10.
„David, wo willst du hin?" Ich kann die traurigen Augen meines Vaters noch genau vor mir sehen – erst war Kim überstürzt abgereist und jetzt wollte ich gehen. Wenigstens war ich nicht mit Sophie unterwegs… Wenigstens war ich noch am Leben, aber das wusste mein Vater zu diesem Zeitpunkt noch nicht… „Ich will nach Cape Canaveral." – „Du glaubst doch nicht wirklich, dass du an Bord der Raumfähre kommst?" – „Doch das glaube ich. Beziehungen sind alles. Ein Geschäftspartner von mir hat mir zwei Plätze gebucht. Das hat zwar ein sechsstelliges Loch in mein Konto gerissen…" – „Zwei Plätze, David?" – „Einen für mich und einen für Lisa." – „Lisa? Lisa Plenske?" Ich glaube, mein Vater war von meinen Gefühlen für Lisa genauso überrascht wie ich selbst. „Ja, Vater, Lisa Plenske. Ich liebe sie und ich will sie nicht verlieren." – „David, glaubst du wirklich, dass ein Leben auf einer Raumstation möglich ist? Astronauten trainieren jahrelang und bleiben dann nie lange im All. Niemand weiß…" – „Vater, die würden niemanden ausfliegen, wenn sie nicht genau wüssten, dass das die einzige Lösung ist. Ich muss jetzt zum Flughafen. Ich wünsche dir und Mutter alles, alles Gute."
„Der Trucker sagt, wir sollen ihm einfach hinterher fahren", rief Rokko Lisa schon von Weiten entgegen. Sie kam gerade von der Tankstellentoilette. Als sie Rokkos Stimme hörte, sah sie auf. „Er sagt, er fährt zur nächsten Notunterkunft. Wir sollen einfach hinterher fahren. „Okay", erwiderte Lisa. „Soll ich fahren?", bot sie an. „Nicht nötig, ich kann noch."
„Hoffentlich ist es nicht mehr weit", sagte Lisa in die Stille hinein. Dabei deutete sie aus der Beifahrerscheibe hinaus. Rokko warf einen Blick in diese Richtung und schluckte. „Ja, hoffentlich." – „Irgendwie auch faszinierend", grübelte Lisa laut. „Das sind ja eigentlich nur Luftmassen." – „Nun, ich finde Tornados nur in schlechten Katastrophenfilmen faszinierend. Im Moment finde ich einfach nur, dass er uns viel zu dicht auf den Fersen ist", erwiderte Rokko.
Der riesige amerikanische Truck, der vor den beiden fuhr, hatte mittlerweile auf die höchstmögliche Geschwindigkeit beschleunigt, so dass Rokko Mühe hatte, ihm zu folgen. „Der fährt wie der Teufel persönlich", murmelte er. Was Rokko in diesem Moment nicht sehen konnte, war ein Mann mittleren Alters am Straßenrand. Zitternd und völlig verzweifelt stand er dort und beobachtete die einsame Landstraße. Als er den LKW erblickte, trat er einfach auf die Straße. „Fuck!", fluchte der Fahrer des Lastwagens, konnte aber nicht mehr ausweichen.
„Oh, mein Gott!", kreischte Lisa, als sie den Mann durch die Luft fliegen sah. Automatisch legte Rokko eine Vollbremsung hin. „Scheiße!", fluchte er. Lisa war schon aus dem Auto gesprungen und kniete neben dem Mann. „Können Sie mich hören?", fragte sie ihn. Selbst wenn – was hätte er darauf schon antworten können, außer er sprach Deutsch? „Ist er schwer verletzt?", wollte Rokko wissen. Auch er war ausgestiegen, hatte aber Hemmungen sich dem Unfallopfer zu nähern. „Ich weiß nicht", stotterte Lisa. „Er atmet nicht und er blutet so stark", informierte sie ihn verzweifelt. Rokko ging nun doch näher heran und kniete sich neben Lisa. „Er ist tot", stellte er fest, nachdem er den Puls des unbekannten Mannes gefühlt hatte. Sofort brach Lisa in Tränen aus. „Hey", versuchte Rokko sie zu trösten. „Das war ein Unfall." – „Das war ein Unfall, das war seine freie Entscheidung – das sind mir zu viele Tote in zu kurzer Zeit", schluchzte sie. „Ja, mir auch und wenn Sie nicht auch bald dazu gehören wollen, dann müssen wir jetzt einen Keller oder so etwas finden", erwiderte Rokko trocken und deutete auf den sich bedrohlich nähernden Tornado. „Wir können ihn doch nicht hier liegen lassen", widersprach Lisa. „Okay, dann bringen wir ihn darüber ins Gebüsch und dann weiter", drängte Rokko.
„Okay, der Truck ist weg und ich habe keine Ahnung, wo diese Notunterkunft ist", fasste Rokko zusammen, als er wieder ins Auto stieg. „Wir müssen uns jetzt etwas einfallen lassen." Lisa unterdrückte ein Schluchzen. „Was ist mit dem Haus da drüben? Wir könnten da mal fragen", schlug sie vor und zeigte auf ein Haus unweit vom Straßenrand. „Okay, probieren wir es", gab Rokko sich kämpferisch.
„Es ist niemand da", informierte Lisa Rokko, als sie aus dem Haus wieder herauskam. „Es wird wohl dem… dem Toten gehör… t haben", schlussfolgerte Rokko. „Gut, ich fahre den Wagen in die Garage, vielleicht übersteht er den Tornado da und Sie sehen sich schon einmal um, ob es einen Keller gibt oder einen geschlossenen Raum ohne Fenster." – „Alles klar, das mache ich", versicherte Lisa, die nun auch den Ernst der Lage erkannte.
„Es gibt einen Keller, aber da gibt es überall Fenster", erklärte Lisa. „Herumfliegende Scherben würden uns durchlöchern", versuchte sie ihre Angespanntheit durch einen Scherz zu überspielen. Rokko dachte angestrengt nach. „Es gibt im Keller aber eine Art Heizungsraum. Der hat keine Fenster." – „Gut, dann da rein", entschied Rokko.
„Da kann ich nicht hinein", gestand er Lisa mit zitternder Stimme. „Warum nicht?", fragte sie, als sie mit ein paar eilig zusammengerafften Decken zu ihm stieß. Gerne hätte sie auch eine Taschenlampe oder ein paar Kerzen mitgebracht, aber sie hatte auf die Schnelle keine in dem ihr unbekannten Haus gefunden. „Ich… ich hätte nicht gedacht, dass der so klein ist… ich… ich habe schreckliche Platzangst…" Einfürchterliches Heulen und das Geräusch zersplitternder Fensterscheiben begleitete Rokkos verschämtes Geständnis. „Sie haben jetzt die Wahl: Entweder Sie kriegen einen ungewollten Langstreckenflug oder Sie stellen sich Ihrer Angst. Kommen Sie, ich bin bei Ihnen", ermutigte Lisa Rokko, bevor sie ihn in den winzigen Raum schob.
„Pscht, es gibt keinen Grund, Angst zu haben", redete Lisa Rokko gut zu. Der Werbefachmann hatte angefangen, unkontrolliert zu zittern und ließ sich nur schwer von Lisa beruhigen. „Das ist der sicherste Raum hier im Haus", fügte sie hinzu. „Naja, wenn man von dem Öltank mal absieht. Rauchen sollten Sie hier nicht", scherzte sie, aber auch das trug nicht zur Besserung von Rokkos Befindlichkeit bei. „Hey", ergriff sie erneut das Wort. „Was halten Sie davon, wenn Sie mir ein wenig von sich erzählen?", schlug sie vor. „Ich weiß nicht", stottere Rokko. „Aber ich", entschied Lisa. Einen Arm hatte sie bereits um Rokko gelegt, doch jetzt kuschelte sie sich eng an ihn. „Wenn es Ihnen hilft, ich habe auch Angst – nicht vor der Enge des Raumes, sondern davor, dass wir mit diesem Haus auf der bösen Hexe des Westens oder Ostens… na Sie wissen schon, irgendwo beim Zauberer von Oz landen." Rokko lachte kurz auf. „Wir haben keinen Toto", wies er Lisa auf ein Manko in ihrem Vergleich hin. „Das macht nichts – die Vogelscheuche war ja auch nicht im Haus und diesmal ist sie es." – „Tz, dabei hätte ich gedacht, das wäre der Beginn einer wundervollen Freundschaft." – „Ich rede doch nicht von Ihnen, sondern von mir", erklärte Lisa. „Dann sind Sie aber die hübscheste Vogelscheuche, die ich je gesehen habe", erwiderte Rokko ernst.
„Und was ist mit Ihrer Familie?", drängte Lisa Rokko weiterzuerzählen. „Über die möchte ich eigentlich nicht reden", wollte er das Gespräch abwiegeln. „Ich weiß jetzt fast alles über Sie, wenn Sie mir nicht von Ihrer Familie erzählen, dann geht uns der Gesprächsstoff aus", schmunzelte Lisa. „Gut, dann unterhalten wir uns eben über Sie", grinste Rokko zurück. „Nur, wenn Sie mir vorher von Ihrer Familie erzählen." – „Okay, okay. Kennen Sie die Fernsehserie ‚Dharma und Greg'?" – „Nee", gestand Lisa. „Nun, meine Eltern sind wie Dharmas Eltern, nur ohne den komischen Anteil. Die Beiden sind recht locker, was ihre Beziehung betrifft. Es kam ziemlich häufig vor, dass ich mit meiner Mutter und ihrem Geliebten gefrühstückt habe oder mit meinem Vater und seiner Geliebten oder mit allen vieren." – „Oh, würden Sie das auch so praktizieren?", wollte Lisa wissen. „Definitiv nein", erwiderte Rokko. „Ich bin großer Fan der Monogamie und ich glaube noch an die Ehe – das ist der Einfluss meiner Oma. Ich habe sie wirklich sehr geliebt", seufzte Rokko. „Sie ist gestorben, da war ich 12", erklärte er Lisa. „Außerdem werde ich nie etwas rauchen, das eigentlich in den Auffangkorb des Rasenmähers gehört", scherzte er dann. „Sie müssen jetzt nicht so cool tun, es ist okay, wenn Ihnen Ihre Oma auch nach all den Jahren fehlt." – „Naja, sie war die einzige, die so etwas wie… naja, ein Elternteil für mich war. Andere Kinder und Jugendliche wären froh gewesen, ohne Autorität aufzuwachsen, aber ich habe mich immer danach gesehnt – und die richtige Dosis bei meiner Oma bekommen, zumindest einige Jahre..."
„Es hat aufgehört", stellte Rokko einige Zeit später erleichtert fest. In der Tat war es ganz still geworden. „Kennen Sie die Stelle in den schlechten Katastrophenfilmen, an der der Held das auch sagt und die gut aussehende weibliche Hauptrolle dann antwortet: ‚Nein, wir sind nur im Auge des Tornados'", imitierte Lisa theatralisch ein mögliches Filmszenario. „Jep, kenne ich. Das heißt, es geht gleich weiter?", schlussfolgerte Rokko. „Ich schätze schon." – „Frau Plenske? Sie können mich dann übrigens loslassen. Ich habe mich soweit beruhigt", schmunzelte er. „Oh… okay", errötete Lisa, was Rokko in der Dunkelheit des kleinen Raumes aber nicht sehen konnte.
