Provoziert. Verdammt. Unwiderstehlich

Kapitel 10

Der Schwur

Nachdem Hermine den Rest der Nacht mit nur kleinen Fetzen Schlaf auf ihrem Zimmer verbracht hatte, stand sie früh am Morgen auf.

Es gab keinen Grund, eine Dusche zu nehmen, sie erinnerte sich nur zu gut an die zweifelhafte Szene, die mitten in der Nacht in der Badewanne und mit ihrem Professor als ihrem einzigen Halt stattgefunden hatte.

Krampfhaft versuchte sie, von den Bildern in ihrem Kopf loszukommen. Sie schämte sich dafür, dass sie derart die Kontrolle über sich verloren hatte.

Dennoch musste sie sich eingestehen, dass es sich gut angefühlt hatte, seine warmen und starken Hände und den stählernen Körper bei sich zu spüren - eine ungewohnte Art der Nähe, die sowohl verboten als auch verstörend auf sie wirkte.

Snape war in der Lage gewesen, ihr das zu geben, was sie brauchte - nachdem er letztendlich bereit gewesen war, von seinen alten Gewohnheiten abzusehen - selbst dann, wenn es nur für wenige Augenblicke gewesen war: Fürsorge.

Er schaffte es, sanft und beruhigend auf sie einzuwirken, mit jeder Menge neuer Emotionen und Gefühle, die sie ihm niemals zugetraut hätte.

Das war am Tag zuvor gewesen. Am Tag danach, beim Frühstück, das hauptsächlich aus trockenem Müsli und Cornflakes bestand, war die Stimmung zwischen ihnen angespannt.

Hermine nippte nachdenklich an ihrem Kaffee, es wurde kaum gesprochen und wenn, dann nur, um auf höfliche und zurückhaltende Art Förmlichkeiten auszutauschen. Sie aß nicht viel, ebenso wie er, was er niemals zu tun schien. Bereits in Hogwarts war ihr aufgefallen, dass er zumeist lustlos in seinem Essen herumgestochert und nur winzige Bissen zu sich genommen hatte. Kein Wunder also, woher all die Gerüchte kamen, die über ihn verbreitet waren.

„Werden Sie es schaffen, für eine Weile allein zu bleiben?", hörte sie auf einmal seine Stimme fragen.

Es kam so unerwartet, dass sie sich verschluckte. Hustend und würgend nickte sie, obwohl sie eindeutig ein Problem damit hatte, ihn fortgehen zu lassen.

Allein war ein scheußliches Wort für jemanden, der in ihrer Situation steckte. Immerhin hatte sie vierundzwanzig Stunden in seiner Nähe verbracht, in seinem Haus. Hatte sich verzweifelt an ihn geklammert und versucht, irgendwie weiter zu machen...

Würde sie jemals wieder allein sein können? Ohne die Gewissheit, dass jemand bei ihr war, der sie beschützte?

Snape schien andere Dinge im Kopf zu haben, als er ihr einen prüfenden Blick zuwarf, den sie allzu deutlich erwiderte. Erneut fiel ihr auf, dass er irgendwie steif wirkte an diesem Morgen.

Was war nur los mit ihm?

Und was war los mit ihr?

Vielleicht würde sich das Rätsel im Laufe des Tages lösen, im Moment jedoch hielt sie sich mit ihren Fragen zurück, denn mit einem launischen, unausgeschlafenen Professor Snape war nun einmal nicht gut Kirschen essen.

Er nickte ihr zu, stand auf und griff nach seinem Umhang, der über seiner Stuhllehne hing.

Ihre Blicke folgten ihm mit jedem Schritt. Fragend und durcheinander.

Kurz darauf war sie allein.

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Wie zu erwarten gewesen war, fiel es ihr schwer, damit umzugehen und so durchschritt sie ungeduldig das Wohnzimmer, alle paar Minuten auf die Uhr an ihrem Handgelenk blickend.

Eine Stunde verging und sie setzte sich auf das Sofa.

Was sollte sie tun?

Sie wollte nicht allein sein!

Schlimmer noch, sie fühlte das starke Bedürfnis, in seinen Armen zu liegen und von ihm gehalten zu werden. Ihm, ihrem Professor, was doch sehr bedenklich war.

Aber sie konnte das nicht tun. Er würde es bestimmt nicht wollen und sie zurückweisen.

Hermine seufzte unbewusst. Sie würde noch verrückt werden.

Wie konnte es nur dazu kommen?

Vielleicht würde es ja helfen, sich abzulenken und eines der vielen Bücher zu lesen, die in den Regalen standen?

Nein. Dafür hatte sie beim besten Willen keinen Nerv.

Sie seufzte und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Schenkeln herum.

Wieso hatte er nicht gesagt, wo er hingehen würde? Und überhaupt: wann würde er zurück kommen?

Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass man sich so einsam fühlen konnte … Vielleicht hätte sie doch besser zu den Weasleys gehen sollen?

Nein! Auf gar keinen Fall.

Snape machte zwar einen ruhigen und zurückgezogenen Eindruck, genau genommen schien er ein klassischer Eigenbrötler zu sein, denn selbst in der Gegenwart seiner Kollegen war er ihr eher wortkarg vorgekommen. Dennoch war ihr seine Gesellschaft unter den gegebenen Umständen weitaus lieber, als die von irgendjemand sonst.

Kein Wunder, denn nach Unterhaltung war ihr nicht zumute. Und so versuchte sie, die Augen zu schließen und die Ruhe in sich aufzunehmen, um Kraft zu schöpfen.

„Wo sind Sie gewesen?", fragte sie vorsichtig, als er eine gefühlte Ewigkeit später das Wohnzimmer betrat. Sofort war ihr aufgefallen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Nicht nur seine Mimik war seltsam, sondern auch sein Gang war nichts im Vergleich zu den geschmeidigen und beherrschten Bewegungen, die er sonst an den Tag legte.

„Einkaufen." Demonstrativ stellte er einige winzige Tüten auf dem Boden ab, zog den Zauberstab aus seinem Umhang hervor und richtete ihn darauf.

Hermine beobachtete skeptisch, wie sich die Tüten zu ihrer vollen Größe entfalteten und er an ihr vorbei humpelte, ohne sie weiter zu beachten.

Sie legte fragend die Stirn in Falten. „Wie kommt es dann, dass Sie verletzt sind?"

„Das geht Sie nichts an", verkündete er knapp und ließ sich ihr gegenüber auf einen alten Lehnsessel fallen.

Hermine beobachtete ihn interessiert.

Offenbar wollte er so tun, als wäre während seiner Abwesenheit nichts geschehen, doch ihr entging nicht, dass er deutlich gestresst wirkte, als er sich mit den Fingern durchs Haar fuhr.

„Wenn Sie es sagen", gab sie eingeschnappt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er seufzte. „Versuchen Sie nicht, es heraus zu finden, Miss Granger. Ich bin sicher, Sie wären hinterher bloß enttäuscht."

Das war verrückt! Was für eine Art Antwort sollte das sein? Es war beinahe so, als würde er von ihr erwarten, dass sie überall herumschnüffeln würde.

Okay. Tatsächlich hatte sie das oft genug getan. Mit Harry und Ron in Hogwarts.

Aber nicht in seinem Haus.

Sie würde es nicht wagen, sein Vertrauen zu missbrauchen.

Bald darauf jedoch sollte sie diese Hemmschwelle übertreten.

Es war ein regnerischer Nachmittag und ganz Spinner's End war in kühles, feuchtes Grau getaucht.

Hermine war es gleichgültig, sie hatte ohnehin nicht die Absicht, nach draußen zu gehen.

Gemeinsam mit Snape saß sie im Wohnzimmer und teilte sich die Zeitung mit ihm.

Keiner von ihnen war besonders gesprächig gelaunt und so war es eine Überraschung für beide, als plötzlich das Alarmsystem an der Haustür aktiviert wurde.

Sofort kam Leben in ihn. Mit einem Satz war er auf den Beinen, stand über ihr gebeugt und schnappte ihr ihren Teil der Zeitung aus der Hand.

„Schnell!", zischte er unfreundlich in ihr Ohr. „Gehen Sie nach oben und machen Sie sich unsichtbar."

Hermine nickte. Vor Erstaunen wusste sie nicht, was sie sagen sollte und so trottete sie zum anderen Ende des Zimmers, in Richtung Flur davon.

„Keinen Laut! Verstanden?", mahnte er weiter.

Wieder nickte sie und schlich, so leise sie konnte, die Treppe hinauf.

Oben angekommen hörte sie nur noch, wie er die Schutzzauber von der Tür nahm und diese öffnete.

„Narcissa. Bella. Welch freudige Überraschung."

Hermine erstarrte. Ihr Herz schien stehen zu bleiben, als sie die Namen der beiden Schwestern hörte. Sie konnte sie zwar nicht sehen, Snapes Worte jedoch klar und deutlich hören.

Er hatte sich geirrt. Es kamen doch Zauberer in diese Gegend - noch dazu zwei sehr zwielichtige.

„Eure Anwesenheit bringt strahlenden Glanz in meine bescheidene Hütte", säuselte er gekonnt.

Vermutlich machte er sogar eine Verbeugung...

Sie hörte die Schritte spitzer Stiefel auf dem alten Fußboden widerhallen.

Den Rest des Akts vernahm sie von ihrem Posten aus, mit nicht mehr als einem wild schlagenden Herzen.

Bella schürzte die Lippen und entblößte ungepflegte Zähne.

Severus ..." Ihre Begrüßung war unterkühlt, beinahe so, als würde sie ihm nur das nötigste an Aufmerksamkeit schenken.

Anders als ihre Schwester. Narcissa war eine Frau, die zwar Geld, aber auch Stil besaß und damit Bellatrix so ungleich, wie es nur sein konnte.

Was kann ich für euch tun?", fragte Snape süßlich.

Hermine lief ein eisiger Schauder über den Rücken, als sie seine Worte hörte. War das wirklich derselbe Mann, der sie in seine Arme genommen und an sich gedrückt hatte? Der Mann, der sie in ihrer Not in seinem Haus aufgenommen hatte?

Narcissa antwortete, doch ihre Stimme klang alles andere als gefestigt. Beinahe hätte man meinen können, dass sie Angst hatte...

Dann wurde eine Weinflasche entkorkt und deren Inahlt in Gläser gefüllt.

Bella nahm eines davon und hielt es prüfend gegen das Licht.

Wenn ich dich vergiften wollte, Bella, hätte ich es längst getan", sagte Snape ruhig.

Sie ließ ein missbilligendes Fauchen vernehmen. „Wie witzig wir doch sind, Severus." Sogleich sog sie laut hörbar die Luft ein, ein deutliches Zeichen, dass ihr die Situation missfiel. „Wie zu erwarten war, sind deine Gläser staubig."

Er überging sie schlicht und wandte sich an ihre Schwester.

Nun?"

Narcissa schluckte schwer. „Ich – ich sollte eigentlich gar nicht hier sein ..."

Dann solltest du besser wieder gehen", sagte er warnend.

Hermine nickte unbewusst mit dem Kopf. Sie war derselben Meinung. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Verunsichert nippte Narcissa an ihrem Glas. „Es geht um Draco ..."

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Sie schauderte.

Der Schwur, der nicht gebrochen werden konnte.

Noch nie war sie Zeuge eines derartigen Schwurs geworden und die Angst, die sie verspürt hatte, als Snape Bellatrix Lestrange dazu aufgefordert hatte, ihren Zauberstab zu zücken, saß ihr noch immer in den Knochen.

Snape hingegen war furchtbar wütend auf sie und die tiefe Furche zwischen seinen Brauen bebte angespannt.

„Wie viel davon haben Sie mitbekommen, Granger?"

Sie schluckte und klammerte sich mit der Hand ans Geländer der Treppe, auf der er sie erwischt hatte. Zum Überlegen blieb keine Zeit. „Alles", sagte sie schlicht.

Wahrheitsgemäß.

Eine bedrückende Stille folgte ihrem Geständnis.

Seine Kiefer arbeiteten ununterbrochen und Hermine wusste nicht, was schlimmer für sie war: seine gezügelte Wut oder dieses unheilvolle Schweigen.

Er holte Luft. Dann kam er mit langen Schritten näher, hob drohend den Zeigefinger und setzte ihn auf ihre Brust. „Zu keinem ein Wort."

Sie nickte.