01. Alraune
Der Weg vor uns wird gefährlicher. Korridore sind halb kollabiert, die Überbleibsel von Flüchen und Bannzaubern haben unerwartete Effekte, kopflose Statuen und Rüstungen taumeln herum. Ich zappe ein paar überlebende Spinnen, während wir weiter nach Draco rufen.
Vor uns ertönt ein erneuter Tumult – unirdisches Kreischen läßt die Luft zittern. Narzissa zieht mich am Ärmel.
„Nicht dort entlang," warnt sie mich. „Diese Idioten schmeißen mit Alraunenwurzeln."
Wir biegen schnell um eine Ecke – Professor Sprout ist exzentrisch genug, um sich so einen Plan einfallen zu lassen, und wir haben keine Ohrenschützer.
Und dann sehen wir ihn: er hockt zusammengekauert in einer Nische.
89. Trauer
"Draco!" Wir fallen neben ihm auf die Knie. Narzissa umarmt in mit der Wildheit einer Teufelsschlinge.
„Mama, Vater," seine Stimme erstickt fast unter den Küssen seiner Mutter.
Ich lasse meine Zurückhaltung fallen und schließe meine Familie in meine Arme. Soviel ist in dieser Nacht verlorengegangen, aber ich habe alles, worauf es ankommt. Ich bin der reichste Zauberer Englands!
Schließlich läßt Narzissa los, und ich kann meinen Sohn endlich begutachten. Außer einer geschwollenen Lippe und angesengten Roben scheint er unverletzt zu sein, aber jetzt weint er.
„C-crabbe ist verbrannt," schluchzt er. „Und ich habe deinen Z-zauberstab kaputtgemacht, Mama..."
97. Pechnase
Narzissa beruhigt ihn, und während wir uns vorsichtig auf den Rückweg machen, erzählt er uns vom Angriff aufs Schloß und wie er und seine Freunde alles vergessen machen wollten, indem sie Potter fingen. Ich bin gerührt, daß er so mutig war, alles für unsere Familie einzusetzen, aber auch zornig: als ein Slytherin müßte er es besser wissen, als solchen Leichtsinn an den Tag zu legen.
Außerdem hat er jetzt eine Lebensschuld an Potter abzugleichen, weil der ihn aus dem Feuer gerettet hat. Unter eine größere Pechnase hätte Draco sich kaum stellen können.
Ich kann hoffentlich später mit ihm darüber reden.
76. Liebe
Für eine Schlacht um das Schloß herrscht in der Großen Halle auffällige Ruhe. Die Gegner stehen aufgereiht an den Wänden, ihre Aufmerksamkeit auf zwei Personen gerichtet, die sich mit erhobenen Zauberstäben umkreisen. Sie kämpfen noch nicht, sondern reden miteinander.
Ich werde abgelenkt als ich plötzlich fühle, wie Narzissa unbeholfen gegen mich stolpert. Vor uns auf dem Boden liegt ihre Schwester, ihre dichten schwarzen Haare rahmen ihr weißes, verlebtes Gesicht, die harten Augen starren blicklos an die Decke.
Meine Frau bückt sich und schließt der Toten die Lider. Sie haben sich nie sehr geliebt, aber es tut mir für Narzissa leid.
23. Einhorn
Dann aber nimmt mich der Dialog zwischen Potter und dem Dunklen Lord gefangen. "Der Herr des Holunderstabes war Draco Malfoy," erklärt der Junge seinem Gegenüber gerade.
Duweißtschonwer sieht für einen Moment schockiert aus, aber erholt sich schnell und bedroht Harry trotzdem: „...und wenn ich dich getötet habe, kümmere ich mich um Draco Malfoy..."
Ich balle die Fäuste. Nur über meine Leiche!
"Zu spät," lächelt Potter. "Du hast deine Chance verpaßt. Ich war zuerst da. Ich habe Draco vor Wochen überwältigt und seinen Stab genommen." Er hält einen hellen Stab hoch – ich erkenne ihn: Weißdorn und Einhornhaar, Dracos Zauberstab.
81. Phönix
Potters Stimme ist leise: "Darauf läuft alles heraus, nicht war? Erkennt der Stab in deiner Hand, daß sein letzter Herr entwaffnet wurde? Wenn er das tut, bin ich der wahre Herr des Holunderstabes."
Plötzlich durchstrahlt gleißendes Licht die Halle: phönixgleich erleucht die Sonne des neuen Tages die Szene und scheint das Signal, auf das die beiden Kombattanten offenbar gewartet haben. Zwei Stimmen erschallen gleichzeitig – ein Avada, ein Expelliarmus. Es gibt einen scheußlichen Knall, der Holunderstab schnellt in die Höhe, aber Potter fängt ihn leicht auf, und von meiner Nemesis bleibt nichts weiter übrig als ein zusammengesacktes Bündel aus schwarzen Roben.
17. Duell
Der Ausgang des Duells versetzt die Halle in einen unbeschreiblichen Tumult. Ich fürchte, die bröckelnden Wände werden vollends zusammenfallen. Alles brüllt und tobt durcheinander. Draco, Narzissa und ich sehen uns stumm an.
Der Albtraum ist vorbei, aber was wird uns eine Zukunft bringen, in der wir zu den Besiegten gehören?
Plötzlich deutet Narzissa auf mein Gesicht – ich blinzele, mit beiden Augen! Das helle Licht tut weh, aber meine Finger ertasten keine Schwellung mehr, ich kann wieder sehen. Erleichterung durchströmt mich, daß mit Voldemorts Tod der Fluch gebrochen ist.
Um uns herum fallen sich Menschen um den Hals, weinen, lachen, schreien.
18. Große Halle
Mich überwältigt der Lärm, doch bevor ich etwas sagen kann, hat Narzissa Draco und mich bei den Händen gefaßt und steuert uns in einen ruhigeren Winkel der Halle, wo ein paar heile Stühle und Tische stehen. Wir setzen uns.
Ich sehe, daß sie geweint hat, nicht um den Dunklen Lord, an dessen Tod sie ebenso teilhat wie Potter, sondern um ihre Schwester. Wir legen die Arme umeinander, im Morgenlicht, wieder vereint, und für den Moment in Sicherheit.
Draco schaut einmal auf, und wir sehen in einiger Entfernung Potter vorbeigehen. Er wirft einen scharfen Blick herüber, nickt kurz meiner Frau zu.
48. Blumenkranz
Direkt neben uns marschiert fluchend und schimpfend eine gefangene Gruppe Todesser vorbei. Ich sehe meine Familie an.
„Laß die Sieger mit Butterbier und Blumenkränzen triumphieren," sage ich ernst. „Wir haben hier nichts zu feiern oder zu suchen. Je eher wir verschwinden, desto besser. Wir können von Glück sagen, daß uns noch niemand verhaftet hat. Voldemort...," ich spreche den Namen bewußt aus, auch wenn Draco entsetzt die Augen aufreißt, "...mag tot sein, aber die Herrschenden haben nicht mehr Sympathien für uns als er. Wir sollten gehen."
Wie Diebe in der Nacht schleichen wir uns aus Freudentaumel und Trauerfeier bis zur Apparationsgrenze.
93. Eule
Malfoy Manor 5. Mai
Die große, graue Ministeriumseule hockt auf der Stuhllehne im Eßzimmer und beäugt uns argwöhnisch, während ich das Päckchen öffne. In meinen Adern fließt Eiswasser: das kann nur der Haftbefehl sein, der mich wieder nach Askaban verbannt.
Stattdessen klappert ein heller Holzstab auf den Tisch.
„Mein Zauberstab," jubelt Draco und greift nach seinem Besitz.
Ich entfalte den Brief. „...erstattet hiermit Draco Malfoy seinen Zauberstab zurück, und läd Familie Malfoy für Narzissas große Verdienste zu einer Verleihungszeremonie des Merlinordens zweiter Klasse ins Ministerium ein..."
Meine Frau und ich starren uns ungläubig an – die Zukunft erscheint endlich wieder hoffnungsvoll.
