Kapitel 9 – Cannonball (Damian Rice)

Die Nacht über lag Marc trotzdem er reichlich den Jägermeister in sich hineingeschüttet hatte, in seinem Bett und konnte weder kotzen, obwohl im speiübel war, noch schlafen. Tage zuvor hatte es immer geholfen, etwas zu trinken, die erlösende Schwärze kam immer, wenn auch nur für ein paar Stunden. Doch in jener Nacht blieb er wach. Stundenlang schaute er die Decke über sich an, war aber einfach zu matt aufzustehen, um sich vielleicht noch einen Kurzen zu genehmigen. Oder Joggen zu gehen. Dies hatte er früher in Konfliktsituationen oft getan, egal wie dunkel, neblig oder heiß es draußen gewesen war, zu jeder Tages- und Nachtzeit war er umhergelaufen um sich dann ermüdet, aber ausgeglichen in sein Bett zu schmeißen.

Dies war eines seiner Rituale, die er allerdings nicht mehr gebraucht hatte, seit er Gretchen kannte. Wenn es ihm schlecht ging, überlegte er mit was er sich am nächsten Tag mit seiner Assistenzärztin streiten konnte, wenn er Gabis müde war, dachte er an Gretchen, und wenn sie unglücklich war, überlegte er sich, wie er auf eine ganz un-charmante Art ihre Gedanken in die richtige Richtung leitete, damit sie wieder Lächeln konnte.

Damit war sein Problem nicht mehr schlafen zu können, passe, da er jeden Tag mit aufgelisteten Problemen konfrontiert wurde. Und nach nun einem Jahr gemeinsam hatte sich abends nie die Frage gestellt, wie er einschlafen sollte. Viel mehr die Frage, warum er morgens aus dem warmen, kuscheligen Bett aufstehen sollte, wenn es doch so viel mehr Sinn machte, sich an ihren frierenden Körper anzuschmiegen.

Er seufzte. Es hatte noch nicht mal ganz vierundzwanzig Stunden geklappt ihren Namen nicht zu denken, nicht auszusprechen.

Er wünschte es sich so sehr, dass es aufhörte.

Dieses fiese Pochen in seinem Kopf, dieses Herzrasen, wenn er ihr Bild vor Augen hatte.


An seinem Zustand änderte sich die nächsten Tage bis zur darauf folgenden Woche Mittwoch Morgen nichts. Die Dusche seit Tagen nicht benutzt, den Rasierer ebenfalls, seit Mehdi bei ihm gewesen war, nicht einmal an sein Gesicht herangelassen und auch weiter so in den Tag hineingelebt, wie zuvor, musste er sich an besagtem Morgen aus dem Bett hieven. Restalkohol hatte er seit Sonntag nicht mehr im Blut gehabt. Und die letzt Pfütze Absinth wollte er sich aufheben. Er brauchte etwas, womit er noch ein letztes Mal anstoßen konnte, wenn er es geschafft hatte, über Gretchen Haase zu siegen, und damit auch gleich über sie hinweg zu sein.

Auch gegessen hatte er nur unregelmäßig, das letzte Nährreiche war Lilys Wurstbrötchen gewesen, sah dafür aber nach geschlagenen zwei Stunden im Badezimmer, geschniegelt und gebügelt aus, so wie man es von ihm immer gewohnt war.

Okay, er sah zwar nicht erholt aus, wie man es nach einem Hawaii-Urlaub erwartet hätte, aber da er ja eh schon Dr. Ebersbusch von Gretchens Aufenthalt erzählt hatte, und auch Mehdi über alles Bescheid wusste, war ihm sowieso klar, dass das ganze Krankenhaus-Personal von der kleinsten Vorzimmer-Dame bis hin zum Verwaltungsdirektor ein jeder wusste, was im Leben eines Marc Meiers die letzten zwei Wochen abgegangen ist.

Störte es ihn? Nein.

Warum? Weil er immer noch depressiv war.

Würde er dies in Angriff nehmen? Nope...

So machte er sich eine ganze Stunde zu spät mit der Berliner Bahn auf ins Elisabeth-Krankenhaus, und wurde vor dem Eingang schon mit Gabi konfrontiert, die ihn hämisch angrinste. Sie sagte allerdings nichts. Gut. Vermutlich hätte er, obwohl sie eine Frau war, dann ihr feines Gesicht verformt. Die Frau hatte so einiges auf dem Kerbholz (er überging geflissentlich: er auch), und sie saß nicht im Knast.

Auf Station wuselte Sabine unbeholfen von seinem Chefarzt Dr. Rössel zum Telefon und zurück. Wenn Marc es nicht besser gewusst hätte, konnte man fast annehmen, dass Dr. Rössels Frau ebenfalls in U-Haft saß. Er sah nicht eine Spur besser aus, als Marc. Nur dass er es durch sein wesentlich jüngeres Äußeres besser kaschieren konnte. Die sonst immer glattgekämmten Haare kringelten sich am Hinterkopf hoch, seine Brille saß schief auf der Nase und sein sonst wohl getrimmter Dreitagesbart war durcheinander mit vereinzelten länger abstehenden Härchen, als andere.
Es konnte halt nicht jeder eine so wunderbare Figur abgeben, wie ein Marc Meier.

„Ich erreiche ihn nicht, Herr Doktor", sagte Sabine unterwürfig und nestelte mit einer Personalakte vor sich herum.
„Das kann nicht wahr sein", quiekte dieser dann unbeholfen: „Sabine, probieren Sie weiter, wir brauchen ihn - jetzt!" Unwirsch rieb sich der Leiter der Chirurgie übers Gesicht.

Sabine hatte nun Marc bemerkt, der langsamen, sogar nicht zu ihm passenden wollenden, Schrittes den Korridor sich an Schwestern, die gerade das Frühstück wieder einsammelten, vorbei zum Schwesternzimmer vorschob.

„Es ist mir völlig klar, dass ohne mein Zutun dieses Krankenhaus aufgeschmissen ist, Dr. Rössel!", sagte Marc betont munter, woraufhin sich angesprochener abrupt zu ihm umdrehte:
„Ma...ier?", er sah aus, als ob ihm gerade etwas erschienen war. Und leider das absolute Gegenteil vom Messiah.

„Was machen Sie denn hier?"

Marc war etwas verwundert über diese Frage. Eben noch verlangte er regelrecht nach ihm, und nun fragte er, was er hier machte? Kein Anschiss, dass er eine Stunde, erstmalig in seiner gesamten Laufbahn als Arzt, zu spät gekommen war?

„Meine Arbeit antreten", erklärte Marc ruhig.

„Oh...", sagte Sabine verheißungsvoll und strahlte übers ganze Gesicht.
„Das ist aber schön, Herr Doktor", doch Marc störte sich überhaupt nicht an der kleinen Schwester, sondern starrte Dr. Rössel mit Stieraugen an. Irgendetwas war hier gerade mächtig schief gelaufen.

„Dr. Meier...", räusperte sich sein ultimativer nächster Vorgesetzter umständlich. Etwas, was man von diesem sonst so lustigen Arzt überhaupt nicht kannte.

„Kommen Sie mal mit in mein Büro... und Sie versuchen weiter Dr. Polstorff zu erreichen", letzteres sagte er an Sabine gewandt, und nur wiederwillig ließ sich Marc von dem ehemaligen besten Freund von Franz Haase durch die Gebäude bis in die Büroräume schieben. Dr. Rössel war im letzten Jahr von seinem normalen Büro in jenes umgezogen, was immer dem Chefarzt der Chirurgie gehörte. Das mit dem größten Ausblick über die angrenzenden Häuser des Krankenhauses, mit den höchsten Decken - das in dem er Gretchen Haase das erste Mal geküsst hatte, nachdem sie ihren nun toten Ex-Ehemann (war man eigentlich ein Ex-Ehemann, wenn man eine Ehe annullieren lassen hatte?), geheiratet hatte.

Ihm war nicht wohl dabei, diesen Raum zu betreten.

Dr. Rössel setzte sich seufzend in seinen Chefsessel und bedeutete Marc die Tür hinter sich zu schließen und sich dann ihm gegenüber auf einen der Stühle niederzulassen.

„Dr. Meier...", begann er, versuchte ein breites Grinsen.

„Marc...," Ja, und genau in diesem Moment wusste Marc, wo der Ha(a)se langlief.
Abschätzig verengte er die Augen zu Schlitzen und leckte sich angriffslustig über die Lippen.
„Wir wissen ja beide, dass es momentan eine schwierige Situation für Sie ist, nicht?", das Grinsen von Dr. Rössels Visage nahm keinen Abbruch, weshalb auch Marc sich dann für ein vordergründiges Lächeln entschied und einfach mal im Takt nickte.

„Und ich dachte mir, es wäre vielleicht eine grandiose Idee, wenn Sie sich noch ein paar Tage,... nun... Urlaub nehmen... Sie wissen schon, um wieder entspannt und ausgeglichen zu sein!"

Noch während er kontinuierlich grinste, knirschte Marc durch seinen zusammengepressten Kiefer hervor: „Lassen Sie mich raten, ein gewisser Gynäkologe konnte seine Klappe nicht halten, was?"
Das Eis war gebrochen und Dr. Rössel wusste, dass der Oberarzt jeglichen Argumenten, warum dies eine gute Lösung, nicht nur für das Krankenhaus, sondern in erster Linie für ihn selbst, Marc, nicht zugänglich war.

Er seufzte und entließ seine Gesichtsmuskeln dem wohlverdienten Feierabend.

„Dr. Meier, es ist vollkommen egal, von wem ich weiß, dass sie die letzten zwei Wochen mehr Alkohol getrunken haben, als der gesamte Ärztestammtisch in einem ganzen Quartal. Fakt ist, dass ich nicht denke, dass sie auf der Höhe sind, eine OP durchzuführen, ohne alle noch mehr anzuscheißen, wie sie es eh schon ohnehin immer getan haben. Vom Wohl des Patienten ganz abgesehen. Außerdem..."
„Bitte?", fragte Marc wütend. Es ging hier um seinen Alkoholkonsum? Das machte ihm Angst? Er war kein Alkoholiker: „Herr Pro... Dr. Rössel ich denke Sie missverstehen die Gesamtsituation. Es geht mir blendend!", bestätigte Marc sich selbst.

Doch der Chefarzt fuhr ungerührt fort.: „Außerdem wäre es unmenschlich, Ihnen in diesen verkorksten Tagen einige nicht einfache Entscheidungen abzunehmen!" Er kramte unter seinen Aktenbergen einen Urlaubsantrag hervor und ein weiteres Schriftstück mit dem Betreff: Auf unbefristete Zeit suspendiert.

„Sie haben die Wahl, Dr. Meier. Entweder sie nehmen sich nochmal Urlaub – Minimum zwei Wochen, oder ich enthebe sie für geraume Zeit ihrer Arbeit!"

Marc schaute immer wieder auf die zwei nebeneinander liegenden Papiere und zurück in das Gesicht von seinem Vorgesetzten, das eigentlich immer ein leicht verschmitztes Lächeln oder Freundlichkeit ausstrahlte. Immer. Nur an diesem vertrackten Morgen nicht, an dem auch das graue Wetter genau zu der Mine passte, in die er einen Moment länger als nötig gestarrt hatte. Wiederwillig nahm Marc den Kugelschreibe in die Hand und unterschrieb den Fetzen in großen geschwungenen Buchstaben mit seinen Initialen: M. O. Meier.

Dr. Rössel nickte bestätigend: „Das dachte ich mir...", knickte das andere vorgefertigte Schreiben der Verweisung und steckte es, nachdem er sich auf dem Stuhl um einhundertachtzig Grad gedreht hatte, in den Reißwolf.

Marc war schon auf dem Weg zur Tür, als ihm sein Chef noch einmal ansprach, woraufhin Marc nur mit Mühe ein „Was noch?", unterdrücken konnte und sich zurück umdrehte.
„Und Marc... sie sollten Bärbel besuchen. Ihre Werte sind nicht die Besten..."

Marc nickte knapp und verließ das Büro.


Wutentbrannt und nur noch einen einzigen Gedanken verfolgend, Mehdi so derb eine reinzuwürgen, wie ihm ohne gutes Frühstück nur irgend möglich war, sauste er über die Korridore des Krankenhauses. Sabine, die ihn mit „Herr Doktor, wie geht es ihnen denn" ansprach, grob bei Seite schiebend, nahm er die Abkürzung durch den gläsernen Zwischenbau, der ihn ohne Umwege zur Gynäkologie beförderte.

Ohne anzuklopfen öffnete er ruppig die Tür.

„Sag mal wie kommst ausgerechnet du dazu, mich beim Alten anzuprangern?", polterte Marc sofort los, ungeachtet dessen, dass Mehdi gerade zwischen den Beinen einer Patienten saß um sich ihren Intimbereich einmal genauer anzusehen. Auch Gabi schaute erschrocken von ihrem Notizheft hoch.

Der Gynäkologe lächelte der Frau vor ihm sanftmütig zu: „Einen winzigen Augenblick, Frau Herrmann. Mein Kollege braucht nur schnell einen weiblichen Ratschlag!"

Noch bevor Marc irgendetwas weiteres sagen konnte, hatte Mehdi ihn mit in den Flur hinaus geschleift.

Gabi und die Patientin schauten sich fragend an, als sie lautstarke Männerstimmen durch die Wand hindurch wahrnahmen.

Draußen hatten sich einige Leute ganz ungeniert zu den beiden Männern umgedreht. Marc hatte sich, nachdem die Tür hinter seinem Freund ins Schloss gefallen war, von ihm losgemacht und ihn am Kragen gegen eben diese Tür gepresst:
„Ich hoffe du bist dir im Klaren darüber, wer dich damals gedeckt hatte, als du mehrere Wochen mit Handschuhen im Hochsommer rum gelatscht bist, weil man deine Narben nicht sehen sollte!"
„Mach mal halblang, was ist denn bloß in dich gefahren! Von was redest du überhaupt?", drückte Mehdi aus seiner von Marc eingequetschten Lunge mühselig hervor.
„Von was ich rede? Von was ich rede?", Marcs eben noch gefährliches Zischen, war einer von Zorn erhörten Stimme gewichen.
„Warum hast du mich beim Rössel verpfiffen? Wegen Anna? Ich dachte, sie ist das Übel der Welt, nicht ich..."
„Hab ich doch gar nicht! Außerdem war es deine Maßlosigkeit, die mich dazu veranlasst hat, mich mit Anna wieder zu vertragen...", sagte Mehdi verwirrt und verstand die Welt nicht mehr.

Marc blinzelte ihn verständnislos an, bis er seinem Freund noch einen festen Stoß gegen die Wand verpasste: „Ich will für dich hoffen, dass das stimmt, Kaan" , danach ließ er von ihm ab. Und stellte sich trotzdem noch einmal vor ihm auf. Sodass die umstehenden Leute nichts hörten, sagte er ganz leise: „Du willst nicht miterleben, was deine Kollegen von dir denken, wenn sie erstmal wissen, dass du zwei Selbstmordversuche hinter dich gebracht hattest, noch dazu, dass du das deiner süßen kleinen Tochter angetan hattest, die dich gefunden hat!"

Mehdi seufzte. Anna hatte ihm wütend vor ungefähr einer Woche erzählt, was Marc gesagt hatte. Doch wirklich aufregen konnte der Gynäkologe sich darüber nicht. Es war besser gewesen, dass Marc alle anderen verbal angriff, als an sich selbst Hand anzulegen. Einzig der Alkohol machte Mehdi Sorgen, den Marc in Massen verschlang.

Er war in den letzten Tagen immer mal wieder zu seinem Freund gefahren, doch entweder hatte er die Tür nicht aufgemacht, oder ihm zugerufen, dass es ihm gut ging, und sich sein Typ dezimieren sollte. Noch einmal die Tür aufbrechen konnte Mehdi leider nicht mehr, da ihm schon beim letzten Mal ein schweres Ziehen in seinem Rücken Probleme bereitet hatte.

Es ärgerte Marc, dass Mehdi ihm nicht wie Anna eine scheuerte (ja, es hätte zu Mehdi gepasst), oder gar etwas wütendes sagte, sondern ihn nur mit seinen großen, braunen, gütigen Augen anschaute: „Du brauchst dringend Hilfe, Marc!"

„Pah... mir geht es blendend. Bekomm ich jetzt deine Wagenschlüssel?", er streckte die Hand hinaus und wedelte mit den Fingern.

„Bitte?"

„Das ist wohl das mindeste, was du tun kannst, nachdem du mir deine Frau auf den Hals gehetzt hattest."

Doch da war auch bei Mehdi jegliche Contenance dahin, wischte sich vor dem Gesicht hin und her, deutete also Scheibenwischer an, und ging mit einem von Frust genährten Stöhnen zurück in sein Behandlungszimmer.

Marc rümpfte die Nase, als er daran denken musste, dass er schon wieder Geld fürs Taxi ausgeben müsste. Noch dazu hatte er einzukaufen.

Bier, Jägermeister (ohne den würde er, weil er sich noch nicht mal mehr auf seine Arbeit freuen konnte, nie mehr einschlafen können), Jack Daniels und vielleicht ein Brot... oder so.

Und dies erledigte er, egal wie doof der Taxifahrer auch dreingeschaut hatte.


Original Writing: 12./13. August 2011

Original Air-Date: 20. Januar 2012

lg

manney