10. Verführung für Anfänger

Sirius hatte ein ungutes Gefühl ausgerechnet eine Verfechterin der Reinblütigkeit in ein Bar mit einem aus Zauberern und Muggeln bestehenden Publikum zu bringen. Sie sah wirklich heiß aus, wie er mit einem Seitenblick auf seine Cousine wiederholt feststellte. Doch hatte sie noch immer nicht ihre leicht angewidert anmutende Art, ihre Nasenflügel aufzublähen, abgelegt. Möglicherweise machte sie diese herablassende Art auch wiederum interessant – natürlich nicht für ihn. Doch der Schein musste gewahrt bleiben. Er legte einen Arm um ihre Taille und beugte sich zu ihr hinüber. Nichteingeweihten mochten sie wie ein Paar erscheinen.

„Denke daran, nur zu Testzwecken! Du erwartest schließlich ein Baby und bist in festen Händen!", ermahnte er sie.

Narzissa nickte und blickte sich nervös um. Sie standen sich erst seit fünf Minuten in der Kälte und dennoch fror sie bereits erbärmlich. Sie war kurz davor umzudrehen und sich in Sirius' Appartement zu flüchten. Doch selbst wenn sie diesen Schritt getan hätte, wäre sie nicht weit gekommen. Remus hatte sich hinter ihr aufgebaut und Sirius hielt sie fest umfangen, eingekeilt zwischen zwei Männern, die zum Äußersten entschlossen waren, ihr Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Das Trio zog Aufmerksamkeit auf sich. Wenn Narzissa an die gängige Muggelmode, die sie in den vergangenen Tagen ausgiebig hatte studieren können, dachte, dann wunderte sie sich doch über die Stilsicherheit der Leute, die nun in der Schlange vor der Bar standen. Remus und Sirius bildeten keine Ausnahme unter diesen. Narzissa sah sehr viel Leder und sehr viel Silberschmuck. Die meisten Männer wirkten auf eine sehr dekadente Art glamourös. Sirius trug eine enge schwarze Lederhose mit einem silbernen Kettengürtel. Sein weinrotes Seidenhemd war bis zum Ende des Brustbeins geöffnet und ermöglichte den Blick auf herrlich samtige glatte Haut. Seine schwarze Lederjacke und schwarze Stiefel vervollständigten sein Erscheinungsbild. Sogar silberne Ohrringe hatte ihre Cousin angelegt. Narzissa trat von einem Fuß auf den anderen. Rasch fühlte sie, wie Remus an ihre andere Seite trat und sie ebenfalls in der Taille umschlang.

„Ruhig, Liebes! Du siehst heiß aus", beruhigte er sie. „Kein Grund zur Sorge. Halt dich an das, was wir besprochen haben."

Narzissa warf ihm ein schiefes Lächeln zu. Bisher hatte niemand von ihr Notiz genommen. Lediglich die Frauen musterten ihr Outfit und begannen dann am eigenen herumzuzupfen. Narzissa wollte ebenfalls nach der Corsage greifen, doch Sirius fing ihre Hand in der Bewegung ab und hauchte ihr einen Kuss auf die Fingerkuppen.

„Nicht!", ermahnte er sie leise. Seine Miene wirkte, als würde er mit ihr flirten und ihr zärtliche Dinge ins Ohr flüstern und keineswegs Verhaltensmaßregeln. „Keine Unsicherheiten! Du siehst gut aus! An deinem Outfit gibt es nichts auszusetzen! Wenn ich das noch einmal sagen muss, zwinge ich dich Schneckenschleim zu schlucken!"

Unsicher, ob sie lachen sollte oder empört zetern, warf Narzissa Remus einen fragenden Blick zu. Doch der ignorierte sie und ließ seine Augen umherschweifen. Remus Lupin, der Bücherwolf, sah wirklich anders aus. Die melancholisch-tragische Aura, die ihn umgab, hatte sich im Verlauf der Jahre noch verstärkt. Die grauen Fäden in seinem braunen Haar verliehen ihm ein interessantes Aussehen. Er lenkte mehr Aufmerksamkeit auf sich, als ihm bewusst zu sein schien. Remus überragte Sirius und Narzissa um einige Zentimeter. Er war weniger düster gekleidet als ihr Cousin und dennoch glaubte Narzissa auch in ihm einen Anhänger dieser Musik – sie hoffte, dass es um Musik ging – zu erkennen. Remus trug dunkle Stoffhosen mit Schlag. Sein weißes Hemd saß locker um den schlanken drahtigen Oberkörper. Eine schmale schwarze Lederkrawatte hing lässig um seinen Hals. Dazu hatte er ein ebenfalls weißes Jackett gewählt. Die einzigen Accessoires, die wirklich auffielen, waren das breite Lederarmband mit dem Bernsteinsolitär, das sich um sein linkes Handgelenk schlang, und der breite Talmiring mit einem weiteren Bernstein. Nichts Schäbiges war an diesem Abend an Remus, sodass Narzissa zweimal hatte hinsehen müssen, um ihn überhaupt zu erkennen. Narzissa Black war hin und weg. Sie betrachtete die beiden Männer an ihrer Seite und bemerkte, wie ihr Selbstbewusstsein tatsächlich wuchs.

Schon waren sie beim Türsteher angelangt, der Remus und Sirius mit Handschlag begrüßte und sie in die Lokalität bat. Remus verabschiedete sich im Zwielicht und Narzissa musste sich auf Sirius als einzige Stütze in dieser notdürftigen Beleuchtung verlassen. Sein Arm löste sich von ihrer Taille, aber bevor sie sich verlassen vorkommen konnte, verwoben sich seine Finger mit ihren. Obwohl beide einander nicht wirklich mochten, wusste Narzissa, dass er sich um ihre Sicherheit sorgte. Mit ihm würde ihr nichts geschehen. Offenbar war Blut doch dicker als vermutet oder es war jener Anflug gryffindorschen Pflichtgefühls, welches selbst ein ehemaliges Mitglied dieses Hauses noch auszeichnete.

Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die schummrigen Lichtverhältnisse. Sie befanden sich in einem düster gehaltenen Eingangsbereich, der in drei Gänge mit Kerzenbeleuchtung mündete. Sirius deutete auf den mittleren und erklärte, dass es dort hinunter zu den Toiletten ging. Der rechte Gang führte zum privaten Bereich und war für die meisten Besucher gesperrt. Sirius schlug den linken Gang ein und führte Narzissa in den Barraum. Es roch nach frischem Rauch, Putzmitteln und schwerem Parfüm. Narzissa glaubte sogar, den unterschwelligen Geruch einer zerborstenen Flasche Bier wahrzunehmen. Das Geplauder der Anwesenden war das einzige Geräusch. Den größten Raum nahm eine quadratische Tanzfläche ein, die teilweise von hüfthohen Gittern umzäunt war. Dahinter hatte der Inhaber Tische und Stühle gruppiert. Auf der rechten Seite des Eingangs befand sich die dunkel vertäfelte Bar mit hohen Barhockern, deren Sitzflächen mit rotem Leder bezogen waren. Schräg dem Eingang gegenüber, direkt an einer Ecke der Tanzfläche, war ein kleines Podest errichtet worden, auf dem sich eine Vielzahl technischer klobiger Geräte befanden, an denen ein langhaariger Mann mit freiem Oberkörper herumwerkelte. Narzissa betrachtete eine Weile dessen Tun und wunderte sich, warum er immer und immer wieder, Strippen und Schnüre in die quaderförmigen Kästen stopfte. Dann drehte er an einigen Knöpfen, presste mit einer Hand die „Ohrenschützer" an sein linkes Ohr und begann heftig mit dem Kopf zu nicken. Narzissa hatte nie zuvor so etwas gesehen. Sie zupfte an Sirius' Ärmel, der sich derweil über die Anwesenden einen Überblick verschaffte.

„Was sind das für Geräte? Und was macht der Typ dort? Sirius, ist er krank?", fragte sie leise.

„Gina ist auch hier, Mist!", murmelte Sirius und wandte sich dann seiner Cousine zu. „Der Typ ist ein sogenannter DJ, Diskjockey. Davon gibt es noch nicht sehr viele. Aber Leute wie er sind die Zukunft der Musik, wenn du mich fragst. Die meisten Clubs und Pubs setzen noch auf Lifemusik. Georgie, ihm gehört die Bar, liebt das Moderne und Ausgefallene. Der DJ spielt zum zweiten Mal hier. Die Geräte sind Lautsprecher und Plattenspieler. Keine Ahnung, was er noch da oben noch hat. Frag mich nicht, wie das funktioniert! Davon habe ich keine Ahnung."

Narzissa nickte. Obwohl sie nichts von dem verstand, was Sirius ihr erklärt hatte, tat sie, als wäre das Gegenteil der Fall.

„Warte, bis er die ersten Platten abspielt! Er soll sehr gut sein, wenn man Georgie glauben mag. Ich habe ihn selbst noch nicht gehört. Aber wie ich Georgie kenne, wird dieser DJ eine gute Auswahl treffen."

Narzissa lächelte und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Sie fühlte sich plötzlich beobachtet. Während Sirius zwei Flaschen Bier bestellte, suchte sie mit den Augen unauffällig nach dem Grund für dieses Gefühl. Sie blickte in das Gesicht eines hünenhaften Mannes, der lässig an der Wand lehnte und sie keine Sekunde aus den Augen ließ. Verwirrt und leicht irritiert, wandte Narzissa sich gelangweilt ab und drängte sich enger an Black, der prompt seinen Arm um sie legte. Er drückte ihr ein Bier in die Hand und verfrachtete sie auf den nächsten Barhocker. Der Muskelberg folgte ihren Bewegungen und zwinkerte ihr dann noch frech zu. Er war nicht wirklich attraktiv. Er war einer dieser bulligen Männer, mit markantem Gesicht und kurzem Stoppelhaar, die eine Frau die Straßenseite wechseln ließen. Er trug eine riesige silberne Kreole in seinem rechten Ohrläppchen. Seine Jeans war verwaschen und nicht mehr sehr neu. Narzissa verglich diesen Mann unbewusst mit Sirius und Lucius. Er war ganz anders als die beiden, die bereits wie Tag und Nacht wirkten. Sie ertappte sich bei dem Wunsch, die Verführungstipps bei diesem Mann auszuprobieren. Sie wusste nicht, woran es lag, doch verspürte sie den Wunsch danach, etwas Unüberlegtes zu tun. Sie positionierte sich adrett auf dem Barhocker und gab sich alle Mühe beim Trinken aus der Flasche sexy zu wirken. Nach einer Weile wandte sie sich wieder der Stelle zu, an der der Mann gestanden hatte, doch diese war leer. Enttäuscht zuckte sie die Schultern und stellte sich mental auf diese recht trübsinnige Angelegenheit ein, die der Abend wohl werden würde.

Als die Musik zu spielen begann, tauchte Remus neben ihr auf. Gleich beim zweiten Lied führte er sie auf die Tanzfläche. Eigentlich war es kein Tanzen: Es war ein unkontrolliertes Auf-der-Stelle-herum-zucken.

„Joy Division!", brüllte Remus über die Bässe hinweg und Narzissa nickte. Sie lächelte, als verstünde sie, doch in Wirklichkeit war ihr alles so gut wie egal. Sie mochte die Musik irgendwie, aber sie hasste die Lautstärke. Es war dennoch ein beruhigendes Gefühl, nicht die einzige zu sein, die zuckend auf der Tanzfläche stand, die Augen geschlossen hielt und vorgab Spaß zu haben.

° ° ° ° ° ° °

Zwei Stunden später.

Das war ja einfacher, als sie es sich vorgestellt hatte. Narzissa stand an der Theke und unterhielt sich blendend mit einem Typen, den sie sich nunmehr zum Opfer auserkoren hatte. Ihr erstes Opfer war verschwunden, sodass sie es nun mit diesem blondgelockten Schönling mit Veilchenaugen versuchte, der den gleichen Kleidungsgeschmack wie Remus hatte. Ihr Flirt spendierte ihre ein Bier nach dem anderen, die sie heimlich hinter dem Rücken verschwinden ließ. Sie war noch nie in einer Muggelbar gewesen; Black-Sein ließ das nicht zu. Doch stellte sie zunehmend fest, dass es ihr gefiel. Sie lachte aus vollem Hals, warf den Kopf dabei in den Nacken oder sie ließ ein leichtes Lächeln auf den Lippen erscheinen, wenn lautes Lachen nicht mehr angebracht war. Sie amüsierte sich köstlich, obwohl das Gegenteil anfangs der Fall gewesen war.

Als sie einen Blick in die Menge warf, nahm sie das amüsierte offene Grinsen ihres Cousins und Remus' verlegenes Lächeln wahr. Sie ließen sie wirklich nicht einen Moment aus den Augen. Doch sie verstand deren vergnügte Mienen ganz und gar nicht. Was machte sie denn großartig falsch? Sie flirtete, ließ ihre Reize spielen, versprach alles und hielt nicht und die beiden schienen sich eher am Rande eines Lachkrampfes zu befinden als vor Stolz zu bersten. Sie runzelte die Stirn. Schließlich bemühten sie sich an die Bar und keilten Narzissa ein.

Sirius beugte sich zu ihr herüber und schrie, um die Musik zu übertönen: „Unter all den Männern hier, findest du ausgerechnet den einzigen, der sich definitiv nicht mit dir einlassen wird!"

„Was?", brüllte sie gekränkt zurück und warf dem blonden Adonis einen fragenden Blick zu, doch der hatte nur Augen für Remus und schnupperte gerade gierig an dessen Hals. „Bin ich etwa so unattraktiv?"

„Das habe ich nicht gesagt!", rief Sirius. „Du hast nur an einigen Stellen zu viel und an einer gewissen etwas zu wenig!", umschrieb er geschickt.

„Ist der etwa schwul?", explodierte sie, zeigte mit dem Finger auf ihren Flirt und blickte Sirius verständnislos an. Als dieser grinsend nickte, fiel sie beinahe vom Stuhl und landete an der Schulter ihres Cousins.

„Hey, Black, dass du dich hier mal wieder blicken lässt! Und das in so attraktiver Gesellschaft!", schrie Narzissas nun-nicht-mehr-Flirt und ließ die Hand über Remus' Gesäß gleiten. Allerdings zwinkerte er Narzissa entschuldigend zu und drückte der perplexen jungen Frau einen sanften Kuss auf die Lippen. „Wäre ich an Frauen interessiert, Süße, wärst du meine erste Wahl", schrie er charmant in ihr Ohr. Dann warf er Sirius einen fragenden Blick zu. „Also, was treibt dich her? Wieder auf der Suche nach einer Tortenfüllung? Oder bist du dieses Mal ein wenig wählerischer?"

„Nein, Jonathan, dieses Mal nicht! Weder das eine noch das andere."

„Gina erzählte, du hättest dich nicht mehr bei ihr gemeldet, nachdem sie aus deiner Wohnung gestürmt ist. Hast du so rasch Ersatz gefunden?", bohrte Jonathan weiter, seine Hand fuhr fort, Remus' Gesäß zu streicheln. So entspannt hatte Narzissa den scheuen Remus noch nie in der Öffentlichkeit gesehen. Er lehnte sich tatsächlich ungeniert an den blonden Jonathan. Interessiert beobachtete Narzissa das Verhalten der drei Männer. Remus ließ sich gefallen, was sie hätte mokieren sollen. Merkwürdige Sitten herrschten in einer Bar. Muggel!, dachte sie und versuchte es mit einfachen Akzeptieren. Sirius wiederum gab sich als aufmerksamer Begleiter und dieser Jonathan als bereiter Liebhaber. Das ging über ihren Verstand. Drei Männer und so unterschiedliche Rollen?

„Das ist nur eine Ausnahme", erklärte Sirius gerade Jonathan. „Cissy muss sich austoben, sie heiratet demnächst!"

Narzissa glaubte sich verhört zu haben und knuffte Sirius, der gespielt keuchte und ihr dann den Arm um die Taille legte. Was war nur mit Sirius los? Doch sie kam nicht dazu darüber weiter nachzudenken. Ihr Cousin lauschte auf die Musik. Abrupt hoben sich seine Augenbrauen und ein verruchtes Funkeln trat in seine Augen...

,Strawberries Cherries and an angels kiss in spring...'", sang er, noch bevor überhaupt eine Textzeile zu hören war. Er klang recht schief, was Remus und den blonden Adonis an seiner Seite zum Lachen reizte.

„Nicht diese alte Nummer!", brüllte Jonathan und vergrub seine Nase lachend in Remus' Hemd.

Sirius ignorierte den Einwurf. Kurz entschlossen nahm er Narzissa bei der Hand, zwinkerte Remus und den aus dem Stoff schielenden Jonathan zu und schleifte sie ins Zentrum der Bar. Als sie auf der Tanzfläche standen, begann Sirius sie in einem heißen Rhythmus zum Takt der Musik umherzuwirbeln und sie passte sich ihm perfekt an. Schließlich fühlte sie sich atemlos und lachte an Sirius' Schulter gelehnt.

„Lächle!", rief er ihr ins Ohr. „Schau in die Runde und setze deinen Körper ein! Selbstbewusstsein ist die Zauberformel."

Schon war wieder Platz zwischen ihnen. Narzissa zuckte mit den Schultern und tat, was Sirius ihr geraten hatte. Sie ließ den Blick schweifen und fühlte sich dabei himmlisch. Sie stand im Rampenlicht. Sie nahm die Blicke der Gäste wahr. Sie starrten sie an: Männer und Frauen gleichermaßen. Sie fuhr sich durch die lange Mähne und ließ eine Hand über ihre Wange gleiten. Ein Finger stahl sich von selbst zwischen ihre Lippen. Während sie eine Kuss darauf hauchte, senkte sie die Lider ein wenig und musterte die gesichtslosen Gestalten hinter Sirius kurz. Sie gab den Versuch, eine davon genauer erkennen zu wollen, auf und konzentrierte sich wieder auf ihren Cousin. Der tanzte an sie heran, plazierte seine Hände auf ihren Hüften, ging leicht in die Knie und schob sie mit sich. Sie ließ sich von ihm führen und legte den Kopf auf seine Schulter.

„Sehr gut!", sagte er laut genug, dass sie es verstehen konnte. „Das Lied ist gleich vorbei, dann geh zur Damentoilette und mach dich frisch! Ich verspreche dir, sobald du wieder auf dem Weg nach oben bist, wird wenigstens eine Telefonnummer deine sein."

Er zwinkerte ihr zu, sie vergaß zu fragen und schon war die Musik verstummt. Erhitzt, mit heißen Wangen und einem nicht verschwinden wollenden Lächeln ließ sie sich von Sirius von der Tanzfläche zu Remus und Jonathan führen. Sie fragte gar nicht nach, was eine Telefonnummer war. Sie fühlte sich himmlisch und das allein zählte.

Jonathan und Remus begrüßten sie mit anerkennendem Nicken. Die große Narzissa hatte mehr Rhythmus im Blut, als sie es selbst für möglich gehalten hatte oder nach diesem abstrusen ersten Gehversuchen zu erahnen gewesen wäre.

„Dann hat der Rosengarten ja doch geholfen", witzelte Remus und erklärte Jonathan kurz, was sich am Tag abgespielt hatte.

Narzissa kicherte, da sie an Remus' ‚Sexy... sexy... SEXY' dachte.

„Black?", säuselte sie in einer Musikpause. „Ich geh mich mal frisch machen!"

Sirius nickte nur gleichgültig, tätschelte ihr den Hintern und drückte ihr die Nase an den Hals. Für jeden Außenstehenden musste es so aussehen, als würde er sie küssen: Eine abwegige Vorstellung. Als er ihren fragenden Blick bemerkte, meinte er nur: „Wenn andere sehen, dass ich mich für dich interessiere, wird deren Interesse womöglich eher entfacht. Ich sage es nicht gerne, doch Männer sind Rudeltiere und jeder denkt, er hätte Alphatier-Qualitäten. Daher wollen die meisten Männer in erster Linie das, was andere bereits besitzen. Und wenn sie es haben, wissen sie nichts mehr damit anzufangen oder können es nicht. Alles Tarnung, Cissy", säuselte er. „Sei dennoch vorsichtig!"

Narzissa lachte auf. Sie musste zugeben, es gefiel ihr einen Abend nicht in Familienzwist zu verbringen und die Beschränkungen und den Verhaltenscodex außer Acht lassen zu können. Cissy, es war wie früher, nur das Sirius entsetzlich nach Bier roch, was wohl auch seine lockeren Reden entschuldigen würde.

„Du gehst aber hart mit deinen Geschlechtsgenossen ins Gericht." Sirius zuckte mit den Schultern, tätschelte erneut Narzissas Popo und drehte ihr dann den Rücken zu. Sie fühlte sich auf den Arm genommen, drehte sich empört um, stiefelte – sehr sexy – den Gang entlang und verschwand im mittleren. Sie stakste die Treppen hinunter zur Damentoilette, was auf den High Heels ein Abenteuer sondergleichen war. Dass sie tatsächlich eine Vielzahl an Blicken auf sich zog und gezogen hatte, bemerkte sie nicht.

° ° ° ° ° ° °

„Geh dich frisch machen!", keifte sie. Sie drehte den Wasserhahn auf und wartete, bis das Wasser klar und angenehm kühl herausgeschossen kam. Derweil musterte sie sich im Spiegel. Sie gestand sich ein, dass ihr diese neue Narzissa gefiel. Die wilde Mähne fiel ihr über die Schultern und reichte noch bis über ihre Brust. Ihre Lippen waren kaum geschminkt, während Remus ihre Augen stark betont hatte.

Deine Lippen musst du nicht hervorheben", hatte Remus gesagt und ihr den Lippenstift aus der Hand genommen. „Lieber die Augen, sie sollen die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie sollen mehr versprechen, als du zu halten gedenkst. Betone die Augen! Wenn du Lucius gegenüber stehst, wird er nichts anderes können, als in diesem Blau zu versinken." Dann hatte er gezwinkert und mit dunkler Mascara ihre hellen Wimpern getuscht.

Narzissa zog eine Grimasse und ließ das kalte Wasser über die Handgelenke laufen.

„Also du bist mit dem heißen Black hier, richtig?"

Narzissa drehte sich um und sah einer drallen Blondine ins Gesicht, die offenbar Remus' Ratschläge eher gebraucht hätte. Sie schien mehr Busen als Gehirn zu haben. Ringellöckchen umrahmten das Gesicht der Fremden, deren Kiefer ständig kauend in Bewegung war. Narzissa war irritiert. Ein Teil der Mähne türmte sich auf dem Kopf der Blondine und wenn Narzissa die Lage richtig einschätzte, dann wäre eine Nummer größer im Bereich Brustumfang nicht verkehrt gewesen. Sie fragte sich, ob die Massen beim Tanzen nicht ihrer eigenen Wege gehen würden. Hatte dieses Blondi sie etwa magisch zum Halten gebracht? Dabei wirkte sie auf Narzissa wie eine Muggel.

„Ja, und?", gab sie schließlich in ihrem arrogantesten Ton von sich, nachdem sie die erste Überraschung verdaut hatte.

„Bist du jetzt mit ihm zusammen? Ich bin Gina, seine Ex!", erwiderte Gina unbeeindruckt.

Narzissa hob als einzige Antwort eine Augenbraue. Der Name Gina sagte ihr etwas. Hatte Sirius nicht unangenehm überrascht reagiert, als er eine Gina entdeckte? Hatte Jonathan nicht vorher auch von einer Gina gesprochen? Ruhig und gelassen schüttelte sich Narzissa die Wassertropfen von den Händen.

„Seine Ex?", rang sie sich doch zu einer Erwiderung durch, auch wenn sie am liebsten mit dem gut im Dekolleté verstauten Zauberstab geantwortet hätte. „Ich glaube nicht, dass dich meine Beziehung zu Black etwas angeht", fuhr sie fort und wandte sich zum Gehen.

„Tu nicht so selbstgefällig! Bist du nun mit ihm zusammen oder nicht?", hakte Gina nach und Narzissa fühlte sich am Ellenbogen gepackt.

„Warum sollte dich das interessieren? Du bist doch nur seine Ex. Frage ihn doch selbst, wenn du etwas wissen willst!", gab Narzissa gelangweilt von sich und versuchte die lästige Gina abzuschütteln.

„Oh, dein Ton gefällt mir nicht. Erst ungefragt meine Klamotten tragen und dann auch noch pampig werden! Das habe ich ja gerne! Sage mal, hattest du auch schon Besuch von der rothaarigen Furie, die Sirius' Liebchen zu sein scheint?", plapperte das blonde Busenwunder los. Sie war sich offenbar sehr sicher, Narzissa verletzten zu können. „Die hat vielleicht eine Szene gemacht. Dabei war es wirklich ganz anständig. Es ist doch nichts dabei, wenn eine Frau, die es sich leisten kann, in einem Bunny-Kostüm aus einer Junggesellen-Papptorte springt. Ihr schien es jedenfalls nicht zu gefallen. Eigentlich wäre ich ja geblieben, doch Black hat Cognac auf mit gespuckt und es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. Hat er dich auch schon geduscht? Er scheint darauf zu stehen."

Narzissa schwirrte der Kopf. Die rothaarige Furie konnte nur Lily Potter ehemals Evans gewesen sein. Die Szene hatte sich sogar schon bis in Narzissas Kreise herumgesprochen. Es blieb nun einmal nicht aus, dass in der Familie getratscht wurde. Bellatrix war stets Quelle interessanter schlüpfriger Neuigkeiten. Diese Gina, dieses wandelnde Doppel-D, ging ihr auf die Nerven. Sie hatte ein grauenvoll schrilles Organ. Vor allem, wenn sie lachte, bebte in Kapstadt die Erde, nahm Narzissa an. Mit einem Mal weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen. Klang sie etwa genauso? Panik machte sich in ihrem Magen breit. Das konnte nicht wahr sein; das durfte nicht wahr sein!

„Bist du taub? Ich rede mit dir!", brachte sich Gina bei Narzissa unangenehm in Erinnerung.

„Was willst du eigentlich von mir?", gab Narzissa ungeduldig von sich, entwand der Blondine endlich den Ellenbogen und brachte einige Meter Abstand zwischen sie und sich. Sirius würde stolz auf sie sein, weil sie so ruhig blieb und so nett und freundlich zu einer Muggel war, obwohl sie sich so schrecklich langweilte.

„Ein Typ namens Joseph hat mich gebeten, dir das zu geben", erklärte Gina und deutete mit dem Kopf auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier, das sie zwischen den Fingern hielt. „Ich gebe es dir, wenn du mir sagst, ob du mit Black zusammen bist."

Narzissa zog verächtlich die Augenbrauen zusammen. Den Accio-Zauber bekäme sie mittlerweile sogar ohne Zauberstab hin, wenn sie sich lang genug konzentrierte. Er war unter den legalen Sprüchen ihr liebster. Alles war schön, was die eigene Bequemlichkeit förderte. Doch sie entschied sich dagegen. Sie schritt mit wiegenden Hüften – wie Remus es ihr gezeigt hatte – auf Gina zu. Sie beugte sich zu ihr hinunter, bis sich ihr Mund direkt neben deren Ohr befand.

„Ich wohne sogar bei ihm", säuselte sie. „Er ist reizend, zuvorkommend und behandelt mich wie eine Lady, fast wie ein Familienmitglied. Er schaut keine andere Frau mehr an. Seine große Liebe ist die einzige, die seine Gedanken beherrscht." Narzissa war sich bewusst, dass sie nicht einmal log, sondern lediglich die Wahrheit etwas verdrehte und bestimmte Dinge verschwieg. Gina stand wie versteinert da. Narzissa nahm ihr den Brief aus der Hand und gab ein süffisantes „Danke sehr!" von sich.

Auf dem Weg nach oben, faltete sie den Zettel auseinander. Wenige Zeilen in großer, ungelenk wirkender Schrift waren hastig auf das weiße Papier geschrieben worden. Narzissa überflog das Briefchen.

Triff mich, wenn du Interesse hast, im Hinterhof! Nimm den Weg durch die privaten Räume. Würde mich freuen, Jo."

Am liebsten hätte sie laut gejubelt. Es hatte funktioniert. Sie hatte sich in der Praxis bewährt. Hastig stopfte sie den Zettel in die Mulde zwischen ihren Brüsten und eilte den Weg entlang, den Jo ihr beschrieben hatte. Ohne auch nur Risiken und Konsequenzen in Erwägung zu ziehen, war sie überzeugt, die Lage fest im Griff zu haben.

° ° ° ° ° ° °

„Wo steckt sie?!", brüllte Sirius und schlug Remus hart auf die Schulter. Dieser unterbrach verwirrt das Gespräch mit Jonathan, wobei sich dieser unauffällig an Remus' Hals zu schaffen machte. „So lange kann frau doch gar nicht auf dem Klo brauchen!", fauchte er.

Als Jonathan seine Lippen von Remus' Hals entfernte und heftig an Sirius' Ärmel zupfte, beugte sich Black zur aktuellen Affäre seines Freundes hinunter.

„Schau dir Gina an! Sie sieht aus, als hätte sie gerade einen Lottogewinn eingestrichen", meinte Jonathan und deutete auf die fröhlich gackernde Blondine, die gerade einen Stuhl bestieg und auf diesem ausgelassen tanzte. Sirius ahnte Schreckliches. Gina war alles zuzutrauen. Sie war zwar eine süße Maus, doch unberechenbar auf eine wenig subtile Art und Weise. Sirius ließ die beiden Männer ohne eine Erklärung stehen. Er rauschte zu Gina, packte diese am Arm und zog sie vom Stuhl. Unter Murren und Schimpfen schob er sie in den Vorraum und presste sie gegen die Wand.

„Wo! Ist! Sie!", flüsterte Sirius heiser. Doch Gina lachte nur und versuchte sich an ihn zu pressen. Ihre Hand wanderte in seinen Schritt und bewegte sich träge vor und zurück.

„Ich weiß nicht, von wem du redest, Schatz!", säuselte Gina und warf ihn ihren verruchtesten Blick zu. „Ich weiß, du willst mich. Lass diese dürre Bohnenstange doch links liegen. Du brauchst sie doch gar nicht. Willst du dir blaue Flecken holen, obwohl du es schön anschmiegsam und weich haben kannst?"

Sirius' Kiefermuskeln zuckte. Er packte Ginas Hand und zog sie aus seinem Schritt. Sie erregte ihn nicht im Geringsten. Sie schaffte es nicht einmal, ihn dazu zu bringen, überhaupt an Sex zu denken. Sie hatte es offenbar darauf abgesehen, ihn wieder für sich zu gewinnen. Doch er hatte auch ein Wörtchen mitzureden und keinerlei Interesse. Er presste ihre Hand über ihren Kopf und beugte sich zu ihr. Sie schien zu glauben gewonnen zu haben. Sie schloss die Augen und hob verführerisch erwartungsvoll das Kinn. Doch Sirius' Lippen streiften lediglich ihren Wangenknochen, bis sie an ihrem Ohr lagen.

„Ich warne dich! Wenn du deine Finger im Spiel hast, werde ich dir jeden einzelnen brechen! Wo ist meine Cousine!?", drohte er gefährlich ruhig und weich. Gina erstarrte unter seinem Körper und schluckte hörbar.

„Deine... deine Cousine? Aber... aber"

„Wo ist sie!?" Einem Peitschenknall gleich, hart und laut, kamen die Worte aus seinem Mund.

„Im Hinterhof, mit einem Typen!", gab Gina gebrochen von sich. Schon hatte Sirius sie losgelassen und Remus, der unbemerkt neben ihnen erschienen war, einen Wink gegeben, ihm zu folgen.

Sirius entdeckte die beiden zuerst. Der Typ hatte Narzissa an die Wand gepresst und vergrub sein Gesicht gerade in ihrem Ausschnitt. Sirius erstarrte und bevor der fremde Mann überhaupt mitbekam, was ihm blühte, fand er sich auf dem Müllhaufen in einer Ecke des Hinterhofs wieder. Narzissa kreischte. Dann erkannte Sirius den Mann. Es war Joseph. Jener Joseph, der Carissa bereits auf unsittliche Weise berührt hatte.

Dann drehte Sirius durch.

° ° ° ° ° ° °

Narzissa versuchte ihre Corsage wieder in die richtige Position zu ziehen, wurde aber von einem hüpfenden, keuchenden Joseph abgelenkt, dessen Schritt sich übergroß dem Betrachter entgegen wölbte.

„Bist du sicher, dass er nichts hat?", fragte Narzissa und starrte auf den hochroten Mann, der seine Lenden mittlerweile an der Mauer rieb. Narzissa wurde speiübel, doch sie beherrschte sich.

„Nein, ich bin mir sogar sehr sicher, dass er etwas hat", meinte Sirius gehässig und pustete lasziv über den Zauberstab.

„Was hast du ihm angetan? Black!", zischte Remus und wollte zum Muggel eilen, doch Sirius hielt ihn an der Ellenbeuge zurück.

„Na, was denn? Ich hab ihm nur einen Priapismus verpasst!", fauchte Sirius und wedelte hektisch mit dem Zauberstab. Kleine grüne Funken flackerte auf.

„Einen was?", fragte Narzissa und fingerte an der Verschnürung herum, die der Joseph gelöst hatte. Irgendwie hatte sie es geschafft, ihren Busen einzuklemmen. Ungeniert brachte sie ihn mit einem Ruck wieder in die richtige Position. „Was ist denn ein Priapismus?"

„Dein lieber Cousin hat diesem armen Muggel eine Dauererektion verpasst!", erklärte Remus mit vorwurfsvollen Blick in Sirius' Richtung und verschränkte die Arme vor der Brust.

Narzissa fragte sich, was daran so schlimm war. Andere Männer würden sich freuen, von Standschwierigkeiten befreit zu sein. Neugierig stöckelte sie auf Joseph zu, der mittlerweile mit den Händen heftig auf seinem Schritt herumdrückte. Er hatte die Augen geschlossen, die Zunge zwischen die Zähne geklemmt und war drauf und dran seinen gereizten Unterkörper freizulegen. Narzissa und Joseph trennte lediglich ein Meter, als er die Hose aufbekam und sie samt gerippter Unterhose in die Kniekehlen schob. Narzissa schrak zurück und kreischte. Das sah wirklich nicht schön aus. Irgendwie war sie der Ansicht, dass Joseph diese Dauererektion doch eher Schmerzen bereitete, als dass sie ihm gefiel. Lucius' Alter Ego hatte anders ausgesehen. Remus und Sirius waren prompt an ihrer Seite.

„Komm, ich brauche dich, du Luder!", keuchte Joseph und streckte die Arme nach Narzissa aus.

Remus schob sie hinter sich und versperrte dem Muggel den Weg.

„Joseph erst scharf machen und ihn dann im Regen stehen lassen. Das ist nicht fair!", brüllte der entblößte Mann. Seine Hände legten sich um sein Problem. Narzissa wandte sich entsetzt und angewidert ab. Dieser Muggel hatte wahrlich keinen Anstand.

„Oh Merlin, oh Merlin!", flüsterte Narzissa panisch. Sie fächelte sich mit einer Hand hektisch Luft zu und presste die Fingerspitzen der anderen entnervt an ihre Stirn. Doch es war wie bei einem Unfall. Sie musste einfach hinsehen, ob es ihr nun gefiel oder nicht. Eigentlich fand sie es sogar recht komisch und kicherte nach intensiver Betrachtung leise vor sich hin.

„Sirius, das kannst du ihm nicht antun!", schimpfte Remus und schob ihn und Narzissa aus der Reichweite des Mannes. Sicher war sicher, denn dieser rieb mit hektischen Bewegungen an sich herum, ohne dass es ihm sonderlich Spaß zu machen schien.

„Er hat Schmerzen! Tatze! Mach etwas dagegen, oder ich tu es!", forderte Remus.

„Wovon redet ihr eigentlich?", hakte Narzissa nach und musterte den Mann erneut, dessen Schmerz verzehrtes Gesicht sie nun keineswegs mehr zum Lachen trieb, obwohl sich an der Situation nicht viel geändert hatte.

Remus drehte sich ihr seufzend zu und erklärte: „Eine Dauererektion, also Priapismus, ist schmerzhaft und kann zu bleibenden Schäden führen. Impotenz ist nur eine Folge."

„Du meinst, er kriegt keinen mehr hoch, wenn sein Lümmel weiter so vorwitzig ist?", polterte sie ordinär los und zeigte auf die riesige Erregung. Sie hatte es wieder geschafft ohne Vorwarnung Obszönitäten von sich zu geben und das in so naivem Tonfall, dass sogar Remus für einen Augenblick vergnügt die Mundwinkel verzog. Sirius lachte und schlug sich auf die Schenkel. Remus verdrehte die Augen und meinte einen Moment später: „Dir sollten wir mal den Mund mit Seife auswaschen. Du du willst eine Dame sein?"

Narzissa zog eine Grimasse und entgegnete spitz: „Bellatrix hat gesagt, dass Dirty Talk Männer erregt. Rodolphus verlangt sogar, dass sie ihn beschimpft, während sie..." Narzissa brach errötend ab.

Sirius wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „Rodolphus steht in der Tat darauf. Allerdings solltest du nicht alles glauben, was deine Schwester dir erzählt. Bellatrix ist eine kranke Frau und Rodolphus... nun, ist eben Rodolphus", schloss er mit einem Seufzen, das nun wiederum Remus zum Lachen brachte.

Joseph suchte sich gerade stöhnend ein Mauerloch, doch fand er keines.

„Hmm", machte Narzissa. „Irgendwie sieht das nicht mehr schön aus. Nicht, dass es jemals schön ausgesehen hätte, aber irgendwie sieht es jetzt so... so... Willst du ihn nicht erlösen? Die arme Mauer wird schon ganz blass."

Remus gluckste und stellte sich die Ziegel der Mauer vor, wie sie allmählich die Farbe verloren.

„Ich denke gar nicht daran", entgegnete Sirius finster. „Dieser Mistkerl hat Carissa Gewalt angetan", setzte er beängstigend ruhig hinterher.Sirius „Ich werde ihn dafür büßen lassen!"

Narzissa verging das Lachen. Ihr Cousin meinte es ernst, sogar todernst. Sie eilte zu Sirius und legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. „Aber das macht es nicht ungeschehen, Sirius."

„Seit wann setzt du dich für Muggel ein?", fauchte er sie an.

„Seit wann quälst du sie?", fauchte Narzissa zurück. Beide standen sich gegenüber und warfen einander wütende Blicke zu.

„Dieses Schwein hat es verdient!" Sirius deutete auf den jaulenden Joseph, der gerade die bläuliche Spitze seines erregten Freundes angetippt hatte.

„Das ist egal, dann kastriere ihn lieber gleich und die Angelegenheit hat sich erledigt. Aber so weit willst du ja nicht gehen", entgegnete sie schnippisch mit vorwurfsvollem Unterton und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Gute Idee!", stellte Sirius fest und schritt auf Joseph zu, der gerade krampfhaft seinem Schritt Luft zufächelte, um den Schmerz zu lindern, diesen jedoch nur verschlimmerte.

Sirius hatte den hüpfenden Joseph beinahe erreicht, als Remus ihm den Weg versperrte.

„Lass es Tatze!", flüsterte er eindringlich. „Er ist es nicht wert. Willst du wegen dieses Abschaums Ärger mit dem Ministerium bekommen und dir deine Zukunft verbauen? Du wirst in Askaban landen! Willst du wirklich wie die Todesser Muggel quälen? Erlöse ihn, sonst tu ich es!"

Sirius seufzte und warf Remus einen schwer zu deutenden Blick zu. „Noch fünf Minuten und die Frauenwelt wäre sicher gewesen", murmelte er. Dann wedelte er kurz mit dem Zauberstab und augenblicklich hing Josephs Joseph klein und desinteressiert in der kühlen Nachtluft. Erschöpft sank der Mann an der Mauer zusammen und keuchte, als habe er einen 800-Meter-Lauf hinter sich gebracht. Narzissa eilte auf den Muggel zu und suchte in seiner Tasche nach ihrer Kette. Er hatte sie ihr abgenommen, um nicht beim Erkunden ihres Ausschnitts gestört zu werden.

„Lass uns nach Hause verschwinden! Mir ist die Lust auf Tanzen vergangen!", brummte Sirius. Ohne auf die anderen beiden zu achten, stiefelte er durch die Bar zurück auf die Straße und schlug die Richtung ein, in der sich sein Appartement. Narzissa und Remus folgten ihm langsam.

„Du hast dich heute gut geschlagen", begann Remus im Plauderton. „Es gab niemanden, der nicht Notiz von dir genommen hat: egal ob Mann oder Frau."

„Ehrlich?", vergewisserte sich Narzissa und quietschte dabei vergnügt. Remus rollte mit den Augen. Dieses schrille Organ würden sie ihr nie abgewöhnen. Doch etwas war mit Narzissa geschehen. Die Art, wie sie den Kopf hielt, drückte Selbstbewusstsein aus. Sie war sich über ihre Wirkung völlig im Klaren. Ob dieser Moment anhielt, musste die Zeit zeigen. Remus beschloss, dass sie am nächsten Tag einkaufen gehen würden. Es musste sein, denn das Ensemble, das Narzissa trug, war das einzige Outfit, welches einigermaßen angemessen, jedoch kaum alltagstauglich zu nennen war.

„Das hat so viel Spaß gemacht", jubelte sie. Sie hakte sich bei Remus unter und plapperte in einem fort, bis sich endlich die Tür des Appartements zeigte. Narzissa ließ ihren Begleiter los unds schlüpfte in den Raum. Remus hingegen verabschiedete sich. Er wollte endlich wieder einmal eine Nacht bei sich zu Hause verbringen. Außerdem wartete ein dringendes Gespräch aus Milano auf ihn, von Jonathan ganz zu schweigen und auch dem Orden gegenüber hatte er die eine oder andere Verpflichtung. Die Nachricht, die Mad-Eye Moody ihnen geschickt hatte, konnte er schließlich nicht ignorieren.

Bevor sich die Fahrstuhltür hinter ihm schloss, hörte er noch, wie Sirius seiner Cousine zurief, dass er die Nacht auf der Couch schlafen würde. Remus schüttelte den Kopf. Es hatte seinen Freund mehr als tief getroffen, jenem Mann zu begegnen, der Carissa zu nahegetreten war.

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AN 1 – Begriffe und Erklärungen

Joy Division

eine englische Band – später New Order – die dem New Wave zugeordnet wird. Besonders charismatisch war der Frontmann Ian Curtis, dessen Tanzstil – geprägt durch epileptische Anfälle – vielfach nachgeahmt wurde.

AN 2 – Bezüge zu den vorangegangenen Geschichten

Gina

eine Gestalt aus „Das Kätzchen in der Torte". Gina hatte dort indirekt einen kurzen Auftritt als Tortenfüllung auf Probe. Dass sie sich einbildet, Sirius' Freundin gewesen zu sein, ist so in „Ds Kätzchen in der Torte" allerdings nicht zu finden. Gina spielt in diesem Kapitel auf die Begebenheit an, als Lily Evans hinter die Pläne zur Junggesellenparty für James gekommen ist.

Joseph

eine Gestalt aus „Das Kätzchen in der Torte". Joseph taucht dort im vierten Kapitel und noch einmal im letzten auf.

Rosengarten/Rose Garden

kam bereits im 7. Kapitel vor.

AN 3 – Lieder

Rosengarten/Rose Garden

ein Lied von Lynn Anderson. Gibt es – leider Gottes – auch als nervigen Klingelton. Rose Garden stammt aus dem Jahr 1970.

Summer Wine

Summer Wine entstand bereits 1967 und wurde von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood gesungen.