"Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf."

(Christian Morgenstern)


Sie hatten die Leichen in sein Quartier gebracht. Es stank nach Verfaultem. Er hob seinen Blick und über ihm hing Charity, starr und grau. Ihr Mund war zu einem ewigen Schrei verzogen. Colin Creevey lag zusammengerollt in einer Ecke, sein Daumen war in seinem Mund und er war nicht größer als ein Kleinkind.

'SEVERUS!'

Er schnellte hoch, blinzelte. Richtig. Heute sollte er entlassen werden. Minervas Gesicht war direkt vor ihm, auch Winterbottom stand im Zimmer.

'Alles in Ordnung?', fragte sie mit besorgtem Blick.

'Prächtig.'

Nachdem er alles gepackt hatte, alles inkludierte ein Paar Toilettenartikel und eine Schatulle, sah er sich noch einmal um. Der Sessel, der permanent bewohnt worden war. Hermine, Potter, Minerva, Winterbottom... sein Vater mit seinen stinkenden Selbstgedrehten, doch ohne den Brandy mit dem er jahrelang seine Gehirnzellen malträtiert hatte.

'Komm...,' bat Minerva leise und riß ihn aus seinen Gedanken. Er folgte ihr. Als sie draußen waren, kramte Minerva in ihrer riesigen Handtasche. Severus fragte sich, was Frauen so den ganzen Tag mit sich trugen.

'Irgendwo habe ich deinen Zauberstab. Hier... nein, das ist meiner, warte. Bleib doch mal stehen.'

Sein Zauberstab. Crabbe hatte ihm seinen richtigen abgenommen. Crabbe. Severus bereute es, sich über den Tod seines Sohnes ausgelassen zu haben, unter normalen Umständen hätte er so etwas nie getan. Er vertrieb den Gedanken an die Umstände und wartete bis Minerva des Inhalts ihrer Handtasche Herr geworden war. Es würde ihn nicht überraschen, wenn Ministeriumszauberstäbe aus Plastik waren. Mit dem Haar eines verstorbenen Bürokraten. Nichts würde ihn mehr wundern.

Endlich hatte sie ihn gefunden. Sie reichte ihm das lächerliche Instrument mit einem entschuldigenden Lächeln.

'Was...?'

Sie räusperte sich. Der Stab war... klein und brüchig. Schmal und schwach. Severus seufzte leise und steckte ihn in die Hosentasche. Er hatte nicht einmal einen Umhang.

'Der Stab ist aus Ribes rubrum mit dem Haar eines Geschöpfes, welcher zu Gattung der Talpidae Magica gehört.'

Sie fand das sogar lustig. Johannisbeere mit Nifflerhaar. Ollivander hätte den Anblick dieses Stabes als unangenehmer empfunden, als seine gesamte Zeit in Gefangenschaft der Todesser. Ohne Zweifel.

Ihm war nicht besonders gut. Er fühlte sich unbehaglich und schrecklich verwundbar auf offener Straße. Nachdem er ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, schlug ihr vor, schnellstmöglich zum Schloß zu apparieren. Sie hatte eigentlich vorgehabt, mit der Bahn zu fahren, aber er bestand auf das Apparieren.

Sie nahm seinen Arm und übernahm das Tandemapparieren. Er hätte sich nicht getraut, es mit seinem Stab zu versuchen. Womöglich hätten sie ihn in hundert Orten gleichzeitig gefunden.

'Wie fliegt man ohne Besen?', fragte sie, wohl um das Schweigen zu überbrücken.

'Das hätte ich damals auch gern gewußt.' antwortete Severus. Damals. Es erst ein paar Wochen her als Minerva ihn aus dem Schloß gejagt hatte. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Er hatte nichts als Protego-Zauber benutzt, während sie ihn mit dunklen und potentiell tödlichen Flüchen attackiert hatte. Die Linie zwischen schwarz und weiß war schon immer recht verschwommen gewesen.

'Wie meinst du das?' Minerva war vollkommen perplex.

'Ich bin gesprungen, Minerva. Weil ich dich nicht töten wollte. Während des Fluges mußte ich die Wahl treffen, entweder einen Zauber zu benutzen, der den Aufprall abfängt, oder einen Zauber, der ein Blatt in ein fliegendes Etwas verwandelt, welches entweder mir oder einer Fledermaus ähnelt. Du weiß, wofür ich mich entschieden habe. Ich habe mir beide Knöchel gebrochen, habe mich dann unsichtbar gemacht, meine Beine wieder hergestellt und bin wenig später von Nagini fast getötet worden. Den Rest kennst du.'

Sie war kreideweiß. 'Ich wußte nicht... ich wollte nicht...' Er schüttelte den Kopf und ging mit langen Schritten auf das Schloß zu. Dies war wahrscheinlich nicht ihre Idee von Smalltalk.

'Laß es.'

Severus hätte sich jetzt gern unsichtbar gemacht. Er könnte Minerva fragen, aber nein. Einst war er ein stolzer Mann gewesen, umgeben von Dunkelheit und Zweifeln an seiner Loyalität und Geheimnissen. Mit den Ruf, eine echte Gefahr zu sein für jeden, der ihm in die Quere kam. Nun gab es keine Geheimnisse mehr, keine Zweifel. Und die Idee, daß er für irgend jemanden zur Gefahr werden könnte erschien ihm angesichts seines "Zauberstabes" lächerlich.

Mit schnellen Schritten bewegten sie sich auf das Schloß zu. Es war nicht das erste Mal, daß Severus sich bewußt wurde, wie viele Treppen es hier gab. Wie oft hatte er sich hier langgeschleppt, halbtot, verletzt oder gedemütigt.

Auch die Rückkehr nach Hogwarts rief in ihm nicht gerade eine Welle schöner Erinnerungen hervor. Ein kleiner, schwarzhaariger Junge rannte an ihnen vorbei. Ein Slytherin aus dem Zweiten Schuljahr. In seinem Gesicht stand Freude und Hoffnung. Severus hoffte inständig, daß das Kind mehr vom Leben zu erwarten hatte als er.

'Es ist Zeit für das Abendessen...'

Wunderbar. Allen Schülern entgegenzutreten war genau das, was er jetzt brauchte. Oh, wie sehr beneidete er die Selbstbewußten...!

Als er in die Große Halle trat, wurde es auf einen Schlag totenstill. Man hätte den Atem eines Flubberwurms hören können.

Alle Augen ruhten auf ihm, er wußte die Gesichtsausdrücke nicht zu deuten. Die Gesichter waren alle gleich weiß und verschwommen.

Dann erhob sich ein Tösen. Die Schüler hämmerten auf ihre Tische, manche stiegen auch auf sie und trampelten und johlten.

Es war wohl die lauteste Standing Ovation, die Hogwarts je gesehen hatte.

Severus schluckte schwer. Schnellen Schrittes und den wehenden Umhang schmerzlich vermissend, ging er zu seinem Platz. Minerva setzte sich neben ihn.

'Habe ich ganz vergessen Dir zu sagen,' flüsterte sie und holte ein Buch aus ihrer Tasche.

Die Memoiren des Severus Snape.

'Sie haben es veröffentlicht. Deine Aussage. Es verkauft sich besser als die Biographie von Albus.'

Er war froh, daß er saß. Sein abgemagertes, häßliches Selbst, mitsamt Handfesseln und Veilchen starrte ihn an.

Die Schüler beruhigten sich langsam. Wunderbar. Sein Innerstes war zur Unterhaltung aller auf den Markt gekommen. Das Ministerium verdiente sich sicherlich dumm und dämlich an ihm.

Merlin, er hätte es wissen sollen. Glücklicherweise erlöste der Sprechende Hut ihn von seinen Gedanken.

Die Rede war dieses Jahr kurz und... überraschend.

'Wie töricht war die Zaub'rerwelt,

ein Urteil von 'nem Hut gefällt,

so einfach anzunehmen.

Mut, Treue,

List und Schläue

Sind gute Eigenschaften,

die an uns allen haften.

Von einem Kind, nicht mal zwölf Jahre,

wissen wir nicht das Wahre.

Drum wird in diesem Jahr,

ich will es nicht vermeiden

Der Zufall wohl entscheiden.

Daraufhin wurden in wenigen Minuten fünfzig Schüler in immer der gleichen Reihenfolge sortiert. Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw, Slytherin.

Lehrer und Schüler waren zu sprachlos um dem offensichtlich senil gewordenen Hut Einhalt zu gebieten. Severus war es nur recht, daß die Aufmerksamkeit nicht mehr ihm galt.

Sein Blick wanderte zum Tisch der Gryffindors, zu Hermine. Sie schien aufgeregt, ihre Wangen leuchteten rot, ihre Augen waren etwas glasig. Sie sah ihn, lächelte ihn schüchtern an.

Er wandte sich ab.