf die Couch und die Motorradjacke gleich hinterher. Dann streifte er seine Turnschuhe von den Füßen, ging dann in die Küche, holte den Whiskey aus dem, nahm ein Vicodin und spülte mit einem Glas Whiskey nach. Er überlegte gerade, ob er sich noch einen zweiten Whiskey genehmigen sollte, als ein Schrei ertönte. Fast wäre ihm sein Glas aus der Hand gefallen, doch im letzten Moment schaffte er noch, es mit den Fingerspitzen festzuhalten und stellte es vorsichtig ab. Noch Sekunden zuvor hatte er sich in einer Art Dämmerzustand befunden, teils wegen seiner Müdigkeit, teils wegen der Mischung aus Vicodin und Whiskey, die schon zu wirken begann. Doch jetzt war er wieder hellwach und machte sich auf den Weg zu Nataljas Zimmer, denn er war sich sicher, dass der Schrei von dort gekommen war. Er stieß die Tür so heftig auf, dass er nur mit Mühe verhindern konnte, dass sie an die Wand krachte. Ohne Licht zu machen, blickte er hinüber zum Bett und sah Natalja aufrecht darin sitzen. Sie zitterte heftig und über ihr blasses Gesicht rannen die Tränen.
Sie hatte wohl wieder schlecht geträumt. Nach der Episode im Krankenhaus hatte er sie noch einmal laut ziemlich im Schlaf reden hören, als er nachts aufgestanden war, um sich ein Glas Wasser zu holen. Doch dieser Traum schien wesentlich schlimmer gewesen zu sein, als die vorigen.
Natalja saß immer noch einfach da und weinte. Sie fühlte unter ihrem Pyjamaoberteil den kalten Angstschweiß ihren Körper hinunter rinnen. Zwar hatte sie bemerkt, dass House herein gekommen war, aber der Traum ließ sie immer noch nicht aus seinen Fängen und sie fühlte sich absolut unfähig, etwas zu tun, oder gar zu sprechen. Der Traum war eine besonders erschreckende Version eines Alptraums gewesen, der sie seit ihrem zehnten Lebensjahr verfolgte. In ihrem Leben hatte es nie an Erlebnissen gemangelt, die zu Alpträumen führen konnten, doch kein Traum machte sie so fertig wie dieser. Während sie ganz, ganz langsam wieder in die Realität zurückfand, nahm sie am Rande ihres Bewusstseins wahr, dass House nähergekommen war und sie jetzt sanft in eine liegende Position zurückmanövrierte. Er fragte gar nicht erst, was mit ihr los war, sondern versuchte nur, sie zu beruhigen, indem er leise mit ihr sprach. Nach einer Weile setzte er sich auf die Bettkante und nahm Nataljas zitternde Hand in seine. Nur langsam wurden ihre Tränen weniger. Irgendwann fragte House:
„Geht es wieder einigermaßen?"
Sie nickte, immer noch unfähig, zu sprechen.
„Dann werde ich dich jetzt allein lassen", sagte er, ließ ihre Hand los und wollte offenbar aufstehen. Doch reflexartig griffen Nataljas Finger nach seinem Arm und hielten ihn fest.
„Bleib", sagte sie. Ihre Stimme klang verzweifelt. In diesem Moment fürchtete sie sich vor nichts mehr, als wieder in der Dunkelheit alleingelassen zu werden, wo die Alpträume in den Ecken lauerten. Sie wusste, dass es kindisch war, aber die Angst war einfach größer, als irgendwelche Schamgefühle deswegen.
Erst jetzt wurde House wirklich klar, wie schrecklich Nataljas Traum gewesen sein musste. Denn um eine Frau wie sie in einen solchen Zustand zu versetzen, brauchte es mehr als nur einen „normalen" Alptraum.
„Ich gehe nicht weg, Natalja", sagte er und fühlte, wie sich ihr Griff um seinen Arm lockerte.
„Keine Angst, ich bleibe hier", versicherte er ihr noch einmal, während er aufstand, um das Doppelbett herumging und sich auf der anderen Seite auf die Bettdecke legte. Natalja wirkte nun schon ein bisschen ruhiger. Er nahm wieder ihre Hand und hielt sie fest, bis Natalja nach langer Zeit endlich eingeschlafen war. Dann bevor, House noch darüber nachdenken konnte, wieder in sein eigenes Zimmer zurückzugehen, schlief auch er tief und fest, ihre Hand immer noch in seiner.
