Sascha hörte nicht auf, sich umzudrehen.

Die Kundschafter zogen durch ein menschenleeres Land. Die Flüchtlinge waren längst auf dem Weg zu den Städten der Mauer Sina, und falls es noch Titanen im Rose-Territorium gab, so waren sie den Menschen wohl längst gefolgt. Trotzdem fühlte Sascha sich beobachtet. Sie wurde auch nicht müde, ihren Kameraden dies mitzuteilen. Jean erklärte ihr schließlich genervt, dass sie dann halt nachsehen müsse, anstatt nur zu reden. Sascha aber wollte nicht.

Es gab keine echte Formation. Mehr als die Hälfte der Soldaten musste sich ein Pferd teilen, und so war an das Vorausschicken von Spähern oder das Bilden einer Erkundungslinie nicht zu denken. Die Kundschafter folgten einfach der Straße, sparten in mäßiger Geschwindigkeit die Kräfte ihrer Tiere und kreuzten die Finger, dass kein streunendes Titanen-Rudel auf sie aufmerksam werden würde.

Noch einmal auf Shiganshina zurückzublicken, wäre nun sehr albern. So dachte Annie, und doch tat sie es, zum Teil aus Frust und zum Teil aus Langeweile. Vielleicht hätte sie doch hart sein sollen. Anstatt mit ihrem Gefangene um einen Waffenstillstand zu schachern, hätte sie ihn vierteilen und zum Hafen schleifen sollen. Ja, dann müsste sie sich nun zumindest keinen Sattel mit Armin Alert teilen.

Im Grunde hatte sie ja auch nichts gegen ihn. Es störte sie nur, dass er quasi ein Mittel zum Zweck war, sie in Schach zu halten. Es stand kalte Berechnung hinter dieser Platzverteilung, und es war nicht die Art kalter Berechnung, die sie erwartet hatte. Annie hatte damit gerechnet, eingepackt zu werden. Von den Haarspitzen bis zu den Zehen, in Stoff gewickelt und mit einem dicken Knebel zwischen den Zähnen. Doch stattdessen ließ man ihr freie Hand?

Nein, Armin war es nicht, der Annie Leonhardt störte. Was sie störte, war die Tatsache, dass es funktionierte. Oder zumindest musste es für die Kundschafter wie Erfolg aussehen, denn sie tat ja nichts. Hatte das von vornherein nicht vorgehabt!

Mir schwirrt der Kopf. Warum nervt mich diese Sache nun? Ach ja. Weil alle Leute um uns herum nun glauben, dass Armin Alert meine Schwachstelle wäre!

Ablenkung. Wenn sie ehrlich war, lenkte sie sich einfach nur von dem Umstand ab, eine Gefangene zu sein. Erneut ohne Kontrolle, umgeben von Feinden. Die Soldaten um sie herum trugen ihre Schwerter weiterhin in den Scheiden. Doch jeder wußte, wer sie war. Der Umstand, Eren zusammen mit Ymir gerettet zu haben, bewahrte sie in diesem Moment immerhin davor, zum Ziel giftiger Worte zu werden. Doch es tilgte nicht das Kundschafter-Blut, das an ihren Händen klebte.

Sascha drehte sich erneut um. Annie vermutete, dass es Pieck war, die den legendären Sechsten Sinn Saschas kitzelte. Der Vierbeinige Titan, der ein nimmermüdes Packpferdchen sein und im Zweifelsfalle auch ein Schlachtross spielen konnte. Falls Zeke dazu Lust gehabt hatte, konnte er sie einfach den Kundschaftern nachgeschickt haben, um zu erfahren, wohin sie sich zurückzogen. Im Augenblick war von ihr nichts zu sehen, doch das Land war hügelig und bewaldet. Pieck würde es leicht fallen, sich zu verbergen.

Wenn sie wollte, könnte sie uns auch in voller Sicht umkreisen wie ein Hai. Daran könnten wir nichts ändern.

Annie konnte nicht anders: Sie musste grübeln. Zekes und Piecks Erscheinen war unvorhergesehen gewesen. Und es öffnete eine Dose voller Würmer. Nicht nur wußten Reiner und Berthold nun ganz genau, was gespielt wurde. Nein, ein noch gefährlicherer Feind hatte den Fuß in dieses ummauerte Land gesetzt. Ein Feind, der vollauf in der Lage war, seinen Kopf einzusetzen.

Wir müssen von hier fort. Annie heftete den Blick auf Eren, der drei Plätze weiter vorn mit Mikasa im Sattel saß. Jetzt noch dringender als vorher. Seit sich die Soldaten in Marsch gesetzt hatten, hatte sie sich ihm nicht mehr nähern können, geschweige denn ihn ansprechen.

„Verlasse nicht deinen Platz", hatte Hanji ihr in ruhigem Ton eingeschärft, „und beschwöre nicht noch einmal deinen Titan, sofern ich dich nicht dazu auffordere. Verstanden?"

„Jawohl."

Eren brauchte sie, da war sich Annie sicher. Er brauchte ihren Atem in seinem Nacken, um nicht zu vergessen, dass er sich – bei allen Mauern – einen Plan auszudenken hatte!

Er musste. Nicht sie. Er hatte sie in diese Lage gebracht. Nicht sie. Es war seine verfluchte Verantwortung. Nicht ihre.

Armin schien ihre Gedanken gelesen zu haben.

„Und, Annie? Wie sieht dein Plan aus?"

„Wer sagt, dass ich einen Plan habe?"

Ungeachtet ihres kühlen Tonfalles warf er ihr einen fast schon freundlichen Schulterblick zu. „Du kamst mir bisher nie vor wie jemand, der nicht genau weiß, was er als nächstes tun wird."

„Wirklich", machte sie gallig. „Du liegst falsch." Und als er noch etwas erwidern wollte, vergrub sie ihre Fingernägel in seiner Achselhöhle und zischte ihm ins Ohr: „Sei einfach still."

Er musste es ihr schließlich nicht auch noch reinreiben. Ja, sie saß in einem Boot ohne Paddel, der Strömung ausgeliefert. Der Strömung dieses Kerls da vorn. Eren hatte einfach etwas an sich, das sie dazu gebracht hatte, seine Spielchen mitzuspielen. Schon vor dem neuen Befehl ihres Vaters, über die Pfade hinweg. Doch wo war dieses Etwas nun hin? Eren sah im Augenblick aus, als würde er selbst von Mikasa geführt.

Annie konnte nicht behaupten, dass dieser Gedanke ihr gefiel.

Als es dunkelte, erreichte der Zug die Ortschaft Silberfurt, ein liebliches Städtchen zwischen grünen Hügeln. Hanji beschloss, hier die Nacht zu verbringen.

„Trupp Lauda, ihr habt Spähdienst. Aufteilen und die Stadt umrunden", kommandierte sie, „Haltet Ausschau nach unliebsamer Gesellschaft." Sogleich zweigten einige Reiter nach Ost und West ab. Jene, die nach Westen ritten, mussten ihre Pferde platschend durch einen Fluss treiben.

Der größere Teil der Soldaten rückte über die Hauptstraße ein. Kein Lebenszeichen von Menschen weit und breit. Doch die gepflasterte Straße zeigte Fußabdrücke in Form von tief eingedrückten oder gänzlich zerbröckelten Grüppchen von Steinen. Große, schwere Wesen waren hier entlang gewandert.

Hanji schickte Männer auf die Dächer, um ebenfalls zu spähen. Argwöhnisch schwangen sich Kundschafter in die Höhe. Wer am Boden blieb, blickte mit einer gewissen Beklommenheit in die Seitengassen, während es im Schritt die Hauptstraße entlang ging.

Gewöhnlich setzte selbst im Titanen-Territorium zu gewissen Zeiten so etwas wie Entspannung ein. Nachts nämlich, wenn die Riesen mangels Sonnenlicht träge oder gar gänzlich bewegungsunfähig wurden. Doch seit der Utgard-Nacht wußten die Kundschafter, dass ihr Regelverständnis ungenügend war.

Außerdem, da war sich Annie sicher, wußte inzwischen mehr als nur eine Handvoll des Trupps, woher die Titanen kamen. Sie selbst hatte es einzig Hanji verraten, doch irgendwer mochte ihre Worte aufgeschnappt haben. Und auch Eren wußte vom Ursprung der Titanen. Vielleicht hatte er dieses Geheimnis bereits aufgedeckt.

Nicht, dass es noch eine große Rolle spielt.

Plötzlich fluchte jemand weiter oben; eine Dachschindel segelte direkt vor Annies und Armins Pferd auf die Straße und zerplatzte klirrend in Einzelteile. Ihr Pferd schreckte wiehernd zurück; um ein Haar wären sie aus dem Sattel gestürzt. Annie krallte sich in das nächstbeste Stück Stoff, das sie greifen konnte.

„Tschuldigung!" Ein Kopf mit wirrem, braunem Haar erschien am Rand des Daches. „Keine Absicht!"

„Ni- nichts passiert!", rief Armin zurück, mit noch höherer Stimme als sonst.

Annie fluchte unterdrückt, während sie ihre Finger aus Armins Jacke befreite. „Keine Absicht, als ob!"

„Leise", wisperte Armin ihr zu, wandte sich nochmals an den Mann auf dem Dach. „Wie gesagt: Nichts passiert, Glück gehabt."

Der Strubbelkopf sah jung aus. Vielleicht nur etwas älter als sie selbst. „Keine Absicht, wirklich!", rief er nochmals. Machte ihn nur umso verdächtiger. Annie knurrte und sprang aus dem Sattel. Bei der plötzlichen Bewegung zogen mehrere Kundschafter ringsum die Schwerter.

„Heh. Was machst du?" Jean hatte ebenfalls eine Klinge in der Hand.

„Ich laufe nur den Rest des Weges, mit ein wenig Abstand zu ihm", erwiderte sie, zeigte auf Armin und bemühte sich um eine sonnige Tonlage, „Ist doch schönes Wetter zum Spazierengehen? Es regnet ein bisschen gebrannten Ton, das ist alles."

Der Sarkasmus trug nicht dazu bei, die Sache zu entschärfen. Einer der Truppführer aber, ein breitschultriger Mann namens Dirk, gab einen kurzen Pfiff ab wie ein Schäfer, der seine Lämmer zusammenrief.

„Ruhig bleiben", sagte er in aller Gemächlichkeit, ohne sein Pferd auch nur anzuhalten „Der Tag war lang, und die Nacht wird kurz genug. Niemand sagt mehr was, wenn er nichts Nettes zu sagen hat, ja?"

Niemand sagte mehr was. Und schließlich drang ein Ruf von weiter vorn an ihre Ohren, in dem überraschenderweise weder Furcht oder gar Panik steckten.

„Rathaus. Am Rathaus ist was!"

Offenbar hatte die Evakuierung der Stadt einen Beamten davon abgehalten, seine Pflicht zu zu erfüllen und ein Schild am Anschlagplatz neben dem Eingangsportal aufzustellen. Nun lehnte es an der Wand des Rathauses. Es wird verordnet, fürs Erste nicht mehr in den Fluss zu schiffen. Ab Montag wird gebraut. So stand es darauf, in den schnörkeligen Lettern der Amtsschrift.

Und darüber, der Tier-Titan.

Annie erkannte sofort den Tier-Titan in der Farbschmiererei, die rot wie Blut auf der weiß getünchten Wand des Rathauses prangte. Auch wenn er in dieser Abbildung eine Fratze schnitt, die Zeke wohl für sehr albern halten würde, und Zähne zeigte, die dem Kiefer-Titan zu Ehren gereicht hätten. Das Ungeheuer fischte eine sehr simpel gemalte Krone vom Boden auf. Der neue König der Mauern hatte jemand unter das Kunstwerk gepinselt, In den Staub mit euch!

„Einer deiner Leute?", fragte Dirk. „Hat der Affe das gemalt?"

„Nein." Schmallippig schüttelte Annie den Kopf. „Dies gehört nicht zu seinem Spiel. Er will euch das Fürchten lehren. Und das da, was auch immer es darstellt, erschreckt mit Sicherheit niemanden."

Hanji hatte sich bereits der Malerei genähert. Sie nahm eine Probe, auf die direkteste Art, und zerrieb die Substanz zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Kein Blut, immerhin", stellte sie fest. Hier und dort war ein Aufatmen zu hören. „Noch halbwegs frisch. Wie rätselhaft. Jemand muss noch heute nachmittag hier gewesen sein. Lang, nachdem die Stadt evakuiert worden sein muss."

Dirk brummte, ließ sein Pferd ein Stückchen nach vorn gehen. „Oh Hauptmann, Frau Hauptmann? Wenn ich diese schaurige Schmiererei sehe, überkommt mich einfach der Durst! Bitte um Erlaubnis, etwas zu Trinken zu organisieren."

„Schenke hat aber zu", kam es trocken von hinten.

„Das Trinken muss noch gebraut werden, Mensch."

Hanji blickte sich nach ihm um, lächelte schmal. „Trupp Dirk meldet sich freiwillig für das Organisieren der Verpflegung? Ausgezeichnet. Du hast Erlaubnis, etwas Ordentliches aufzutreiben, doch was das Trinken angeht: Bedenke, dass es heute keinen Zapfenstreich geben wird."

„Dienst ist Dienst", kam es von Moblit.

„Und Schnapps ist Schnapps."

„Ehrensache." Dirk ließ sich breit grinsend aus dem Sattel gleiten. „Schauen wir doch mal, was der Vorratskeller des Gasthauses da zu bieten hat."

„Gibt es Schlösser zu knacken?", fragte Ymir, die von dem Geschehen seltsam begeistert war. „Ich kann das übernehmen!"

„In zivil?" Dirk winkte ab. „Nein, nein. Wenn du es tust, ist es Plünderei. Doch wenn ich es tue, nennt man es Requirieren."

„Klingt wie etwas, was die Militär-Polizei sagen würde", stellte Jean fest.

Dirk lachte. „Grünschnabel. Ich lasse immerhin auch eine Rechnung da." Er rief zwei seiner Untergebenen zu sich und marschierte los, während Hufgeklapper jene Späher ankündigte, welche die Stadt zuvor umkreist hatten. Der Lauda-Trupp erreichte nun ebenfalls den Platz, wich Dirk und den Requirierern aus und blickte mit großen Augen auf die Schmiererei an der Wand.

Der Bericht war kurz und bündig: Keine Titanen zu sehen.

„Wollen wir hoffen, dass es so bleibt", verkündete Hanji wohlgelaunt, ehe sie ihre Stimme wieder zu der eines Feldherren werden ließ. „Machen wir es uns mal gemütlich! Trupps losen den Wachdienst aus, Zeitansatz bis zum Morgengrauen! Truppführer folgen mir ins Rathaus! Schickt uns Dirk hinterher, wenn er wiederkommt! Orloff, du hast die Verantwortung für die Pferde. Such dir Hilfe aus den Glücklichen, die nicht die erste Wache ziehen. Eren und Leonhardt, mit mir! Wer nichts zu tun hat, kennt die Übung: Ausrüstung prüfen, Bereitschaft herstellen, Pause machen!" Sie klatschte in die Hände, als schlage sie ein Buch zu. „Auftrag erkannt? Ausführung!"

Jetzt. In der allgemeinen Geschäftigkeit, die nun ausbrach, sah Annie ihre Gelegenheit gekommen. Sie nutzte den Umstand, bereits aus dem Sattel zu sein, und beeilte sich, an Erens Seite zu gelangen, während dieser noch abstieg. Sie musste drängeln, als Mikasa dies vereiteln wollte.

„Lass mich... Eren!" Sie fasste an der störrischen Kundschafterin vorbei und ergriff seinen Arm. „Wir müssen reden, dringend!"

„Was – Ja, später", erwiderte er, mit einem Hauch von Panik. Dies wiederum beunruhigte Annie nur noch mehr, und ihr Griff wurde fester. Ihre Fingernägel bohrten sich fast durch die Haut, sodass Eren das Gesicht verzog.

„So rasch wie möglich", versetzte sie. „Du hattest nun Zeit zum Nachdenken, also sag mir bitte, dass dir etwas eingefallen ist!" Gleichsam aber wurde ihr eigener Arm von Mikasa ergriffen, die mindestens genauso fest zupackte.

„Lass ihn los."

„Lass du zuerst los."

Unwillkürlich verhärteten sich beiderlei Griffe. Sowohl Annie als auch Eren mussten ein schmerzvolles Aufschreien unterdrücken.

Hanji ging schließlich dazwischen. „Ich habe gefragt, ob Auftrag erkannt ist." Fröhlich schlug sie auf jede Hand, die einen Arm umklammerte. „Wenn mir danach ist, werde ich euch später alle drei dazu abstellen, diese Schmiererei da von der Wand zu putzen. Ist das verstanden?

Annie und Mikasa ließen widerwillig los, knurrten einander an. „Hast du gehört, Ackermann? Putz dein Gerät."

„Dich brauche ich sicher nicht, um zu wissen, was meine Aufgabe ist." Entschlossen zwängte sich Mikasa wieder zwischen Eren und sie. So folgten sie Hanji die steinernen Stufen hinauf zum massiven Portal. Dort hatte sich bereits Moblit zu schaffen gemacht und ein Vorhängeschloss samt schwerer Kette geknackt und entfernt.

Die Abteilungsleiterin der Kundschafter-Legion setzte den Fuß gegen einen der mächtigen Türflügel aus Eichenholz und schob. In gut geölten Scharnieren schwang das Tor auf. „Guten Abend, werte Herrschaften", rief sie gut gelaunt, „Keine Sorge, wir sind von der Armee!"

Doch niemand war zuhause.

Annies Rolle war überraschend klein.

Nachdem sich alle Truppleiter, von Dirk abgesehen, im Ratsherrensaal im zweiten Stock eingefunden hatten und mehrere Kerzen entzündet worden waren, wurde sie dazu aufgefordert, eine Meinung zum weiteren Vorgehen des Feindes abzugeben.

„Ich glaube nicht, dass wir noch heute nacht, oder morgen, etwas vom Feind sehen", sprach sie, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ganz wie bei einer vorschriftsmäßigen Meldung. „Uns einzuholen, brächte ihm nichts. Der Tier-Titan - also der Affe – ist ein Taktiker, also wird ihm dies bewusst sein. Und er hat vermutlich längere Zeit durchgehend als Titan verbracht. Ihm wird Ruhe lieber sein als eine sinnlose Verfolgung." Sie vermied Zekes Namen, da sie annahm, dass es einen Aufschrei geben würde, wenn das Wort Jäger über ihre Lippen kam.

„Und warum brächte ihm das nichts?" Jean klopfte mit den Handknöcheln auf die Holzplatte des riesigen Ratstisches. „Er will doch Eren, oder nicht? Wann wäre es einfacher als jetzt?" Beifälliges Gemurmel kam von den übrigen Truppführern.

„Das Gör verarscht uns, ich sags ja."

Zu diesem Gegrummel gesellte das das Rascheln von Papier und das Kratzen eines Bleistiftes, denn Hanji schrieb mit. Als Annie nicht sofort antwortete, malte sie gemächlich Schleifchen in die untere Ecke ihres Blattes. Irgendwo im Nebenraum rumpelte es kurz - Moblit war gleich zu Beginn der Sitzung dorthin verschwunden und noch immer damit beschäftigt, an irgendwelchen Aktenschränken herum zu werkeln, als ginge die ganze Sache einfach über seinen Kopf hinweg.

Dies hier... ist anders, als ich es mir vorstellte.

Annie kaute einen Moment lang auf der Zunge. „Theoretisch könnte er hier auftauchen, ja. Doch das Gelände ist zu offen. Auch weiß er, dass wir drei Titanen haben." Sie hob Zeige-, Mittel- und Ringfinger in die Höhe. „Und sie alle sind schnelle Läufer. Würde er uns hier angreifen, würden wir einfach entkommen. Es wäre Kraftverschwendung."

„Sagt sie", murmelte eine Kundschafterin namens Silke, ohne sich Mühe zu geben, besonders leise zu sein.

„Wir sind ihnen heute entkommen", versetzte Annie, und zwar barscher, als sie eigentlich wollte, „Oder nicht?"

Manche Anwesende schienen sich daran zu stören, dass sie das Wort uns verwendete.

Annie warf einen Blick in Erens Richtung. Er saß einfach nur auf einem der Stühle, die an der Wand standen, abseits des Tisches und für Beobachter gedacht. Natürlich war Mikasa bei ihm, eine Hand auf seinem Arm, als bräuchte er seelischen Beistand. Hatte die Niederlage mit Reiner und Bertholdt ihn derartig geknickt?

Etwas Beistand von deiner Seite her wäre auch nicht schlecht hier.

Diesmal war es Hanji, die auf den Tisch klopfte und das Thema wieder aufgriff. „Utgard. Soweit wir hörten, gab es einen Nachtangriff mit gewöhnlichen Titanen."

„Der Vollmond." Annie nickte. „Ja, es ist eine der Fähigkeiten des Tier-Titanen. Er erweckt in Titanen, die er selbst geschaffen hat, die Abnormalität, im Licht des Vollmondes so aktiv zu sein wie zur Mittagszeit."

Mehrere Leute blickten bei diesen Worten aus den Fenstern. Zur bleichen Silberscheibe, die rund den Nachthimmel empor stieg.

„Nur in gewissen Titanen also? Nur zum Vollmond?"

Annie nickte. Hanji schrieb diese Information nieder, als wäre sie nur ein Punkt auf einer Einkaufsliste.

„Was ist mit einem Überraschungsangriff, durch das Einschleichen als Mensch? Mit dem Koloss-Titan zum Beispiel?"

„Der Koloss könnte diese Ortschaft von einem Ende bis zum anderen mit Feuer überziehen", erwiderte Annie sogleich. Insgeheim musste sie gestehen: Gerade wäre der Gedanke, diesen Haufen von Bastarden brennen zu sehen, gar nicht so schlecht. Doch sie bremste sich mit bösen Fantasien, um fortzufahren: „Wenn ihm eine Überfall-Taktik gelänge, könnte er uns alle auf einmal ausradieren, ja. Doch das geht nicht." Sie deutete auf Eren. „Sie wollen ihn lebend. Sie brauchen ihn lebend. Darum wird es keinen Großangriff geben, nicht hier und heute. Und ehe jemand fragt! Käme der Gepanzerte Titan? Dann können wir weglaufen. Käme der Tier-Titan? Dann können wir auch weglaufen. Käme der vierfüßige Titan? Dann laufen wir weg, bis er allein noch mithält, und bekämpfen ihn dann. So einfach."

So einfach. Mit Feinden umzugehen, war immer einfach. Was Annie schwieriger fand, war das Umgehen mit Verbündeten. In diesem Augenblick wäre es ihr lieber gewesen, gefesselt und geknebelt zu sein. Sollten die Kundschafter sie doch wie eine Gefangene behandeln, dann wüßte sie immerhin, was zu erwarten war. Doch stattdessen ließ man sie herumlaufen und an dieser Sitzung teilnehmen, sprach mal unbefangen und dann wieder voll unterdrückter Wut, wollte ihre Meinung und misstraute ihr dann sowieso.

Aus dem Nebenraum erklang ein Rummsen. „Gefunden!"

Hanji nickte und lächelte milde. „Danke. Noch Fragen an Leonhardt?" Sie blickte in die Runde. Niemand meldete sich. Jean regte sich für einen Moment unruhig in seinem Stuhl, doch auch er blieb still. „Fein. Dann, Leonhardt: Wegtreten."

Annie stockte. „Was?"

„Wegtreten." Hanji wiederholte den Befehl geduldig, raschelte mit ihren Unterlagen herum und schob sie beiseite, als Moblit mit einer schweren Metallkiste herankam. Er ließ sie vor der Abteilungsleiterin auf den Tisch dotzen. „Du hast für den Rest des Abends frei. - Danke, Moblit. Eigentlich gehört dieses gute Stück bei einer Evakuierung ins Handgepäck, nicht wahr? Das wollen wir dem Herrn Bürgermeister heute aber mal verzeihen."

Annies Augen hatten sich derweil geweitet. „Mehr wollt ihr nicht wissen?" Sie musste sich anstrengen, nicht in ehrlicher Überraschung mit der Stimme hoch zu gehen. „Über die Herkunft von allem, über die Welt, über Wandler?" Hier stand sie immerhin, hatte sich elendig auf diesen Moment vorbereitet – und dann gab es einfach nichts zu tun außer ein paar taktischen Brocken?

Hanji hob nichtmals den Blick, als sie antwortete. „Wir sind Soldaten im Feindesland, auf dem Rückzug. Eile ist geboten. Würde das Wissen um die Welt jenseits der Mauern daran etwas ändern?"

Einen Moment lang zögerte sie. „Nein", gab sie dann zu, „würde es nicht."

„Alles zu seiner Zeit", fuhr Hanji gemächlich fort. „Du wirst deine Gelegenheit noch erhalten, mit höherrangigen Zuhörern."

„Abgesehen davon." Mikasa. Annies Kopf schnellte herum. „Wer kann schon sagen, dass das, was du hier von dir gibst, überhaupt stimmt."

„Höre ich richtig?" Annie drehte sich Mikasa nun zur Gänze zu. „Dass du zweifelst, wundert mich nicht. Du hast doch nur Panik, dass Eren tun wird, was er tun muss, und du dabei auf der Strecke bleibst."

Mikasa ließ sich nicht provozieren. Sie wandte sich an Hanji. „Sind Zweifel nicht berechtigt, Abteilungsleiterin?"

„Auch Zweifel haben ihren Platz." Hanji schob in einer Geste der Unparteilichkeit ihre Brille auf der Nase zurecht.

Dies gab Mikasa offenbar Auftrieb. Sie erhob sich vom Stuhl, langsam und auf unterschwellige Weise lauernd.

„Du stehst da, willst uns aufklären, darüber dass wir die Mauerteufel sind, alle Welt uns hasst und Eren irgendwo in dieser Welt eine unterdrückte Nation in die Freiheit führen soll. Und bist entsetzt, wenn ich dir nicht auf Anhieb glaube? Du hast keine Beweise, genau jetzt und hier – auch er hat sie nicht!" Scharf hob sie die Hand, als Annie gerade auf Eren hatte deuten wollen. „Was er hat, sind Bücher und Dinge in seinem Kopf. Ja, ich werde Eren tausendmal mehr glauben als dir, doch wer weiß, was für Tricks hier im Spiel sein könnten."

Annie presste die Lippen aufeinander. „Tricks? Lustig, dass du es ansprichst. Der Gründer-Titan, den Eren in sich trägt, wäre dazu sogar in der Lage." Sie trat einen Schritt auf Mikasa zu. „Darum ist diese ganze Angelegenheit ja auch so knifflig, geht das in deinen Schädel?"

„So?" Mikasa kam ihr auf das letzte Stück entgegen. Mit durchgedrücktem Rücken schaute sie ihr von oben herab in die Augen. „Mein Bruder soll die Tricks haben? Von der Kommando-Fähigkeit war heute zumindest keine Spur zu sehen."

Das lässt sich nicht bestreiten.

Annie hielt dem Blick noch einen Moment lang stand, dann wandte sie den Kopf in Richtung der Abteilungsleiterin. Hanji hatte die Hände gefaltet und das Kinn darauf gestützt. Nachdenklich starrte sie auf eine Kerzenflamme, deren Licht sich in den Gläsern ihrer Brille spiegelte. Sie rührte sich nicht.

Dann anders. „Ihr werdet alle sterben."

Annie ließ die Worte kalt aus ihrem Munde gleiten. Sie waren wie ein Windstoß, der zart glühende Kohlen anfachte, und es flogen brennende Blicke zurück, während sich alles noch ein Stück mehr aufrichtete. Nur Hanji regte sich überhaupt nicht.

„Zieht ihr Selbstbewusstsein daraus, den Koloss-Titan zu Fall gebracht zu haben?" Annies Stimme ätzte vor Galle. „Dazu besteht kein Grund. Ihr habt nie, niemals, auch nur einen Wandler entgültig besiegt. Weder mich noch den Koloss oder den Gepanzerten. Die Wandler, die auf eurer Seite sind, habt ihr nicht durch Können verdient, sie sind zu euch gekommen. Ich bin zu euch gekommen wegen ihm, Ymir ist zu euch gekommen aus Not und Eren ist bei euch wegen seines Vaters! Nichts davon hat wirklich mit euch zu tun, es ist alles Glück und purer Zufall."

Fühlte sich gut an. Es fühlte sich gut an, so zu reden. Ursprünglich hatte sie geplant, ihre eigene Idee in die Geschichtsstunde einzuweben, auf die sie sich vorbereitet hatte. Nun würde sie ihren Plan eben direkter präsentieren.

„Nun steht euch ein Feind gegenüber, der ist schlimmer als jeder zuvor. Er ist nicht nur der stärkste Wandler, er kommandiert sogar pure Titanen. Er hat nicht nur Kraft, er hat es auch im Kopf. Und wenn er es für nötig hält, tötet er alles und jeden innerhalb dieser Mauern, um zu kriegen, was er will."

Scharf deutete sie auf Eren.

„Um dem zu entgehen, gibt es nur eins. Duckt euch, zieht den Kopf ein. Entlasst Eren aus eurem nutzlosen Militär, und wir gehen beide dorthin, wo er wirklich etwas ausrichten kann. Sitzt solang den Sturm aus und hofft, dass ihr noch lebt, wenn er sich wieder verzieht. Denn verziehen wird sich der Tier-Titan, aber nur, wenn Eren an anderer Stelle erscheint. So einfach."

So einfach. Schweigen fiel wie ein Leichentuch.

„Wir werden sehen." Hanji. Unparteiisch. „Größere Geister als wir werden darüber entscheiden."

Annie starrte auf Eren, der in seinem Stuhl saß wie ein Häufchen Elend. Als er ihren Blick spürte, hob er verzagt die Schultern. Und es rastete die Erkenntnis ein, dass er wirklich keinen Plan hatte, was sie hier nun tun sollten. Zumindest keinen Plan, der sie in absehbarer Zeit nach Marley bringen würde. Wenn es nach ihm ging, würden sie dann gar hier bleiben?

Schritt. Auf ihn zu. Das Knarren von Dielen.

Bewegung. Schattenschnell. Schattenschwarz.

Mikasas Hand landete auf ihrer Schulter. Losmachen. Zuschlagen. In einem heftigen Schlagwechsel fuhr ihr Ellenbogen in Mikasas Bauch und deren Faust in ihr Gesicht. Drei Mann waren im nächsten Moment aufgesprungen und rissen sie voneinander los.

Wie Annie dann auf den Flur gelangt war, wußte sie selbst nicht zu sagen. Ihre Handflächen schwitzten kalt, ihr war zittrig und ihre Nase brannte vor dumpfem Schmerz. Hatte man sie einfach vor die Tür geschoben?

Langsam schritt sie die Stufen hinab. Ein glücklich pfeifender Truppleiter namens Dirk kam ihr entgegen, mit mehreren Flaschen aus Steingut im Arm.

„Hab ich dich verpasst?", fragte er und marschierte vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten. „Ging ja schnell."

Sie starrte ihm bloß nach.

Auch bei näherer Betrachtung wurde das Gemälde an der Rathausmauer nicht hübscher. Es blieb einfach nur hässlich und albern. Annies Blick haftete jedoch ohnehin nicht sonderlich lang an der Gebäudeverschandelung, sondern glitt aufwärts, zu einem der Fenster des zweiten Stockes. Dort war Kerzenlicht zu sehen.

Wenn sie wollte, könnte sie so hoch hinaufreichen. Durch die Wand brechen, zugreifen. Es war immer das Gleiche, was ihr durch den Kopf ging. Es erschien ihr kindisch, zugleich aber auch simpel. Vielleicht hatte es ja einen Grund, warum die ewig gleiche Idee durch ihren Kopf spukte.

„Dieser Affe."

Annie zuckte ein wenig zusammen, als sich Ymir zu ihr gesellte.

„Dieser Affe ist wirklich gut getroffen, finde ich." Sie legte den Kopf schief, als erhielte sie auf diese Weise eine neue Perspektive, und machte ein äußerst ernstes Gesicht. „Diese Pinselführung. Diese dicken Linien."

„Es ist Blödsinn."

Ymir griff ihr ungeniert an den Kopf und zog ihn in Schieflage. „Schau, so ist es besser, oder?"

„Mich anzufassen, geht heute nicht gut aus."

Sie ließ los. „Nicht gut gelaufen?" Als sie keine Antwort bekam, seufzte Ymir. „Du machst dir das Leben sehr schwer, nicht? Das hast du schon immer gemacht. Nicht nur hier, meine ich."

Annie warf ihr daraufhin einen sehr seltsamen Blick zu. „Hast du... Erinnerungen?"

„Bruchstücke. Scherben. Sie liegen herum, und ich trete auf sie." Sie tippte sich an die Stirn. „Auch, als dieses haarige Monstrum erschienen ist. Du hast ja ein wenig mit ihm gespochen, nicht?"

„Um Zeit zu erkaufen", erwiderte sie tonlos. Dachte daran zurück. „Wenn ich so überlege... ich habe ihn mit ein paar Dingen überraschen wollen. Doch rückblickend ist ihm dies besser gelungen."

„Ah?"

„Er wußte zuviel." Denn der Name seines Vaters hatte ihn nicht schockiert, ja nichtmals zum Zucken gebracht. Zekes Titan besaß eine ausgeprägte Mimik, wie Annies Weiblicher Titan auch – sie war sich sicher, dass sie etwas in seinem Gesicht hätte lesen können müssen, wenn denn da etwas Lesenswertes gewesen wäre.

„Er ist so etwas wie... euer Häuptling, nicht?"

„Grob, aber ja." Ihre Mundwinkel zuckten. „Häuptling." Nach einem Augenblick sprach sie weiter. „Was hast du noch gesehen?"

„Ich mag dich nun etwas mehr als vorher." Ymir hob die Schultern, als müsse sie aufzeigen, dass sie dafür nichts könne. „Muss an meinem Vorgänger liegen. Mochtest du ihn?"

„Ich mochte ihn."

„Sehr?"

„Ein wenig."

Schweigen. Angenehm. Wenn auch kurzlebig.

„Muss ich mich zukünftig fürchten? Vor verstörenden Eindrücken?"

„Du willst mich nerven, nicht wahr? Es gelingt dir." Ruhig blickte Annie nochmals auf zu dem Fenster im zweiten Stock. Der Daumen ihrer rechten Hand rieb sanft über die Seite des Ringfingers und fand nicht, was er suchte. Wo war ihr Ring eigentlich? In Ragako?

„Ich bin ich selbst, nichts weiter", erwiderte Ymir. „So ist mein Leben, sinnlos wie das von jedem anderen auch."

„Du hast keine Pläne, was? Richtungslos, mit der Strömung treibend."

„Ich will einfach nur leben. Nichts weiter."

„Verstehe." Annie ließ die Hand, die den Ring vermisste, wieder sinken. Sie löste den Knoten, der den simplen Gedanken des Packens und Fortrennens festhielt, und ließ ihn mit dem Nachtwind verschwinden. „Ich werde das wohl auch einmal versuchen."

Ymir starrte sie in theatralischer Schockiertheit an. „Näschen. Willst du sagen, dass du nun meinen Lehren folgst? Ich muss dich warnen, mit Kulten habe ich keine guten Erfahrungen gemacht." Unvermittelt machte sie auf dem Absatz kehrt. „Holen wir uns etwas zu essen."

Annie folgte Ymir zunächst zur Proviant-Ausgabe, dann zu den Ställen. Dort hatte es sich auf Strohbündeln eine Gruppe von Kundschaftern gemütlich gemacht. Im Kreise saßen, Zwieback in der Hand, die ehemaligen Kameraden aus der Rekrutenzeit. Beim Anblick Connies zögerte sie, blieb stehen.

„Tut mir leid", sagte sie zu Ymir, „Nicht hier. Nicht mit ihm."

Doch Connie hatte bereits aufgeblickt. Und plötzlich war da auch Ymirs Hand in ihrem Rücken, die sie sanft vorwärts schob.

„Er möchte mit dir reden", sagte sie, „Nichts weiter."

„Nicht mit mir. Mit Eren, nicht mit mir."

Connie kam ihr bereits entgegen. Musste sie gehört haben. „Doch, genau mit dir." Keine Wut in der Stimme, kein Vorfwurf. Nur matte Traurigkeit, die schon Zeit gehabt hatte, zu gären. „Bitte."

Um sich zu befreien, hätte sie kämpfen müssen. Da sie nicht wollte, musste sie sich notgedrungen in die Runde setzen, die noch aus Sascha, Krista und Armin bestand.

„Ragako", sagte Annie rauh, „Du möchtest von Ragako hören?"

Er wollte von Ragako hören. Sie erzählte von Ragako. Kurz und bündig. Ihre Ankunft, ihre kurze Zeit dort, das Eintreffen des Tier-Titanen.

„Und dann", sagte sie leise, „Utgard."

Connies Blick driftete bei diesem Wort ein wenig ab, ins Leere. Sie fragte sich, ob die Erkenntnis neu für ihn war oder sich die schaurige Vermutung nun einfach nur bestätigte.

„Ich... verstehe", murmelte er, während Sascha ihren Zwieback aus der Hand legte und sanft seine Schulter drückte. „Wir waren vor Utgard in Ragako... Und dort lag ein Titan. Liegt immer noch. Er... Er lag auf meinem Haus."

Annie dachte nur kurz nach. Nickte.

„Er sah aus, wie meine Mutter... Und Reiner hat noch gesagt Nein nein, was denkst du bloß." Connies Augen begannen, tränenfeucht zu glänzen. „Ich hatte es befürchtet."

„Es tut mir leid", sagte sie ehrlich. Was gab es mehr zu sagen? Ihr fiel nichts ein.

Umso mehr überraschte es sie, als Connie sich die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht wischte, einen seltsam entschlossenen Ausdruck zeigend. „Nun sag mir, wofür."

„Wofür?"

„Wofür das alles. Nicht nur Ragako. Auch Mauer Maria. Wofür?"

Überrascht von der Frage, blickte Annie in die Runde, in traurige Gesichter. Doch zumindest brannte hier kein solcher Hass wie anderswo. Es erstaunte und erschreckte sie sogar ein kleines bisschen. Also erzählte sie von dem Wofür. Sie erzählte von der Welt jenseits der Mauern und Marley, den Eldiern und dem Gründer-Titan, den zu stehlen es gegolten hatte.

„Wir rissen Mauer Maria ein, um den Gründer-Titan in die Enge zu treiben. Trost geschah mit demselben Ziel. Es scheiterte, und wir konzentrierten uns zunächst auf Eren. Ohne zu wissen, dass er wirklich Derjenige war, den wir von Anfang an suchten. Wir wollten ihn einfach nur... als zusätzliche Eroberung." Sie hob matt die Schultern. „Inzwischen haben zwei weitere meiner ehemaligen Kameraden dieses Land erreicht. Wir brauchten zu lang, nun nimmt es der Tier-Titan in die Hand."

„Und das bedeutet", sagte Armin leise, „Ragako, wieder und wieder?"

Annie stieß zischend die Luft aus. „Wäre es so milde."

Connie presste die Lippen aufeinander, schlug die Hände vors Gesicht und kratzte sich einige Augenblicke lang wie wild am Kopf. „Alles", murmelte er zittrig, nachdem er die Hände wieder sinken gelassen hatte, „Das alles für diese Kommando-Fähigkeit, die Eren hat?"

„Ja." Annie nickte. „Für die Kommando-Fähigkeit."

„Sie... sie funktioniert nichtmals. Er hat es versucht, oder?" Connie wandte sich an Sascha. „Er hat es doch versucht?"

Sascha schnippte mit den Fingern. „Ach. Ach ja!"

„Es hat nicht funktioniert." Er schüttelte den Kopf. „Das alles für etwas, das gar nicht... Das ist dämlich. Ich bin nicht der Klügste hier, doch selbst für mich ist das dämlich." Kraftlos ließ er die Schultern hängen.

„Ja." Annie nickte. „Es ist dämlich."

Es wurde still.

„Guten Abend."

Sechs Köpfe fuhren herum. Sechs Augenpaare richteten die Blicke auf den Eingang des Stalles, in dem zwei weitere Kameraden aufgetaucht waren.

„Jean", rief Ymir freundlich, „Mikasa. Wie lang steht ihr schon da?"

„Lang genug", erwiderte Mikasa kurz angebunden. Sie gesellte sich zu Armin, der bereits zur Seite rutschte, während Jean sich zwischen Connie und Krista niederließ, Annie gegenüber. Eine tiefe Entschlossenheit lag in seiner Stimme. „Wir reden nun weiter. Wir decken alles auf. Ja?"

Ihr wurde kalt. Sie sagte trotzdem: „Ja."