Kapitel 10

Sie kraulte Rufus abwesend am Hinterkopf, während sie mit stillem Horror las, dass ihre Füße voraussichtlich auf das Doppelte anschwellen würden. Ihr würden keine Schuhe mehr passen, durchfuhr es sie mit klopfendem Herzen. So viele Dinge sollte sie essen, so viele auch wieder nicht. Es war so unüberschaubar!

Das Feuer im Kamin knisterte gemütlich, und wieder vermisste sie ein Glas Rotwein. Oder gleich eine ganze Flasche. Sie wusste, ein Glas Rotwein schadete ihr nicht. Ginny hatte ab und an auch Rotwein getrunken, als sie schwanger gewesen war, aber Hermine traute sich nicht. Sie wollte es nicht riskieren. Sie wollte gar nichts mehr riskieren.

Sie war nun sechs Wochen schwanger. Das war nicht besonders lange. Aber es war ein Fünftel der Gesamtzeit. Sie legte das gruselige Buch beiseite und legte die Hand auf ihren Bauch, während sie zusah, wie sich die Bäume im Wind bewegten.

Ob es ein Mädchen werden würde? Oder vielleicht ein Junge mit weizenblonden Haaren? Sie schluckte schwer. Sie hatte sich noch nicht getraut, das Geschlecht herauszufinden. Eigentlich wollte sie altmodisch sein und warten. Warten, bis das Baby kam, bis sie wusste, was es war. Sie musste lächeln, während sie überlegte, was Ginny dazu sagen würde. Sie würde ihr bestimmt vorwerfen, dass alles wesentlich einfacher zu planen sei, wüsste man das Geschlecht. Man könnte die Geschenke für die Babyparty besser aussuchen, die Tapeten für das Kinderzimmer, aber eigentlich wären das nur Ausreden, weil Ginny so schrecklich neugierig war.

Und Hermine musste schlucken. Denn niemand gab ihr mütterliche Ratschläge. Niemand wusste davon. Sie hatte seit sechs Wochen ein Geheimnis. Und bevor Ginny Potter ihr Ratschläge geben würde, wäre sie erst mal mächtig sauer. So viel wusste Hermine.

Rufus brummte zufrieden unter den Streicheleinheiten, die er bekam. In einem Buch stand, dass man alle Tiere loswerden sollte. Das hatte sie Rufus gar nicht erst erzählt. Sie hatte stattdessen dieses Buch sofort wieder zurückgebracht. Sie schloss gedankenverloren die Augen.

Sie würde es Ginny sagen. Sie wusste, sie musste es irgendwem sagen. Vor allem, da sie ja schon wusste, dass sie es nicht aufgeben würde. Das wusste sie schon seit sie es herausgefunden hatte. Sie hatte keine Sekunde auch nur einen Zweifel gehegt.

Aber sie wusste auch, warum sie es Ginny nicht schon längst gesagt hatte. Ginny wusste zwar nicht alles besser, aber sie wusste auch so, was Ginny zu ihr sagen würde. Ginny würde keinen Atemzug verstreichen lassen, ehe sie Hermine fragen würde, ob er es wüsste.

Der Vater.

Draco.

Seinen Namen zu denken, war so schmerzhaft, deswegen tat sie es nicht mehr. Denn sie hatte Angst, das Baby würde in ihrem Innern fühlen, wie weh es tat. Und sie wollte nicht, dass ihr Kind traurig zur Welt kam, weil seine Mutter die ganze Schwangerschaft über weinte. Und sie wollte das Geschlecht nicht wissen, weil sie nicht wissen wollte, ob es ein hübscher blonder Junge werden würde, der sie ihr gesamtes Leben lang an ihn erinnern würde.

An Draco. Weil er seine Augen hatte, oder seine Haare. Sein Lächeln oder… seine Hände. Es war egal, was es war. Deswegen hoffte sie innerlich, dass es ein Mädchen werden würde. Und auf gar keinen Fall sein Ebenbild.

Sie erlaubte nur einer einzigen Träne auf ihre Wange zu fallen. Beständig kraulte sie Rufus weiter. Er war eingedöst.

Er hatte die Räume selten so leer erlebt. Er hatte selten seiner gesamten Belegschaft freigegeben. Und er hatte sich selten so viele Gedanken um Blaise gemacht. Aber er hatte gewusst, würde er Blaise persönlich sagen, dass er kommen sollte, wusste er zumindest dieses Mal mit Sicherheit, dass Blaise nicht erscheinen würde.

Und es vergingen ein paar weitere Minuten, die Draco in Stille in seinem Büro verbrachte, an seinen Schreibtisch gelehnt, mit der Seltenheit von offenen Türen. Blaises Schreibtisch war leer. Das schon seit Wochen. Draco hatte selber wenig Zeit im Büro verbracht, als die Schmerzen so unerträglich geworden waren, dass er kaum mehr eine Zeile lesen konnte, ohne zu zucken, vor Schmerz.

Jetzt war er wieder hier. Die Damen hatten sich um die Pflanzen gekümmert, um die Sauberkeit, und wahrscheinlich auch um sonst alles. Sie hatten Profit eingebüßt in den letzten Wochen, seitdem Blaise nicht mehr da war. Draco wusste das.

Endlich hörte er, wie die vorderen Türen sich öffneten. Langsame Schritte drangen an sein Ohr.

„Hallo?", hörte er Blaises misstrauische Stimme, und seine Schritte näherten sich dem ehemals gemeinsamen Büro. Draco hatte keine Eile. Selbst wenn Blaise sofort wiederkehrt machen würde, hatte er die Eingangstüren mit einem Sperrzauber belegt, den Blaise einiges an Fantasie kosten würde zu lösen.

Blaise hatte die Flügeltüren erreicht und verharrte in der Bewegung.

„Was wird das? Wo sind die Empfangshexen?", fragte er sofort. Kein Hallo. Kein, du siehst umwerfend aus, Draco. Gar nichts.

„Haben frei", erwiderte Draco, ebenfalls ohne jede Begrüßung.

„Aha", entgegnete Blaise, dem das Misstrauen ins Gesicht geschrieben stand. Aber das war bei Slytherins meistens der Fall. „Mir wurde von den Damen gesagt, es handelt sich um einen Notfall. Das kann ja wohl kaum der Fall sein, wenn keine der Damen überhaupt anwesend ist", fuhr Blaise gereizt fort.

„Amüsant, dass du sie die Damen nennst", bemerkte Draco jetzt ruhig. Kurz schwieg Blaise unbewegt.

„Ganz klar ist das hier ein Scherz", sagte er schließlich und wandte sich ab. Draco blieb, wo er war. Er hatte genügend Zeit. Blaise hatte die Türen schnell erreicht, rüttelte laut an ihnen, bis Draco hörte, wie er zornig einige Flüche sprach. Lächelnd stieß er sich vom Schreibtisch ab und schritt betont gleichmütig den langen Flur hinab zu Eingangshalle.

„Was wird das, Draco?", fuhr ihn Blaise zornig an, ohne sich umzudrehen, während Funken von den Türen stoben. „Ist das eine Falle? Bringst du mich jetzt hier um?", ergänzte er und ließ den Zauberstab sinken. Er wandte sich um, die Stirn in zornige Falten gelegt.

„Ich wollte mit dir reden", erklärte Draco ohne Umschweife.

„Es gibt nichts zu reden!", knurrte Blaise haltlos.

„Ich dachte, du wärst nur sauer, weil ich keine Heilungen mehr bekommen würde. Hier, Problem gelöst. Ich bekomme Heilungen", bemerkte er und deutete kurz an sich hinab.

„Witzig, Malfoy", sagte Blaise nur.

„Ok, anscheinend ist es damit nicht gelöst? Was muss ich sonst noch tun, damit du bleibst?", fragte er entnervt.

„Sonst noch tun? Du hast doch genug getan. Ich denke, ich brauche bestimmt noch ein, zwei Minuten, um deinen lächerlichen Sperrzauber zu lösen. Bei allem Respekt, red dir von der Seele, was du loswerden willst. Aber erwarte nicht, dass ich dir zuhöre." Damit wandte sich Blaise von ihm ab, und Draco bemerkte schnell, dass Blaise langsam auf die richtige Spur kam.

Er war in Verteidigung gegen die Dunklen Künste schon damals besser gewesen als er, fiel Draco ärgerlich wieder ein. Dann hatte er doch nicht ganz so viel Zeit, wie er gehofft hatte. Und er hatte schon geahnt, dass Blaise wohl mehr erwartete, als das offensichtliche Resultat seiner Heilung. Aber Draco hatte keine Ahnung von Entschuldigungen. Er hatte sich ja nicht mal damals entschuldigen können, als er Granger praktisch vergewaltigt hatte. Die Sache mit Blaise lag nicht mal ansatzweise so schlimm.

„Ich brauche deine Hilfe", sagte er also und entschied sich gegen eine verdammte Entschuldigung. Es kostete nur unnötig Zeit. Blaise ignorierte ihn, wie er es versprochen hatte. Draco fuhr also fort. „Ich brauche jemanden, der sich um meine Angelegenheiten kümmert, wenn ich… nicht mehr da bin", entschied er sich zu sagen, denn er wusste, Blaise konnte es nicht leiden, wenn er, Draco, das Wort tot zu oft benutzte.

„Frag deine Berater", rang sich Blaise anscheinend genervt ab.

„Ja, das würde ich. Aber es handelt sich nicht um eine… monetäre Angelegenheit", erwiderte Draco, aber wieder sagte Blaise nichts. Und Blaise erkannte den Basisspruch der Formel. Er hatte nur die Zauberstabbewegung noch nicht raus, aber Draco nahm an, Blaise würde nur noch ein paar Sekunden brauchen. „Ich…" Draco wog ab, ob er es sagen sollte. Aber Blaise machte sich nicht einmal die Mühe, rauszufinden, weshalb Draco ihn überhaupt herbestellt hatte. Eigentlich wollte Draco es gar nicht sagen. Dummheit und Stolz…, fiel ihm plötzlich wieder ein. Ja. Er lebte dieses verdammte Sprichwort! „Ich brauche jemanden, der sich um einen Teuhandfond kümmert. Für siebzehn Jahre", fügte er hinzu.

Und Blaise hatte es geschafft. Die Türen schwangen auf.

„Frag Lucius. Oder spricht er gar nicht mehr mit dir?", erwiderte Blaise abschätzend, ohne ihn anzusehen.

„Ich will, dass du es tust!", beharrte Draco gereizt. Merlin, Blaise war anstrengend.

„Fick dich, Malfoy", sagte er tatsächlich und war gegangen. Draco wusste, hätte er es einfach gesagt, dann… nein. Vielleicht wäre Blaise auch dann gegangen. Langsam schritt Draco zurück zum Empfangstresen, der Verlassen in der Halle lag. Er rutschte am glatten Holz hinab, auf den kühlen Marmorboden und vergrub den Kopf in seinen Händen, während er die Knie anwinkelte.

Er hatte ernsthaft nicht geglaubt, dass Blaise gehen würde. Er hatte nicht mal geglaubt, dass der Sperrzauber nötig wäre. Er hatte sich geirrt. Das kam bestimmt auch mal vor, überlegte er grimmig. Er hatte es jemandem sagen wollen. Er wusste nur nicht wie.

Er wusste nicht mal, ob er es wirklich wollte.

Er hatte es noch nicht verarbeitet. Und jeden Tag, wenn er wieder einmal die Elfen oder seine Mutter anschrie, dann wusste er, er schrie die Falschen an. Denn eigentlich müsste er jemand komplett anderen zur Rede stellen. Das war natürlich auch nicht Blaise. Aber er konnte nicht.

Er konnte es nicht. Es war Stolz. Es war… Angst. Es waren so viele Dinge. Er war nicht gut, wenn Dinge ernst wurden. Er war ein Theoretiker. Er war nicht gut oder vorbereitet gewesen, als die Heilung eingetreten war. Nein, in der ersten Minute hatte er Granger haben müssen. Er hatte sie regelrecht vergewaltigt. Er hatte komplett beschissen reagiert.

Als er ohnmächtig geworden war, als er im Mungo aufgewacht ist, als sie gesagt hatte, sie könne es so nicht mehr, da hatte er nicht die Ruhe bewahrt! Nein, er hatte überlegt, lieber Sex mit einer Hure zu haben, ehe er es aufgab und bei ihr blieb.

Sie hatte gesagt, dass sie ihn lieben würde. Was hatte er getan? Er hatte sie gegen ein Bücherregal genommen. Er atmete unglücklich aus.

Und jetzt? Jetzt sagte ihm ausgerechnet Dean Thomas, dass sie schwanger war! Seit zwei Wochen wusste er es. Seit zwei Wochen hatte er nichts anderes getan, als zu überlegen, wie er das Geld verwalten könnte, anstatt auch nur einmal daran zu denken, zu ihr zu gehen.

Wenn Dinge ernst wurden, dann verkackte er. Das war eben so.

Er wusste nicht, was er machen sollte, würde er zu ihr gehen. Er wusste, was er ganz bestimmt machen würde. Er würde schreien. Sie würde schreien. Er würde sie zum Weinen bringen, sie würde ihn rauswerfen. Nein, vielleicht zwang er sie vorher noch mal, mit ihm zu schlafen. Einfach nur so.

Und dann war da noch die Sache, dass sie ihm nicht egal war. Nicht so egal, wie er es sich vormachte. Und er hatte Angst. Er hatte Angst, dass er nicht mehr neun Monate leben würde. Und er hatte Angst, dass er doch noch solange leben würde. Solange, um vielleicht in der Zeitung oder sonst wo von der Geburt eines mysteriösen Kindes von Hermine Granger lesen würde. Er starb schon vor Angst, würde er tatsächlich solange leben, das Kind noch zu sehen. Egal, wo.

Und neun Monate… das war eine Zeitspanne, in der er schon lange aufgehört hatte zu rechnen. Keiner seiner Termine ging über die nächsten zwei Wochen hinaus, denn er konnte es sich nicht leisten, länger als vierzehn Tage zu planen. Er konnte schon gar nicht hoffen, solange planen zu können. Und das tat er auch nicht.

Er hatte es nie gemusst. Es hatte nie etwas gegeben, weswegen er länger als vierzehn Tage hätte planen müssen. Ein Urlaub dauerte nicht länger, aber er nahm nie Urlaub. Ein Arbeitsprojekt dauerte nicht länger – na ja, im Moment schon, denn Blaise war nicht mehr da.

Nur für Granger hatte er… länger planen wollen. Er hatte nicht wirklich darüber nachdenken wollen, aber er… hatte wohl mehr als vierzehn Tage in Aussicht gehabt.

Denn er wusste nie, wo er in vierzehn Tagen sein würde. Und jetzt… jetzt mit Deans Heilung, da hatte er zumindest die Aussicht auf… mehr Zeit. Vielleicht sogar sehr viel mehr Zeit. Er seufzte auf. Er hatte keine Schmerzen, aber manchmal war es leichter Schmerzen zu haben, als keine, überlegte er bitter.

„Warum siebzehn Jahre?"

Erschrocken hatte er den Kopf gehoben. Blaise stand in den offenen Türen. Hin und her gerissen, wie es schien. „Du planst etwas für siebzehn Jahre? Was ist in siebzehn Jahren?" Anscheinend war auch Blaise wieder eingefallen, dass er Draco gut kannte, nahm dieser an. Und Draco konnte gar nicht sagen, wie dankbar er war, dass Blaise wieder hier war. Er würde es nicht sagen können, aber vielleicht wusste Blaise es auch so.

Und kurz wog er ab. Kurz überlegte er, was er Blaise sagen könnte, was in siebzehn Jahren war. Aber… ihm fiel beim besten Willen keine Ausrede ein, die Blaise nicht wieder über alle Berge schicken würde.

„Sie… erwartet ein Kind." Er sprach die Worte langsam, neutral. Als würde es ihn überhaupt nicht betreffen. Und Blaise starrte ihn an.

„Von…?" Er ließ die Frage offen im Raum, aber Draco wusste, Blaise hatte begriffen. Langsam kam sein ehemaliger Kollege und bester Freund wieder in die Firma geschritten, bis er über ihm stand und sich seufzend neben ihn setzte. Er legte seine Arme über die angewinkelten Knie und atmete noch einmal aus, als wäre er schwer.

„Weiß sie, dass du…?", begann Blaise wieder, aber Draco schüttelte unwirsch den blonden Kopf.

„Nein, sie weiß nicht, dass ich es weiß. Dean hat es mir gesagt. Er heilt mich auch. Es hält länger vor. Aber… so wie die Krankheit fortgeschritten ist, habe ich kein Jahr mehr", schloss er knapp. Wieder sagte er Worte, als würden sie ihn nicht betreffen. Blaise sah ihn an. Draco wusste, Blaise riss sich zusammen.

„Kein Jahr?" Blaise starrte ihn an. „Draco, das ist nicht genug Zeit!"

„Ja, deswegen brauche ich dich, um-"

„-kein Jahr?", unterbrach ihn Blaise schockiert. „Das ist kein Jahr! Das ist…"

„Ich weiß, wie lange es ist, Blaise", knurrte Draco gereizt.

„Du musst mit ihr reden!", entfuhr es Blaise aufgebracht.

„Ja, weißt du, es sieht nicht so aus, als wäre sie an meiner Anwesenheit hierbei interessiert. Aber… ich will, dass das Kind versorgt ist. Ich weiß, sie hat… Gold, aber… wer weiß, wie lange das vorhält. Und sie hat bei weitem nicht so viel Gold wie ich", fügte er achselzuckend hinzu.

„Draco…", sagte Blaise wieder, aber anscheinend nur, um seinen Namen zu sagen. Draco hob ernst den Blick.

„Und ich habe es dir bestimmt nicht gesagt, weil ich heimlich darauf vertraue, dass du nicht an dich halten kannst und zu ihr gehst. Ich brauche dich, als Vertrauensperson. Nicht als jemand, der tratschten geht." Blaise wirkte zutiefst gekränkt.

„Du musst es ihr sagen", wiederholte er ruhiger.

„Und dann was? Wozu? Ich werde die Geburt höchstwahrscheinlich ohnehin nicht miterleben."

Und darauf schien Blaise keine Antwort zu wissen.

„Sag mal…", sie betrachtete den Aushang. „Wieso bist du eigentlich jeden zweiten oder dritten Donnerstag als aushäusig eingetragen?", wollte sie mit gerunzelter Stirn wissen. Für gewöhnlich standen die Namen der Privatbesuche auch am Aushang, selbst wenn es besondere Fälle waren.

Dean betrachtete den Aushang, als wäre es für ihn auch neu. „Du bist heute doch auch mal unterwegs, oder nicht?", wich er ihrer Frage aus, aber sie registrierte es zuerst gar nicht.

„Nein, ich… ich musste diesen Termin verschieben", erwiderte sie und hoffte, er würde nicht fragen, weshalb. Aber das tat er gar nicht. Stattdessen musterte er sie kurz.

„Das heißt, du bist hier? Heute?", erkundigte er sich beiläufig, aber in einem sonderbaren Tonfall, fiel ihr auf.

„Ich… ja?", erwiderte sie also ein wenig verwirrt. In seinen Blick trat etwas anderes. Etwas Gehetztes.

„Hm, tja. Also, ich muss weiter", erklärte er knapp und hatte sich abgewandt. Perplex sah sie ihm nach. War dieses Gespräch schon zu Ende gewesen? Hatte sie das Ende verpasst? Wo ging er donnerstags hin? Hatte er es ihr nicht sagen wollen? Sie glaubte, sich zu erinnern, dass er Hausbesuche sowieso noch nie hatte leiden konnte?

Ihr Bauch rumorte in dieser Sekunde.

„Ich habe nicht mal was gegessen!", murmelte sie anklagend ihrem Bauch zu. Eine Wölbung war noch nicht zu erkennen. Und ihr war unglaublich übel. „Merlin, noch mal", murmelte sie, während sie langsam und unauffällig den Weg zu den privaten Toiletten der Heiler einschlug.

Es war eine echte Qual. Ginny hatte nicht ein einziges Mal Übelkeiten gehabt, und Hermine war neidisch, auch wenn sie es Ginny nicht sagen konnte. Denn sie hatte es noch immer keinem gesagt. Auch nach acht Wochen nicht. Und sie merkte, wie sie einsamer wurde. Wie Geheimnisse immer einen Preis kosteten. Je größer, umso mehr.

Sie öffnete das private Heilerzimmer, aber keiner war hier. Sie schlüpfte hinein und verschloss im angrenzenden Bad die Tür sorgfältig, bevor sie in die Kabine ging, die Tür verschloss, und vorsintflutlich mit dem Zauberstab die Toilette desinfizierte, ehe sie sich seufzend auf den Boden niederließ.

Und sie hatte gelesen, dass man die Morgenübelkeit mit Zaubern unterbinden konnte, aber es hatte große Nebenwirkung, wie Blähungen und Magenkrämpfe. Und diesen Tausch würde sie nicht eingehen. Sie nahm ihre Haare zurück und wartete ergeben.

„Na? Was ist?", fragte sie ihren Bauch, aber die Übelkeit war abgeklungen. „Wirklich witzig", bemerkte sie und erhob sich ächzend wieder. Falscher Alarm, wie es schien. Aber sie wusste, irgendwann heute, würde sie nicht verschont bleiben. Sie kannte das Geschöpf in ihrem Bauch mittlerweile seit zwei Monaten. Und auch, wenn sie nicht wusste, was es werden würde, wusste sie, dass es seine Termine immer einhielt.

Sie verließ das Badezimmer kopfschüttelnd wieder, richtete ihren Kittel, und dann klopfte es an der Tür. Sie schloss den Abstand und öffnete.

„Hey", entfuhr es ihr überrascht.

„Guten Morgen. Ich habe ein bisschen Extrazeit, ehe James aus der Vorschule kommt, und dachte mir, wir gehen runter frühstücken. Und ich habe auf den Aushang geschaut und gesehen, dass du deinen jetzigen Termin nicht wahrnimmst", ergänzte Ginny eilig, ehe Hermine wohl widersprechen konnte. Aber Hermine nickte nur.

„Ok. Ja, ich habe zwei Stunden Zeit", räumte sie ein. Kurz wirkte Ginny ehrlich überrascht.

„Großartig. Wir haben eine Woche nicht mehr gesprochen. Also, was gibt es neues?" Ginny hakte sich betont munter bei ihr unter. Hermine kannte ihre Freundin. Es war eine freundliche Ruhe vor einem unfreundlichen Sturm Ginny witterte, dass Hermine ihr etwas verschwieg. Hermine wusste es.

Sie gingen den Gang entlang und fuhren im leeren Fahrstuhl nach unten, während Ginny von James' neuesten Streichen berichtete. Anscheinend hatte er Harry heute Morgen erfolgreich mit Superkleber von Weasley Zauberhafte Zauberscherze auf dem Stuhl festgeklebt, wo Harry wohl auch noch immer saß, bis George eintreffen würde.

„Ich durfte nicht lachen, weiß du, aber… ich habe mich doch an die Zwillinge erinnert gefühlt. Auch George hatte begeistert ausgesehen, als ich ihn im Kamin gerufen habe", fügte sie leiser hinzu, als würde sie abgehört werden, und jemand könnte es Harry erzählen. „Und ich wollte dir etwas erzählen", ergänzte sie ruhiger. Ginny zwinkerte verschwörerisch. Hermine hoffte bloß, es wäre nicht wieder der Versuch eines Blinddates, was Ginny seit einigen Wochen bei ihr öfters versuchte.

Sie kamen unten an, und sie sah, wie Dean durch die Eingangshalle lief, mit sehr zügigen Schritten.

„Dean!", rief sie ihm nach, und widerwillig schien er inne zu halten. Er wandte sich um.

„Hey, Ginny. Hermine. Ich muss wirklich ganz, ganz dringend-"

„-was macht er denn hier?", entfuhr es Ginny zornig, und Dean wandte sich wieder um. Dann verließ wohl die angespannt angehaltene Luft seine Lungen. Hermines Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie hatte Malfoy seit… acht Wochen nicht mehr gesehen. Ihre Handflächen wurden feucht. Und… er hatte keinen Stock bei sich. Wer heilte ihn?

Aber sie hatte begriffen. Sie machte einen Schritt neben Dean.

„Was soll das?", flüsterte sie. „Heilst du ihn?", fuhr sie ihn zischend an, aber Dean lächelte Malfoy und Blaise begrüßend entgegen. Malfoy erschien nämlich in Begleitung. Blaise ließ seinen Blick über Dean wandern und anschließend über sie. Er neigte seinen Kopf Malfoy zu und sprach etwas in sein Ohr. Malfoy jedoch hatte den Blick auf sie gerichtete, und ihr Herz jagte. Er sah gut aus. So gut, dass es wehtat.

Wieso heilte Dean ihn? Hatte Draco ihn darum gebeten? Oder hatte er nicht? Sein Blick war so, wie sie sich erinnerte. Oh, wieso sah er so gut aus? Sie hatte so lange nicht mehr geweint, und sie würde jetzt nicht wieder anfangen! Sie hoffte es zumindest.

„Granger", sagte er tatsächlich ihren Namen. Er betrachtete sie. Sie allerdings war verstummt, als er so nahe vor ihnen stand.

„Du hast Nerven!", bemerkte Ginny neben ihr bitter in seine Richtung. „Und ich glaube nicht, dass wir hier noch länger stehen wollen. Dean ist ja jetzt dein neuer… Freund", schloss Ginny, ganz die beste Freundin.

„Ja, vielleicht bleiben wir alle doch noch ein bisschen?", wandte Blaise mit Nachdruck ein, während er Draco wieder einen Blick zuschoss.

„Nein, ich denke… wir können gehen", sagte sie zaghaft zu Ginny, und war froh, dass überhaupt ein Ton aus ihrem Mund kam. Ginny zog sie dankbar mit sich.

„Hermine!", rief Dean ihr nach und sie hielt inne, obwohl Ginny sie weiterziehen wollte. Sie wandte den Kopf über die Schulter. Sein Blick schien sie anzuflehen, obwohl sie nicht wusste, um was er sie bat.

„Schon gut", sagte Draco jetzt, ohne sie überhaupt aus dem Blick gelassen zu haben. „Es muss nicht sein", ergänzte er leiser, aber sie hatte ihn verstanden. Was musste nicht sein?!

„Draco, ich bitte dich!", entfuhr es Blaise.

„Willst du dich entschuldigen, Malfoy?", rief Ginny wütend, und Hermine schloss die Augen. Oh nein, bitte nicht! „Denn dafür ist es zu spät!" Hermines Atem ging schneller vor Aufregung.

„Nein, das hatte ich nicht vor", vernahm sie seine kühle Stimme. Ihre Augen öffneten sich. Hatte er nicht? Gut. Sie war dankbar, dass er ein Arschloch war. Ihr Bauch rumorte wieder. Aber diesmal waren es tonnenschwere Flugzeuge, keine Glücksgefühle oder Übelkeit. Nein, es war schiere Nervosität.

Sie ließ sich von Ginny weiterziehen.

Keiner hielt sie auf.

„Wirst du weinen?", wollte Ginny behutsam von ihr wissen, und Hermine spürte einen so großen Kloß in der Kehle, dass sie kaum noch Luft bekam. Sie kamen vor der Kantine an, aber Ginny zog sie sanft beiseite neben eine der hohen grünen Pflanzen.

„Hermine?", vergewisserte sie sich besorgt, aber Hermine legte die Hand über ihren Mund und schloss die Augen.

„Ginny, es… es tut mir so leid!", flüsterte Hermine und ließ die Augen zu.

„Was? Was tut dir leid? Oh Merlin, Hermine, rede mit mir! Ist es so schlimm? Ich-"

„-ich bin…", begann sie, aber die Worte kamen nicht über ihre Lippen. Jetzt war der richtige Moment. Hermine spürte es genau. Jetzt hatte sie ein Zeitfenster gefunden. Das war ihre Möglichkeit. Und es verstrichen ein paar Sekunden, aber die Worte kamen nicht. Sie kamen einfach nicht!

„Du bist immer noch in ihn verliebt, richtig?", vermutete Ginny jetzt schließlich, und die Luft entwich Hermines Lungen. Der Moment war vorbei. Bevor alles schlimmer wurde nickte sie einfach einmal. „Oh, meine Süße! Es tut mir so leid! Er ist so ein Arsch! Vergiss ihn einfach, ja?" Es waren belanglose Worte, und Hermine wusste, Ginny wusste das auch. Es waren einfach nur Worte zum Trösten. Nichts weiter. Denn, wie sollte sie ihn überhaupt vergessen?

Hermine sagte nichts und ließ sich von Ginny in die noch leere Kantine ziehen. „Wusstest du, dass Dean ihn jetzt heilt?", wollte Ginny jetzt wissen, und Hermine ruckte wieder mit dem Kopf.

„Nein, wusste ich nicht."

„Das ist so seltsam! Wieso hat er es dir nicht gesagt? Wieso macht er es überhaupt?", entrüstete sich Ginny. „Hat er nicht vor ein paar Wochen noch gesagt, wie ätzend er ihn findet?" Hermine nickte wieder. Aber sie war sehr dankbar, dass er geheilt wurde. Es war nur einer ihrer vielen Albträume, dass Draco sich jede Nacht unter Schmerzen in den Schlaf wälzte.

„Na, komm. Wir setzen uns. Willst du Kaffee?", wollte Ginny jetzt mitfühlend wissen. Hermine nickte, ehe sie sich erinnerte, dass sie keinen Kaffee mehr trinken durfte. Zumindest nicht in Übermaßen, und hier in der Kantine war er definitiv zu stark.

„Ok, dann holen wir dir einen. Weißt du… ich… darf keinen mehr", fügte sie plötzlich lächelnd hinzu. Hermine hatte sich gerade eine Tasse vom Stapel gegriffen, ehe sie sich perplex umwandte.

„Was?", erwiderte sie, einen Hauch verständnislos.

„Weißt du, Hermine… niemand weiß es, ok? Harry nicht, Mum nicht! Aber… ich bin seit einem Monat schwanger!", flüsterte Ginny strahlend. Hermines Mund klappte auf, während eine Kantinen-Hexe ihren Becher wortlos mit Kaffee füllte.

„Oh mein…" Hermine starrte sie an. Das war doch nicht wahr! Dann fing sie sich. „Oh, herzlichen Glückwunsch, Ginny! Ich freue mich ja so!"

„Danke, Hermine!", rief Ginny glücklich aus. „Und weißt du was? Es wird ein Mädchen!", fügte sie grinsend hinzu. Ein Mädchen… Hermine starrte hinab in ihren Kaffee, den sie nicht trinken würde.

„Wow, das ist…", begann Hermine kopfschüttelnd. „Das ist wirklich großartig, Ginny!" Sie überwand alle Gefühle, die sie hatte. „Dann bekommt James eine kleine Schwester", fuhr sie fort.

„Ja, da habe ich schon Angst vor. Ich hoffe nur, er klebt sie nicht am Stuhl fest", bemerkte Ginny besorgt. „So, und jetzt kommen wir zu dir", kürzte sie ab, und Hermines Ahnung hatte sie nicht getäuscht. Ginnys friedliche Ruhe war vorbei. „Wieso meidest du mich seit Wochen?", kam sie direkt zur Sache.

„Das… das tu ich nicht!", rechtfertigte sich Hermine sofort. „Ich…"

„Ich weiß, du vermisst ihn. Aber weißt du, gerade eben wäre eine gute Gelegenheit gewesen, ihm das zu sagen, oder nicht?", fuhr Ginny fort.

„Nein, ich könnte nicht-"

„-weißt du, Hermine, es muss so nicht sein", unterbrach Ginny sie streng. Ja, Ginny, die immer nur nach Lösungen suchte, alles andere nicht akzeptierte, aber Hermine war so nicht.

„Ginny, im Gegensatz zu Harry wird Draco sterben. Und zwar sehr bald", fügte sie gepresst hinzu. „Es ist schwer genug, ihn nicht zu sehen. Es war schwer genug, die Dinge zu beenden!", erklärte Hermine fast zornig.

„Ok", entgegnete Ginny beschwichtigend. „Ok, schon gut, ich dachte nur…"

„Was?", wollte Hermine wissen. „Weißt du, es ist besser, dass Dean ihn jetzt heilt", murmelte sie, trank abwesend einen Schluck Kaffee, verharrte erschrocken und spuckte den heißen Schluck hastig zurück in die Tasse. Ginnys Stirn runzelte sich.

„Alles in Ordnung?", fragte sie und klang so, als würde sie Hermine für verrückt halten.

„Ich… ja. Schmeckt furchtbar", erklärte Hermine ausweichend, aber Ginnys Stirn blieb gerunzelt. Beide schwiegen einen Moment lang. Aber Hermine hatte etwas begriffen. Bei ihr waren es nur zum Teil gute Neuigkeiten. Sie bekam zwar ein Kind, aber der Vater musste sterben. Es war nichts, was man fröhlich beim Frühstück erzählen konnte. Und sie wusste, sie war noch nicht soweit.

Zumindest nicht, wo Ginny sie gerade mit ihren guten Neuigkeiten erschlagen hatte.