Lieutenant Mathew Scott sah sich aufmerksam um. Dieser Planet schien ruhig und friedlich, doch das war trügerisch. Es hatte hier für sie bereits zu viele unangenehme Überraschungen gegeben, sodass Matt sich nicht einmal halbwegs entspannen konnte.
Auch nachdem sie die Leichen der außerirdischen Crew aus dem Schiff gebracht und begraben hatten, war ihm das Wrack nicht ganz geheuer. Und nicht nur von dort ging eine gewisse Gefahr aus. Es bestand die Möglichkeit, dass Eli diese reptilienartigen Wesen direkt hierher führte, beabsichtigt oder nicht, obwohl die Wahrscheinlichkeit mit jedem verstreichenden Tag sank. Matt hatte wenig Lust in einen Kampf mit einer so gefährlich aussehenden Rasse verwickelt zu werden.
Es waren bereits drei Tage seit Elis Verschwinden vergangen und bisher gab es weder von ihm noch von irgendwelchen Außerirdischen eine Spur. Erst hatten sich die Geschehnisse überschlagen, so wie es schon oft auf ihrer Reise vorgekommen war, dann war eine Art Trauerstimmung auf dem Schiff ausgebrochen, als hätte Colonel Young Elis Tod bereits verkündet. Obwohl es keiner aussprach, ahnte wohl jeder, dass Eli allein dort draußen nicht überleben konnte. Nur ein Wunder würde noch helfen und von diesen hatten sie schon reichlich aufgebraucht auf ihrer Reise.
Nach allem was Matt mitbekommen hatte, war er selbst nicht sicher, was er glauben sollte, doch die Hoffnung hatte er definitiv noch nicht aufgegeben. Sie konnte für Eli nur beten und mussten ihm vertrauen. So wie es Rush offenbar ausnahmsweise einmal tat.
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Matt folgte Colonel Young, als dieser durch die Gänge der Destiny stürmte. Er war eigentlich auf dem Weg zum Observationsdeck gewesen, weil er nicht hatte schlafen können und Chloe mit seiner Unruhe nicht hatte wecken wollen. Doch noch bevor er sein Ziel erreichen konnte, hatte er die Funksprüche der Wachen im Torraum gehört und hatte sich auf den Weg zu ihnen gemacht. Dort hatte er Young getroffen und sobald klar gewesen war, dass keine unmittelbare Gefahr bestand, hatte Young ihm signalisiert, ihm zu folgen, leise einen ganz bestimmten Wissenschaftler verfluchend.
Als sie auf der Brücke ankamen, sah Rush nur kurz auf und arbeitete dann seelenruhig weiter, während Volker erschrocken aufsprang. „Colonel! Stimmt etwas nicht?", fragte er sofort hektisch. Youngs Gesichtsausdruck sprach Bände.
„Wieso antwortet hier keiner am Funkgerät und was ist mit der internen Schiffskommunikation passiert?", fragte er bedrohlich ruhig.
„Ich ... ähm ...", stotterte Volker und sah sich verwirrt um. Er trug keines der Geräte bei sich, doch Rush hatte eines deutlich sichtbar neben sich liegen.
„Oh, das. Die Kommunikation muss wegen der aktuellen Diagnostik aus sein. Ich dachte nicht, dass sie um die Zeit jemand braucht. Und beim Funkgerät muss mal wieder die Batterie leer sein. Wieso? Ist etwas passiert?"
Young ging schweigend zu ihm. Er drückte ihm die ausgebrannte Rauchbombe, die sie beim Torraum gefunden hatten, in die Hand und schnappte sich stattdessen das Funkgerät. Matt beobachtete die Handgriffe, die Young machte. Das Gerät war ausgeschaltet gewesen. „Hören Sie auf, Spielchen zu spielen. Die ist doch von Ihnen, oder? Sonst würde sich an Bord keiner so etwas trauen. Was führen Sie jetzt schon wieder im Schilde?"
Rushs Schweigen zeigte deutlich, dass Young ins Schwarze getroffen hatte. Soviel hatte Matt mittlerweile gelernt.
„Colonel Young, bitte kommen", unterbrach TJ das Gespräch über Funk noch bevor es richtig begonnen hatte. Young ignorierte es und wartete auf eine Antwort von Rush, doch der schwieg sich weiter aus.
„Colonel Young", wiederholte TJ mit dringlicher Stimme und Young reagierte schließlich.
„Hier Young. Kann es warten, TJ?"
„Eli ist verschwunden, stattdessen habe ich Airman Rennie bewusstlos auf der Krankenstation gefunden. Ich bekomme ihn nicht wach. Also nein, es kann nicht warten."
„Was zum Teufel ... Kümmere dich um Rennie. Ich lasse nach Eli suchen."
„Das wäre reine Zeitverschwendung", warf Rush gelassen ein.
Young warf ihm einen stechenden Blick zu, sodass Rush sich endlich erklärte, noch bevor Young erneut nachhaken konnte.
„Eli ist schon längst nicht mehr auf dem Schiff. Er hat seinem Wachhund das Schlafmittel von TJ in den Saft getan und hat die Ablenkung genutzt, um durch das Tor zu gehen." Rush nahm die Rauchbombe, die umfunktionierte Hülle eines ehemaligen fliegenden Auges, und warf sie ein paar Mal in die Luft, um sie dann wieder aufzufangen. „Das hier war nur eine Ablenkung, um ungehindert durch ..."
Young ließ Rush nicht zu Ende sprechen. Wütend packte er ihn mit beiden Händen am Jackett und brachte ihre Gesichter nahe zusammen. Die Rauchbombe landete mit einem Scheppern auf dem Boden.
„Sie wussten davon?"
„Lassen Sie los", entgegnete Rush nur ruhig. Er schien darauf aus, nicht auf Youngs Ausbruch einzugehen. Eine gefährliche Taktik, denn oft machte es den Colonel nur noch wütender, diesmal schien es ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er beruhigte sich sichtlich, löste seine Hände und trat einen Schritt zurück. Rush strich sein Jackett glatt, bevor er endlich antwortete. „Natürlich wusste ich es. Alleine hätte er das nicht so schnell geschafft. Was glauben Sie, wer die Türen blockiert hat?"
„Was zum Teufel stimmt nicht mit Ihnen?", fragte Young. Er sah aus, als würde er jeden Moment wieder auf Rush losgehen.
„Haben Sie es noch nicht verstanden? Oder bereits wieder vergessen? Eli ist nicht wie Sie oder ich, wie Ihre Soldaten oder wie die anderen Wissenschaftler an Bord. Bei all seiner Genialität ist er doch noch ein Junge. Er handelt aus dem Bauch heraus und mit dem Herz, meistens überstürzt und sicherlich nicht immer bis zum Schluss alle Konsequenzen durchdacht. Wenn er eine Lösung sieht, dann lässt er sich davon nicht abhalten. Wir können ihn nicht heilen, die Erschaffer der Naniten schon. Er kennt den Weg zu ihnen. Das ist sein Lösungsweg. Hätte ich ihm nicht geholfen, hätte er eine andere Möglichkeit gefunden. Es ist besser so. Gesund nutzt er uns mehr."
Diesmal schlug Young so schnell zu, dass selbst Matt die Bewegung nicht hatte kommen sehen.
„Colonel!", rief Matt und wollte dazwischen gehen. Er hätte Rush am liebsten selbst eine verpasst, doch dass das der falsche Weg war, hatten sie bereits auf die harte Tour feststellen müssen. Young beließ es zum Glück bei dem einen Schlag. Matt stellte sich nur ungern gegen seinen Vorgesetzten.
Rush war ein paar Schritte rückwärts gestolpert, bevor er sich fangen konnte. Er berührte seinen lädierten Mundwinkel und sah dann auf die kleine Spur Blut an seiner Fingerspitze. Als er wieder aufsah, war die Überraschung in seinem Gesicht seiner üblichen neutralen Maske gewichen. „Schon gut. Ich habe mich etwas unglücklich ausgedrückt. Hören Sie, ich weiß, dass es hier nicht um irgendjemandes Nutzen geht. Ich will genau wie jeder andere an Bord, dass Eli wieder gesund wird. Glauben Sie wirklich, ich hätte das zugelassen, wenn ich einen anderen Weg gesehen hätte?"
„Das spielt keine Rolle. Diese Entscheidung lag nicht bei Ihnen", erwiderte Young. Er starrte Rush wütend an, bevor er sich an Matt wandte. „Lieutenant, stellen Sie ein Team zusammen. Holen Sie Eli zurück."
"Das ist Zeitverschwendung", wiederholte Rush und trat wieder hinter seine Konsole. Wahrscheinlich um einen Sicherheitsabstand zwischen sich und Young zu bekommen. Matt war sich nicht sicher, aber seine Worte klangen resigniert.
"Sie können vielleicht herausfinden, welchen Planeten er von hier aus angewählt hat, aber das war es dann auch schon. Im Gegensatz zu den Toren der Milchstraße und der Pegasusgalaxie sind die Tore der Vorhutschiffe vereinfacht und haben keine eigene Speicherkapazität. Das wird über die Fernbedienungen geregelt. Es gibt keine Möglichkeit herauszufinden, welchen Weg Eli gegangen ist, solange wir nicht seine Fernbedienung haben. Den Weg kennt nur er selbst und er dürfte mittlerweile ein Dutzend Planeten hinter sich gebracht und sein Ziel erreicht haben."
"Woher hat er diese Adressen überhaupt?", fragte Matt, während Volker neben ihm das Gespräch nur stumm verfolgte. Matt bekam das Gefühl, dass der Mann am liebsten verschwinden würde und er konnte es verstehen.
"Von dem anderen Eli. Der hatte offenbar auch nicht sonderlich viel Vertrauen in unsere Fähigkeiten eine Lösung zu finden. Eli dachte, dass Sie ihm niemals erlauben würden diesen Weg zu gehen und ich teile diese Einschätzung. Glauben Sie nicht, dass es mir leicht gefallen ist, Eli gehen zu lassen. Er ist der Letzte, der da draußen alleine und unbewaffnet unterwegs sein sollte, aber sie sollten etwas Vertrauen in ihn haben."
"Vertrauen, ja? Wir werden sehen, wie viel davon noch übrig ist, wenn er nicht zurückkommt und Sie seiner Mutter sagen, dass Sie ihn in den Tod geschickt haben."
"So einfach geben Sie ihn auf?", erwiderte Rush ohne zu zögern.
Matt musste kein Gedankenleser sein, um zu sehen, dass Young in einer Zwickmühle steckte. Es gab kaum etwas, womit er Rush noch unter Druck setzen konnte. Für den Moment waren alle Karten ausgespielt, soweit Matt es wusste. Young konnte Rush nicht einmal unter Arrest stellen, weil sie ihn brauchten. Jetzt wo Eli weg war, erst recht. Würde Young ihn bestrafen, würde das beim nächsten Problem nur wieder auf ihn zurückfallen oder sogar auf die ganze Crew. Diese ewigen Machtspielchen waren ermüdend, schon allein beim Zusehen, und sie führten zu nichts. Sie würden wohl niemals aufhören, egal wie sehr sie sich einander annäherten, dafür waren Rush und Young zu verschieden in ihrer Art und ihren Zielen.
"Colonel?", fragte Matt unsicher, was er nun tun sollte.
"Wecken Sie Brody. Er soll sich die Tore ansehen. Ich will eine zweite Meinung von ihm." Dabei warf er Rush einen finsteren Blick zu, der deutlich machte, dass das mit dem Vertrauen zwischen ihnen nach wie vor nicht funktionierte. "Und sagen Sie allen Bescheid …" Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr, es war noch mitten in der Nacht. "Sie sollen sich um Nullachthundert im Torraum versammeln, auch alle vom Planeten. Ich werde eine Mitteilung machen."
"Ja, Sir."
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Brody hatte Rushs Aussage nach einem ausgiebigen Check bestätigt, wodurch sie zum Nichtstun verdammt waren. Zumindest was Eli betraf. Doktor McKay war direkt zur Erde zurückgekehrt und hatte so auch die schlechten Neuigkeiten übermittelt. Auf der Destiny und den Planeten gab es unterdessen genügend Dinge, die ihrer Aufmerksamkeit bedurften.
Trotz der Gefahr, dass die Außerirdischen auftauchen konnten, hatte Young schließlich einem kleinen Team von Wissenschaftlern erlaubt, einen Ausflug zu dem Wrack zu machen, um so viele Informationen wie möglich zu sammeln und Proben zurück an Bord zu bringen. Vielleicht würde ihnen das irgendwie weiterhelfen.
Matt rieb sich über sein verschwitztes Gesicht und warf einen Blick zum Schiffswrack, wo einige Wissenschaftler jedes kleinste Detail untersuchten und notierten. Am Anfang waren sie noch recht zögerlich gewesen, wahrscheinlich auch, weil der Weg vom Tor zum Wrack nicht gerade ein Spaziergang war. Doch jetzt waren sie wie Kinder in einem Spielzeugladen. Sie hatten offenbar alles andere um sich herum vergessen, was wieder einmal deutlich machte, wie dringend sie Matt und sein Team brauchten.
Rush war nicht unter ihnen. Es schien, als konnte Young wenigstens bei ihm das Verbot der Torreisen durchsetzen, aber Matt traute dem Frieden nicht. Wahrscheinlich hätte Rush sich längst gegen den Befehl aufgelehnt, wenn er nicht so sehr mit der Destiny beschäftigt wäre und tatsächlich zum Wrack gewollt hätte.
Alles Grübeln brachte jedoch nichts. Im Moment hatte er nur eine Aufgabe und die hieß, wachsam sein und für die Sicherheit der Wissenschaftler sorgen, selbst wenn die einzige Gefahr weit und breit ein Hitzschlag zu sein schien.
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TJ seufzte leise, rieb sich den verspannten Nacken und blinzelte, um ihren Blick wieder zu schärfen. Stundenlang durch das Okular zu starren war nicht nur für ihre Augen ermüdend. Doch so viele Fortschritte sie auch machte, der Berg an Proben schien nicht kleiner zu werden. Sie würde sich darüber nicht beschweren, denn diese Vielfalt war ein Geschenk, nur die Routine war längst nicht dazu gemacht, ihre wandernden Gedanken abzulenken. Sie drehten sich im Kreis und ihr war bewusst, dass ihre Stimmung nicht weniger betrübt war, als die vom Rest der Crew. So war es schwer, die Fassade aufrechtzuerhalten.
Nach einem Blick auf die Uhr beschloss sie, noch eine Stunde weiter zu machen, bevor sie es für heute gut sein ließ. Es brachte alles nichts. Sie wollte sich wieder ihren Notizen zuwenden, doch Schritte gefolgt von einem leisen Klopfen an der Tür hielten sie davon ab. Als sie sich umdrehte, lehnte Varro im Türrahmen, die Arme locker vor der Brust verschränkt.
„Hallo Tamara."
„Hallo, du bist zurück vom Planet?" TJ schenkte ihm ein schwaches aber ehrliches Lächeln.
„Ja, ich bin mit dem letzten Personalwechsel zurückgekommen."
„Ah. Was kann ich für dich tun?"
„Ich wollte nur mal vorbeischauen und sehen, ob du vielleicht etwas Hilfe gebrauchen kannst."
TJs Lächeln wurde ein wenig stärker. „Hilfe weniger, aber ich hätte nichts gegen ein wenig Gesellschaft." Unbewusst rieb TJ sich erneut über Nacken und Schulter. Varro trat näher und schob sanft ihre Hand beiseite. „Lass mich dir damit helfen. Stundenlang so zu sitzen, muss anstrengend sein."
„Es geht." Sie zögerte, doch sie widerstand dem Reflex, Varros Hand beiseite zu schieben. Sie wollte auch nicht hinterfragen, woher er plötzlich die Courage hatte, so nahe zu kommen. Stattdessen ließ sie ihren Kopf langsam nach vorne sinken und schloss die Augen, während die großen, kräftigen Hände ihre verspannten Muskeln massierten. Eine wohlige Gänsehaut machte sich auf ihrem Körper breit.
„Wie geht es deinen Verletzungen? Ich hatte keine Gelegenheit mehr, dich durchzuchecken."
„Es ist alles verheilt. Ich bin wie neu. Um mich musst du dir also keine Gedanken machen."
„Wenigstens eine gute Nachricht."
Für einige Minuten herrschte angenehmes Schweigen zwischen ihnen. TJ sank langsam zurück und lehnte schließlich gegen Varros kräftigen Körper. Sie fühlte sich so sicher wie schon lange nicht mehr.
„Denkst du, Eli hat allein da draußen eine Chance?", fragte sie unvermittelt. Sie hatte sich kaum getraut, diese Frage anderen zu stellen, weil sie weder das optimistische ‚ihm geht es gut' glauben konnte, noch das pessimistische ‚er ist schon längst tot' hören wollte. Doch sie konnte das das nicht ewig für sich behalten und Varro schien ihr die beste Wahl, da er emotional nicht so mit Eli verbunden war, wie die meisten an Bord.
Das Bild eines anderen Varros, der sich schützend vor einen kämpferischen Eli stellte, erschien vor ihrem inneren Auge. Es war noch immer schwer zu glauben, dass es da draußen andere Versionen von ihnen gab, die andere Entscheidungen trafen, andere Menschen liebten, und ihnen doch ähnlich waren.
Die Hände auf ihren Schultern hatten kurz inne gehalten, bevor sie genauso sanft wie zuvor fortfuhren, begleitet von Varros kräftiger Stimme. „Eli ist offenbar sehr einfallsreich und nachdem, was ich gehört habe, ist er davon überzeugt, dass er es schaffen kann. Wieso fragst du mich das? Nahezu jeder hier kann Eli besser einschätzen als ich."
„Ja, aber du kennst dich damit aus, wie man überlebt und ich dachte, weil der andere... uhm, nicht so wichtig." Sie wurde verlegen, machte eine wegwerfende Geste und versuchte die Motivation zu sammeln, ihre Aufgabe fortzusetzen. Das war gerade alles andere als einfach.
Die Hände auf ihren Schultern wurden langsamer und aus dem Massieren wurde ein sanftes Streicheln. Dann konnte sie eine warme Berührung auf ihrem Scheitel spüren, Varros Lippen. Sie wusste nicht, wann sie diesen Punkt der Vertraulichkeit erreicht hatten. Es musste irgendwann in den letzten Tagen passiert sein, während eines Besuchs im Camp. Es war überraschend und zugleich angenehm. Sie wehrte sich nicht dagegen.
„Ist es wegen der Beziehung, die unsere Besucher aus dem anderen Universum nicht versteckt haben?", führte Varro ihr Gespräch weiter. „Um deine Gedanken zu beruhigen, würde ich nur zu gern sagen, dass Eli zurückkehren wird, aber er ist nicht der ausgebildete Kämpfer, den wir getroffen haben. Unabhängig davon, kann ich nur genauso darüber spekulieren, was ihn erwartet, wie jeder andere. In einem Kampf, bewaffnet oder nicht, hat er realistisch gesehen wohl keine Chancen, aber wenn es darum geht, mit Verstand ein Problem zu lösen, solltest du die Hoffnung noch nicht aufgeben. Das scheint seine größte Stärke zu sein, neben seinem losen Mundwerk."
TJ musste unwillkürlich lächeln und ließ sich die Worte durch den Kopf gehen. Letztlich bestätigten sie nur das, was sie auch schon die ganze Zeit gedacht hatte. Es gab nur eine Person, die ihnen Gewissheit geben konnte, und das war Eli selbst.
„Stört dich das gar nicht?", fragte TJ leise.
„Was soll mich stören?"
„Dass der andere Varro mit einem Mann zusammen ist."
„Was interessiert mich das Leben des anderen? Wenn ich das richtig verstanden habe, dann gibt es da draußen unzählige Versionen von mir. Ich könnte in jedem einzelnen Kampf, den ich überlebt habe, gestorben sein. Vielleicht würde meine Frau noch leben und ich hätte die Destiny nie betreten. Ich könnte mich gegen die Crew der Destiny gestellt haben und hätte dich nie auf diese Art kennengelernt. Jemanden an meiner Seite zu haben, der so witzig und intelligent ist wie Eli, scheint da wirklich keine schlechte Variante zu sein. Aber jede einzelne dieser Möglichkeiten ist letztlich jenseits unserer Reichweite. Uns gibt es in dieser Welt nur einmal und ich bin recht zufrieden, da wo ich im Moment stehe."
TJ verstand den Wink. Ja, ihr gefiel auch, wo sie standen. Von Tag zu Tag mehr.
Sie dachte daran, wie Eli Everett manchmal angesehen hatte. Das war ihr durchausaufgefallen. Auch wie sehr Everett Elis verschwinden mitnahm. Ihre Gefühle was das betraf waren zwiegespalten und das Thema war auf lange Sicht nicht zu ignorieren, sollte Eli zurückkehren. „Es gibt Menschen auf der Erde, die das nicht ganz so unkompliziert sehen. Und sicherlich genug an Bord, die die verschiedenen Varros und Elis nicht so deutlich unterscheiden können. Wundere dich also nicht, wenn dich jemand darauf anspricht und zögere nicht, mir Bescheid zu sagen. Solche Probleme können wir an Bord nicht auch noch gebrauchen."
„Ihr Menschen von der Erde seid wirklich kompliziert."
„Das stimmt wohl."
„Aber es geht auch einfach. Mach Schluss für heute. Die Proben laufen nicht davon und du siehst müde aus." Varro strich TJ über die Wange und sah sie offen an. Sie nickte zustimmend. Sie hatte keine Kraft mehr, sich gegen seine Aufmerksamkeit zu wehren. Eine Hand legte sie über seine und lehnte sich näher in die Berührung, dann streckte sie sich ein wenig und küsste ihn. Nicht leidenschaftlich und feurig, sondern langsam, sanft und haltsuchend. Alles andere würde von allein folgen. Bald.
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Chloe saß nachdenklich auf Elis Bett und ließ ihren Blick umherschweifen. Die Wände waren voll mit Bildern und Berechnungen. Kleinigkeiten lagen überall herum. Alles war so, wie Eli es verlassen hatte, als würde er jeden Moment wiederkommen.
Sie vermisste ihn.
Die letzte Zeit war hart gewesen, doch durch Elis häufige Aufenthalte in der Krankenstation hatten sie viel Zeit zum Reden gehabt. Es waren nur Kleinigkeiten gewesen, aber es hatte sie wieder näher zusammengebracht. Dass Eli ihr trotzdem nicht alles erzählt hatte, wusste sie nun, denn sie hatte keine Ahnung von seinen Plänen gehabt. Der Eli, der sich von Bord geschlichen hatte, war ihr vollkommen fremd.
Ein Geräusch an der Tür ließ sie auf sehen. Ihr Herz setzte aus, schlug dann umso schneller weiter, aber natürlich war es nicht Eli.
„Doktor Rush."
„Miss Armstrong", erwiderte er den Gruß knapp und trat an den Tisch mit Elis Notizen. Chloe beobachtete ihn schweigend dabei, wie er nicht sonderlich gezielt etwas zu suchen schien.
„Was suchen Sie denn?", fragte sie, als er das gleiche Blatt zum zweiten Mal in die Hand nahm und wieder beiseitelegte.
„Berechnungen, aber in dem Chaos ist das wohl sinnlos."
„Kann ich helfen?"
„Nein", erwiderte er abweisend.
Chloe stand langsam auf und trat näher. „Sie müssen keinen Vorwand erfinden, um hier zu sein."
„Was?" Rush sah sie irritiert an, als würde er sie jetzt erst richtig wahrnehmen.
Chloe verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte seinen Blick herausfordernd. „Sie hatten jetzt dreimal das gleiche Blatt in der Hand, ohne wirklich hinzusehen."
„Machen Sie sich nicht lächerlich, Miss Armstrong."
Sie lächelte. „Sie können es abstreiten, so viel sie wollen, aber es ist offensichtlich, dass er ihnen auch fehlt."
„Wohl kaum, er ist ja gerade einmal sechs Tage weg."
Chloe verkniff sich eine Bemerkung dazu, dass Rush das ohne zu zögern so genau wusste, wo er sonst doch gerne jegliches Zeitgefühl zu verlieren schien.
„Und wenn, dann nur, weil er einer der wenigen ist, mit denen man die Arbeit an Bord wirklich erledigt bekommt", fügte er noch hinzu, was wenig glaubhaft wirkte.
Chloe beließ es dabei. Sie wollte Rush nicht aus der Reserve locken. Ein Teil von ihr nahm es ihm übel, dass er Eli hatte gehen lassen, doch der wurde mittlerweile von einem weitaus größeren Teil aus Hoffnung und Verstehen überwogen. Nach der langen Zeit an Bord der Destiny bekam sie langsam Übung darin, ihn zu lesen.
Sie wandte sich zum Gehen, verließ den Raum aber noch nicht.
„Denken Sie, er wird zurückkommen?", fragte sie leise. Schweigen antwortete ihr und ließ ihre Hoffnung schrumpfen. Was hatte sie auch erwartet.
„Eli ist einer der einfallsreichsten Menschen, die ich kenne, und immer für eine Überraschung gut", antwortete Rush dann doch noch. Sie dachte, das wäre alles, doch nach einer Pause, sprach er weiter. „Und auch wenn das keiner an Bord zu glauben scheint: mir ist bewusst, dass ich verantwortlich für das bin, was mit ihm passiert ist. Zu glauben, dass Eli gesund zurückkommt, so gering die Chancen auch sind, ist die einzige Rechtfertigung dafür, was ich getan habe."
Chloe wandte sich um und umarmte Rush stürmisch. Der ließ es überrascht und starr über sich ergehen. Sie ließ ihn schnell wieder los, noch bevor er sie von sich weisen konnte. „Eli hatte vollkommen recht, Sie sind gar nicht so übel, wie Sie immer tun."
Rush sah sie misstrauisch an. „Bitte bedenken Sie, dass Eli schon seit längerem nicht mehr ganz bei Verstand ist." Sie sah ihn entgeistert an und lachte dann befreit auf. Der Widerspruch in Rushs Worten war zu offensichtlich. „Ja, das dachte ich auch. Ich werde Sie dann weiter Ihrer Suche überlassen. Gute Nacht."
„Gute Nacht", entgegnete Rush automatisch und Chloe kehrte zu dem Quartier zurück, dass sie sich mit Matt teilte. Sie fühlte sich ein wenig leichter.
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Nicholas blieb allein zurück. Im Gegensatz zu Chloe setzte er sich nicht aufs Bett. Er blieb am Schreibtisch stehen, doch seine ziellose Suche hatte er aufgegeben. Für einen Moment gestattete er es sich, seinen Gedanken nachzuhängen.
Die wenigsten Crewmitglieder reagierten wie Chloe. Er hatte so schon kaum Sympathien, aber dass er Eli geholfen hatte, schien nur eine Handvoll zu verstehen. Der Rest behandelte ihn, als hätte er einen Mord begangen. Vielleicht war es das indirekt sogar, doch er würde sich dadurch nicht von seiner Einstellung, das Richtige getan zu haben, abbringen lassen. Jetzt konnte er daran auch nichts mehr ändern.
Die Frage war, ob Young darüber hinwegkommen würde, denn Nicholas musste gestehen, dass es sich tatsächlich einfacher arbeiten ließ, wenn sie beide an einem Strang zogen. Ob das in nächster Zeit noch möglich war, schien unwahrscheinlich. Seit ihrem letzten Gespräch auf der Brücke waren sie sich jedenfalls erfolgreich aus dem Weg gegangen. Er dachte ungern daran.
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Nachdem Matt die Brücke verlassen hatte, um Brody zu finden, warf Nicholas einen kurzen Blick zu Dale, der sich hastig seinen Monitoren zuwandte. Ihm war deutlich anzusehen, dass er sich nicht wohl fühlte, aber das war nichts Neues. Der Mann hatte noch immer kein Rückgrat und das damit verbundene Durchsetzungsvermögen entwickelt.
Young wandte sich wortlos ab und wollte offenbar ebenfalls gehen.
„Bekomme ich diesmal gar keine Strafe?", fragte Nicholas, bevor er sich bremsen konnte, einen herausfordernden Unterton in der Stimme, und Young hielt in der Bewegung inne.
„Was wäre denn Ihrer Meinung nach angebracht?", antwortete er verdächtig ruhig. „Was für eine Strafe würde tatsächlich Wirkung zeigen? Torreisen habe ich Ihnen bereits untersagt und damit die Chance das Wrack der Außerirdischen selbst zu untersuchen. Das einzige, was ich Ihnen nehmen könnte, wäre die Arbeit an den Systemen, doch genau das geht nicht, weil das verdammt noch Mal Ihr Job ist. Also irgendwelche Vorschläge? Abgesehen davon, dass Sie sowieso der Meinung sind, nichts falsch gemacht zu haben?"
Nicholas schwieg. Nicht nur, weil er darauf keine Antwort wusste, sondern auch, weil ihm klar war, dass jedes weitere Wort zu viel sein würde. Es war nicht seine Absicht, den Colonel so zu reizen.
Everett verließ die Brücke schließlich ohne eine Antwort auf seine Frage zu geben oder zu bekommen.
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Lisa saß auf einem Campingstuhl am Rande des Lagers und lauschte auf ihre Umgebung. Ohne Augenlicht gab es hier nichts für sie zu tun. Sie hatte den Aufenthalt aus eben diesem Grund abgelehnt, doch TJ hatte darauf bestanden, dass sie trotzdem ging. Die frische Luft und das Tageslicht würden ihr gut tun, hatte sie gesagt. Lisa stritt das auch nicht ab, doch sie fühlte sich hier einfach nicht sicher. Wenn man nichts als die Geräusche um sich herum hatte, dann wurden einem die Unterschiede zur Erde erst richtig bewusst. Chloe hatte ihr die Umgebung beschrieben, die so vertraut schien, doch allein schon die Abwesenheit von Vogelgezwitscher machte sie nervös. Andere unbekannte Geräusche ersetzten die vertrauten Tierlaute.
Dass sie sich hier nicht orientieren konnte und alleine niemals zum Tor zurückfinden würde, machte das Gefühl der Hilflosigkeit nur noch schlimmer.
Schritte näherten sich ihr, trockene Zweige knackten. Lisa wandte sich in die entsprechende Richtung.
„Hallo Lisa, ich bin es, Kentra. Darf ich dir ein wenig Gesellschaft leisten?"
Lisa erkannte die sanfte Stimme der Frau und nickte langsam. Sie hatte sich schon gefragt, wer als nächstes dran sein würde. Es war ihr unangenehm, dass immer jemand für sie den Babysitter spielen musste, so lange sie hier war. Letztlich war sie dankbar, dass es Airman Richmond getroffen hatte und nicht wieder einen ihrer wortkargen oder peinlich berührten Kameraden.
„Hallo Kentra."
„Gib mir deine Hand", forderte Kentra und Lisa sah misstrauisch zu ihr. Versteckt hinter der Sonnenbrille von Ron war es nicht so schlimm, wenn sie die Richtung dabei nicht hundertprozentig traf.
„Vertrau mir." Kentra wartete gar nicht weiter ab, sondern nahm Lisas rechte Hand und drückte ihr dann etwas Weiches in die offene Handfläche.
„Was ist das?"
„Beeren. TJ hat sie freigegeben."
Lisa roch vorsichtig daran. Sie rochen fruchtig und süß. Etwas was in ihrem Alltag zu einer Seltenheit geworden war. Dann probierte sie. „Die sind wirklich gut."
„Chloe hat am ersten Tag eine ganze Lichtung voll davon gefunden. Ich zeig sie dir, komm."
Lisa sank deprimiert in ihren Stuhl zurück. „Das wird wohl kaum funktionieren."
„Lass den Kopf nicht hängen, du hast doch noch viel mehr Sinne. Du kannst riechen und hören und ich kann dir alles beschreiben. Na los." Bevor Lisa reagieren konnte, hatte die zierlich wirkende Frau sie an den Händen gefasst und sie auf die Beine gezogen. Sie hakte sich unter und Lisa blieb nichts anderes übrig, als mit ihr zu laufen.
Kentra ließ es sich nicht nehmen ihr jedes Detail ihrer Umgebung genau zu beschreiben. Die Farben, die Formen, einfach alles. Das vage Bild, das Lisa bereits nach Chloes Erklärungen im Kopf hatte, wurde immer genauer. Bevor sie es sich versah, ließ sie sich von Kentras fröhlicher Stimmung mitreißen. Für eine Weile vergaß sie die negativen Gedanken und konnte sich zum ersten Mal seit sie auf dem Planeten angekommen war, entspannen. Auf diese Weise verging die Zeit wie im Flug.
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Elf Tage. Es waren bereits elf Tage vergangen seit Eli gegangen war.
Elf Tage seit Young sich wieder einmal mit schlechten Nachrichten vor die Crew gestellt hatte.
Elf Tage in denen die Stimmung an Bord sich nun schon an einem Tiefpunkt befand. Jeder einzelne Tod traf sie hart, doch Eli war etwas anderes. Er war so etwas wie das Herz des Teams. Am Anfang hatte wohl jeder gehofft, dass Eli zurückkam, doch mit jedem Tag wurden es mehr, die glaubten, dass Eli schon längst Tod war. Wieso sonst sollte er so lange brauchen?
Selbst Rush schien gegen die sinkende Stimmung nicht immun zu sein. Er blieb für sich selbst, blaffte jeden an, der ihn störte. Das war an sich nichts Neues. Doch es schien, als würde er noch finsterer gucken als sonst, noch gemeiner sein und mehr in sich gekehrt. Das merkte Dale mehr als deutlich und es wurde von Tag zu Tag unerträglicher sich in Rushs Nähe aufzuhalten.
Als wäre das nicht genug, hatte auch Youngs Verhalten sich deutlich verändert. Er war schlecht gelaunt und brütete vor sich hin. Was man in der Kommunikation zwischen Rush und Young einmal als Fortschritt hatte beobachten können, war dahin. Die beiden schienen sich komplett aus dem Weg zu gehen. Es herrschte Eiszeit.
Seit elf Tagen war Eli fort und auf der Destiny herrschte so etwas wie Stillstand. Dass sie nicht weiter flogen und sich nur von Tag zu Tag durch neue Reparaturen arbeiteten, verstärkte dieses Gefühl noch. Kleine und große Erfolge, wenn wieder eine Energieleitung mehr nachgebessert, oder wenn eine weitere Sektion wieder zugänglich gemacht worden war, wurden von der gedrückten Stimmung geschluckt. Selbst die vielen aufregenden Erkenntnisse, die sie aus dem Wrack gewonnen hatten, hatten einen konstanten faden Beigeschmack.
Langsam wurde das wirklich deprimierend.
Dale hatte genug davon. Deshalb steuerte er nach seiner Schicht auch direkt Brodys Destillerie an. Dank des reichen Nahrungsangebotes auf den Planeten, mit denen sie verbunden waren, hatte Brody auch endlich wieder für alkoholischen Nachschub gesorgt. Das Zeug brannte einem noch immer die Kehle weg, aber der Ingenieur schien seine Künste immer weiter zu verfeinern. So langsam bekam das Zeug sogar einen annehmbaren Beigeschmack, abhängig davon welches außerirdische Grünzeug er als Quelle verwendete.
Als Volker den Raum betrat, blieb er einen Moment irritiert stehen. Von der eigentlich bedrückenden Stimmung war hier nichts mehr zu spüren. Eine Gruppe hatte sich am größten der Tische gebildet und schien ausgelassen zu feiern. Lisa gehörte dazu. Brody stand hinter der Theke und lächelte.
Brody lächelte sonst nie.
Dale ging zu ihm und setzte sich auf einen der Barhocker. „Was gibt es denn da zu feiern?"
„Cocktail-Testtrinken. Becker hat Säfte aus der Küche abgezweigt und jetzt wird darüber diskutiert, welche Kombinationen am besten aussehen und schmecken." Dale warf erneut einen Blick zu dem Tisch, doch da sie alle die gleichen Becher verwendeten, konnte er nichts erkennen.
„Dann nehm ich auch einen."
„Einmal Cocktail kommt sofort." Brody füllte etwas von dem Selbstgebrannten in einen Becher, kippte zwei verschiedenfarbige Flüssigkeiten hinterher und warf dann noch locker aus dem Handgelenk eine Beere hinterher, die mit einem Blobb landete und unterging. An Brody war offenbar ein begabter Barkeeper verloren gegangen.
Dale nippte an dem Drink. Das Brennen des Alkohols war unverändert, doch diesmal folgte ein fruchtiger Geschmack. Er war gewöhnungsbedürftig, doch er konnte nachvollziehen, wie bei dieser Abwechslung alle anderen offenbar bereits ordentlich etwas intus hatten. Er nickte Brody knapp zu und ging dann hinüber zu der fröhlichen Truppe. Es wurde Zeit die düsteren Gedanken zu vertreiben, wenigstens für eine Nacht.
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Matt wusste, dass er definitiv zu viel getrunken hatte. Der Kater am nächsten Morgen würde mörderisch werden, doch das war es ihm wert. So gelöst wie an diesem Abend war die Stimmung schon lange nicht mehr gewesen, diese Ablenkung war es, was sie dringend benötigt hatten. Und der Abend war auch noch nicht vorbei, obwohl es bereits weit nach Mitternacht sein musste.
Er war mit Chloe auf dem Weg zu ihrem gemeinsamen Quartier, doch das Laufen gestaltete sich weit schwieriger als es sein sollte. Sie schwankten und stolperten mehr als dass sie gingen, denn auch Chloe hatte reichlich getrunken. Sie lachten albern und konnten dabei kaum die Hände voneinander lassen. Weil sie sich alle paar Meter hungrig küssten, kamen sie kaum voran. Matt hatte reichlich zu tun, um Chloe davon abzuhalten, in Mitten des Korridors über ihn herzufallen. Er hatte nicht gewusst, dass zu viel Alkohol eine solche Wirkung auf sie hatte.
Plötzlich löste Chloe sich von ihm, lachte auf und wandte sich um. „Fang mich!", rief sie übermütig und rannte überraschend sicher den Korridor entlang. Matt sah ihr einige Sekunden perplex hinterher, bevor er ihr folgte, deutlich langsamer, als er es im nüchternen Zustand gekonnt hätte.
„Chloe, warte!" Matt holte sie schließlich an der Tür zum Observationsdeck ein, doch sie entwischte ihm sofort wieder und begann ausgelassen durch den großen, leeren Raum zu tanzen.
Er würde sich niemals darüber beschweren, sie so fröhlich zu sehen, doch eine leise, besorgte Stimme in seinem Kopf war der Meinung, dass etwas nicht stimmte. „Willst du nicht mit ins Bett kommen?", fragte er und hoffte, dass sie sich beruhigen würde.
„Noch nicht", erwiderte sie knapp und tanzte weiter. Matt versuchte halbherzig sie einzufangen, doch kaum war sie in seiner Nähe, wirbelte sie auch schon wieder davon. Übermütig begann sie auf den Bänken herumzuspringen.
„Chloe, was ist los mit dir?"
„Was soll mit mir sein?" Chloe nahm Anlauf und sprang auf einen der Tische, wo sie sich lachend im Kreis drehte und wacklige Yogafiguren vollführte.
„Chloe, komm jetzt runter, du verletzt dich noch."
Sie lachte nur, blieb dann aber abrupt stehen. „Mir ist auf einmal so schwindlig."
„Kein Wunder, so wie du herumspringst. Dir wird noch schlecht werden." Er ging auf sie zu, um sie endlich herunterzuholen, doch noch bevor er sie erreicht hatte, sackte sie ohnmächtig zusammen.
„Chloe!"
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10 Monate! Oh Mann, es tut mir echt leid, dass es so ewig gedauert hat. Der Grund ist einfach: ich bin umgezogen. Neue Stadt, neuer Job, neue Wohnung, alles neue. Details dazu und was euch von mir sonst so schreiberisch noch erwartet findet ihr auf meiner Facebookseite 'Split words'.
Ich hoffe, euch hat das Kap ein wenig gefallen, auch wenn es eher ruhig zugeht.
