9. Das Ultimatum.

Harry hatte wieder einmal schlecht geschlafen. Die Szene mit Ginny steckte ihm noch in den Knochen. Wie hatte er sich nur so vergessen können. Harry schalt sich selbst für sein Benehmen Ginny gegenüber. Er wollte sich gleich, wenn er mit anziehen und waschen fertig war, bei ihr entschuldigen, doch im Gemeinschaftsraum fand er sie nirgends.

Auch Ron hatte keine Ahnung wo sie steckten könnte, denn gesehen hat er sie an diesem Morgen auch noch nicht. Er meinte nur, dass Ginny in letzter Zeit viel mit Hermine rumhing und dass er und Luna sich nicht weiter darum gekümmert hätten, da sie selber viel zu beschäftigt waren.

„Klasse!" murmelte Harry wütend vor sich her. „Jetzt sind es schon zwei Mädchen die mir aus dem Weg gehen." In Gedanken fügte er hinzu Mal abgesehen von Lisa, die will ja nichts mehr von mir wissen.

Lahm schlurft er durch die Gänge hinunter zum Speisesaal. Überall standen kleine Grüppchen von Mädchen in den Gängen die anfingen zu kichern und flüstern, wenn Harry vorbei lief. Langsam begannen ihn die giggelnden Mädchen zu nerven. Klar war es toll so beliebt zu sein, doch wenn er es sich genau überlegte war das der Grund, warum er jetzt so viel Ärger hatte.

Als er in den Speisesaal kam, wollte er am liebsten gleich wieder umdrehen. Seiner Meinung nach war er heute wieder viel zu voll, was für seine gereizte Stimmung nicht gerade eine Wohltat war. Er beeilte sich mit dem Frühstück um möglichst schnell wieder da raus zu kommen.

In der ersten Stunde hatten sie heute Pflege magischer Geschöpfe. Hagrid legte kaum noch wert auf einen Aufschrieb und so brauchte er nicht noch mal nach oben um seine Schulsachen zu holen. Froh, das Schloss möglichst schnell verlassen zu können, eilte er aus dem schweren Eichentor hinaus auf die Ländereien.

Sobald er ein paar Schritte vom Schloss entfernt war fiel die Nervosität ab und er ging langsamer. Von weitem schon sah er Hagrid vor seiner Hütte. Als er Harry bemerkte winkte er ihn zu sich. Harry ging auf Hagrid zu und wollte schon fragen was heute für ein Thema an der Reihe wäre, als er zu ihm herüber rief.

„Harry! Möchtest du mir nich ´n bisschen zur Hand geh´n? Ich hab hier ´n paar Jungtiere die du bestimmt wieder erkennst!"

Stolz zeigte Hagrid auf ein paar hölzerne Kisten. Als Harry näher kam hörte er schon ein verdächtiges Klacken und sein Magen schnürte sich krampfhaft zusammen. In den Kisten waren an die hundert kleine spinnenartige Tiere mit acht Augen und messerscharfen Kiefern.

„Aragog war so nett und hat mir ´n paar seiner Kinder anvertraut!"

Breit strahlte der Wildhüter Harry an.

„Die sind Weltmeister im Netze bau´n, da kannste direkt was lernen von!"

Widerwillig half Harry Hagrid die Kisten hinaus auf ein freies Stück Wiese zu schleppen. Immer wieder wollte eine, der noch kleinen Kreaturen, entweichen.

Harry befürchtete, dass Hagrid wieder ein Projekt daraus machen wollte und tatsächlich schlug Hagrid vor, dass jeder Schüler ein Exemplar zur Aufzucht erhalten solle. Dann könnten die Schüler die Lebensgewohnheiten dieser „wunderschönen Geschöpfe", wie liebevoll Hagrid sich immer ausdrückte, am besten beobachten. Harry musste fast schon lachen bei dem Gedanken was Ron von dieser Idee halten würde.

„Aber Hagrid, was ist wenn wir eines der Kinder nicht richtig versorgen, das könnte ich Aragog nicht antun!", versuchte Harry Hagrid von seinem Projektvorhaben abzubringen und tatsächlich schien dieser ernsthaft sein Vorhaben zu Überlegen.

„Sieh mal, du kennst dich so gut aus und kannst dich bestimmt sehr viel besser um die Tiere kümmern. Wir könnten sie ja bei dir beobachten und uns Notizen machen."

Hagrid schien sich seiner Sache, was das Projekt anging, nicht mehr so sicher.

„Mal sehn, vielleicht sollte ich wirklich selber auf sie aufpassen", bemerkte er nachdenklich. Harry fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte keine Lust gleich mehrere solcher Monster in seinem Schlafsaal stehen zu haben, schon allein wegen Ron. Harry wollte wenigstens etwas ruhigere Nächte haben, wenn er so etwas in letzter Zeit überhaupt hatte. Die Nervosität ließ ihn des Nachts auch nicht in Ruhe.

Endlich trudelten die ersten Schüler zum Unterricht ein. Auch Ron kam gerade mit den Creevy-Brüdern vom Schloss herüber. Sie diskutierten heftig über das letzte Quidditchspiel. Der Lärm musste wohl die Spinnentiere nervös gemacht haben, denn sie fingen heftig an mit ihren messerscharfen Kiefern zu klacken.

Ron blieb augenblicklich kreide bleich bei dem Geräusch stehen. Er sah aus, als wollte man ihn zum Henker führen. Harry eilte sofort zu ihm herüber und redete beruhigend auf ihn ein.

„Keine Sorge, die Idee mit dem Projekt hab ich Hagrid schon ausgeredet, wir sollen sie nur hier beobachten."

Das schien Ron nicht wirklich zu beruhigen. Mit steifen mechanischen Schritten folgte er Harry zu den Kisten. Angstschweiß bildete sich auf der Stirn und Panik stand ihm im Gesicht geschrieben. Doch Ron war nicht der einzige, der sich vor den Spinnen zu fürchten schien. Immer wieder hörte man spitze Schreie von Mädchen, wenn sich eines der Tiere etwas heftiger bewegte.

Der Unterricht ging den ganzen Vormittag und ausnahmslos alle waren froh, als zur Mittagszeit die Glocke vom Schloss herüber läutete. Schnell packten sie ihre Sachen und eilten zurück zum Schloss.

Lediglich Harry hatte es nicht so eilig. Während des Unterrichts waren alle so mit den Spinnen beschäftigt, dass niemand ihn besonders beachtete, doch das würde sich beim Mittagessen sicher ändern. Am liebsten wäre er alleine und hätte seine Ruhe, ohne all das nervtötende Geschwätz und das blöde Gekichere der Mitschüler. Auch das ewige Geflüstere hinter seinem Rücken war er so Leid.

Am großen Eingangstor wurde er schon von Professor McGonagall erwartet.

„Folgen sie mir bitte!", war ihre knappe Anweisung. Harry folgte ihr schweigend und bemerkte, dass sie ihn zum Büro des Schulleiters brachte.

Vor dem Wasserspeier nannte sie das Passwort so leise, dass Harry es nicht verstehen konnte. Bestimmend schob ihn auf die unterste Stufe der Wendeltreppe, die ihn nach oben zum Büro von Dumbledore brachte.

„Professor Dumbledore erwartet sie bereits!", hörte er sie noch sagen, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand.

Die Tür zu Dumbledores Büro war leicht geöffnet und so trat Harry zögerlich in das Büro. Was der Schulleiter wohl von ihm wollte, schoss es Harry durch den Kopf. Er hatte sich doch nichts zu Schulden kommen lassen oder die Mädchen hatten ihn angeschwärzt. Er konnte den Gedanken nicht fertig denken, da betrat Dumbledore sein Büro.

„Setz dich!", forderte er Harry auf.

Harry setzte sich auf den Stuhl vor Dumbledores Schreibtisch und wartete darauf, dass er zu reden begann. Dumbledore setzte sich ihm gegenüber und blickte ihn über den Rand seiner Halbmondbrille an. Er sah ungewöhnlich ernst aus. Harry wurde sichtlich unruhig.

„Das hat heute in der Frühe eine Eule gebracht! Bedauernswertes Geschöpf, sie sah sehr übel aus, ich hoffe sie überlebt es." Mit diesen knappen Worten reichte er Harry einen schwarzen Briefumschlag.

Harry besah sich den Umschlag und entdeckte, beim näheren hinsehen, dass in das Papier ein Totenkopf aus dessen Mund sich eine Schlange wand, eingeprägt war. Voldemorts Zeichen. Vor Schreck riss er die Augen auf und sah fragend zu Dumbledore herüber. Dieser nickte nur ganz leicht und legte das Kinn auf die Fingerspitzen seiner gefalteten Hände. Eindringlich beobachtete er Harry weiter.

Harry öffnete den Umschlag und zog einen Bogen schwarzes Papier heraus. Auch auf diesem Bogen war das dunkle Mal eingeprägt. Langsam begann er den Brief, der in blutroter Tinte geschrieben war, zu lesen. Er hatte mühe den Text zu entziffern, da ihm das Herz bis zum Halse schlug und er vor Aufregung so sehr zitterte, dass die ohnehin schon blassen Buchstaben vor seinen Augen verschwammen. Harry murmelte den Inhalt vor sich her.

An den Hüter der Schlammblüter!

Ich, Voldemort, fordere die Herausgabe von Harry Potter und der Prophezeiung. Sollte meiner Forderung nicht nachgekommen werden, wird in sieben Tagen kein Stein mehr auf dem anderen stehen und Hogwarts wird nur noch Geschichte sein. Stellen Sie meine Geduld nicht auf die Probe.

Lord Voldemort

Harry starrte noch eine Weile auf die wenigen Worte, als ob er deren Inhalt nicht verstehen würde. Ganz langsam sah er zu Dumbledore auf. Dieser blickte ihn immer noch so ernst wie vorher an.

„Professor? Hogwarts ist doch sicher, oder?", fragte Harry auf einmal. „Er wird nicht durch die Schutzbarriere gelangen? Professor?"

„Ich weiß es nicht!", erwiderte Dumbledore und sah wieder so müde und niedergeschlagen aus, wie damals, nachdem Sirius gestorben war. Harry hasste diesen Dumbledore, der keinen Ausweg mehr sah. Bei Dumbledore setzte man voraus, dass er einfach alles richten konnte. Er ertrug es nicht ihn so Ratlos zu sehen. Wütend blickte er auf seinen Schulleiter.

„ABER SIE…WIR MÜSSEN WAS UNTERNEHMEN!", schrie er seinen Schulleiter an. „Wir können doch nicht warten bis Voldemort angreift! Sagen Sie doch etwas!"

Traurig schob Dumbledore Harry den Tagespropheten herüber und wies auf einen Artikel. Harry überflog den Artikel und entsetzen über das gelesene packte ihn. Dort hieß es.

Hogsmead dem Erdboden gleich gemacht!

Erschütternder Tatsachenbericht

Heute früh um 7:00 Uhr ist er, dessen Name nicht genannt werden darf, über das noch schlafende Hogsmead herfallen und hat es dem Erdboden gleich gemacht. Mit solch einer Brutalität, dass kein Unterschied zwischen erwachsenen Hexen und Zauberern oder Kindern gemacht wurde Wenige überlebende Augenzeugen berichteten, dass plötzlich überall Todesser aufgetauchten und alles zerstörten, was ihnen im Wege war. Dabei schienen sie kein bestimmtes Ziel vor Augen gehabt zu haben. Die Zahl, der wenigen Überlebenden, die sich in die Wälder rund um das Dorf retten konnten, war erschreckend gering. Selbst die Aurorenzentrale die zum Schutz von Hogwarts eingerichtet und die bestens gesichert war, ist vollständig zerstört worden. Bedauerlicherweise gab es auch unter den bestens ausgebildeten Auroren keine Überlebenden. Niemand konnte sich erklären, woher die Vielzahl von Todesser plötzlich auftauchte.

Ein Kommentar von Professor Lupin auf Seite 6 und Seite7.

„Aber wie konnte das geschehen? Wir haben hier doch gar nichts mitbekommen."

Tränen füllten Harrys Augen und liefen ihm über das Gesicht. Er konnte sich so eine Zerstörungswut nicht erklären. Wenn nicht einmal die Auroren das verhindern konnten, wie kann dann noch Hogwarts sicher sein, dachte sich Harry und vergrub sein Gesicht in den Händen.

„Wir wissen es nicht!", gab Dumbledore resigniert zurück.

„Der Orden hatte keinerlei Hinweise auf solch eine Tat, wir haben es auch erst durch den Tagespropheten erfahren. Es muss so schnell und gründlich geschehen sein, dass niemand mehr Hilfe rufen konnte."

Auch in Dumbledores Augen sammelten sich langsam Tränen.

„Ich wollte nur dass du weist, was auf uns zukommt. Du musst jetzt noch vorsichtiger sein. Wir können nur abwarten und hoffen das der Schutz der Hogwarts umgibt stark genug ist Voldemort aufzuhalten."

Harry nickte leicht und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich werde kämpfen, ich gebe nicht so leicht auf, ich werde Hogwarts mit meinem Leben beschützen!"

Trotzig presste Harry die Worte hervor.

„Wir stehen alle auf deiner Seite und kämpfen mit dir, wenn es sein muss!", fügte Dumbledore jetzt schon etwas kämpferischer hinzu.

„Bitte behalte das noch für dich, ich möchte nicht dass eine Panik ausbricht. Das wäre das Letzte was wir jetzt gebrauchen könnten!"

„Ja Professor Dumbledore, ich werde nichts sagen."

Harry erhob sich und wandte sich um. An der Tür blickte er noch einmal auf seinen Schulleiter der nun zusammengesunken und wie es schien recht hilflos in seinem mächtigen Ohrensessel saß.

„Wir schaffen das schon, da bin ich mir absolut sicher!"

Harry drehte sich um und verließ das Büro. Heute würde er nicht mehr zum Unterricht gehen, er musste jetzt erst einmal nachdenken. Zielsicher schritt er zum Raum der Wünsche um dort die nötige Ruhe und Zeit zum nachdenken zu haben.