Vielen, vielen Dank für die Reviews, hab mich mal wieder total gefreut! :)

Sandstaub: Kritik zur Kenntnis genommen. :) Ich weiß nicht genau, was ich in der Hinsicht am letzten Kapitel ändern würde (ich finde das immer ziemlich schwer, wenn man einmal fertig damit ist), aber ich werde versuchen, es für Kapitel mit dieser Thematik in Zukunft zu beherzigen.

Andererseits fand ich es auch schwer, in diesem ersten Kapitel über Sirius und seine Familie seit er nach Gryffindor gekommen ist, gleich alle Aspekte darzustellen. Es wird aber noch mehr Kapitel geben, in denen Sirius zu Hause ist (damit beziehe ich mich auf diesen Band, den fertigen nächsten und den sich in Arbeit befindenen dritten sowie hoffentlich auf alle folgenden, zu denen ich jedoch noch keine Angaben machen kann, weil ich sie eben noch nicht angefangen habe) und man mehr über sein Leben dort und die Beziehung zu seiner Familie erfährt.

Ja, das stimmt, die anderen Rumtreiber wissen nicht wirklich, was mit Sirius los ist. Ich stelle mir das so vor, dass James, Remus und Peter alle in halbwegs liebevollen Familien aufgewachsen sind, in denen harte Strafen, vor allem harte körperliche Strafen, keine oder nur eine sehr geringe Rolle spielen und andere Meinungen bis zu einem gewissen Grad akzeptiert werden. Daher haben die Rumtreiber keine Vorstellung davon, was Sirius als Erbe einer alten, traditionsbewussten Reinblutfamilie tatsächlich erwartet. Und deshalb nehmen sie seine niedergedrückte Stimmung auch nicht so ernst, wie es tun würden, wenn sie Bescheid wüssten.

Sirius dagegen ist tatsächlich an diese Strafen gewöhnt und reagiert deshalb so "gleichgültig". In meiner Vorstellung werden alle Kinder von konservativen Reinblutfamilien wie den Blacks und den Malfoys so erzogen. Bei Sirius spitzt sich das nur zu, weil er der einzige ist, der rebelliert.

Ich lese die Reviews übrigens, spätestens einen Tag, nachdem sie geschrieben wurden. Darf ich fragen, warum du fragst? Wenn es dich/euch stört, dass ich immer erst beim Posten des neuen Kapitels quasi im Kapitel selbst antworte, dann kann ich das auch ändern und stattdessen PMs schreiben. Ich dachte nur, wenn Reviews und Antworten für alle sichtbar sind, kann sich eine Diskussion entfalten, an der auch mehr Personen teilnehmen können.

Melody in my Heart: Du hast völlig Recht, sie machen noch nicht den Eindruck als wären sie beste Freunde. Das war auch nicht meinen Absicht (also sie jetzt schon als beste Freunde hinzustellen). Immerhin kennen sich die vier erst seit vier Monaten und insbesondere Sirius und James haben sich drei Monate davon quasi nur duelliert. Zwischen ihnen herrscht Kameradschaft, eine Freundschaft muss sich erst noch entwickeln. Ich hoffe, dass sich das auch in den folgenden Kapiteln abbildet...Rückmeldung erwünscht. ;)


DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.


Der Tarnumhang

Sie apparierten mitten auf Gleis 9¾. Walburga Black warf einen angewiderten Blick auf die mugglestämmigen Schüler und ihre Familien um sie herum.

„Dass Dumbledore dieses Pack überhaupt aufnimmt", sagte sie laut. „Dieser Mann ist eine Katastrophe."

Eilig gingen die Blacks Richtung Hogwarts-Express. Dort blieben sie stehen, um sich zu verabschieden.

„Denk daran, was wir besprochen haben", mahnte Orion Black.

„Benimm dich gefälligst und halt dich von den Schlammblütern und Blutsverrätern fern!", fügte Walburga Black scharf hinzu.

„Vergiss niemals..."

„Hey, Sirius!", übertönte ein Ruf Mr. Blacks Stimme. „Alles klar bei dir? Wie waren deine Ferien?"

James Potter winkte und kam in seiner üblichen sorglosen Art auf sie zugelaufen. Aber diese Art, die sich die Leute sonst nach ihm umdrehen ließ und mit der er andere Leute für die haarsträubensten Pläne begeistern konnte, verpuffte wirkungslos am unendlichen Stolz der Black-Familie.

Das Leuchten verschwand aus James' Augen, als er realisierte, dass Sirius nicht allein beim Zug stand. Walburga Black sah mit unverhohlener Verachtung und Abscheu, die fast schon an Ekel grenzte, auf den Gryffindor hinab. Eine unangenehme Pause entstand.

„Wir sehen uns im Zug", sagte James schließlich. Seine Stimme klang etwas kühler als sonst.

„Bis gleich", gab Sirius zurück.

„Du wirst dich nicht zu diesem Blutsverräter setzen!", fuhr Walburga Black ihren Sohn an, als James einstieg. Sirius' Gesicht nahm einen rebellischen Zug an.

„Versuch doch, mich davon abzuhalten!"

„Immerhin sind die Potters Reinblüter", ergriff Orion Black das Wort, bevor seine Frau etwas sagen konnte.

„Sie sind Blutsverräter!"

„Aber besser als Schlammblüter. Wenigstens wird der Junge mit dem Erben einer alten Zaubererfamilie in einem Abteil sitzen. In gewissen Kreisen sind die Potters hoch angesehen..."

Walburga Black schnaubte verächtlich.

„In den Kreisen von Schlammblutfreunden!"

„Einflussreichen Schlammblutfreunden", erklärte Orion Black unbeirrt. „Es wäre unklug, sich die Potters und ihre Anhänger zum Feind zu machen – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Setz dich ruhig zu dem Jungen", fuhr er zu Sirius gewandt fort, „aber vergiss nicht, dass er ein Potter ist und du ein Black. Die Gryffindors und alle anderen werden es auch nicht vergessen und Potter wird sich zu gegebener Zeit ebenfalls daran erinnern. Denk an meine Worte!"

Sirius starrte seinen Vater an und fühlte Wut in sich aufsteigen, ohne dass er genau wusste, weshalb.

„Ich steige jetzt ein", knurrte er als Antwort.

„Sprich nicht in diesem Ton!", fuhr ihn Walburga Black augenblicklich an. „Wir erwarten dich in den Osterferien wieder zu Hause zu Bellatrix' Hochzeit."

Orion Black legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter.

„Vertreibe dir deine Zeit in Hogwarts, wie du willst, so lange du es kannst, Sirius. Aber vergiss dabei nicht, was von dir erwartet wird. Je eher du dich daran erinnerst, desto leichter wird es für uns alle."


„Deine Mutter hat mich angesehen, als hätte ich eine besonders eklige Krankheit!", beschwerte sich James, als sie zusammen im Abteil saßen. Sirius zuckte mit den Schultern und versuchte, möglichst unbefangen zu klingen.

„Sie hat eben was gegen Blutsverräter."

Er ist ein Potter und du bist ein Black. Und zu gegebener Zeit wird er sich daran erinnern.

James schnaubte.

„Lieber Blutsverräter als Reinblutfanatiker."

Einen Augenblick herrschte angespanntes Schweigen. Dann fragte Peter plötzlich: „Wie waren denn eure Ferien?"

Die unangenehme Stille löste sich in nichts auf, als James begeistert von seinen Ferien zu erzählen anfing. Sirius konnte nicht umhin, ein gewissen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber Peter zu empfinden, der ihn vor einer Antwort bewahrt hatte.

„Hast du deinen Besen gekriegt, Potter?", erkundigte er sich beiläufig.

„Nee... Aber ich wette, ich krieg ihn zum Geburtstag. Im März kommt nämlich das neue Modell raus, der Nimbus 1001."

„Wann hast du denn Geburtstag?", fragte Peter.

„Kurz vor den Osterferien. Am 27. März."

„Apropos Geburtstag", sagte Sirius, „woher wusstest ihr eigentlich wann meiner ist?"

James grinste.

„Das war nicht schwer. Im Zaubereiministerium fliegen überall Stammbäume von den alten Zaubererfamilien rum und auf einem hat mein Dad zufällig dein Geburtsdatum gesehen und es mir gesagt. Und ich hab's schnell an Remus und Peter weitergegeben. Alle Geburtstagskarten angekommen?"

„Ja, danke. Eure Eulen haben Regulus fast zu Tode erschreckt."

Der andere Gryffindor lachte.

„Dann war es schon mal eine gute Idee, dir zum Geburtstag zu gratulieren."


Das nächste Qudiditch-Spiel war Gryffindor gegen Ravenclaw. Die Slytherins hatten das letzte Spiel gegen Ravenclaw gewonnen, daher war es McKinnon (und alle anderen Gryffindors stimmten darin mit ihr überein) umso wichtiger, dass Gryffindor Ravenclaw ebenfalls schlug und zwar mit möglichst mehr Punkten Vorsprung als die Slytherins. Die Gryffindor-Mannschaft verbrachte fast die ganze Zeit auf dem Besen in der Luft und James, der mindestens genauso sehr mitfieberte wie die Mannschaft selbst, sah ihnen fast jeden Tag beim Training zu, begleitet von Sirius, der als einziger bereit war, sich trotz Schneeregen und Sturm zu ihm auf die Quidditch-Tribüne zu setzen. Remus zog es vor, seine Hausaufgaben ausnahmsweise ohne Störungen durch James und Sirius in Ruhe im warmen Gemeinschaftsraum der Gryffindors zu machen, und Peter leistete ihm Gesellschaft; er hatte in einigen Fächern ziemliche Probleme und im Gegensatz zu Sirius und James war Remus bereit, ihm bei seinen Aufgaben zu helfen.

Gryffindor schlug Ravenclaw, jedoch nur knapp, was ihre Freude über den Sieg erheblich dämpfte und die Slytherins in den Augen der Gryffindors noch unsympathischer machte. Vor allem James ärgerte sich. Er war sich sicher, dass die Jäger nicht alle Torchancen genutzt hatten. Als McKinnon das hörte, stauchte sie ihn gehörig zusammen, aber James ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen. Da jedoch in nächster Zeit kein weiteres Quidditch-Spiel anstand, beschloss er, seine Energie auf etwas anderes zu lenken.

„Wir müssen endlich was unternehmen", sagte er eines Tages und klappte Remus' Buch zu.

„So, was denn?", fragte dieser wenig begeistert.

„Hast du schon vergessen, was wir uns am Anfang des Schuljahrs vorgenommen haben?", fragte James leicht frustriert von so wenig Enthusiasmus. „Wir wollen sämtliche Geheimgänge der Schule finden und alle Geheimnisse von Hogwarts ergründen. Aber das geht nicht, wenn wir ständig nur im Gemeinschaftsraum hocken!"

Sirius nickte bekräftigend. Er hatte gestern mit James darüber gesprochen, wie nötig die Slytherins mal wieder eine Abreibung hatten, und wie nützlich für einen solchen Streich die Kenntnis über die Geheimgänge des Schlosses wäre. Seit Sirius' zufälliger Entdeckung hatten sie keine weiteren Abkürzungen oder Geheimgänge mehr gefunden.

„Und wie willst du das machen?", wollte Remus wissen. „Geheimgänge öffnen sich nicht einfach so vor deiner Nase, sonst wären sie nämlich nicht geheim."

„Deshalb müssen wir ja auch nach ihnen suchen, Lupin", erklärte Sirius genervt.

„Und wann wollt ihr das machen? Prof. McGonagall wird sicher begeistert sein, wenn ihr im Verwandlungskorridor anfangt, die Wände abzuklopfen."

Er hatte ganz offensichtlich keine Lust. James lächelte listig.

„Wer sagt denn, dass Prof. McGonagall uns erwischen wird? Ich hatte eh nicht vor, tagsüber zu gehen. Wir gehen natürlich nachts."

„Dann erwischen euch eben Filch und Mrs. Norris", gab Remus gleichgültig zurück und schlug sein Buch wieder auf.

James Lächeln wurde triumphierend.

„Uns wird niemand mehr erwischen. Kommt mit nach oben, ich muss euch etwas zeigen."


„Wow!", flüsterte Sirius und starrte ungläubig auf den silbergrauen Umhang, dessen Stoff wie Wasser durch die Hände floss. „Wo hast du den her, Potter?"

„Familienerbstück. Ihr dürft niemandem davon erzählen!"

Remus inspizierte den Umhang misstrauisch.

„Dann ist es das, was ich denke, James?", fragte er.

„Was ist es denn?", fragte Peter, der nicht verstand, was sie so viel Aufheben um einen schlichten grauen Mantel machten. Als Antwort wickelte sich James in den Umhang. Mit einem erschrockenen Aufschrei stolperte Peter zurück, als James vor seinen Augen verschwand. Lachend kam er wieder zum Vorschein.

„Mann, Peter, du müsstest mal dein Gesicht sehen!"

„Dieser Umhang ist sehr wertvoll", stellte Remus fest. „Ich hoffe, du hast nicht vor, ihn für eure Streiche zu missbrauchen."

„Erst mal will ich ihn dazu benutzen, die Geheimgänge von Hogwarts zu finden", erklärte James. „Überleg doch mal, Remus, damit steht uns ganz Hogwarts offen! Niemand kann uns sehen! Wir werden in Ruhe jeden Winkel auskundschaften können! Wir können rauskriegen, wo die anderen Gemeinschaftsräume liegen!"

„Ich finde, du solltest den Umhang nicht für solche Zwecke benutzen", beharrte Remus. „Wenn ihr damit loszieht, komme ich nicht mit."

James wirkte enttäuscht.

„Und was ist mit euch beiden?", wandte er sich an Peter und Sirius. Letzterer grinste.

„Ich bin natürlich dabei."

Peter lächelte schwach.

„Ich auch."


Sirus, James und Peter hockten zusammen im Gryffindor-Gemeinschaftsraum und warteten ungeduldig, dass es endlich neun Uhr schlug. Dann dürften sich keine Hogwartsschüler mehr auf den Gängen herumtreiben und die drei würden endlich mit ihrer Suche beginnen können.

Kurz vor neun gingen sie nach oben in den Schlafsaal, um sich den Tarnumhang über zu werfen. Auf der Treppe kam ihnen Remus entgegen.

„Huch, wo willst du denn jetzt noch hin?", fragte James. „In ein paar Minuten ist es neun."

„Ich...äh...", stotterte Remus. Er hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, ihnen zu begegnen und rang nach Worten für eine Antwort.

„Jetzt sag nicht, dass du schon wieder in den Krankenflügel musst", sagte Sirius. Plötzlich fiel ihm auf, dass die Ringe um Remus' Augen schon wieder dunkler geworden waren. Er sieht müder aus denn je.

„Krankenflügel? Äh, nee...ich muss nach Hause. Meine Großmutter ist plötzlich krank geworden."

„Oh, das tut mir leid", meinte Peter. „Hoffentlich geht's ihr bald besser."

Remus lächelte schwach.

„Das hoffe ich auch."

„Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?", fragte James. Remus sah ihn verständnislos an.

„Was?"

„Dass deine Großmutter krank ist. Mann, kein Wunder, dass du keine Lust auf Geheimgänge und so hast. Wir sind doch deine Freunde, Remus. So was kannst du uns doch sagen."

Remus sah erst überrascht aus, dann lächelte er. Ein echtes, warmes Lächeln.

„Danke, James. Ich wollte vorhin einfach nicht darüber reden. Aber das nächste Mal sage ich euch Bescheid." Plötzlich runzelte er die Stirn. „Du gehst auch mit, Peter? Hast du nicht heute Abend Nachsitzen bei Prof. McGonagall?"

„Oh nein!" Peter schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Das hab ich ja total vergessen! Ich hätte schon vor einer halben Stunde bei ihr sein sollen!"

„Dann beeil dich mal lieber. Ich muss auch los. Macht's gut!"

Er stieg die Treppe hinunter.

„Warum hast du denn 'ne Strafarbeit bei Prof. McGonagall?", wollte Sirius wissen. „Du traust dich doch nie, was anzustellen."

Peter wurde leuchtend rot.

„Meine letzten Verwandlungshausaufgaben waren nicht so toll", murmelte er. „Und Prof. McGonagall will, dass ich sie noch einmal in Ruhe schreibe."

„Ich dachte, Remus hat die geholfen", warf James ein.

„Bei den letzten nicht mehr. Er hat gesagt, ich soll selber was lernen."

James überlegte einen Augenblick. Es schien ihm zum ersten Mal bewusst zu werden, dass das Lernen nicht allen so leicht fiel wie ihm.

„Wenn du das nächste Mal Probleme hast, dann lass ich dich meine Hausaufgaben abschreiben", sagte er. Peter strahlte.

„Ehrlich?"

„Ehrlich. Aber jetzt sollten wir los."


Peter kletterte sichtbar durch das Portraitloch und Sirius und James kletterten unsichtbar hinterher. Ersterer eilte hinunter in den ersten Stock, wo Prof. McGonagalls Büro lag, und letztere machten sich im siebten Stock auf die Suche nach getarnten Hebeln, losen Steinen, auffälligen Portraits, seltsamen Wandvorhängen, hohlen Geräuschen in der Wand – also nach allem, was irgendeinen Hinweis auf einen Geheimgang geben könnte. Es war mühsam, anstrengend und frustrierend, die einzelnen Gänge abzusuchen, und ihre Laune wurde auch dadurch nicht besser, dass sie absolut nichts fanden.

„Verdammt!" James schwang sich auf eine breite Fensterbank und lehnte sich ärgerlich gegen das kühle Glas. „So wird das nie was! Wir bräuchten erst mal einen Anhaltspunkt!"

Sirius' Augen wurden plötzlich groß, doch es waren nicht James' Worte, die ihn in Erstaunen versetzten. Er stürzte zu dem anderen Gryffindor ans Fenster und zischte: „Die Gestalt, da ist sie wieder!"
„Was, wo?"

James fuhr herum und drückte sein Gesicht an die Scheibe.

„Das ist unsere Chance, Potter! Wenn wir schnell genug unten sind, kriegen wir raus, wer das da unten ist und was er will."

Sekunden später sprinteten Sirius und James die Treppen hinunter. Die Marmortreppe in die Eingangshalle schlitterten sie mehr hinunter, als dass sie die einzelnen Stufen nahmen. Atemlos schoben sie sich durch die große Flügeltür und spähten über das mondhelle Schlossgelände.

„Wo ist die Gestalt?", fragte James. „Siehst du jemanden?"

Sirius schüttelte den Kopf.

„Aber sie müsste irgendwo da gewesen sein", vermutete er. James breitete den Tarnumhang über ihnen aus und sie schlichen durch die Nacht.


Die einsame Gestalt fanden sie in dieser Nacht nicht wieder – dafür machten sie Bekanntschaft mit der Peitschenden Weide.

„Jetzt verstehe ich, was Dumbledore gemeint hat", murrte James und betastete seine Stirn, wo sich eine große Beule bildete, während sie ins Schloss zurückgingen. Sirius rieb sich die Rippen, wo er einen Schlag abbekommen hatte.

„Verdammter Baum!", fluchte er. „Warum sollte man sich eine Pflanze anschaffen, die zurückschlägt?"

James' Gesicht nahm plötzlich einen eigentümlichen Ausdruck an.

„Du hast Recht", sagte er. „Warum sollte jemand eine Peitschende Weide pflanzen?"

„Du meinst, es ist kein Zufall, dass dieser Baum ausgerechnet dieses Schuljahr gepflanzt wurde?", fragte Sirius.

James zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht, aber... Ich meine, eine Peitschende Weide ist zu nichts gut, außer Leute zu verprügeln. Wenn man sie nicht nur einfach so pflanzt, welchen Grund hat man dann?"

„Zu nichts gut, außer Leute zu verprügeln...", murmelte Sirius nachdenklich vor sich hin. „Was ist, wenn die Peitschende Weide etwas bewacht?"

„Oh, tolle Wache", spottete James. „Es kann ja niemand an ihr vorbeikommen, auch nicht der, der die Peitschende Weide zur Bewachung gepflanzt hat!"

„Hast du eine bessere Idee?"

„Nein", musste James zugeben. „Hast du irgendwas in der Richtung gesehen?"

Sirius schüttelte den Kopf.

„Es war zu dunkel. Der Verbotene Wald wirft seinen Schatten auf das ganze Gebiet um die Peitschende Weide herum. Wir müssten tagsüber noch einmal herkommen."

James nickte.

„Gleich morgen, wenn der Unterricht vorbei ist. Oh, verflucht, Mrs. Norris!"

Hastig warf James ihnen beiden den Tarnumhang über. Leise schlichen sie einen Korridor hinunter und eine Treppe hinauf.

„Wenn Filch hier her kommt, müssten wir ihn als erstes sehen", sagte James und ballte den Tarnumhang zusammen.

„Seit wann hast du den eigentlich schon, Potter?", fragte Sirius und deutete auf das silbriggraue Bündel.

„Hm, seit Anfang des Schuljahres schon", gab James zu, wie Sirius vermutet hatte.

„Und da hast du mir nachspioniert."

„Hab ich nicht!", verteidigte sich James. „Du bist mir nur ständig über den Weg gelaufen, während ich das Schloss erkundigt habe." Er machte eine kurze Pause. „Übrigens könntest du mich ruhig James nennen. So heiße ich nämlich", setzte er plötzlich hinzu. Sirius war von dem abrupten Themenwechsel völlig überrumpelt.

„Wie...wie meinst du das?", fragte er, um Zeit zu gewinnen.

„So, wie ich es gesagt habe", gab James mit einem scharfen Unterton zurück. „Wir nennen uns alle beim Vornamen, nur du nicht. Und Freunde nennen sich beim Vornamen. Es ist unhöflich, jemanden die ganze Zeit mit Nachnamen anzureden, weißt du?"

Er ist ein Potter und du bist ein Black. Und zu gegebener Zeit wird er sich daran erinnern.

„Jetzt sind wir also Freunde, Potter."

„Ja!" James' Stimme klang jetzt eindeutig wütend. „Und jetzt versuch nicht, mir zu erzählen, wir wären dir alle völlig egal. Das glaube ich dir nämlich nicht."

Sirius weigerte sich zu antworten. Er hatte alle Gedanken an das Verhältnis zwischen ihm und den anderen Gryffindors immer weit von sich geschoben. Derjenige, der sich dein Freund nennt, wird der erste sein, der dich um seiner eigenen Ziele willen verrät. Die Zuneigung zu einer anderen Person darf nie so weit gehen, dass du deine Ziele für sie aufgibst.

„Ich bin ein Black", gab er lahm zurück.

„Auf einmal? Ich dachte, du bist ein Gryffindor! Ich dachte, du bist anders! Ich dachte..."

James schien noch mehr sagen zu wollen, aber dann schwieg er doch.

Ich dachte, du bist ein Gryffindor. Ich dachte, du bist anders.

„Siehst du das wirklich?", fragte Sirius und ärgerte sich, dass seine Stimme irgendwie dünn klang. „Siehst du das oder sagst du das nur so? Siehst du einen Freund und Gryffindor oder siehst du nur den rebellischen Erben der Blacks?"

„Ich sehe beides. Aber sich sehe vor allem einen Freund. Schau, Sirius, wenn ich in dir keinen Freund sehen würde, warum hätte ich dir dann den Tarnumhang zeigen sollen? Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die Potters einen Tarnumhang besitzen. Wenn ich denken würde, du wärst wie die anderen Blacks, dann wärst du der letzte gewesen, dem ich den Umhang gezeigt hätte." Er machte eine Pause. „Außerdem habe ich nicht vergessen, was du im Verbotenen Wald getan hast."

Sirius schwieg. Dann sagte er plötzlich: „Als ich meine...Unterhaltung mit den Slytherins hatte, da hat eine Tür geklappert. Das warst du, nicht wahr?"

James nickte.

„Und du hast auch den Erstarrungsfluch aufgehoben."

Er hatte gedacht, es sei Schniefelus gewesen, weil er keinen Ärger wollte. Aber Snape hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, dass man ihn oder die anderen Slytherins mit ihm in Verbindung bringen könnte.

James nickte wieder.

„Freunde?", fragte er.

„Freunde."