Promised

Kapitel 10

Das Training am nächsten Morgen verlief bei Weitem nicht wie geplant. Im Grunde genommen glich es am ehesten einem unkontrollierten Schlagabtausch, den Elizabeth nur mit größter Mühe parieren konnte. Und das, obwohl sich alle auf dem Schiff befindlichen Männer versammelt hatten, um bei dem seltenen Spektakel zuzusehen und die ein oder andere Wette abzuschließen, wie es üblich war. Eigentlich hatten Elizabeth und Barbossa bei einer derartigen Übung immer sehr gut harmoniert. Beide waren trickreiche Kämpfer, die nie ein professionelles Schwertkampftraining abgeschlossen hatten, dafür aber umso leidenschaftlicher zur Sache gingen. Selbst Barbossas fehlendes Bein hatte ihn nie davon abgehalten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Was der Holzfuß nicht konnte, machte seine jahrelange Erfahrung wett. Diesmal jedoch war alles komplett anders. Fast so, als hätte er den Gefallen daran, ihr eine anständige Lektion zu erteilen, verloren. Er kämpfte unfair wie lange nicht, mit den fiesesten Tricks, die Elizabeth nicht einmal in den Sinn gekommen wären. Am Ende, als sie genug davon hatte, sich von ihm vorführen zu lassen, duckte sie sich unter dem nächstbesten Hieb hinweg und schlug resolut auf sein Holzbein ein, wodurch er von der Wucht des Schlags überrascht aus dem Gleichgewicht geriet und hintenüber fiel. Ein Krachen, ein Poltern und ein uncharmanter Fluch von seinen Lippen ließ die gesamte an Deck versammelte Mannschaft zusammenfahren.

Die Vorstellung war vorbei, das Desaster perfekt und die Männer gingen an ihre Arbeit zurück, noch bevor irgendeiner von ihnen irrtümlicherweise den Zorn des Kapitäns auf sich ziehen konnte. Indes nützte Elizabeth die aufkommende Stille, in der Barbossa sich aufrappelte, um wieder zu Atem zu kommen. Sie spürte, dass diverse Stellen ihres Körpers im Begriff waren, blaue Flecken und Blutergüsse hervorzubringen, die von seinem Schwertknauf stammten. Sie dachte gar nicht dran, ihm aufzuhelfen; und der finsteren Miene nach zu urteilen, die er aufgesetzt hatte, wäre es ihm auch partout nicht recht gewesen. Mürrisch grunzte er sie an, dann humpelte er davon und ward nicht mehr gesehen.

Erschöpft ließ Elizabeth sich zu Boden sinken und blieb erst einmal sitzen. Neben ihr, nur eine Armlänge entfernt, glitzerte etwas Goldenes. Sie streckte sich ächzend, hob es auf und erkannte, dass es ein Splitter von seinem vergoldeten Holzfuß war. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte: echtes Gold hätte die Dekadenz des Überflusses perfekt gemacht. Aber es wäre wohl einfach zu schwer gewesen.

Den Rest des Vormittags verbrachte sie damit, sich eine Entschuldigung zurechtzulegen. Sie mochte es gar nicht, wenn zwischen ihnen Spannungen herrschten, die sowohl ihre Freundschaft als auch den gegenseitigen Respekt auf die Probe stellten. Außerdem war es etwas vollkommen anderes, von ihm mit dem Schwertknauf niedergeknüppelt zu werden, als ihm das künstliche Bein wegzuschlagen. Oder etwa nicht?

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie wollte zu ihm und ihm sagen, dass es ihr leidtat. Ganz gleich, was auch immer zwischen ihnen stand, es musste bereinigt werden. Erst dann, wenn sie sich mit ihm ausgesprochen hatte, würde ihr wohler zumute sein. Er war das Einzige, was ihr geblieben war, die Vorstellung, ihn zu verlieren, schier grausam und undenkbar.

Es war nicht weiter schwer, ihn auf seinem Schiff zu finden. Leise schlich sie in seine Unterkunft und sah ihn dort auf einer fein gepolsterten Liege sitzend, die Arme vor der Brust verschränkt, das gesunde Bein lang ausgestreckt; das fehlende endete ohne den vergoldeten Stumpf, der sichtbar beschädigt neben ihm lag, in der abgetrennten Hose. Elizabeth erbebte bei seinem Anblick. Für geraume Zeit stand sie wie angewurzelt in der Tür und drückte den Holzsplitter in ihrer Hand fest in die Haut. Angesichts der Niedertracht ihres Angriffs war sie so erschüttert, dass sie kaum die Schmerzen ihres Körpers spürte, sondern nur die seelischen Wunden – für die sie die volle Verantwortung zu tragen hatte, wie sie sich einredete, um ihr Gewissen zu beruhigen.

Endlich steckte sie das Fundstück ein und näherte sich ihm. Sie wusste nicht, ob er sie nicht längst schon bemerkt hatte, denn selbst als sie sich zu ihm auf die Liege setzte, ließ er keine Regung erkennen. Wortlos starrte er die Holzwand gegenüber von sich an, an der ein paar gekreuzte Schwerter befestigt waren – allesamt Errungenschaften besiegter Gegner.

Sie holte Luft. „Hector, es tut mir leid." Zaghaft streckte sie die Hand nach ihm aus und legte sie auf seinen Arm. „Wenn es irgendetwas gibt, womit ich es wieder gutmachen kann, zögert nicht und lasst es mich wissen. Es tut mir wirklich sehr, sehr leid."

Er stieß ein Schnauben aus, das nach bloßer Verachtung klang. „Hört auf, Euch zu entschuldigen", sagte er, gereizt die Augen verdrehend. „Ihr könnt nicht ändern, was in Euch steckt. Ihr habt es im Blut, Elizabeth. All das hier, was auf einem Piratenschiff vor sich geht. Als wäre es Euch angeboren. Es gibt nichts mehr, das ich Euch noch lehren könnte."

„Das glaube ich nicht. Ich würde es nie müde werden, von Euch zu lernen. Nicht in hundert Jahren."

Er schüttelte frustrierend langsam den Kopf. „Das ist eine lange Zeit, die mir nicht bleibt."

„Unsinn. Ich habe in der königlichen Marine Männer gesehen, die weit jünger waren, aber weniger agil."

Nachdenklich löste Barbossa seine verschränkten Arme und fuhr sich mit den Fingern über den Bart. „Ihr schmeichelt mir. Also lässt mich nicht die Tatsache, dass Ihr mein Bein zerschlagen habt, weil ich nicht flink genug war, Euren Angriff kommen zu sehen, neben Euch alt aussehen, sondern die, dass ich ein Krüppel bin. Machen wir uns nichts vor, Elizabeth. Für jeden Mann kommt einmal der Moment, in dem er einsehen muss, dass das Leben ihm nicht mehr viel zu bieten hat."

Verstört runzelte Elizabeth die Stirn. „Ihr gebt doch nicht etwa kampflos auf? Ich will davon nichts hören, Hector." Sie rutschte näher an ihn heran und legte den Arm um seine Schultern. „Wäret Ihr nicht gewesen, hätte ich meine Fertigkeit im Kampf in den vergangenen Jahren komplett eingebüßt. Doch hättet Ihr noch Euer richtiges Bein, hätte ich Euch nicht besiegen können."

„Im Gegenteil. Ihr hättet mich tief verwundet durch Euren Schlag."

„Nein. Ich hätte nicht ausgeholt, wenn Euer Bein echt gewesen wäre. Es war eine schändliche Tat, diesen Schwachpunkt auszunutzen. Aber es ist nichts, wofür Ihr Euch schämen müsst. Im Gegenteil, ich bin die, die sich schämt. An meiner Bewunderung für Euren Mut hat sich nichts geändert." Sie reckte stolz das Kinn in die Höhe, ohne den Blickkontakt zu ihm zu unterbrechen. „Und jetzt will ich, dass Ihr hinausgeht und Euren Männern zeigt, was es heißt, einem Gegner die Stirn zu bieten. Ich stelle mich Euch für einen Gegenschlag zur Verfügung, wenn Ihr wollt."

Er kniff die Augen zusammen und sah sie abwägend an. Nach und nach jedoch verzogen sich seine Mundwinkel zu einem süffisanten Lächeln. „Es ist nicht nötig, dass Ihr das tut, glaubt mir."

„Ich schulde Euch einen Gefallen. Nur zu, löst ihn ein."

Was als Nächstes geschah, ging wie in einem unerklärlichen Traum vonstatten, der es einem unfähig machte, sich gegen die verrückt spielende Fantasie im Kopf zu wehren. Barbossa setzte sich auf. Seine Hände kamen hervor und umfingen ganz vorsichtig ihr Gesicht, so wie er es schon zuvor getan hatte, mit dem Unterschied, dass diesmal deutlich andere Absichten hinter der Berührung steckten. Verblüfft wie sie war, sah sie reglos in seine Augen und konnte das dahinterliegende Sehnen erkennen. Sie spürte ihr Herz um ein Vielfaches schneller schlagen, ohne ihrerseits etwas tun zu können, um sich zu beruhigen. Alles, was sie wusste, war, dass sie nicht Nein sagen würde, wenn er sie jetzt küssen würde.

„Ihr solltet vorsichtiger mit Euren Worten umgehen, meine Königin", setzte er im Flüsterton an. „Wir sind an Bord meines Schiffs und hier geschieht alles so, wie ich es will."

Schlagartig wurde Elizabeth aus ihrer Starre gerissen. „Eure Männer mögen Euch mit Leib und Seele gehorchen, aber der Kampf war verloren", brachte sie hastig hervor.

Er nahm die Hände runter und gab sie frei. „Nichtsdestotrotz seid Ihr jetzt hier bei mir, wie ich es immer wollte. Ist das nicht eine Ironie? Ich hätte Euch mühelos den Boden unter den Füßen wegreißen können. Letztendlich habe ich es nur nicht getan, weil ich schon unter Euch lag und Ihr so sehr außer Atem wart." Seine Augen blitzten auf, als würde sich die gesamte Weite des Meeres darin spiegeln.

„Wollt Ihr damit sagen, Ihr habt das alles geplant?"

„Nicht die Zerstörung meines Lieblingsbeins", sagte er unbehelligt. „Jedoch habe ich Euch im Gegenzug etwas geraubt, von dem Ihr Euch nie trennen wolltet."

„Wovon sprecht Ihr? Ein Teil meiner Seele hat schon lange Euch gehört, wenn Ihr das meint. Dafür hättet Ihr mich nicht gewinnen lassen oder mein Mitleid erregen müssen."

„Aye. Doch glaubt Ihr, ich hätte es bloß auf Eure Seele abgesehen? Nein. Das Herz einer Frau gewinnt man nicht, indem man sie zu etwas zwingt."

„Ihr seid Pirat, Hector. Es liegt in Eurer Natur, die Menschen zu etwas zu zwingen, was sie vielleicht gar nicht wollen."

„Haltet Ihr mich für so oberflächlich?", fragte er; es klang unerwartet bitter. „Ich hätte es wissen müssen …"

Sie lächelte sanft beim Anblick seiner verletzten Miene und setzte ihre Hand behutsam auf die linke Hälfte seiner Brust, wo sie unter ihren Fingerspitzen ein unruhiges Pochen spüren konnte. „Mein Herz wird Euch nicht mehr gehören, nur weil Ihr am Boden liegt. Es gehört Euch, wie auch meine zerrissene Seele es tut, weil uns etwas verbindet. Es ist nichts, was irgendjemand erzwingen könnte, weil es über lange Zeit gewachsen ist. Deshalb hat es Bestand und ist einzigartig."

Barbossa legte seine Hand auf ihre und sah sie durchdringend an. Ein wohliges Schaudern fuhr durch ihren Körper, das ein unglaubliches Glücksgefühl in ihr hervorrief. „Und doch werden wir nie wie die anderen sein", sagte er mit rauer Stimme.

„Die anderen?" Verlegen blinzelte sie. Ihr fehlten die Worte, um das auszudrücken, was sie empfand, doch ein paar Sekunden später dämmerte ihr, dass er schlicht und ergreifend von Will und ihr gesprochen hatte. „Hector", flüsterte sie leise, und ohne es zu wollen, nahm ihr Gesicht einen beschämten Rotton an, „ich will nicht, dass wir das, was wir haben, zerstören, indem wir uns der Illusion hingeben, wir könnten vollkommener werden, wenn wir … Manchmal fühlt es sich so an, als ob es richtig wäre. Ich meine, ich habe oft daran gedacht, aber etwas warnt mich davor. Woher wollt Ihr denn wissen, dass sich zwischen uns nichts ändern wird, wenn ich Euch meinen Körper schenke? Ist es nicht vielleicht schöner und besser, einen Traum zu leben, als zu viel zu riskieren? Ich habe Angst, Euch auch noch zu verlieren …"

Ihr Blick wanderte unbewusst zu seinen Lippen, die leicht zu vibrieren schienen, und ihre Stimme driftete mit ihren Gedanken fort, die mühelos dazu imstande waren, ihrer Fantasie Flügel zu verleihen, mit denen sie hinsichtlich ihrer verworrenen Gefühle ganze Welten durchqueren konnte. Ergeben lehnte sie den Kopf an seine Stirn und schloss die Augen. Plötzlich spürte sie, wie er die Arme um sie legte und sie an sich drückte. In diesem Moment setzte ihr Verstand vollends aus. Sie war einfach nur froh darüber, dass er bei ihr war und ihre Unsicherheit über sich ergehen ließ, denn hätte er es nicht getan, wäre sie vermutlich vor lauter Rührseligkeit und Scham umgekippt.

Erst nachdem sie seinen tiefen Atemzügen und seinem Herzschlag gelauscht hatte, wurde sie ruhiger. Beflissen öffnete sie den Mund und sagte: „Ich weiß, das alles ist schwer zu verstehen. Ihr hättet mich damals getötet, wenn es nötig gewesen wäre, um den Fluch zu brechen, der Euch und Eure Crew gefangen hielt. Aber inzwischen seid Ihr jemand völlig Anderes. Ihr seid mein einzig wahrer Freund. Und Ihr hattet immer Recht – mit allem. Ich sterbe innerlich im Haus des Gouverneurs. Ich sterbe, wenn ich bei ihm sein soll, weil ich in Wahrheit bei Euch sein will. Jede Minute, die Will fort ist, möchte ich nur mit Euch verbringen. Auf Eurem Schiff, auf dem Meer. Aber ist es auch fair Euch gegenüber? Bitte, Hector, Ihr müsst es mir aufrichtig sagen. Gebt Euch nicht irrtümlich falschen Vorstellungen von der Lust des Fleisches hin, wenn dabei auf dem Spiel steht, alles, was wir haben, was wir sind, zu zerstören."

Als sie geendet hatte, sagte er immer noch nichts. Er saß da, schien intensiv über ihre gemeinsame Zeit nachzudenken und hielt sie fest, die eine Hand flach auf ihren Rücken gepresst, um sie an sich zu drücken, die andere, die irgendwann zu ihrem Kopf hinauf gewandert war, in ihrem Haar versenkt. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, doch keinesfalls unangenehm, sondern friedfertig und schön. So sehr sogar, dass sie sich am liebsten gewünscht hätte, der Moment würde niemals enden und alles überdauern.