Adventskalender 2007
Kapitel 9 – Familiensonntag
Als Katie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie ein Lächeln auf den Lippen. Sie hatte wieder von Damien geträumt, doch diesmal war es nicht jener verhängnisvolle Tag, der sie für immer getrennt hatte, sondern der Tag, an dem sie ihm erzählt hat, dass sie schwanger sei. Damien hatte sie laut jubelnd im Kreis herum gewirbelt und ihr schließlich einen langen und sehr liebevollen Kuß gegeben. Eine Weile hatten sie sich danach tief in die Augen gesehen, bis Damien ein spitzbübisches Grinsen um die Mundwinkel huschte.
„OK, eine Position für mein Privatteam ist schon besetzt. Fehlen nur noch sechs. Das sollte doch zu schaffen sein. Oder was meinst du, Schatz?"
Katie hatte daraufhin nur gespielt frustriert aufgeseufzt und die Augen geschlossen.
„Ich habe nicht vor, ein Haus voller Quidditchnarren zu versorgen, Damien Callahan."
„Du wirst es nicht verhindern können. Wir geben beide eine Menge Quidditchgene weiter und alleine die Tatsache, dass ihr Vater Profispieler ist, wird unsere Kinder schon den Schubs in Richtung Quidditch geben."
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Vielleicht werden aus unseren Kindern auch ganz normale Ministeriumsangestellte, Hogwartsprofessoren oder sonst irgendwas ruhiges und sicheres."
„Wie langweilig."
„Langweilig vielleicht, Damien. Aber definitiv sicher.", murmelte Katie an diesem Sonntagmorgen leise vor sich hin, sah aus dem Fenster und zog die Bettdecke bei dem Anblick, der sich ihr bot gleich noch ein Stückchen höher. „Aber so wie es aussieht hast du wohl doch recht gehabt. In Jenny stecken leider viel zu viele Quidditchgene."
„MUM!!!"
Grummelnd zog Katie die Füße näher zum Bauch und machte sich unter ihrer dicken Decke so klein wie möglich. Es war einfach noch viel zu früh, um Mutter zu sein. Im Moment wollte sie einfach nur Katie sein – und ein wenig davon träumen, wie es gewesen wäre, wäre sie jetzt noch Ehefrau statt Witwe.
„MUUUUUM!!!" Mit Wucht flog Katies Schlafzimmertür auf und krachte mit einem lauten Knall an die Wand. Unter der Decke biss Katie entnervt in eine Ecke der Bettdecke, während über der Decke Jenny zog und zerrte. „Komm endlich da raus, Mum. Es ist schon halb 12 und wir wollen doch heute bei Oma und Opa essen."
„Was?" Erschrocken steckte Katie den Kopf unter der Bettdecke hervor und sah Jenny mit zerzaustem Kopf an. „Wie spät ist es?"
Jenny saß auf den Knien auf ihrem Bett und grinste sie verschmitzt an. 'Damiens Lächeln', dachte Katie und versuchte vergeblich, die Sehnsucht nach Damien in sich zu unterdrücken. „Gleich halb 12."
„Oh Mist. Wir sollten doch spätestens um 12 Uhr da sein.", entfuhr es Katie, warf die Bettdecke zur Seite und sprang mit einem Satz aus dem Bett. „Wieso hast du mich denn nicht früher geweckt?"
Leise Muffelgeräusche und heftiges Bettdeckengeraschel ertönte hinter Katie, als Jenny sich aus der Bettdecke ihrer Mutter zu befreien versuchte. Als sie es schließlich wieder ans Tageslicht geschafft hatte, sah sie leicht finster zu ihrer Mutter rüber, die sie mit vor dem Mund gepresster Hand ansah.
„Das war gemein.", knurrte sie und schlug mit der Faust in die Bettdecke.
„Entschuldige, Schatz.", erwiderte Katie mühsam beherrscht, doch lange schaffte sie es nicht, sich zusammen zu reißen. Laut lachend stand sie schließlich vor dem Bett und sah auf ihre recht zerzaust aussehende Tochter hinunter. Dieses Lachen brach erst ab, als ihr ein Kissen entgegen flog und rückwärts stolpern ließ.
„He, nicht frech werden, kleines Fräulein.", warnte Katie Jenny grinsend. „Sonst werfe ich zurück."
„Kannst du doch gar nicht.", gab Jenny breit grinsend zurück und streckte dabei übermütig die Zunge heraus. „Du triffst mich nie."
„Da wäre ich mir nicht so sicher.", murmelte Katie leise und dachte flüchtig an lange, harte Wurfübungen mit Oliver. Bei Wind und Wetter. Bei jeder Jahreszeit. Wenn es eins gab, das sie im Schlaf beherrschte, dann war es werfen und treffen. Unter allen Bedingungen. Diese Erfahrung machte heute auch Jenny, doch Katie mußte trotzdem neidlos anerkennen, das auch Jenny nicht schlecht darin war, ihre Chancen zu nutzen.
Eine Stunde später kamen sie zwar völlig aus der Puste, aber mit rosigen Wangen, strahlenden Augen und kichernd wie eine ganze Horde Schulmädchen bei Katies Eltern an. Nach ein paar Bewegungen mit ihrem Zauberstab hatte Katie sich und Jenny ausgehfertig gezaubert und war mit ihr zu einem versteckten Platz in der Nähe von ihrem Elternhaus appariert. Von dort aus hatten sie ein Wettrennen bis zur Haustür gemacht, bei dem derjenige der Sieger war, der als erstes auf die Klingel drückte. Jenny hatte diesen Wettlauf gewonnen, aber nur, weil Katie auf dem rutschigen Schnee, den das nasskalte Tauwetter mit sich brachte, ausgerutscht war und sich wild mit den Armen rudernd in eine Pfütze gesetzt hatte.
„Sag mal, was hast du es denn so eilig, Kleine?", hörte Jenny eine Stimme hinter sich, die sie vor lauter Lachen fast überhörte. „Wo brennt's denn, dass du Sturm klingelst?"
Heftig lachend und breit grinsend drehte Jenny sich um und sah ihren Onkel Jack in der Tür stehen.
„Hallo Onkel Jack. Ich habe ...", fing Jenny an, doch da hatte sie schon der nächste Lachanfall übermannt. Jack sah sie leicht verwirrt an und sah dann die Einfahrt hoch, da er seine Schwester vermisste. Als er sie schließlich tropfnass die Einfahrt hochlaufen sah, verstand er die Erheiterung seiner Nichte auf einen Schlag und stimmte dröhnend in ihr Lachen mit ein.
„Ja, lacht ihr nur.", knurrte Katie und verdrehte die Augen. „Ich sehe aus, wie ein zerrupfter Knuddelmuff und ihr habt nichts besseres zu tun, als zu lachen."
„Sorry, Kitty-Darling.", lachte Jack und nahm sie schmunzelnd in die Arme. „Aber mal ganz ehrlich, du würdest auch lachen, wenn ich an deiner Stelle wäre."
„Ja, wahrscheinlich." seufzte Katie theatralisch auf, zwinkerte Jenny zu, die inzwischen an ihrem Onkel und ihrer Mutter vorbei ins Haus geschlüpft war, schob Jack eine handvoll Schnee in den Kragen und duckte sich blitzschnell unter seinem Arm weg, um sich in Sicherheit zu bringen.
„ARGH!!! Du verdammtes Biest.", brüllte Jack erschrocken auf und hüpfte und sprang wie verrückt im Flur herum, wobei er heftig an seinem Pullover und T-shirt zog und zerrte, damit der Schnee möglichst schnell unten heraus rutschte. „Wenn ich dich in die Finger kriege ..."
Katie grinste nur und zwinkerte Jenny spitzbübisch zu.
„Glück gehabt. Eigentlich war das für dich bestimmt.", flüsterte sie ihr zu. „Ich hoffe du hilfst mir, wenn er versucht, sich zu rächen."
„Mache ich.", kicherte Jenny. „Versprochen."
Im Wohnzimmer trafen sie auf Katies Eltern und auf ihre ältere Schwester samt Mann. Ihre Eltern begrüßten ihre jüngste Tochter und ihr bisher einziges, und deshalb heißgeliebtes, Enkelkind herzlich. Ihre Schwester warf ihr nur einen geringschätzigen Blick zu, während ihr Schwager nichtmal das für nötig hielt.
„Hallo Spaßbremse", sprach Katie Emma schließlich an und sah ihr direkt in die Augen. „Hast du immer noch nicht beim lieben Gott angerufen, dass er dir deine fehlende Portion Humor vorbeischickt?"
Jenny kicherte leise vor sich hin, als sie das hörte und drückte sich ein wenig enger an ihren Opa, um es zu verbergen. Emma und Richard hatten es trotzdem gehört und verzogen das Gesicht noch ein wenig mehr.
„Nicht nur, dass ihr zwei zu spät kommt, nein, ihr macht auch noch einen Heidenaufstand, wenn ihr endlich da seid und reißt völlig geistlose Sprüche.", kam es angesäuert von Emma. „Du solltest dich besser endlich mal darum kümmern, dass deine Tochter Manieren lernt. Dann wüßte sie nämlich, dass es nichts zu kichern gibt."
„Entschuldige, Euer Hochwohlgeboren." erwiderte Katie spöttisch. „Ich weiß sehr wohl wie ich meine Tochter zu erziehen habe. Vielen Dank auch. Und ich kann auch nichts dafür, dass ich den Humor bekommen habe, den du verweigert hast. Hallo Dad. Tut mir leid, das wir etwas zu spät sind."
„Halb so wild, meine Kleine." brummte Katies Vater gutmütig und nahm seine Jüngste in die Arme. „Aber du bist nicht die einzige, die ihren fehlenden Humor abbekommen hat. Jack hat auch eine gehörige Portion davon erwischt.", flüsterte er ihr leise zu, sodass Katie sich ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte.
Katie und Jack waren schon als Kinder unzertrennlich und das komplette Gegenteil von Emma gewesen. Emma war immer die kontrollierte, ältere Schwester gewesen. Eine Hufflepuff wie sie im Buche steht. Immer treu, hilfbereit, aber andererseits immer lieber im Hintergrund stehend, wenn es mal etwas wilder zuging. Sie war die ruhige große Schwester, die immer lieber in Büchern las und vor sich hinträumte, statt sich mal gehen zu lassen und ordentlich feierte. Ihre giftige Zunge versteckte sie vor der Welt und ließ sie nur ihr eigenes Leben leben, wenn sie in Katies oder Jacks Nähe war, die auch meistens der Grund waren, warum eben diese Zunge ein Eigenleben besaß.
Katie und Jack waren deshalb beide mehr als überrascht, als Emma nach Hufflepuff sortiert wurde. Beide haben sie, wegen ihrer spitzen Zunge, eher in Slytherin gesehen und diese Einstellung bestätigte sich nur noch, als sie schließlich selber nach Hogwarts kamen und die Slytherins mit eigenen Augen sahen. Sie waren beide davon überzeugt, dass Emma eine Undercover-Slytherin im Feindgebiet war und hatten sich in ihren eigenen Häusern eingehend nach weiteren Undercover-Slytherins umgesehen. Aber das einzige, was Katie fand, war ein Undercover-Ravenclaw in Gestalt von Percy Weasley, der ein Jahr nach ihrer eigenen Einschulung eine Komplizin in Gestalt von Hermine Granger bekommen hatte.
Katie und Jack dagegen waren ein Bündel an Energie gewesen. Sie konnten nie stillsitzen, hatten sichtlich Mühe, sich auf so banale Dinge wie Hausaufgaben und Unterricht zu konzentrieren. Sie hatten nur durch ihr Talent, alles in sich aufzusaugen, wie ein nasser Schwamm, was ihnen im Unterricht erzählt wurde, die Schulzeit mit relativ guten Noten abgeschlossen. Die meiste Zeit haben sie im Freien verbracht, hatten mit Freunden Unfug getrieben und hatten insgesamt mehr Einträge in ihrem Strafarbeiten- und Nachsitzregister, als sämtliche Bells dieses Jahrhunderts zusammen. Ihre ganz große Liebe aber galt dem Quidditch, wo sie beide regelrecht süchtig nach waren. Und gerade die Tatsache, dass sie sich in verschiedenen Teams als Jäger immer wieder gegenüber standen und sich das Leben schwer machten, machte dieses Hobby so interessant für sie. Mehr als einmal teilten sie sich benachbarte Betten im Krankenflügel und mußten sich Belehrungen über den Wahnsinn und die Gefährlichkeit ihres Hobbys von Emma anhören, die sie in den Wahnsinn trieben.
Als Katie und Damien geheiratet hatten, war Jack außer sich vor Begeisterung gewesen, dass sein Schwager Profispieler war. Emma war dagegen entsetzt und hatte den ganzen Tag über beleidigt geschmollt und dem ganzen ein schlimmes Ende prophezeit. Als es schließlich zu Damiens verhängnisvollen Absturz kam, war Jack der einzige, den Katie von der Familie an sich ranließ. Das Verhältnis zu Emma war jahrelang überhaupt nicht vorhanden und hatte sich bisher nur langsam wieder auf „lauwarm" erwärmt. Die meiste Zeit über gingen sie sich aus dem Weg, und wenn sie sich trafen, dann nur im Elternhaus.
Vor diesem Hintergrund ging das Gespräch beim Mittagessen auch relativ stockend und reserviert vonstatten.
„Du siehst ein wenig gestresst aus, meine Kleine.", meinte Katies Mutter, als sie nach der Soße griff, die vor Katie stand.
„Das liegt an der Arbeit.", erwiderte Katie. „In der Vorweihnachtszeit geht es bei uns immer recht chaotisch zu. Und wenn dann noch Sonderveranstaltungen dazu kommen, ist bei uns im Laden die Hölle los."
„Sonderveranstaltungen?", hakte ihre Mutter nach. „Was denn für Sonderveranstaltungen?"
„Öhm ... naja ... eine Vorstellung.", stotterte Katie und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. „Eine Buchvorstellung mit Autogrammstunde."
„Ehrlich?", mischte sich Emma ein und sah Katie neugierig an. „Was denn für ein Buch? Und von wem?"
„Nichts, was dich interessieren dürfte.", gab Katie kühl zurück.
„Ach ja? Woher willst du wissen, was mich interessiert?", erwiderte Emma und sah sie mit spöttisch hochgezogener Augenbraue an. „Du interessierst dich ja absolut nicht für mein Leben."
„Nun, ich habe nicht wirklich Zeit dafür, mich für dein wohlgeordnetes Leben zu interessieren, Emma.", zischte Katie und sah ihre Schwester über dem Schweinebraten hinweg finster an. „Falls du es vergessen haben solltest, ich bin eine alleinerziehende Mutter mit einem Vollzeitjob und habe nicht wirklich viel Freizeit."
„Nun, da bist du ja selber dran Schuld. Aber du wolltest ja unbedingt einen Qu ..."
„EMMA!", unterbrach Jack seine ältere Schwester mit einem so drohendem Ton, dass Jenny erschrocken die Gabel aus der Hand fiel. Dadurch spritzte die Kartoffel-Soßen-Pampe quer über den Tisch und auf Richards schneeweißes Hemd, was ihr einen giftigen Blick ihres Onkels einbrachte. Allerdings ignorierte sie diesen völlig, da sie noch immer viel zu verdutzt über die drohende Art ihres sonst immer so lustigen Onkel Jack war.
„Es reicht, Emma.", meinte er drohend zu ihr und warf Katie einen schnellen Seitenblick zu, die urplötzlich blass geworden war. „Dieses Thema wirst du nicht ansprechen. Haben wir uns verstanden?"
„Kinder, Kinder. Nun beruhigt euch doch.", mischte sich jetzt Katies Vater schlichtend ein. „Laßt uns doch über was anderes sprechen. Wie war es in Neuseel ..."
„Du solltest dich bei Katie entschuldigen.", ignorierte Jack seinen Vater in dem Bemühen, das Thema zu wechseln und etwas über Jacks Zeit in Neuseeland zu erfahren, wo dieser zur Zeit als Journalist arbeitete.
„Wofür?", gab Emma pikiert zurück. „Dafür, dass ich die Wahrheit sage? Ich habe ihr gleich gesagt, dass dieser Kerl der völlig Falsche für sie ist."
„Emma, es reicht.", meinte nun auch Katies Mutter mit einem leichten Seitenblick auf Jenny, die irritiert von einem zum anderen sah. „Das Thema wollen wir hier heute nicht durchsprechen. Entschuldige dich bei Katie und dann laß uns das Thema wechseln."
„Das braucht sie nicht.", meinte Katie mühsam beherrscht. „Ich lege keinen Wert drauf. Und wenn du es genau wissen willst, Emma, es ist die Vorstellung eines Buchs über die Vereinsgeschichte von Puddlemere United. Und wenn es dich wirklich so interessiert, kannst du ja morgen gerne vorbei kommen und dir von jedem Spieler ein Autogramm abholen. Sie werden nämlich alle da sein."
Einen Augenblick war es still im Raum. Alle starrten Katie besorgt und mit offenem Mund an. Richard war der erste, der die Sprache wiederfand.
„Na, wenn das so ist, kann man ja nur hoffen, dass du soviel Verstand hast, Jenny nicht in dieses Chaos zu lassen.", meinte er und faltete seine Serviette sorgfältig zusammen. „So eine Menschenmenge ist viel zu gefährlich für ein so kleines Mädchen."
„Ich denke, ich weiß selber am besten, wie ich meine Tochter erziehe, und was ich ihr zutrauen kann, Richard.", zischte Katie ihren ungeliebten Schwager an. „Wenn du irgendwann mal selber Kinder haben solltest – falls du überhaupt weißt, wie du das anstellen sollst – kannst du sie gerne nach deinen Maßstäben erziehen."
Jack schlug blitzartig die Hand vor den Mund, als er Katies Seitenhieb auf Richards vorhandene oder nicht vorhandene ehelichen Aktivitäten hörte, doch er konnte ein abgewürgtes Grunzen nicht verhindern. Und auch Katies Vater fand plötzlich das Vogelhaus vor der Terrassentür unglaublich interessant. Richard dagegen fielen fast die Augen aus dem Kopf.
„Soll das etwa heißen, dass du sie ...", er wies mit dem ausgestreckten Arm auf Jenny, die sich kaum traute, sich zu rühren. „... allen ernstes morgen da hin gehen läßt? In dieses Chaos und Gewühl? Zu diesen Irren, die nichts produktives machen, sich auf den Besen die Hälse brechen und dafür Unsummen in den Rachen geworfen bekommen? Das kann nicht dein Ernst sein."
„Doch, Richard.", schleuderte Katie ihm entgegen, die inzwischen kaum noch realisierte, was sie sagte. „Genau das ist mein Ernst. Und es geht dich absolut nichts an, was ich meiner Tochter erlaube und was nicht. Also halte dich bitte zukünftig mit deinen Bemerkungen zurück. Kapiert?"
Jetzt war es Jenny, die ein unkontrollierte Aufjauchzen mit der Hand vor dem Mund erstickte und mit großen Augen zu ihrer Mutter aufsah. Sie wagte es kaum, sich zu rühren und sie war sie nicht wirklich sicher, ob sie gerade richtig gehört hatte. Hatte ihre Mutter wirklich gesagt, dass sie morgen zum Autogrammtag durfte? Leise Hoffnung keimte in ihren Augen auf.
„Einmal die Finger verbrannt und immer noch nichts gelernt.", seufzte Emma kopfschüttelnd. „Vielleicht mußt du dir ja erst zweimal die Finger verbrennen, bevor du was lernst."
„EMMA!!!", kam es dreistimmig von Katies Eltern und Jack, die daraufhin besorgt zu Katie rübersahen.
Diese saß inzwischen nicht nur leichenblass, sondern auch heftig zitternd auf ihrem Stuhl, denn sie hatte gerade realisiert, was sie gesagt hatte. Und was Emma mit ihrer Bemerkung andeuten wollte. Sie spürte Jennys Blick wie Dolche in sich bohren und ihr wurde auf einen Schlag speiübel. Blitzschnell schlug sie die Hand vor den Mund, schob den Stuhl zurück, der laut polternd umkippte, und stürzte zur Toilette.
Jenny sah aus dem Augenwinkel, wie ihre Oma den Stuhl zurückschob und aufstehen wollte, doch ihr Onkel Jack hinderte sich daran.
„Laß mich das machen, Mum.", bat er und warf Emma und Richard einen vernichtenden Blick zu. „Das habt ihr prima hinbekommen. Gratuliere."
Würgend und keuchend hing Katie über der Toilettenschüssel. Ihr war immer noch speiübel, sie zitterte am ganzen Körper und kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Mit einer Hand hielt sie sich krampfhaft an der Toilettenschüssel fest, während sie mit der anderen irgendwie versuchte, die halblangen Haarsträhnen aus dem Gesicht zu halten. Hinter sich hörte sie die Tür aufgehen und an den Schritten erkannte sie Jack. Sie hörte, wie er den kleinen Eckschrank öffnete. Dann rauschte Wasser ins Waschbecken.
„Hier bitte", meinte er leise und hielt ihr einen nassen Waschlappen hin, den sie ihm dankbar abnahm und sich den Mund abwischte. Danach drückte er ihr einen Zahnputzbecher voll Wasser in die Hand und sie trank einen Schluck, gurgelte und spuckte das Wasser in hohem Bogen in die Toilette. Das wiederholte sie mehrmals, bis sie den ekeligen Geschmack wieder los war.
„Danke", murmelte sie so leise, dass Jack sie fast nicht hören konnte.
„Komm", meinte er und zog seine Schwester vorsichtig auf die Beine. Sie schwankte leise und klammerte sich regelrecht an ihn. Es dauerte einen Moment, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. „Geht's wieder?"
Katie nickte schwach. „Einigermaßen"
„Weißt du was? Wir gehen jetzt frische Luft schnappen. Dann geht es dir gleich wieder besser. Es hat inzwischen wieder angefangen zu schneien. Also ist es auch nicht mehr ganz so ekelig da draußen.", schlug Jack vor und Katie nickte nur stumm.
Zwanzig Minuten später hatten sie die Runde um den Dorfteich fast beendet und Katie hatte wieder etwas Farbe bekommen. Tief durchatmend bleib sie stehen und schloß kurz die Augen.
„Was habe ich darin gerade bloß getan, Jack?", fragte sie ihn schließlich immer noch mit geschlossenen Augen.
„Etwas, was du nicht getan hättest, wenn du in dem Moment rational gedacht hättest.", antwortete Jack ehrlich. „Der Seitenhieb zu Richard war brillant, aber ich glaube kaum, dass die Erlaubnis für Jenny zum Autogrammtag geplant war, stimmt's?"
„Nein" Katie schüttelte den Kopf und öffnete die Augen.
„Dachte ich mir.", murmelte Jack leise und zog Katie eine brüderliche Umarmung. „Jenny war viel zu geschockt über deine Worte. Und ihr Blick war viel zu hoffnungsvoll."
„Bei uns hängt deswegen seit ein paar Tagen der Haussegen gewaltig schief.", murmelte Katie dumpf in Jacks Jacke. „Jenny quengelt rum, dass sie da hin will, aber ich ... ich weiß nicht, Jack ... Emma hat ja irgendwie recht. Ich will mich nicht nochmal verbrennen."
Jack atmete tief durch. Er hatte das Kinn auf Katies Kopf gestützt und starrte blicklos ins Leere.
„Weißt du, Kitty, ich glaube, in dem Punkt hast du nicht so ganz recht. Ich weiß, dass du nicht willst, dass sie spielt und das ist auch dein gutes Recht, nach allem, was passiert ist. Aber mal ganz ehrlich, hier geht es nicht ums spielen, sondern nur um ein paar Autogramme. Es sind harmlose Fotos mit ein paar harmlosen unleserlichen Hieroglyphen drauf. Die tun keinem weh." Langsam schob er Katie ein wenig vor sich weg, um ihr in die Augen zu sehen. „Geh ein paar Kompromisse ein. Komm Jenny ein wenig entgegen, wenn du nicht willst, dass sie irgendwann aus Trotz ihr Glück herausfordert. Du wirst sie nicht immer kontrollieren können. Spätestens in Hogwarts wird sie ihren Dickkopf durchsetzen, wenn du weiterhin so blockst."
„Du willst, dass ich ihr erlaube sich für ihr Hausteam zu bewerben?", fragte Katie entsetzt und stolperte einen Schritt zurück. „Bist du wahnsinnig?"
„Nein, Kitty.", widersprach Jack und zog sie wieder näher an sich. „Das habe ich nicht gesagt. Ich will nur, dass du ihr ein wenig entgegen kommst. Mach ihr klar, dass du nicht willst, dass sie Quidditch spielt, weil du es definitiv für zu gefährlich hältst. Aber erlaube ihr andererseits, sich dafür als Fan zu interessieren. Autogrammkarten, Poster und Fanartikel tun nicht weh, Kitty."
„Besen und Klatscher aber.", murmelte Katie leise und blinzelte gegen die aufsteigenden Tränen an. „Und sie bringen Leute um."
„Dann halte sie von Besen und Klatschern fern, aber erlaube ihr den Rest.", erwiderte Jack leise. „Mach es euch beiden ein wenig leichter und gehe endlich einen Kompromiss ein. Ganz kannst du sie nie davon fernhalten. Dazu hat sie viel zu sehr von dir und Damien. Ihr beide habt ihr hauptsächlich Quidditchgene vererbt."
Katie lächelte durch ihre Tränen hindurch. Genau das hatte sie Damien gestern erst geschrieben.
„OK, vielleicht hast du recht.", gab sie schließlich leise zu.
„Gut", meinte Jack und lächelte ihr zuversichtlich zu. „Dann laß uns wieder nach Hause gehen und deiner Tochter die gute Nachricht überbringen."
„Du wirst ihr absoluter Lieblingsonkel sein, wenn sie erfährt, dass du mich davon überzeugt hast, sie wirklich gehen zu lassen.", lächelte Katie zurück.
„Na, ich habe ja auch nicht wirklich Konkurrenz.", grinste Jack auf Katie hinunter.
A/N: Ich wünsche euch allen einen schönen zweiten Advent. Genießt die Kekse und esst einen für mich mit. Ich kann sie nämlich heute nicht so recht genießen. Mein rechter oberer Backenzahn bringt mich um.
Falls ihr einen Knuddler an Jack oder einen Tritt in den Hintern für Emma und Richard hinterlassen wollt, sagt das dem blauen Knopf da unten. Ich werde es dann entsprechend weiterleiten.
Bis morgen, ihr Lieben. Danke für eure vielen Reviews und bleibt mir weiterhin treu.
