~viel Spaß beim Lesen.
Nun ist es endgültig vorbei mit dir. Was du als kleine harmlose Frage gedacht hattest, schien doch größere Ausmaße als erwartet anzunehmen, beziehungsweise schien der Undertaker dieser Thematik mehr Bedeutung beizumessen als du vermutet hast. Dieser erkannte deine Verwirrung und lächelte entschuldigend. „Verzeih mir, wenn ich dich durcheinander gebracht habe." Er betrachtet seine langen Finger eine ganze Weile ,bevor er weiter fortfährt. „Himmel oder Hölle sind nur Namen, festgelegt durch Konventionen. Jeder größere Glaubenskreis hat seine eigenen Worte dafür. Es spielt also keine Rolle, wie du es nennst. Was ich von dir wissen wollte ist, ob du es für möglich hältst, dass dein Geist nach dem Tod deines Körpers weiter existiert. Unwichtig ist zunächst, was mit ihm passiert. Ich möchte wissen, ob du selbst in deinen tiefsten Inneren daran glaubst und nicht nur die Theorie eines alten Philosophen wiedergibst. Verstehst du, _?" Seine Expressionen werden verständnisvoll, als würde er, egal was du ihm antwortest, jedes Wort akzeptieren. Du schweigst einen Moment um eine wahrheitsgemäße Antwort formulieren zu können.
„Ich glaube nicht, dass mit unserem Tod alles vorbei ist, irgendwie geht es doch immer weiter, oder? Warum dann nicht auch mit uns? Ich meine, es kann doch nicht einfach so vorbei sein…" Du angelst nach Worten um den Gedanken in deinem Kopf Ausdruck zu verleihen, doch es funktioniert einfach nicht. Unbewusst beginnst du mit deinen Händen zu gestikulieren, ein verräterisches Zeichen für deine Unsicherheit, und der klägliche Versuch sich Worthülsen aus dem Nichts zu klauben. Obwohl du das Gefühl hast nichts gesagt zu haben, scheint der Undertaker zu verstehen, was du ihm übermittelt haben wolltest. Gedankenversunken angelt er den letzten verbliebenen Keks aus der Urne und isst ihn bedächtig, während er einen dir unbekannten Fleck im Raum schaut. „Der Mensch war schon immer ein neugieriges Wesen, doch alle Geheimnisse kann selbst er nicht lüften. Der Tod stellt ein solches Mysterium dar. Aus diesem Grund schuf er sich Orte, die nach dem Ableben seinem Geist eine Bleibe darstellen sollten. Allein aus dem schieren Gedanken, dass es nicht zu Ende sein kann entstanden diese Stätten. Nun gut, darüber kann man sich sein ganzes Leben lang den Kopf zerbrechen. Aber das wollen wir ja nicht, hehe."
Seine Stimme hatte wieder diesen sanften Tonfall angenommen. Scheinbar wurde er immer so ruhig und nachdenklich wenn es um dieses prekäre Thema ging. Sein ganzes Leben dreht sich ums Sterben, so ironisch es auch klingen mag. Er muss sich unheimlich viele Gedanken darüber gemacht haben. „Worauf ich hinaus will …" Inzwischen sind die Worte des Undertakers nur noch ein Flüstern. Er scheint wieder zu überlegen, nachzudenken, mit sich selbst zu ringen. Der geheimnisvolle Mann weiß etwas, doch er wollte es dir nicht sagen- bei einer so kurzen Bekanntschaft vielleicht auch kein Wunder. Er wendet sich dir wieder dir zu, scheint allerdings noch immer abzuwägen. Er blickt wieder auf seine Hände, streicht über seinen Ring und seufzt letztendlich leise. „Es gibt eine Antwort auf diese ganzen Fragen, doch genau so gibt es gute Gründe dieses Wissen den Menschen vorzubehalten. Wissen ist, wenn in den falschen Händen, immer gefährlich. Aus diesem Grunde möchte ich, dass du mir versprichst, dass du alles, was ich dir nun sagen werde, niemals, niemals weitererzählst."
Der Tonfall des Leichengräbers war weniger auffordernd, als bittend. Ohne groß nachzudenken nickst du, deine Miene ist ernst, aber entschlossen. Du wolltest ihm zeigen, dass er dir genauso vertrauen kann, wie du ihm. Trotz der wenigen Stunden eurer Bekanntschaft hast du das Gefühl bekommen, dass er durch und durch friedvolle Absichten dir gegenüber hegt. Er hat mich gerettet, ich verdanke ihm so viel. Er soll ich ebenfalls auch mich verlassen können. Hinzu kam, dass du ziemlich neugierig auf seine Erklärung bist, wo immer er sie auch her hatte. „Versprochen?", fragte er noch einmal mit ein wenig Nachdruck. „Versprochen.", entgegnest du mit einer selbstbewussten Stimme. Er quittiert deine Entscheidung mit einem schwachen Nicken und rückt näher an den Tisch. Mit seinen langen Fingern fährt er sich durch die Haare und betrachtet die geflochtene Strähne zwischen seinem Daumen und Zeigefinger, bevor er fortfährt. „Alles, was ich dir nun erzählen werde, entspricht der Wahrheit, so merkwürdig es dir auch scheint. Bevor wir jedoch beginnen: sagt dir der Begriff Shinigami etwas?"
Du kramst in der hintersten Ecke deines Kopfes durch alle möglichen Schubladen und Kisten. „ Die Todesgötter?" Du kanntest diese Gestalten immer nur aus Geschichten und Berichten, aber was wollte der Undertaker denn nun mit diesen Ammenmärchen? „Ganz richtig, von denen rede ich. Was ich dir nun erklären werde übersteigt möglicherweise deine Vorstellungskraft, aber es ist in Ordnung, wenn du es nicht sofort verstehst." Er lächelte wieder, wenn auch nur kurz. „Jeder Mensch ist determiniert zu vergehen, eines Tages. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Ob ein Mensch leben oder sterben soll liegt in der Hand eines Shinigami." „Sie entscheiden also über Leben und Tod?" „Das ist richtig. Wenn ein Mensch im Begriff zu sterben ist, dann erscheint ein Shinigami, der sich die Erinnerungen des Verblassenden ansieht. Anhand dieser fällt er sein Urteil und sammelt gegebenenfalls die Seele des Toten ein. Sie besteht also fort und verlässt nur den verfallenden Körper." Du nickst, bis hier hin konntest du dem Undertaker folgen, auch wenn es vielleicht nicht die Erklärung ist, die du dir vorgestellt hast. Unsere Seele wird also von einem Todesgott gesammelt. „Wenn das die Wahrheit ist, warum ist darüber so wenig bekannt? Müsste bei den ganzen Toten nicht irgendwann einmal ein Shinigami gesichtet worden sein?"
Der Undertaker legt den Kopf schief und lächelt. „Wenn dem so wäre, dann würden die Menschen beginnen um ihr Leben zu feilschen. Aus diesem Grund handeln die Shinigami stets ungesehen, denn das Geheimnis muss gewahrt werden." Das ist einleuchtend. Du starrst auf die Kerze in Tisches Mitte, und lässt dir seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Die Shinigami entscheiden über Leben und Tod- so sterben wir also. Und wenn wir sterben, dann nehmen sie unsere Seelen mit. Das klingt wahrscheinlich einfacher, als es ist. Du wunderst dich, woher der Undertaker diese Informationen hat, ferner fragst du dich, ob es überhaupt der Wahrheit entspricht. Der Mann im schwarzen Mantel beobachtet dich beim Grübeln und kichert leise. „Wie ich sehe, bist du skeptisch, das ist auch gut so. Man sollte nicht alles hinnehmen was einem weiß gemacht wird." Du blinzelst verwundert und siehst zu ihm herüber.
„Stimmt es denn etwa nicht?"
„Doch, doch _. Es hat seine Richtigkeit."
„Woher weißt du von den Shinigami, wenn man sie doch niemals sieht?"
Und da war er wieder, dieser sehnsüchtige, geheimnisvolle Ausdruck in seinem Gesicht. Dich beschleicht das unangenehme Gefühl ihm zu nahe getreten zu sein, woraufhin du unsicher auf dem Holzstuhl herum rutscht. „Du solltest dich nun zur Ruhe begeben, _. Der morgige Tag wird nicht kürzer als der heutige. Außerdem verlange ich eine Gegenleistung von dir." Er ist wie verwandelt. Der altbekannte Undertaker steht vor dir und sieht dich erwartungsvoll an. „Doch erst, wenn du ausgeschlafen hast, hehe." Mit diesen Worten beginnt er an Der Kochstelle herumzufuhrwerken, um dir warmes Wasser für ein Bad vorzubereiten. „Wenn du bereit bist, wirst du mehr von mir erfahren, vorausgesetzt, dass du es dann noch möchtest. Noch ein wenig verdattert sitzt du da und versuchst das Geschehene zu verstehen.
Das Bad tat wirklich gut, dein Körper hat sich entspannt und giert nun nach erholsamen Schlaf. Unter der Türspalte leuchtet das Kerzenlicht der Küche hindurch- du fühlst dich geborgen und beschützt. Zugegeben: der Tag war sehr, sehr lang. Eine Verstorbene, die Beerdigung, der Earl, sein Butler und zu guter Letzt auch noch ….. Du bleibst verwundert. Es liegt weniger an den Worten des Undertakers, als an seinem Verhalten an sich. Er war geheimnisvoll und undurchschaubar. Aus welchem Grund er dich an diesem geheimen Wissen teilhaben lässt, kannst du dir allerdings nicht beantworten. Irgendetwas verheimlicht er mir. Bevor du dir allerdings einen Reim drauf machen kannst, ergreift der Schlaf Besitz von dir.
Du fühlst dich wie gerädert. Das erste was du spürst ist der Muskelkater. Natürlich vom Schaufeln, woher auch sonst? Eigentlich möchtest du gar nicht aufstehen, sondern liegen bleiben und warten, dass das Gefühl vergeht. Nach einigen Minuten entscheidest du dann doch, dass es nichts bringt selbstmitleidig in den Federn zu liegen und auf Besserung zu hoffen. Vorsichtig schälst du dich also aus den warmen Daunen, um dich anzuziehen und zu Frühstücken. Es wird eine ganze Weile dauern, bis du dich an langärmelige Kleider gewöhnt hast.
Es ist bereits halb 10, als du dich auf den Weg nach unten begibst. Du musst den Leichengräber nicht suchen, er ist in der Pathologie und betrachtet die Leiche vor ihm auf dem Tisch. Von Weiten kannst du bereits erkennen, dass sie schlimmer zugerichtet ist, als die junge Aristokratin vom Vortag. Du näherst dich, beginnst allerdings zu würgen, als sich dir das gesamte Ausmaß ihrer Schändung offenbart. „Hehe, guten Morgen.", wirst du von einem händeringenden Undertaker begrüßt. Wie kann er bei einem solchen Anblick so fröhlich bleiben? Du musst dir die Hand vor den Mund halten um dich nicht zu übergeben. Für einen Moment vergisst du deinen Muskelkater, die Szenerie vor dir hat dir die Sprache verschlagen.
Der jungen Dame vor dir ist, nebst ihrer Kehle, der gesamte untere Bereich ihres Bauches aufgeschnitten worden. Die Gedärme hat man provisorisch wieder in den leblosen Körper hineingestopft -wahrscheinlich um sie transportieren zu können. Doch noch immer quellen die aufgeblähten Innereien nach außen. Die Kleidung ist gebadet in ihrem –inzwischen- getrockneten Blut. Deine Blicke wandern zum Gesicht des Opfers. Es ist schmerzverzehrt und flehend, ähnlich jenem Madelaines. Hier wurde allerdings mit viel mehr Brutalität vorgegangen, dies erkennt selbst ein Laie wie du. Die markanten feurig roten Lippen des Opfers, so wie ihre ganze Aufmachung lassen dich erschaudern. Sie erinnert an eine Schaufensterpuppe, jedoch sehr, sehr übel zugerichtet. Es hilft nichts, dein Körper will sich dein Frühstück wohl noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Dein Retter bemerkt deine aufsteigende Übelkeit und schiebt dich sanft aus dem Laden an die frische Luft, damit du dich erholen kannst, und ihm vermutlich nicht den Boden beschmutzt. „Kein sonderlich schöner Anblick, nicht wahr?" , kichert er, während er dich beobachtet. Du stützt dich an der Wand ab und kämpfst immer noch gegen den Brechreiz an. Was auch immer passiert, du willst dir dieses Bild des Schreckens nicht mehr ansehen, das war eindeutig zu viel für dich.
Glücklicherweise sieht der Undertaker es genauso. Aus diesem Grund schickt er dich mit einigen Münzen und einer langen Liste weg um Besorgungen zu tätigen. Du bist dankbar für diese Arbeit. Der Weg führt dich zum Apotheker, zu einem Färber und anschließend wieder zurück. Im Stillen hoffst du, dass die Tote bereits abgeholt ist, wenn du wieder da bist. Deshalb lässt du dir Zeit- viel Zeit. Den Weg hast du noch von gestern im Kopf, von daher stellt er kein Problem für dich dar.
Da du nun für dich bist und keine weiteren Einkäufe zu erledigen hast, beginnst du wieder über den gestrigen Abend zu sinnieren. Shinigami. Es war eine Erklärung. Der Undertaker wusste etwas, du bist neugierig, willst aber nicht unbedingt zu sehr nachfragen oder herumstöbern, da er scheinbar auch bedrückende Erinnerungen mit diesem Thema verbindet. Vielleicht ist er bei seiner Arbeit mit den Toten ja dem einen oder dem Anderen schon einmal begegnet, wer weiß? Oder vielleicht gehört das Wissen zur Berufung eines Totengräbers und er will…. Nein, diesen Gedanken schiebst du augenblicklich zur Seite. Allein dir Vorstellung, dass du die Nachfolgerin des Undertakers sein sollst ist absolut absurd. Beim bloßen Gedanken daran eine Leiche zusammenzunähen macht sich dein Magen unweigerlich bemerkbar. Das möchte er gewiss nicht… Du schüttelst dich.
Letztendlich findest du keine Antwort auf deine Frage. Seine Gründe , es dir zu erzählen, sind genauso undurchschaubar wie der Langhaarige selbst. Möglicherweise hat er es getan, weil du ihn direkt danach gefragt hast und der dich zu mögen scheint. Ja, das wird die Erklärung sein. Halb zufrieden mit dieser Antwort biegst du in die Gasse ein, die dich zum Bestattungsunternehmen führt. Bitte lass dir Tote weg sein, bitte, bitte.
Zu deiner Verwunderung hat sich eine kleine Ansammlung vor dem Geschäft des Undertakers gebildet. Erst auf den zweiten Blick erkennst du zwei bekannte Gestalten: Earl Phantomhive und sein Butler. Das du diese beiden jemals, und dann noch so schnell wiedersehen würdest, das hättest du nicht gedacht.
Was sie wohl vom Undertaker wollen?
