Der Biber
Sie irrte ziellos umher. Erst durch das fremde Gebäude auf dem Weg nach draußen, dann durch die Straßen voller geisterhafter Existenzen, und schließlich über die dunklen Flure der Lightman Group. Sie wusste nicht, wie genau sie hier hergekommen war, welche Motivationen hinter ihren nur scheinbar kontrollierten Bewegungen steckten, doch sie spürte, dass sie nicht nur auf der Suche nach der Wahrheit, sondern auch nach sich selbst war.
Irgendwo da draußen, verloren zwischen ihm und seinen Spielchen, zwischen sich und Dingen, die vielleicht sein könnten, aber nicht waren.
Sie ging den langen Gang ein paar Mal auf und ab und zwang sich, die unbequemen Schuhe dabei anzubehalten, damit die Absätze auf dem matten Fußboden den Takt für ihre Gedanken vorgaben.
Wenn es die nötige Ordnung nicht gab, musste sie sie schaffen. Das hatte sie schon gelernt, als es noch darum ging, als Kind nicht von den leeren Flaschen ihres Vaters und all dem, was sie auslösten, überwältigt zu werden. Sie las Scherben auf, das war es, was sie machte. Damals oft wortwörtlich, heute meistens im übertragenen Sinne.
Doch der Takt ihrer Schuhe schaffte keine Ordnung, weil sie nicht wusste, wo sie überhaupt anfangen sollte. Und so wirbelten ihre Gedanken nur wie eh und je umher, während sie die Scherben unter ihren Füßen schon spürte, das blinde Aufsammeln aber nur blutige Wunden bedeuten würde. Sie musste mehr herausfinden, bevor sie die schneidenden Kanten besser einschätzen konnte, um nicht von ihnen verletzt zu werden.
In ihrem Büro holte sie mit eifrigen Fingers all die Steuerakten hervor, die sie schon dreimal, viermal, fünfmal durchgesehen hatte. Sie ging sie wieder durch. Und nochmal. Und nochmal. Rastlos kämpften sich ihre Augen durch die Buchstaben, Wörter und Sätze, doch nichts machte mehr Sinn, als es das vor fünf Minuten, fünf Stunden oder fünf Tagen getan hatte.
Sie durchforstete ihre Mails, ging das Postfach von oben nach unten durch, zurück zu jenem Tag, zurück zu den Tagen davor. Doch alles, was sie fand, waren schmerzliche Erinnerungen einer ganz anderen Art. Nach ein paar tiefen Atemzügen ging es wieder, auch wenn das dumpfe Gefühl gleich hinter ihrem Brustbein blieb. Es trieb sie an und es lähmte sie.
Zuletzt lief sie in den Raum voller Bildschirme, erschrak vor ihrem erschöpften Spiegelbild im Glas der Tür und gab dann unermüdlich Befehle und Passwörter ein, bis der Computer vor ihr das Überwachungsvideomaterial des Tages abspielte, der sie interessierte. Der Tag, nach dem alles irgendwie anders wurde.
Da war sie, da war er, da war alles, was diesen Tag ganz normal erscheinen ließ. Und dann war da ein Moment um kurz vor acht Uhr abends, nachdem sie das Büro bereits verlassen hatte, in dem er mit Bedacht über den Gang huschte, der Blick prüfend nach rechts und links, und dann in ihrem Büro verschwand.
Die Kamera verfolgte seine Bewegungen, doch sie stoppte vor der Tür, die er hinter sich zufallen ließ. Sie spulte das Band vor und spulte und spulte, bis er wieder in den Fokus der Kamera trat und die Zeitmarke unmissverständlich klarmachte, dass eine halbe Stunde vergangen war.
Sie sah, wie er unsicher über den Gang zurück in sein Büro schlurfte und sie wusste, dass es in dieser halben Stunde passiert sein musste. Danach verfolgten ihn die Kameras auf dem Weg nach draußen, auf dem Weg nach Baltimore, auf dem Weg weg von ihr.
Sie saß lange einfach nur da und wusste nicht, was sie denken sollte. Oder fühlen. Und irgendwann stand sie auf, weil es hier auch keine Antworten auf ihre Fragen gab.
Als sie die Klingel betätigte, war ihr erster Gedanke eigenartigerweise nicht er, sondern Emily.
"Ist sie da?", erkundigte sie sich, als er mit einer lässigen Hand in der Hosentasche die Tür öffnete und so aussah, als wüsste er nicht, ob er mit ihr gerechnet hatte oder gar völlig überrascht war, sie zu sehen.
"Wer?", fragte er und die Verwirrung wurde nur noch größer.
"Emily."
Er schüttelte mit dem Kopf und verstand nicht. "Pyjama-Party bei einer Freundin", erklärte er und suchte in ihrem Gesicht nach Antworten. "Bei der hoffentlich alle ihren Pyjama anbehalten."
Sie nickte. Erleichtert. Wäre Emily hier gewesen, hätte sie das nicht durchziehen können, denn ein flaues Gefühl in ihrem Magen sagte ihr bereits, dass all das hier hässlich enden würde. Sie kontrollierte die Muskeln in ihrem Gesicht und ließ ihn nichts davon sehen. "Kann ich reinkommen?"
Diesmal nickte er und ließ die Tür hinter sich offen, damit sie eintreten konnte. An seinem gestauchten Gang, mit dem Kopf nach unten gesenkt, erkannte sie, dass auch ihm die Situation höchst unangenehm war und er sich für den Eklat rüstete, den auch sie in der aufgeheizten Luft liegen spürte. Fast fühlte sie sich wie ein Eindringling, als sie die Tür hinter sich schloss.
Sie fand ihn in der Küche wieder, wo er seine Hände mit Nichtigkeiten beschäftigte und erst zu ihr aufschaute, als das Schweigen nicht länger erträglich war. Und sie sah, dass er eigentlich schon aufgegeben hatte.
"Willst du was trinken?", fragte er höflich, doch sie schüttelte mit dem Kopf.
Seine Hände gingen wieder dazu über, sich mit diversen Gegenständen in Reichweite zu beschäftigen, doch irgendwann legte er alles beiseite, atmete frustriert aus und blickte ihr von Angesicht zu Angesicht entgegen. "Sorry, aber er hat kein Recht, sich einfach einzumischen."
"Aber du hast das Recht dich in alles einzumischen, richtig?"
"Nur weil ich nicht will, dass dir jemand wehtut."
Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Satz so oder so ähnlich ausgesprochen hatte und es löste das gleiche verkrampfte Gefühl in ihr aus wie in jenen raren Momenten zuvor. Ein Gefühl, das sie keiner Emotion klar zuordnen konnte. "Vielleicht will er ja nur das gleiche für mich", entgegnete sie, bevor eine Empfindung oder auch nur der bloße, nicht mehr abzuschüttelnde Gedanke daran die Überhand gewinnen konnte.
Sein Blick schnellte nach oben und gab so preis, dass dies nicht unbedingt etwas war, das er bislang in Betracht gezogen hatte. Es wunderte sie nicht wirklich, weil es Cal war, wie er leibt und lebte.
Sie richtete sich noch einmal auf, streckte all die angespannten Muskeln durch, bevor sie ihre Forderung unmissverständlich aussprach: "Ich werde nicht gehen, bevor du mir die Wahrheit gesagt hast. Und das meine ich auch so."
Er sah nach unten, suchte lange nach Gedanken oder Worten, sah dann wieder zu ihr und schließlich doch an ihr vorbei. Schon immer war ihr aufgefallen, dass er Probleme damit hatte, Blickkontakt zu halten, wenn es ausnahmsweise nicht darum ging, sein Gegenüber zu lesen. Sie fragte sich, was er jetzt sehen würde, würde er es versuchen.
"Ich kann nicht, Gill", sagte er und da war ein Flehen in seiner Stimme, das sie bat nicht weiter zu bohren.
Sie ignorierte es und überwand die wenigen Meter zwischen ihnen mit wutentbrannten Schritten. Ihre Hände stießen ihn unsanft nach hinten, bis er gegen einen der Küchenschränke prallte und nur noch perplex die Augen aufreißen konnte.
"Was zur Hölle hast du an dem Abend in meinem Büro gemacht, bevor du nach Baltimore gefahren bist?" Nichts als die Wahrheit würde sie je wieder beruhigen.
"Gillian, bitte."
"Du wirst mir jetzt verdammt noch mal sagen, was los ist!"
"Es wird dich verletzen, Gill."
Sie gab es auf zu kämpfen. "Du verletzt mich schon die ganze Zeit", erwiderte sie erschöpft und ließ die Arme nach unten fallen.
Und da war es auch wieder in seinen Augen: Resignation. Alles, was sie hoffte, war, dass er nicht auch sie beide aufgab, denn sie konnte sich kaum etwas vorstellen, vor dem sie mehr Angst hatte.
"Setz dich", erklärte er und deutete auf einen der Stühle.
"Nein", hielt sie dagegen.
Er brachte ein wenig Abstand zwischen sie beide und suchte gleichzeitig ihre Nähe, indem er ihre Unterarme umfasste und sie vorsichtig von sich wegschob. Er ließ nicht los und sie glaubte in diesem Moment daran, dass nicht alles verloren war.
"Du erinnerst dich an den Fall mit diesem Sektenführer?", begann er und schaffte es immer nur für Sekundenbruchteile, ihr direkt in die Augen zu sehen. "Den, den du für den IRS untersucht hast?"
Sie nickte und hatte keine Probleme, sich die dazugehörigen Bilder wieder ins Gedächtnis zu rufen. Der Fall hatte sie zu sehr auf einer persönlichen Ebene berührt, um ihn einfach wieder vergessen zu können. "Die Mutter und ihre Kinder", ergänzte sie seine Worte, "ich habe sie in eine sichere Unterkunft bringen lassen, damit er sie dort nicht weiter wie Gefangene auf dem Gelände hält."
Cal nickte ebenfalls und sah zu Boden. Seine Finger ließen nicht locker, ließen sie nicht gehen. "Der Typ, er hat sie gefunden. Es gab wohl einen Streit, Gerangel." Er suchte ihre Augen und hielt dem scheinbar schmerzenden Blick diesmal stand. "Die Frau ist gestorben."
Sie fühlte die Welt unter sich zusammenbrechen und nur seine Hände hielten sie noch. Jetzt wusste sie warum. "Er hat—er hat sie umgebracht?", stammelte sie und plötzlich gab es nichts mehr, was ihre Gefühle noch aufhalten konnte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, der Damm längst gebrochen.
Er gab ihr einen Moment und sagte nichts, hielt sie einfach nur fest.
"Seit wann weißt du das?"
"Ein paar Wochen", antwortete er ehrlich.
Sie schüttelte mit dem Kopf und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, doch er ließ es nicht einfach zu. "Was hat das alles mit dem Typen und der Schlägerei zu tun?", fragte sie mit tränenerstickter Stimme, weil sie immer noch nicht verstand und sich alles in ihrem Kopf nur noch drehte.
"Dieser Morrison, er wurde wegen des Falles vom Hauptquartier in Washington nach Baltimore in eine lokale Niederlassung der Steuerbehörde versetzt. Er war intern dafür verantwortlich, dass wir mit dem Fall beauftragt wurden, um die Steuerhinterziehung aufzudecken. Als das aus der Sicht der IRS-Bosse schiefgegangen ist, weil die Frau verschwunden war, musste er seinen Schreibtisch räumen."
"Ich wollte der Frau nur helfen", gab sie ihm verzweifelt zu verstehen und fühlte, wie ihre Knie unter ihr nachzugeben begannen.
"Ich weiß, Gill", beruhigte er sie. "Morrison war sauer darüber und hat mit mir Kontakt aufgenommen, um nach einer Art der Rache zu suchen. Ich habe ihm gesagt, dass er das mit mir ausmachen kann, aber ich nicht zulassen werde, dass er dich da mit reinzieht. Als der Mord passierte und Morrison gemerkt hat, dass du nichts darüber weißt, hatte er ein Druckmittel gefunden. Er hat versucht, mich zu erpressen."
Ihre Tränen stürzten nun im freien Fall nach unten. "Warum hast du es mir nicht einfach gesagt?"
"Weil ich nicht wollte, dass du es erfährst."
"Weil du glaubst, dass ich schuld bin an ihrem Tod?", fragte sie, schüttelte seine Hände diesmal energisch ab und trat einen Schritt von ihm zurück.
"Nein", hielt er voller Überzeugung dagegen und schüttelte mit dem Kopf, "weil ich mir sicher bin, dass du es nicht bist, aber ich auch weiß, dass du dir trotzdem einreden wirst, dass du es wärst. Ich wollte nicht, dass du dir selbst mit diesem Gedanken wehtust."
"Was?", konterte sie mit erhobener Stimme. "Im Gegensatz zu jetzt, wo alles erst recht wehtut?"
"Es ist außer Kontrolle geraten. Ich wollte das nicht", entschuldigte er sich und ging wieder einen vorsichtigen Schritt auf sie zu. "Morrison hat dir eine E-Mail geschickt, nachdem ich nicht auf seine Geldforderungen eingegangen bin. Deshalb war ich in deinem Büro. Ich habe sie gelöscht. Dann bin ich nach Baltimore gefahren."
"Du hast Zugang zu meinen Mails?", fragte sie ungläubig und musste feststellen, dass die Welt unter ihren Füßen in noch mehr kleine Einzelteile zerfallen konnte.
Er sagte nichts und starrte sie nur reumütig an.
Sie wandte sich von ihm ab und wischte ein paar Tränen von ihren Wangen, die sogleich von neuen ersetzt wurden. "Ich kann das alles nicht glauben, Cal."
"Es tut mir leid."
Sie wollte es ihm abkaufen, doch die Worte kamen nicht dort bei ihr an, wo sie es sollten. Nicht dort irgendwo tief drinnen, wo sie sie berührten. "Ich muss nach Hause", stammelte sie und spürte, wie sich seine Hand auf ihre Schulter legte. "Fass mich nicht an", waren die harschen Worte die folgten und er verstand, dass es besser war, ihrem Wunsch zu entsprechen.
"Du kannst so nicht fahren. Lass mich fahren oder ein Taxi rufen."
Gillian ignorierte seinen gutgemeinten Ratschlag und lief zur Eingangstür zurück. Zögerlich legten sich ihre Finger auf die Türklinke und nach ein paar Sekunden spürte sie ihn bereits ganz dicht hinter sich.
"Gill, bitte."
Sie hatte so viele Fragen, doch sie wusste nicht, wo um Himmels Willen sie anfangen sollte. So viele Fragen, aber eine brannte ihr ganz besonders auf ihrer erschütterten Seele.
Mit einer plötzlichen Bewegung drehte sie sich zu ihm um, sodass er überrascht ein Stück zurückwich. Da war ein wenig Hoffnung auf seinem Gesicht. Hoffnung, dass sie auf seinen Vorschlag eingehen würde. Hoffnung, dass sie darüber reden und es irgendwie wieder geradebiegen könnten. Doch das war es nicht, was sie auf dem Herzen hatte.
"Hast du bei der Gelegenheit auch gleich meine anderen Mails gelesen, um dich noch ein bisschen mehr in mein Leben einmischen zu können?", wollte sie vorwurfsvoll wissen und ihre Augen brannten mit unnachgiebiger Wut.
Die Scham in seinen Augen sagte ihr alles, was sie wissen musste. Er wusste genau, was sie meinte. "Ich wollte das nicht, Gill", beteuerte er, doch sie hörte es kaum noch.
"Du Mistkerl, Cal", fauchte sie zurück und drehte sich um, um die Tür zu öffnen.
Und als die Einfahrt hinunterlief, mit Tränen auf dem Gesicht, die nicht trocknen wollten, realisierte sie, dass er recht hatte. Sie gab sich die Schuld am Tod eines anderen Menschen und nichts würde sie vom Gegenteil überzeugen können. Es machte sie noch wütender, dass er sie so gut kannte.
