The fallen saints
Kapitel 10
Cracking
Hermine war froh, als Harry und Ron mit abwechslungsreichen Nachrichten aus dem Strandhaus zurückkamen. Wie es aussah, hatte Griphook in den Deal mit dem Schwert eingewilligt. Doch trotz der erfreulichen Neuigkeit machte ihr die Angelegenheit mit Snape zu schaffen. Es war nicht leicht für sie, sich die Enttäuschung einzugestehen, dass er so beharrlich an Lily festhielt, wo sie doch offensichtlich angefangen hatte, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Schlimmer noch, jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, zogen sich vor Schmerz ihre Eingeweide zusammen. Und obwohl sie ihn aufrichtig für seine Standhaftigkeit bewunderte, war es zugleich traurig, zu wissen, dass er es vorzog, alleine zu bleiben. Er selbst hatte nämlich nicht gerade zufrieden mit sich gewirkt aufgrund dieser Situation.
Noch weitaus verstörender als die Gedanken um Snape und Lily aber war für Hermine, dass er sie am nächsten Tag anhielt, um mit ihr darüber zu reden, was zwischen ihnen vorgefallen war. Wie üblich für jemanden wie ihn hätte sie vielmehr erwartet, dass er ihr aus dem Weg gehen würde, anstatt sie damit zu konfrontieren. Die ganze Zeit über, während sie sich in der Küche gegenüber saßen, war sie so angespannt, dass sie kaum wahrnahm, was er zu ihr sagte. Jeder von ihnen hatte offensichtliche Schwierigkeiten dabei, dem anderen in die Augen zu sehen. Zuerst gelang es Snape, sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
"Warum, Miss Granger?", sagte er leise.
Verunsichert hob sie den Blick und sah sich mit seinen schwarzen Augen konfrontiert, die sie eindringlich musterten. Schnell stellte sie fest, dass sie sich geirrt hatte. Er mochte zwar die Gabe besitzen, sich vor anderen zu verschließen, in diesem Fall aber war er genauso verloren und verunsichert wie sie. Es schmerzte zutiefst, ihn so zu sehen.
Hermine senkte den Blick zurück auf ihre im Schoß ineinander verschlungenen Hände und schluckte mit trockenem Hals. Erst dann sah sie wieder auf.
"Sie halten mich für unerfahren und naiv, nicht wahr?", fragte sie ausweichend. Sie wusste nicht, was sie anders sagen sollte. Ihr selbst war immer noch unbegreiflich, wie es nur soweit hatte kommen können. Was war der Auslöser gewesen, der sie auf den Gedanken gebracht hatte, sich ihm nähern zu müssen? Seine dunkle, geheimnisumwobene Aura etwa? Dass Snape gefährlich sein konnte, daran gab es keine Zweifel. Nie zuvor hatte sie das Bedürfnis verspürt, etwas derart Dunkles und Gefährliches auch nur annähernd in ihr Leben zu lassen. Wieso also ausgerechnet jetzt, wo sie doch im Hause der Malfoys am eigenen Leib erfahren musste, wie es war, dieser Gefahr ausgesetzt zu sein? Konnte es vielleicht sein, dass sie tief in ihrem Inneren den Wunsch hegte, das, was dort geschehen war, begreifen zu wollen? Es musste schließlich Gründe geben, die den Professor dazu gebracht hatten, ein Todesser zu werden. Ebenso wie die, weshalb er sich davon abgewendet hatte.
Snapes Mundwinkel zuckten. Er wirkte in dieser Rolle so fehl am Platz, dass Hermine einen Moment lang ein eigenartiges Brennen in den Augen spürte.
"Sie brauchen nichts weiter dazu sagen, Professor. Mir ist durchaus bewusst, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich dachte tatsächlich, da wäre etwas gewesen. Wie ein Funken, der überspringt, um eine Flamme zu entzünden. Ich weiß, das klingt albern. Aber stellen Sie sich etwas vor, das man mit Worten nicht erklären kann. Es ist plötzlich da und löst eine Reaktion nach der anderen aus."
Snape hob die Hand und fuhr sich damit durch die Haare und Hermine verstummte. Sie schämte sich in Grund und Boden, weil sie das Gefühl nicht loswurde, dass ihre unbeholfenen Versuche, ihr Verhalten zu erklären, alles nur noch schlimmer machten. Es war genau, wie er am Abend davor gesagt hatte.
Bedrückt biss sie sich auf die Lippe. Es tat weh, dass er sie nicht wollte, daran gab es keine Zweifel mehr. Doch selbst dann, wenn sie versucht hätte, sich zurückzunehmen, um den Lauf der Dinge aufzuhalten, war sie sich sicher, dass es nichts genutzt hätte. Sie fühlte weitaus mehr für ihren einstigen Professor, als sie jemals dazu imstande gewesen wäre, für Ron zu empfinden. Es war sonnenklar, dass Snape binnen der kurzen Zeit, die sie in seiner Nähe in seinem Haus in Spinner's End verbracht hatte, ihren langjährigen Freund vollständig und unwiderruflich von seinem Platz verdrängt hatte. Doch warum war das so? Konnten die kurzen Momente, in denen Snape sie emotional an sich herangelassen hatte, wirklich ausreichen, um ihr Herz für ihn zu entfachen? Oder hing es am Ende nur damit zusammen, dass sie versucht war, sich etwas zu holen, das sie haben wollte, jedoch nicht haben konnte oder gar durfte?
Snape saß eigenartig desolat und abgeschlagen auf seinem Stuhl; er hatte noch nicht ein Wort gesagt. Vielleicht war es ja besser so. Es war ohnehin aussichtslos, sich Hoffnungen zu machen. Der Krieg lag ebenso zwischen ihnen wie seine Affektion für Harrys tote Mutter. Niemand könnte diese Dinge einfach so aus dem Weg räumen. Schon gar nicht ein Hogwarts-Professor mit einem derart zweifelhaften Ruf wie dem seinen.
Zu Hermines Überraschung stand er kurz darauf auf, umrundete den Tisch und kam auf leisen Sohlen zu ihr herüber. Dann, vollkommen unerwartet, streckte er ihr seine Hand entgegen, legte auffordernd den Kopf schief und sah sie an. Hermine war nicht sicher, was in ihm vorging. Teilweise verbargen seine langen Strähnen den Ausdruck auf seinem Gesicht, teilweise war sie einfach zu aufgeregt, um klar denken zu können. Jedenfalls machte er den Eindruck, als wäre er nicht länger daran interessiert, verärgert zu sein.
Zögerlich streckte sie ihm die Hand entgegen und ließ sich von ihm aufhelfen. Obwohl es ihn eine gehörige Portion Überwindung kostete, das zu tun, nahm sie die Berührung voller Dankbarkeit und Wärme in sich auf. Ein schmales Lächeln legte sich über ihre Lippen, das Snape kaum merklich erwiderte.
Für etliche Sekunden standen sie einfach nur da, Gesichter und Körper nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und sahen sich an, die Hände noch immer fest miteinander verschlungen.
Plötzlich gerieten seine Brauen in Bewegung und er öffnete den Mund. „Niemand braucht davon zu wissen", sagte er eindringlich.
Hermine nickte, ohne überhaupt zu begreifen, was genau er im Schilde führte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie so oft, gingen auch jetzt Dinge vor sich, die sich keiner von beiden so recht erklären konnte. Sie konnte nur ansatzweise erahnen, warum er das von sich gegeben hatte, denn keiner von ihnen konnte es sich erlauben, in Schwierigkeiten zu geraten, was unweigerlich geschehen würde, wenn auch nur irgendjemand wüsste, was hier vor sich ging.
Wieder sahen sie sich an, doch dann kam Snapes freie Hand hervor. Er legte sie um ihre Taille und machte einen letzten Schritt auf sie zu, sodass ihre Körper sanft aufeinanderprallten.
Hermine wurde ganz schummrig dabei und sah ungläubig zu ihm hoch. Er war schon immer groß gewesen in ihren Augen, doch jetzt, in eben diesem Moment, wirkte er einfach nur eindrucksvoll und vollkommen auf sie. Am Rande ihrer Selbstbeherrschung angelangt versuchte sie zu lächeln, um ihre Unsicherheit zu überspielen und das Rasen ihres wild schlagenden Herzens unter Kontrolle zu bringen, doch alles war vergeblich. Hilflos starrte sie auf sein Gesicht, seine leicht erhitzten Wangen, seine dünnen, vibrierenden Lippen. Um sich zu vergewissern, dass es sich bei der Begegnung mit ihm nicht um einen Traum handelte, drückte sie fest seine Hand. Snape schien den Atem anzuhalten und schluckte hart. Kurz darauf senkte er den Kopf, bis er ihr mit der Nase ganz nahe war. Ein letztes Mal begehrte sein Bewusstsein auf, ehe er es in den Tiefen seines Seins verbarg.
„Was auch immer passiert, ich werde nachher nicht mit Ihnen darüber sprechen, Granger. Verstanden?"
Erneut nickte sie. Es war ihr gleich. Auch dann, wenn sie es später bereuen sollte, ihr Einverständnis gegeben zu haben, war es diesen Moment wert. Es zählte nur der Augenblick; und der an sich war schon so kostbar, dass Hermine das Gefühl hatte, ihr Körper würde jeden Moment vor ihm dahinschmelzen.
Snape zog sie zu sich heran, legte den Kopf schief und drückte seine warmen Lippen auf ihren Mund. Es geschah trotz aller Warnungen und Vorboten so unerwartet, dass sie kaum in der Lage war, sämtliche Eindrücke, die auf sie einwirkten, zu erfassen. Da war seine Haut, an den Lippen sanft, auf dem Gesicht rau, sein unverwechselbarer Duft, gemischt mit dem ihr fremden und doch anziehenden Geschmack. Als Nächstes fiel ihr auf, wie innig er ihren Rücken mit seiner Hand, die eben noch auf ihrer Hüfte gelegen hatte, an sich drückte. Es war Snape, dachte sie verwundert. Snape...
Seine Augen waren halb geschlossen. Er küsste sie sanft und zärtlich, bald darauf zunehmend fordernder. Auch seine Zunge kam ins Spiel und Hermine nutzte die Gelegenheit, um ihre Finger in seinen langen Haaren zu versenken, die keineswegs einen unangenehmen Eindruck auf sie machten. Überhaupt war es kurios, dass sie sich jetzt, wo sie so innig beieinander waren, nicht im Mindesten darum scherte, was andere von ihm hielten oder wie er aussehen mochte. Es zählte nur, dass sie sich wohlfühlte. Und das tat sie. Doch noch etwas anderes fiel Hermine auf. Erst gestern war sie sich seiner aufkommenden Erregung bewusst gewesen, als sie sich am Abend so zudringlich an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war es vollkommen anders. Er war so hart, so bereit, seine emotionalen und körperlichen Sehnsüchte zu befriedigen, dass er sich kaum darüber im Klaren zu sein schien, wie obskur die Situation an sich war, eng umschlungen mit ihr in seiner Küche zu stehen, denn jeden Moment konnte die Tür aufgehen oder Dumbledore seinen Kopf in das Portrait an der Wand stecken und ihrem gemeinsamen Zusammenspiel ein jähes Ende bereiten.
Während sie damit beschäftigt war, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, erkundete sie zärtlich mit ihren Fingern seinen Rücken. Ein leichtes Beben ging von ihm aus, während er hörbar über die Nase Luft in seinen Körper sog, ehe sie wieder ausströmte und auf ihre Haut traf, um ihr dabei ein wohliges Prickeln zu bescheren. Es war sein ganz eigener, charakteristischer Duft, der ihre Knie weich werden ließ. Aber nicht nur. Die Hitze, die ihr durch den schwarzen Stoff seiner Kleidung entgegenschlug, war mindestens ebenso berauschend, wollte sie doch wissen, was sich darunter verbarg. Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte sie bezweifelt, dass er so voller Energie und Leben stecken würde. Die Vorurteile, was für ein liebloser, kaltherziger Mensch er war, hatten selbst in Hermines Welt ihre Spuren hinterlassen. Allem Anschein nach hatte sie ihn aufgrund der offensichtlichen Eigenarten falsch eingeschätzt wie alle anderen Menschen auch, obwohl sie sich immer bemüht hatte, sich nicht den allgemein geltenden Vorurteilen über Snape hinzugeben.
Sanft grollend stöhnte er in ihrem Mund auf und jagte ihr dabei einen Schauder über den Rücken.
Wie aus heiterem Himmel war auf der Treppe ein Poltern zu hören.
Hermine erstarrte und Snape löste sich abrupt von ihr los. Er sah so überrascht aus, wie selten zuvor.
Mit einem gequälten Ausdruck in den entflammten Augen schob er sie beiseite und Hermine konnte nichts weiter tun, als nicken. Was auch immer für eine Lösung in seinem Kopf herumspukte, sie würde sie akzeptieren, da es vermutlich weitaus besser war, als die Jungs dazu zu bringen, sich mit Flüchen und Beschimpfungen auf ihn zu stürzen. Einen Augenblick später war er auf der Stelle disappariert.
Die Tür wurde aufgedrückt und Harry steckte seinen Kopf in den Raum.
„War Snape bei dir?"
Hermine bemühte sich nach Kräften, einen unschuldigen Blick aufzusetzen.
„Wieso fragst du?"
Er machte ein eigenartiges Gesicht. „Erstens, weil ich gedacht habe, dass ich ihn disapparieren gehört habe. Zweitens, weil du ziemlich durcheinander aussiehst, Hermine. Und das in letzter Zeit immer, wenn Snape in der Nähe ist."
Sie biss sich schmerzhaft auf die Zunge, um das Lächeln zu unterdrücken, das ihr auf den Lippen lag. Ihr war die Skepsis in seiner Stimme nicht entgangen, die er seit dem Vorfall von neulich mit sich herumtrug.
„Nett, dass du dich um mich sorgst, aber ich hab ihn nicht gesehen, Harry", log sie schnell. Er sollte es eigentlich verstehen, schließlich hatte auch er seine Geheimnisse vor ihr, wenn es um das Ziepen seiner Narbe ging. „Außerdem, wenn er wirklich mit mir in der Küche gewesen wäre, denke ich nicht, dass er einfach so disappariert wäre, ohne nicht wenigstens das Dutzend Schutzzauber zu lösen, die er auf das Haus gelegt hat."
Andererseits war er Snape und es war sein Haus, fügte sie in Gedanken an, sich voll darüber im Klaren, dass der Professor noch so einige Überraschungen auf Lager haben musste, die sie nicht kannte.
Harry seufzte und entspannte sich. „Wahrscheinlich hast du Recht. Ich werde schon genauso paranoid wie er. Der Typ ist ein absoluter Freak. Hast du gesehen, was für Zauber das waren, die er gelockert hat, als Ron und ich uns zum Strandhaus aufgemacht haben? Man, gegen die Hütte hier ist Gringotts ja ein glatter Witz."
„Tja, irgendwie ist es lustig, dass du das sagst. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen, Harry. Planungen, du weißt ja … wir sehen uns später beim Essen, okay?"
Damit war sie auch schon auf halbem Weg zur Tür hinaus. Obwohl sie natürlich keineswegs vorhatte, nach diesem einschlägigen Erlebnis mit Snape die Zeit damit totzuschlagen, sich in Gedanken Gringotts oder den Horkruxen zu widmen, war sie froh, etwas für sich sein zu können. Immerhin war es das erste Mal gewesen, dass sie einen richtigen Mann geküsst hatte, der zudem noch der letzte Mensch gewesen war, mit dem sie es je erwartet hätte. Vor allem, wer konnte schon mit Gewissheit sagen, was noch so alles passiert wäre, wenn Harry sie nicht unterbrochen hätte.
