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Ein halbes Jahr später kam Conny spätabends nach Hause. Sie schloss die Wohnungstür auf und hievte schwungvoll ihre schwere Tasche in den Flur. Mit einer übermütigen kleinen Pirouette drehte sie sich um und angelte einen Kleiderbügel vom Garderobenständer. Dabei fielen zwei Jacken herunter, aber das machte ihr jetzt überhaupt nichts aus, nichts konnte die Hochstimmung dämpfen, in der sie sich momentan befand. Nun bedurfte es nur noch eines geeigneten Zeitpunkts, um Severus davon in Kenntnis zu setzen...

Da kam er ihr aus dem Wohnzimmer entgegen. Das tat er sonst nie. Sie sah ihn erwartungsvoll an und bemerkte entsetzt, dass er wieder bleich und verhärmt aussah, fast wie zu Beginn ihrer Bekanntschaft.

„Wir haben Besuch," sagte er rau, noch bevor sie ihn nach den Gründen für sein Befinden fragen konnte.

„Besuch? Um diese Zeit?"

„Zwei ehemalige Schüler."

Er schien von diesem Wiedersehen nicht besonders begeistert zu sein.

„Komm."

Er nahm sie an der Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Zwei junge Leute saßen auf der Couch, ein Mann mit schwarzem, ungebärdigem Haar und einer Brille und eine Frau mit braunen Locken.

„Miss Granger und Mister Potter", stellte Severus sie vor.

„Hallo, ich bin Conny Stein."

Die beiden nickten und sahen sie neugierig an. Connys Gastgeberinstinkt witterte einen Fehler.

„Severus, hast du ihnen nichts angeboten?"

„Ich hatte nicht den Eindruck als wären sie zum Essen und Trinken hergekommen", erwiderte er bissig.

Conny schnitt ihm eine Grimasse.

„Sind Sie auch Zauberer?" fragte sie die beiden und erntete ein verlegenes Lächeln.

„Sie sprechen nur Englisch", erklärte Severus verächtlich.

Conny stellte ihre Frage noch einmal auf Englisch und bekam eine positive Antwort.

Sie setzte sich auf einen Sessel, Severus stand am Fenster, so weit von den beiden Besuchern entfernt, wie der Raum es zuließ.

„Warum sind Sie hier? Wollen Sie ihrem alten Lehrer einen Besuch abstatten? Wie haben Sie ihn überhaupt gefunden?" fragte sie weiter.

Der junge Mann antwortete kalt: „Wir können Zaubereiaktivitäten verfolgen, es war nicht schwer, herauszufinden, dass sich hier etwas tut. Dass es Snape ist, wissen wir, seit wir unsere Spionin auf ihn angesetzt haben."

„Martina", hauchte Conny.

Der junge Mann lächelte zufrieden. „Ja. Seitdem ist bekannt, dass er sich hier aufhält. Das Ministerium hat versucht, ihn zu kontaktieren. Er hat auf die Briefe nicht reagiert. Da hat man uns gebeten herzukommen."

Er drehte sich zu Severus um.

„Dafür, dass er Zaubertränke an Muggel verkauft, könnte ihm das Ministerium eine Strafe aufbrummen."

In seiner Stimme lagen Hass und Verachtung. Mit einem unguten Gefühl sah Conny zwischen den beiden Männern hin und her. Ihre gute Laune was verschwunden.

„Er musste doch von irgendetwas leben", verteidigte sie ihn, „hätte er betteln oder stehlen sollen? Wollen Sie ihn dafür bestrafen, dass er nicht verhungert ist? Seine Zaubertränke haben niemandem geschadet, im Gegenteil, alle waren davon begeistert."

„Mindestens zweimal waren es tödliche Gifte!"

„Weil er sich umbringen ...", Conny brach mitten im Satz ab, erst jetzt verstehend. Plötzlich waren ihr die beiden Besucher herzlich egal. Sie drehte sich zu Severus um und fragte ihn mit heiserer Stimme auf Deutsch: „Wann war das zweite Mal?" Er wich ihrem Blick aus, sah aus dem Fenster. „Das erste Mal war an dem Tag, als du im Park gestürzt bist." „Aber du hast es nicht getrunken. Warum?" „Weil ich einen Menschen getroffen hatte, der mir vertraut hat." Seine Stimme klang müde.

Ein ärgerliches Räuspern brachte sie wieder in die Gegenwart zurück. Der junge Mann wirkte ungehalten über ihren Mangel an Aufmerksamkeit. Conny wurde er langsam unsympathisch. „Können Sie sich überhaupt vorstellen, was Severus durchgemacht hat?" fuhr sie ihn auf Englisch an.

Sie war wütend. Was erlaubte sich dieser junge Schnösel? Andererseits - Conny, halt dich zurück, du weißt nicht, worauf das Ganze hinausläuft! schalt sie sich.

Mr Potter lachte verächtlich.

„Was er durchgemacht hat, hat er sich selber zuzuschreiben, er hat einen Mord begangen." „Harry, nein!" Miss Granger war das Verhalten ihres Begleiters sichtlich unangenehm.

Conny platzte der Kragen. „Sich selber? Und was ist mit der Unfähigkeit Ihres Ministeriums?"

„Sie sollten sich raushalten aus Dingen, von denen Sie nichts wissen", entgegnete Mr Potter kühl.

„Ich weiß von nichts?"

Conny war aufgestanden und hatte sich vor ihm aufgebaut.

„Ich kenne seine Geschichte, ich habe seine Alpträume erlebt, ich kenne seinen misshandelten Körper, verdammt, ich liebe ihn."

Die beiden jungen Leute sahen sie betreten an. Conny wandte sich ab und ging zu Severus, der die ganze Zeit seinen Platz am Fenster nicht verlassen hatte. Er legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. Es herrschte verlegene Stille. Endlich hielt Conny es nicht mehr aus.

„Warum sind sie nun eigentlich hier? Wegen der illegal verkauften Tränke? Wegen des Gifts, mit dem er Selbstmord begehen wollte?"

Der junge Mann lachte abfällig:

„Nein, wegen so einer kleinen Gesetzeswidrigkeit wären wir nicht hergekommen."

„Und worum geht es dann?"

„Worum wohl? Sie wollen meine alten Verbrechen wieder aufwärmen!" kam es bitter von Severus.

Conny fühlte einen Klos im Hals. Sie sah hilfesuchend zu Miss Granger, die als einzige noch normal zu reagieren schien.

„Es haben sich stichhaltige Beweise gefunden, die ihn entlasten", erklärte diese.

Ihr Begleiter sah aus, als bereite ihm das Schmerzen.

Miss Granger ergänzte: „Professor Snape soll vollständig rehabilitiert und wieder in die Zauberergemeinschaft aufgenommen werden. Er kann sogar wieder in Hogwarts unterrichten. Dazu muss er allerdings nach England zurückkehren und dem Prozess beiwohnen."

Conny fühlte, wie der Klos größer wurde.

„Severus?" fragte sie leise, aber er drehte ihnen den Rücken zu und sah aus dem Fenster.

„Ich habe gesagt, ich will mich heute noch nicht entscheiden. Kommen Sie morgen wieder, Potter", sagte er kalt, „und hören Sie auf, mich „Professor" zu nennen, Granger. Gegen Sie jetzt."

Die beiden jungen Zauberer standen zögernd auf und Conny begleitete sie zur Tür.

Als sie zurückkam, stand Severus immer noch am Fenster. Sie stellte sich neben ihn. Keiner sagte ein Wort. Conny fühlte, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Sie wollte ihn nicht verlieren, von allen Männern, die sie gekannt hatte, war er der einzige, den sie auf keinen Fall verlieren wollte. Und jetzt schon gar nicht!

„Du wirst gehen", sagte sie schließlich tonlos. „Du wärst ja schön blöd, wenn du es nicht tun würdest. Du kannst in dein altes Leben zurückkehren."

Er sagte nichts, statt dessen zog er sie in seine Arme. Conny klammerte sich an ihn und konnte sich nicht mehr beherrschen, hemmungslos flossen die Tränen und machten sein Hemd nass. Er streichelte ihren Rücken und sagte grimmig:

„Ich werde gehen, o ja, aber nur zum Prozess. Sie sollen mich rehabilitieren, ich will sehen, wie sie sich winden."

Conny schauderte bei dem Hass, der in seiner Stimme lag. Sie fühlte seine Hand auf ihrem Rücken und ihre Verzweiflung wurde immer größer. Sein Gesicht war in ihrem Haar.

„Aber ich werde nie mehr in England leben, ich werde nie mehr in Hogwarts unterrichten." Sie sah ihn an. Was hatte er gesagt?

Er schüttelte ungeduldig den Kopf.

„Merlin, Conny, hast du nicht richtig zugehört, als ich dir meine Lebensgeschichte erzählt habe? In mein altes Leben zurückkehren! Als ob ich das wollte! Ich war 40 Jahre lang einsam, ein Mann, dem alle misstrauten, dessen Gesellschaft niemand freiwillig suchte, ein Lehrer, den die Schüler fürchteten und hassten..."

Er holte tief Luft.

„Mein Ruf ist seitdem nicht besser geworden, viele werden nicht glauben, dass ich unschuldig bin, da kann mich das Wizengamot tausendmal rehabilitieren. Das Gericht", fügte er erklärend hinzu. „Du hast doch gemerkt, was Potter von mir hält. So wie er denken die meisten."

Sein Gesicht bekam wieder den grimmigen Ausdruck, er starrte aus dem Fenster auf die Lichter in den gegenüberliegenden Häusern. Mit einem tiefen Seufzer wandte er den Blick wieder zu ihr: „Nein, ich möchte hier bleiben. Ich habe hier Freunde gefunden. Tolga kann zwar eine furchtbare Nervensäge sein, aber ich mag ihn und die anderen Zauberer trotzdem. Sie haben mich vorbehaltlos akzeptiert, ich hatte vorher nie so etwas wie Freunde. Ich kann auch meine Produkte besser und ganz legal verkaufen, wenn ich nicht mehr verbannt bin, ich brauche mich nicht mehr zu verstecken."

Sein Blick wurde eindringlich und flehend.

„Und vor allem, Conny, möchte ich bei dir bleiben. Ich liebe dich, mit dir bin ich glücklich. Ich wäre – wie hast du das gesagt? – schön blöd, wenn ich zurückginge. Bitte, schicke mich nicht weg."

Conny sah ihn fassungslos an.

„Mein Gott, Severus, ich liebe dich, ich will doch nicht, dass du weggehst! Ich hatte solche Angst! Ich brauche dich, jetzt ganz besonders..." Sie biss sich auf die Lippe. Nein, so sollte er es eigentlich nicht erfahren, das hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Hatte er es gemerkt?

Sie schlang die Arme um ihn, hielt ihn ganz fest. Er sagte nichts. Conny atmete auf. Dann kam ihr ein Gedanke und sie löste sich wieder.

„Wenn du dich schon entschieden hast, wieso müssen die beiden dann morgen wiederkommen? Wieso hast du ihnen das noch nicht gesagt?"

Er grinste gehässig.

„Damit sie den Weg noch einmal machen müssen, ganz einfach. Die Reisemethoden der Zauberer sind zwar schnell und kostenlos, aber nicht gerade angenehm, besonders über weitere Strecken."

Conny gab sich entrüstet: „Severus, du bist gemein."

Er hob spöttisch eine Augenbraue. „Eine meiner meistgerühmten Charaktereigenschaften", murmelte er zärtlich und zog sie erneut in seine Arme. Seine Lippen waren an ihrem Ohr.

„So, und jetzt möchte ich wissen, was du damit gemeint hast ‚jetzt ganz besonders'?

Mist! Sie drückte ihr Gesicht fester in seinen Pullover.

Sanft, aber bestimmt, löste er sich aus ihrer Umarmung und blickte ihr kritisch ins Gesicht.

„Was ist los?"

Conny schluckte. Na gut, wenn es denn sein sollte: Augen zu und durch!

„Ich war heute beim Arzt, Severus. Ich bin schwanger."

Er starrte sie an. „Was?"

„Ich bekomme ein Baby – von dir."

Sie sah ihn erwartungsvoll an. Wo blieb der Freudenausbruch? Er war kreidebleich.

„Nein." Es war mehr ein Krächzen.

Conny fühlte sich plötzlich schwach. Was hatte er bloß? Wollte er keine Kinder? Würde er ihr jetzt eröffnen, dass in seiner Familie irgendeine Erbkrankheit bestand? Verdammt, warum war nur alles so kompliziert! Sie merkte, wie ihre Lippe anfing zu zittern und kniff die Augen zusammen, um die Tränen zurückzuhalten. Endlich hatte sie sich wieder unter Kontrolle und sah ihn an. Er blickte immer noch starr vor sich hin. Conny konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie war müde und hungrig nach einem langen Arbeitstag, sie war schwanger und der Besuch der beiden jungen Zauberer eben war auch nicht gerade besonders erbaulich gewesen…

„Es war keine Absicht, Severus, glaub mir. Ich wollte dich nicht irgendwie durch ein Baby an mich binden oder so, falls du das denkst. Ich habe keine Ahnung, wieso die Pille versagt hat, der Arzt übrigens auch nicht. Eigentlich war ich immer der Meinung, dass man mit 35 schon zu alt ist zum Kinderkriegen und bei meinem Beruf ist eine Schwangerschaft nicht die wahre Freude. Aber jetzt, wo es passiert ist, will ich das Kind haben, dein Kind, Severus, ich freue mich darauf und ich werde es bekommen, ob mit oder ohne dein Einverständnis oder deine Unterstützung."

Er reagierte nicht. Starr wie eine Salzsäule stand er da, sein Gesicht ohne jede Regung. Sie wollte auf ihn losstürzen, ihn schütteln, ihn zum Reden bringen – stattdessen drehte sie sich wortlos um und stürmte aus dem Zimmer, durchquerte den Flur, hinein ins Schlafzimmer und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Sie blieb mitten im Raum stehen. Was jetzt? Nach dem Vorbild amerikanischer Seifenopern sollte sie sich aufs Bett werfen und heulen wie ein Schlosshund. Aber es kam nichts, sie fühlte sich einfach nur taub vor Wut und Enttäuschung, konnte nichts weiter tun als dastehen und blicklos in den Raum starren. Irgendwann fiel ihr auf, wie still es in der Wohnung war. Das war auch falsch. Eigentlich sollte Severus längst bei ihr sein, voll der Reue, und sie tröstend in seine Arme schließen. Nichts der gleichen. Saß er im Wohnzimmer und las? Braute er irgendeine Mixtur zusammen? Oder war er überhaupt weg? Conny lauschte. Nichts. Scheiße. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte schließlich nicht ewig hier stehen bleiben, außerdem hatte sie wirklich Hunger und spürte einen fordernden Druck auf der Blase. Seufzend fuhr sie sich durchs Haar und blickte in den Spiegel: Gott, sie sah schrecklich aus, sie musste erst mal ins Bad. Auf wackligen Beinen ging sie zur Tür und öffnete sie. Da stand er, eine Hand angehoben, so, als hätte er vorgehabt, sie auf die Türklinke zu legen. Sie starrte ihn an, er starrte zurück. Endlich ließ er die Hand sinken und wandte den Blick ab.

„I'm sorry."

Conny sagte nichts, zuckte nur hilflos mit den Schultern.

„Es tut mir leid," übersetzte er.

„Ich hab dich schon verstanden," knurrte Conny sarkastisch und wild entschlossen, ihm kein Stück entgegenzukommen. Wie zur Bekräftigung dieses Vorsatzes trat sie einen Schritt zurück. Er verstand ihre Absicht und ein gequälter Ausdruck erschien in seinem Gesicht.

„Conny, du kannst meine Reaktion nicht verstehen, du weißt nichts über meine Kindheit - meine Eltern, mein Vater – es war – nicht schön. Merlin, Conny, der Gedanke, dass ich jemals Vater sein könnte – er ist so unvorstellbar. Ich weiß doch überhaupt nicht, was eine richtige Familie ist und mit meiner Vergangenheit – ich glaube nicht, dass ich das kann."

Er sah so verzweifelt aus, dass Connys Herz schmolz.

„Das weiß doch niemand vorher, Severus. In diese Rolle wächst man hinein."

Er schüttelte zweifelnd den Kopf, dann brach es aus ihm heraus:

„Ich bin niemand, den man sich als Vater wünschen könnte."

Selbstzweifel - das alte Lied, neue Strophe.

„Ach, Severus ...!" sagte sie nur müde.

„Bald muss ich nach England, mehrmals wahrscheinlich, und dich allein lassen."

Conny musste unwillkürlich lachen.

„Mensch, Severus, das Kind kommt im Juli, bis dahin bist du längst wieder zurück. Du brauchst mich nicht neun Monate lang in Watte zu packen."

„Das Kind kann die magischen Fähigkeiten von mir erben – was dann?"

„Das Kind darf alles von dir erben, mein Lieber – na ja, vielleicht nicht deine Nase."

„Ich meine es ernst."

„Ich auch."

„Du bist unmöglich."

„Na, und du erst."

Sie schlang die Arme fest um ihn und mit einem Laut, der wie eine Mischung aus Seufzer und Schluchzen klang, erwiderte er die Umarmung. Wieder einmal fühlte Conny die Welle der Liebe, die von ihm ausging, ließ sich in diese Welle hineinfallen und sich von ihr tragen, während sie seinen ewigen Selbstzweifeln Sicherheit und Geborgenheit entgegenzusetzen versuchte.

„Was machen wir jetzt?" fragte er schließlich erschöpft.

„Essen. Ich habe Hunger, Severus."

Er sah schuldbewusst drein.

„Es ist nichts da, ich hatte keine Zeit."

„Lass uns essen gehen. Der Grieche um die Ecke hat diese scharfen Pepperoni, da habe ich jetzt Lust drauf."

Er blickte sie zweifelnd an. „Pepperoni? Seit wann isst du die"

Conny grinste. „Seit heute."

Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot