Kapitel 10: „Flucht im Morgengrauen"
Tiny!, dachte Gillian grimmig.
Er steckte hinter all dem!
Dauernd prophezeite er den Leuten irgendwelche Sachen, sagte ihnen, es sei ihr Schicksal, und es wäre vorherbestimmt… und die Leute taten, was er sagte, weil sie dachten, sie hätten keine andere Wahl.
Steve wäre von alleine nicht auf solche Ideen gekommen, es waren Tinys Einflüsterungen, die ihn vergifteten…
Was wollte Tiny? Die ganze Welt in Chaos stürzen…?
Ja.
Wahrscheinlich wollte er genau das.
Er war verantwortlich für den Krieg der Narben. Er hatte Vampire und Vampaneze aufeinander gehetzt, nachdem sie Jahrhunderte lang friedlich nebeneinander existiert hatten.
Er hatte dafür gesorgt, dass Gillian Steve zum Lord der Vampaneze machte.
Wahrscheinlich hatte er auch die Jäger gegen sie gehetzt…
Tiny inszenierte all diesen Wahnsinn.
Sie würde Steve vor ihm warnen müssen. Sie musste mit ihm reden, musste ihm klarmachen, dass er nur ein Spielball von Tinys Machenschaften war.
Dass sie alle nur Spielbälle waren…
Sie musste Steve die Augen öffnen.
Sie musste verhindern, dass die Menschen von der Existenz der Vampire erfuhren.
Und sie musste verhindern, dass man Larten Crepsley in eine Zelle steckte, wo er dem Sonnenlicht ausgesetzt war.
Gillian flittete eine Strasse herab, und blieb schwer atmend an einer menschenleeren Kreuzung stehen.
Ihre Eingeweide meldete sich rumpelnd, und Gillian keuchte auf, als ein Schmerz sie durchfuhr.
Sie presste die Hände auf den Unterleib und stöhnte.
Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, sie bekam ihre Monatsblutungen.
Gillian lachte trocken auf.
Aber das war unmöglich.
Sie hatte nicht mehr wie eine Frau geblutet, seit sie eine Halbvampirin geworden war.
Das waren keine Regelschmerzen, auch wenn sie sich so ähnlich anfühlten.
Das war ER.
Etwas bewegte sich in ihr und Gillian verzog ängstlich das Gesicht.
Kalter Schweiß brach ihr aus.
Seit dem Dschungel, seit sie den Schatten des letzten der Schattentänzer in sich aufgenommen hatte, fühlte sie immer mal wieder, wie ETWAS aus ihr heraus wollte.
Es war der Schatten.
Er hatte seinen eigenen Willen.
Noch kontrollierte sie ihn, zwang ihn unter ihren Befehl.
Aber Gillian fürchtete sich davor, was passieren könnte, wenn sie es eines Tages nicht mehr schaffte, ihn zu kontrollieren.
Wenn ER ihr nicht mehr gehorchte.
Mit zitternden Fingern fuhr sie sich über die Augen.
Weiter!, befahl sie sich selbst.
Es blieb nicht mehr viel Zeit.
Am Himmel zog das erste Grau der Morgendämmerung herauf.
Gillian erreichte das Polizeirevier, in das die Vampire gebracht worden waren.
Der Helikopter hatte sich verzogen, und auch die vielen Einsatzwagen waren verschwunden.
Wie auch immer Gannen Harst es geschafft hatte, einen solchen Großeinsatz zur Festnahme der Jäger zu organisieren, jetzt wo sie in Gewahrsam waren, schien man sie nicht mehr für eine solche Bedrohung zu halten.
Warum auch?
Nicht nur, dass sie ausschließlich mit antiquierten Waffen bewaffnet waren, und gekleidet waren, wie Spinner; man hatte auch keine Geisel bei ihnen gefunden.
Was auch immer ihnen vorgeworfen wurde, es würde schwer werden, ihnen irgendetwas zur Last zu legen.
Dennoch, man würde sie vorläufig festhalten.
Und die Sonne ging bald auf.
Gillian konnte es nicht riskieren, dass den Menschen etwas Ungewöhnliches an ihren Gefangenen auffiel.
Sie musste sie so schnell wie möglich befreien.
Aber sie hatte keine Ahnung, wie.
Sie betrachtete das Gebäude.
Selbst wenn sie es schaffte, hineinzugelangen. Sie hatte keine Ahnung, wo man sie festhielt und bestimmt waren überall Kameras und verschlossene Türen… sie riskierte, selbst in Gefangenschaft zu geraten.
Wenn sie doch nur erreichen könnte, dass sie freigelassen wurden… Kurz überlegte sie, Hibernius Tall um Hilfe zu bitten… er konnte behaupten, die drei wären Darsteller des Cirque du Freak und sähen deshalb so komisch aus…ihre Waffen wären Teil der Nummer…
Doch Gillian verwarf den Gedanken wieder.
Sie konnte Mr Tall niemals schnell genug erreichen, und Ausreden erfinden würden die Vampire schon selbst… Es ging nicht darum, sie zu entlasten – was auch immer ihnen vorgeworfen wurde – sie mussten befreit werden. Und zwar schnell!
Gillian warf einen Blick zum Himmel.
Sie brauchte Hilfe.
Gannen Harst hatte diesen Einsatz befohlen.
Er konnte mit Sicherheit auch dafür sorgen, dass sie wieder freigelassen wurden… oder dass sie spurlos verschwanden.
Harst hatte Leute bei der Polizei… anders konnte Gillian sich diesen Großeinsatz nicht erklären.
Sie sah sich um.
Ein paar Polizisten standen rauchend vor dem Eingang.
Ihr Blick fiel auf einen mit einer Glatze.
Sie kniff die Augen zusammen.
Konnte das sein?
Gillian überquerte die Strasse, bis sie direkt vor dem Zaun, der das Gelände abriegelte, stand.
Sie ging am Zaun entlang und versuchte das Gesicht des Mannes zu sehen.
Als er sich herum drehte und die weggeworfene Kippe austrat, spürte der Polizist, wie er angestarrt wurde.
Er sah zum Zaun.
Gillians Herz begann zu pochen.
Tatsächlich. Sie kannte sein Gesicht. Er war einer der Glatzköpfigen Wachen. Der Mann war ein Halbvampaneze!
Zeit zum Schauspielern, dachte Gillian und hob das Kinn. Als der Mann zu ihr sah, bedeutete sie ihm mit einem Kopfnicken, ihr ein wenig weiter die Strasse herunter an den Zaun zu folgen.
Der Halbvampaneze sagte etwas zu seinen Kollegen in Uniform und schlenderte dann scheinbar beiläufig zu Gillian herüber.
Mißtrauisch starrte er durch den Zaun zu ihr.
Gillian blickte ihn hochnäsig an.
„Wie ist euer Name?"
„Morgan James."
„Seine Lordschaft schickt mich zu euch. Die Jäger dürfen auf keinen Fall den Menschen überlassen werden. Sie müssen noch vor Morgengrauen der Polizei entkommen."
Der Halbvampaneze erbleichte. „Ist seine Lordschaft denn in Sicherheit? Es hieß man hat ihn nicht gefunden…"
„Selbstverständlich ist er in Sicherheit!", zischte sie. „Und er will, dass die Vampire freikommen!"
Der Glatzkopf sah sie misstrauisch an. „Frei? Aber…"
Gillian unterbrach ihn: "Zweifelst du meine Order an? Du weißt, wer ich bin, Morgan?"
Er schluckte: "Ja, Herrin, ich weiß, wer ihr seid."
„Dann steh hier nicht herum! Hilf den Gefangenen zu entkommen!"
„Aber wie soll ich das machen?", rief der Halbvampaneze ängstlich.
Gillian packte den Zaun: "Besorge dir die Schlüssel, öffne die Türen, bringe sie in einen Raum, aus dem sie fliehen können… Lass dir etwas einfallen. Und mach schnell!"
„Ja…", der Mann nickte und stolperte fort vom Zaun.
Fort von der Schattenkönigin in deren Augen sich ein schwarzer Schleier gezeigt hatte…
Gillian sah dem Halbvampaneze in Polizeiuniform hinterher, wie er das Gebäude betrat.
Sie kaute auf ihrer Unterlippe.
Würde der Mann es schaffen?
Am Horizont tauchte ein Silberstreifen auf.
Unruhig schritt Gillian den Gehweg auf und ab.
Konnte sie hier einfach rumstehen und warten?
Was, wenn etwas schief lief, und der Mann versagte?
Ein paar Polizisten begannen ihr aufmerksame Blicke zu zu werfen, und Gillian überquerte wieder die Strasse und hielt etwas mehr Abstand vom Gebäude.
Mit ihrem grünen Umhang war sie ja nun auch nicht gerade unauffällig gekleidet.
Ihr Magen meldete sich rumpelnd.
Doch nicht jetzt!, dachte sie wütend.
Ein Passant, der an ihr vorbeiging, warf ihr einen irritierten Blick zu.
Als Gillian ihn scharf anstarrte, sah er schnell weg.
Gillian spürte am ganzen Körper, wie die Sonne am Horizont aufstieg.
Scheiße, ich werde es brauchen…
Sie drehte sich auf dem Absatz um, und folgte dem Mann in einen Hauseingang, in den er gerade im Begriff war, zu verschwinden.
Der Mann schob die Tür zu einem Treppenhaus auf und fummelte an seinem Schlüsselbund, als Gillian die Tür aufstieß und den Mann packte.
Erschrocken hob er abwehrend die Hände, doch Gillian stieß ihn die Treppe zum einem Keller herab.
Sofort sprang sie hinterher.
Sie kam über ihm auf den letzten Stufen auf.
Benommen blinzelte der Mann zu ihr hoch, und Gillian schlug ihre Fänge in seinen Hals.
Er wollte sich wehren, doch seine Kräfte verließen ihn schnell, als Gillian gierig sein Blut in sich aufsaugte.
Er starb und sie ließ ihn liegen.
Sie huschte nach draußen, und schlug hastig die Arme vor die Augen.
Die Sonne stach wie mit Messern in ihre Augen.
Gillian fauchte und schlug die große Kapuze über ihren Kopf.
Jetzt konnte sie wenigstens wieder etwas sehen.
Sie huschte zurück zum Polizeigebäude, bereit es zu stürmen.
Noch immer keine Spur von den gefangenen Vampiren…
Sie rannte am Zaun entlang.
Da zerbarst eines der Fenster im zweiten Stock des Polizeigebäudes und in rascher Folge sprangen drei Gestalten heraus.
Gillian konnte gerade einmal einen verwischten roten Streifen erkennen, gefolgt von einem grünen und einem kleineren, als die Vampire über den Zaun auf die Straße flitteten.
Gillians Herz klopfte aufgeregt.
Sie hatten es geschafft!
Die Sonne stach selbst durch den Stoff des Umhangs und Gillian schwitzte.
Lange hielt sie es nicht mehr im Freien aus.
Die Vampire hielten zwei Strassen weiter in einer kleinen Gasse.
Vancha March stemmte einen Gullydeckel hoch und ließ sich nach unten fallen.
Darren und Crepsley folgten.
Gillian atmete erleichtert auf.
Die Sonne brannte und die Welt wurde zu einem alles überstrahlenden Weiß.
Gillian flitzte die Gasse herab, suchte sich einen anderen Gullydeckel und tat es den Vampiren gleich.
Sie verschwand in der Kanalisation unterhalb der Stadt, während die Sonne wie ein orangeroter Feuerball hinter den Dächern auftauchte, und die Nacht und ihre Schatten und ihre Kreaturen vertrieb.
…to be continued
The Vampires Student Teil VIII "The Lord of the Shadows"
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