ZEHN - Unmerklich verändert

Ein alternatives Ende der Folge "Red Brick and Ivy" ("Verbrecher oder Heilige") - beginnend mit Der Verabschiedung zwischen Jane und Sophie.

Da war er wieder, der Prinz Charming, der Mann, dem ganz offensichtlich keine Frau widerstehen konnte. Er saß mit seiner früheren Ärztin auf einer Bank und lächelte so strahlend, dass sie geblendet gewesen wäre, hätte sie nicht diese ganz bestimmte Eigenart seines Wesens gekannt. Dieses Lächeln, dass Frauen kaum eine Chance gab, ihm nicht zu verfallen. Sie musste sich selbst eingestehen, dass auch sie ihm bereits verfallen war - ein wenig zumindest.

Teresa Lisbon wusste nicht, ob er das mit Absicht tat, ob er wusste, was sein Lächeln mit den Frauen anstellte. Patrick Jane war keinesfalls dumm, und genauso wenig war er naiv. Im Gegenteil, er kannte die Menschen, ihr Verhalten, und wie er es zu lesen hatte - besser als irgendjemand es vermuten konnte, geschweige denn wusste. Das hieß jedoch nicht, dass er auch um die Wirkung dieser einen bestimmten Eigenart seinerseits wusste.

Manchmal stellte sie seine Fähigkeit, andere Menschen und deren Gedanken in Besitz zu nehmen, sie nach seinen Wünschen handeln und sie das sagen zu lassen, was er wollte, wirklich vor ein Rätsel. Aber immerhin war es eine Fähigkeit, die die meisten ihrer Fälle löste - und das stets erfolgreich.

Sie hatte ihn schon oft beobachtet, wie er sich in der Gegenwart von Frauen benahm, ganz gleich, ob sie Verdächtige oder Zeugen oder nur Familienmitglieder oder Freunde von Opfern waren. Er machte keinen Unterschied zwischen all diesen Frauen; er benahm sich allen gegenüber gleich. Und so unterschiedlich die Frauen auch oft waren - er war immer erfolgreich. Würde er Unterricht geben, er wäre wohl der bekannteste Mann des Landes. Doch ohne dieses Lächeln...?

Teresa verdrehte die Augen und gab sich selbst innerlich eine Kopfnuss. Nein, sie würde nicht ins Schwärmen geraten. Besonders nicht, weil er, während er natürlich auch mit ihr flirtete, der wirkliche Prinz Charming nur für andere Frauen war. Nicht dass sie sich beschweren würde.

Ihr Seitenspiegel bestätigte nur ihre Gedanken mit dem Bild, das sich darin in diesem Moment zeigte - Patrick Jane küsste seine ehemalige Ärztin, seine frühere Psychologin, auf den Mundwinkel. Auch wenn Lisbon sich sicher war, dass die beiden niemals ein Paar gewesen waren in der Vergangenheit - Sophie wehrte sich jedenfalls nicht gegen die Geste, sondern schien sie stattdessen eher zu mögen.

Auf eine gewisse Weise war es seltsam für Teresa, diese Szene mit anzusehen; daher entschied sie sich, dass äußerst komische Gefühl in ihrer Magengegend zu ignorieren und es mit etwas Leichtigkeit zu versuchen, als er zurück zum Auto kam.

"Jane hat ein Mädchen geküsst", trällerte sie, als er vor ihrer Tür stehen blieb.

Patrick Jane ließ sich normalerweise von nichts aus der Ruhe bringen. Doch nun, da er wusste, dass Lisbon ihn gerade beim Küssen seiner einstigen Psychiaterin beobachtet hatte, war er doch etwas verlegen. Auch wenn er wusste, dass es eigentlich keinen Grund dafür gab. Aber wann gingen Rationalität und Emotionen schon mal Hand in Hand?

"Nun... wissen Sie... es war..." Er verstummte für einen Augenblick, nicht sicher, worauf das hinauslaufen sollte. Dann sagte er, fast schon trotzig: "Ja, auf die Wange."

Teresa hätte blind sein müssen, um seine Unsicherheit nicht zu bemerken. Und das war einfach zu gut, um dem keine Beachtung zu schenken.

"Es zählt trotzdem", fügte sie hinzu, etwas neckend, und lachte innerlich, als er in die Defensive wechselte und seine Hände in die Hüften stemmte.

"Zählt wofür?", wollte er wissen und sah sie herausfordernd an.

"Nichts, nichts. Einfach nur so." Sie zeigte sich noch immer locker und zu einem Spaß aufgelegt, und endlich erschien auch bei ihm wieder dieses typische, verschmitzte Grinsen. Nun, in seinen Augen. Auch sie grinste, als er um das Auto herum lief und auf der Beifahrerseite einstieg. Dann warf sie ihm einen nachdenklichen Blick zu.

"Wollen Sie fahren?", bot sie an, und er runzelte die Stirn - er lächelte sie zwar an, aber nichtsdestotrotz runzelte auch die Stirn.

"Das ist wirklich ein nettes Angebot. Sehe ich denn so traurig aus?"

"Was denn?", verteidigte sie sich automatisch sofort - es war mehr als deutlich, dass Jane nicht erkennen sollte, dass sie um sein Wohlbefinden besorgt war. "Ich hab doch nur gefragt, ob Sie fahren wollen."

"Sie mögen es aber nicht, wenn ich fahre. Sie können es eigentlich nicht ausstehen", setzte er dagegen.

"Weil Sie zu schnell fahren!"

"Ich fahre genau so schnell, wie es angebracht und notwendig ist." Für einen Moment schwieg er; sein Gehirn musste zuerst einmal die Analyse der Situation abschließen. Dann fuhr er fort: "Sie geben nicht gerne die Kontrolle ab, und doch sind Sie bereit, ihre irrationalen Bedenken und Ängste zu überwinden, um mich aufzuheitern. Das ist wundervoll, Lisbon."

Er lächelte sein Markenzeichen-Lächeln, das ihr Herz für den Bruchteil einer Sekunde dieses kleine Bisschen schneller schlagen ließ; dann beugte er sich hinüber und küsste sie auf die Wange.

"Danke", fügte er schließlich noch seinen vorherigen Worten hinzu und lehnte sich dann wieder zurück in seinen Sitz.

"Gern... geschehen", erwiderte sie ein wenig verwirrt; ein Lächeln konnte sie dennoch nicht unterdrücken.

"Ach übrigens - zählt das auch?"

Sie konnte nicht umhin, zu kichern - und das reichte ihm als Antwort völlig zu. Als sie das Auto startete, hatten sich seine Augen und Gedanken bereits in der Welt auf der anderen Seite der Windschutzscheibe verloren.

Und so nicht auf die Reaktion des jeweils anderen achtend, sahen sie einander auch nicht grinsen wie kleine Schulkinder, die gerade ihre erste große Liebe erlebten.

ENDE