Es half alles nichts. Margareta musste der Wahrheit ins Auge sehen.
Sie war anscheinend doch gestorben. Das helle Licht, dass sie gesehen hatte, war ihr Ende gewesen. Beziehungsweise, es hätte wohl ihr Ende sein SOLLEN. Sie dachte an das warme, glückliche Gefühl, das sie für eine kurze Zeit verspürt hatte. Wohin auch immer sie beinahe gegangen wäre, es musste ein wunderschöner Ort gewesen sein... Das Himmelreich? Von diesem sagte man doch immer, dass es die ewige Glückseeligkeit bedeuten würde?
Tatsächlich jedoch hatte sie sich nach einem kurzen Vorgeschmack auf diese unendliche Freude schnell alleine im Wald wiedergefunden. Was war passiert? Hatte das Licht sie abgestoßen? Es musste wohl so sein. Anscheinend war sie dort, im Himmel oder wie man diesen Ort auch am besten bezeichnen sollte, nicht erwünscht.

Für einen Moment fühlte Margareta sich so wie damals, als sie im Alter von acht Jahren nicht zum Geburtstagsfest ihrer damaligen besten Freundin eingeladen worden war. Schon in jungen Jahren hatte sie es nicht ausstehen können, wenn sie nicht dorthin gelangen konnte, wo sie hin wollte. Mit Zurückweisungen war sie noch nie gut zurecht gekommen. Schlimm genug, dass ihre Eltern sich von ihr losgesagt hatten, als sie diesen vermaledeiten Ehevertrag unterschrieben hatten. Aber nun wollte selbst der Himmel/das Paradies/das Nirvana, was immer es auch war, sie nicht haben? Das machte sie wütend.

Gut, sie war noch nie besonders ehrfürchtig oder gläubig gewesen. Aber SO schlecht konnte es um ihre Sündenbilanz doch auch nicht bestellt gewesen sein, oder?
Sie hatte sich zwar des öfteren ihren Eltern widersetzt, bisweilen undamenhaft geflucht und während der Messe ihr Gedanken schweifen lassen, aber wer tat das nicht? Sie war keine Heilige gewesen, aber das musste sie doch auch nicht sein, sie war schließlich keine Nonne!
Eigentlich war sie, dem Grunde nach, doch ein guter Mensch! Hatte keinen Diebstahl und keinen Ehebruch zu verzeichnen (schließlich WAR sie ja nicht verheiratet), keinen Mord begangen...
Moment. Mord! Sie dachte daran, wie sie das klebrige Blut ihres Onkels von ihren Fingern geleckt hatte. Alleine die Erinnerung daran machte sie leicht schwindlig. Ach nein, das war ja erst passiert nachdem sie gestorben war und zählte also nicht, oder? Ihr schwirrte mittlerweile der Kopf.
Die stickige Enge der Kutsche schien sie wohl langsam wahnsinnig zu machen.

Vergangene Nacht hatte sie die Vorhänge vor dem Fenster dicht zugezogen. Eine Stimme in ihr hatte ihr zugeflüstert, dass es GAR nicht gut wäre, wenn sie sich dem Licht der aufgehenden Sonne aussetzen würde.
Nun fiel ihr auf, dass sie, obwohl sie den Raum absolut abgedunkelt hatte, ihre Umgebung noch sehr deutlich erkennen konnte. Normalerweise hätte sie in diesem Stockdunkeln die Hand vor Augen nicht sehen können. Aber gerade eben hatte sie ohne Probleme ihren Spiegel gesucht und gefunden. Die Polster der Kutsche waren gut zu erkennen, die Maserung des Holzes der Türe ebenfalls... Ihre Sehkraft schien deutlich zugenommen zu haben. War das einer der Nebeneffekte ihres neuen Daseins? War das Wort „Dasein" überhaupt gerechtfertigt, schließlich war sie ja tot?
Margareta fuhr sich frustriert mit den Fingern durch ihr Haar und machte dieses noch unordentlicher, als es ohnehin schon war. Genug war genug. Ihre Gedanken kreisten schon viel zu lange vor sich hin. Sie hatte sich jetzt lange genug vor der Welt versteckt, es war an der Zeit, einen Schritt nach draußen zu wagen. Sie öffnete die Tür. Die Nachtluft schlug ihr entgegen.

+*+*

Margareta wusste natürlich, dass eine Dame im Sommer nie ohne Hut oder Schirm vor die Haustüre treten sollte. Zu leicht konnten die aggressiven Strahlen der Sonne einem die Nase unschön verbrennen, die Hände hellbraun färben oder gar unansehnliche Sommersprossen auf die Wangen zaubern. Man wollte schließlich nicht so aussehen, wie ein Bauernmädchen. Um diesen ungewollten sommerlichen Erscheinungen vorzubeugen, hatte sie sich, wenn möglich, stets im Schatten aufgehalten.
Aber dass das, was sie vor der Kutsche zu sehen bekam, auch ein Effekt der Sonne sein konnte, hätte sie sich nie träumen lassen.

Als sie den Aschenhaufen auf dem Boden vor der Kutsche erblickte, war sie zuerst ein wenig verwirrt. Sie hatte doch kein Holz für ein Lagerfeuer auftreiben können? Wer um Himmelswillen hatte denn dann...
Siedendheiß fiel ihr dann jedoch ein Aspekt ihrer neuen Existenz ein, den ihr Kindermädchen in ihren Erzählungen stets flüsternd erwähnt hatte. Sie kniete sich nieder und streckte vorsichtig den Zeigefinger nach der Asche aus. Kurz bevor ihre Fingerkuppe den grauen Staub jedoch berühren konnte, zuckte sie zurück. Lieber nicht.

So schnell konnte es also gehen. Sie schauderte.
Grade noch ein grummelnder Mann beim Frühstück, Stunden später schon bewusstlos auf dem Boden, kurz darauf blutleer und am anderen morgen bereits ein Haufen Asche, den der Wind in kurzer Zeit in alle Richtung verstreut haben würde.
Wenn sie ihren Onkel auch einen Platz in der schützenden Kutsche geboten hätte, würde er jetzt vielleicht neben ihr stehen... Für einen kurzen Moment spürte sie Erleichterung, den unleidigen Kerl nie wieder sehen zu müssen nur um Sekunden später von einem unglaublich schlechten Gewissen gepackt zu werden.
Sie drehte sich von der Bescherung auf dem Boden weg. Sie entschied sich dafür, dieses Kapitel erst einmal großzügig zu verdrängen und sich später mit Schuld und derlei Angelegenheiten auseinander zu setzen.

Wohin sollte sie jetzt gehen?
Sie rief sich die Hoffnungslosigkeit Ihrer Situation vor Augen. Sie war alleine im Wald. Es war Nacht, sie hatte keinen Ort, an den sie gehen konnte. Ihre Besitztümer, die sie mit in die Ehe hätte nehmen sollen, und die in schwere Koffer verpackt auf dem Dach der Kutsche befestigt waren, konnte sie gewiss nicht alleine tragen und selbst wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre, hätte sie nicht gewusst wohin damit.
Was ihr blieb war das Pferd, das der Kutscher am vergangenen Tag an einen Baum gebunden hatte, bevor er mit dem zweiten Gaul durchgebrannt war.
Sie würde einfach das Pferd nehmen, aufsteigen und davon reiten. Wohin würde sich dann schon zeigen.

Sie ging auf das Tier zu und musterte es. Es war natürlich ungesattelt.
Zum Glück war sie war schon zuvor manchmal ohne Sattel geritten. Natürlich war das zutiefst unschicklich für eine junge Dame aus gutem Hause gewesen, sie hatte sich deshalb tunlichst nicht dabei erwischen lassen. Nun, jetzt war sie keine Dame aus gutem Hause mehr, sondern... sie schluckte... etwas anderes. Sicherlich galten derlei gesellschaftliche Zwänge nun nicht mehr für sie?
Das Pferd schnaubte leise. Als Margareta näher trat begann es zu tänzeln und versuchte, aus ihrer Reichweite zu gelangen. Die Zügel, mit denen es angebunden war, erlaubten ihm jedoch nur einen Spielraum von einigen Metern. Erst als sie mit dem Gaul mehrmals Ringelreihen um den Baum herum getanzt hatte und die deutlich verkürzte Leine das Tier beinahe erwürgte, wurde ihr klar, dass er wohl Angst vor ihr hatte.
„Du kennst mich doch, was soll das!" zischte sie! Sie streckte Ihre Hand aus, damit das Pferd daran schnuppern konnte. In schierer Panik schnappte das Tier nach ihren Fingern. Sie konnte die Hand gerade schnell genug wegziehen um den Verlust eines Fingers zu vermeiden, jedoch hatten die Zähne einige tiefe Kratzer auf ihrer Haut hinterlassen.

Sie schrie erzürnt auf. Hatte sich denn alles gegen sie verschworen? Sie trat einige Meter von dem Pferd weg und musterte ihre lädierte Hand. Ihren Handrücken zierten zwei Risse, die stark bluteten aber seltsamerweise nicht weh taten. Wenn das nur ohne Narbe heilte! Mit der heilen Hand tastete sie im Ärmel Ihres Kleides nach einem Taschentuch, um die Wunde zu verbinden. Sie wurde fündig und wickelte das weiße Tüchlein vorsichtig um ihre Hand. Das Pferd stand nun wieder ruhig da. Als sie beiseite getreten war, hatte es sich sofort wieder beruhigt.

Bevor sie einen neuen Versuch in Angriff nahm, atmete sie erst ein paar Mal tief ein und aus. Was hatte das eben gesollt? Normalerweise kam sie gut mit Tieren zurecht. Das Pferd musste durch das lange Angebundensein den Verstand verloren haben!
Sie hob ihre Hand um den Verband fester zu ziehen. Sie hatte erwartet, dass das dünne Tuch sich von ihrem Blut mittlerweile rot verfärbt haben würde, doch es war immer noch schneeweiß. Wie konnte das sein? Sie entfernte das Taschentuch und starrte auf ihre weiße, makellose Haut. Sehr, sehr merkwürdig.