HYA!
In diesem Teil erzählt Liam, wie die Eheleute Gallagher ihren ältesten, gemeinsamen Freund kennen lernten. Wenn Liam gewusste hätte, dass sie ihm einen Engländer ins Haus bringt! tz!
XOXO Tali
####
10. Freunde
I'm a peasant in your princess arms
Penniless with only charm
As we're leveled by the low
Hot lights and disarmed
I'm folded in the bread you made
You're cold until my body bathes
You in the heat I kept aside all these days
(Snow Patrol, the golden floor)
Liam
Ich frage mich immer wieder, wo sie all die komischen Gestalten getroffen hat. Immer wieder begegnen uns andere Vampire, einige von ihnen sind meiner wilden Blume schon einmal begegnet. Ich mag die Vorstellung nicht, dass es andere Männer – andere Gnome wie Toshiro in ihrem Leben gegeben haben könnte. Sie gehört mir.
Seit sechsundzwanzig Jahren bin ich nun in diesem Leben, seit zweiundzwanzig davon bezeugen die Trauringe an unseren Händen, dass Siobhan und ich zusammen gehören.
Eine menschliche Farce, die ich für unnötig in unserer Welt erachtet habe. Aber ich muss zugeben, dass der Ring an ihrer Hand auch Vorteile hat. Er hält andere auf Distanz hält und das ist etwas, dass mir sehr gefällt. Er deklariert uns als Eheleute. Siobhan Gallagher. Ich gebe es nicht gern zu, weil ich unsere Scharade des Öfteren noch immer für unnütz halte, aber mein Name steht der Schönen.
Ich weiß auch, dass es für Siobhan nicht nur um unsere Anpassung geht. Der Ring ist ein Symbol, etwas, dass sie in ihrem menschlichen Leben nie erfahren hat, nie erfahren wollte. Sie ist eben doch mein kleines Mädchen, egal wie alt sie ist. Nicht dass ich ihr das je sagen würde. Sie würde mich nicht ungestraft damit davon kommen lassen.
Es gibt wieder Unruhe in unserem Land. Es rumort unter der Oberfläche. Die Protestanten befürchten eine erneute Rebellion der Katholiken. Sie mögen ihren König, James II., nicht besonders. Sie finden ihn zu weich. Dabei ist er vielleicht einer der wenigen Engländer, die nicht völlige Holzköpfe sind.
1677 ist bis auf diese heraufziehende Unruhe ein ruhiges Jahr. Wie die letzten zwanzig Jahre, im Vergleich zu unseren Aufständen. Aber wir alle wissen, dass es wieder zu einer Erhebung kommen wird. Die Vorzeichen sind da und wenn man ein Vampir ist, kann man sie schon Jahre im Voraus erkennen. Ich hoffe sehr, dass wir noch einige Zeit davon entfernt sind.
Ich will nicht, dass Oisín, Conor, der Weise, oder Kearney, der Sieger, mein Enkel, mit einem Krieg in Berührung kommen. Sie sind so jung und unschuldig. Sie sehen nicht, was der elfjährige Krieg auf beiden Seiten hinter lassen hat. Auch wenn es den Engländern und ihren Verbündeten recht geschehen ist, gab es so viele Männer, so viele Unschuldige auch, die mit uns gefallen sind. Ich bin sehr froh, dass Oisín und Conor sonst nur Mädchen in die Welt gesetzt haben und Enigenas Söhne sind zu jung, um sich an Kriegen zu beteiligen. Noch.
Wir jagen in den Randbezirken von London. Ähnlich wie in Dublin wimmelt es nur so vor anderen Vampiren.
Ich glaube, meiner Blume bekommt die englische Kost nicht.
Sie behauptet einen Vampir gesehen zu haben, der anders ausgesehen habe, als alles, was sie bisher getroffen hat.
Ich glaube ihr, dass sie diesen Mann gesehen hat, dessen seltsame Augen angeblich bernsteinfarben waren, aber halte ihn nicht notgedrungen für einen Vampir.
Aber seitdem sie meint ihn gesehen zuhaben, ist sie auf der Jagd. Sie will wissen, woher seine seltsame Augenfarbe kommt.
Ihr natürliches Interesse am Unbekannten ist manchmal wirklich verstörend. Sie will alles begreifen. Alles verstehen, alles einmal erlebt haben.
Sie ist tatsächlich ein wenig angefressen, dass sie außerhalb des Volturizirkels kaum einen Vampir mit einer besonderen Gabe kennen gelernt hat.
Sie sei mal einem Tracker begegnet, aber das sei eine gängige Begabung und zähle nicht, weil wir eh Jäger sind.
In Ordnung.
Ich kann ihr Lachen hören, als sie aus der anderen Richtung angerannt kommt.
„Wer zu erst am Haus ist, Liam!", ruft sie.
Die Herausforderung lasse ich mir nicht nehmen. Und hier, in der immer noch dröhnenden Nacht einer ständig wachsenden Stadt ist ihre Stimme den Menschen höchstwahrscheinlich nicht einmal aufgefallen.
Das Haus in einer Seitenstraße ist keine Schönheit, auch wenn es größer ist, als unsere Enklave, oder das Häuschen in Limerick.
Aber es passt in das dreckige Straßenbild von London.
Außerdem befinden wir uns mitten in einer Siedlung von englischen Söldnern, also ist mir unsere Unterkunft herzlich egal. Es ist fast tragisch, dass ich nicht so viel Durst habe, wie ich gern hätte.
Siobhan schießt aus der Nacht hervor und stößt mich gegen die Hauswand.
„Ich habe es dir gesagt, trodaí (Krieger)!", lacht sie.
Entschuldigung?
Mit einem Mal bin ich alarmiert. Ein Vampir nährt sich. Wie gesagt tummeln sich hier viele Unseresgleichen. In diesem Viertel Briten und sonst hauptsächlich Spanier und Niederländer.
Siobhan rät jedes Mal ins Blaue, wenn wir einen niederländischen Vampir sehen, ob derjenige eventuell meinen Tod verursacht hat. Die Frau ist wirklich… unglaublich. Aber jener Vampir strebt in unsere Richtung.
„Nein, Liam.", bittet mich meine Blume, meine Frau. „Es ist okay. Das ist Carlisle."
Der Vampir der auf uns zukommt ist eher ein Junge als ein Mann. Er kann nicht älter als Siobhan gewesen sein, als er gestorben ist.
Es ist seltsam, obwohl er ihre Kleidung trägt, die Kleidung dieses Jahrzehnts, fällt er auf. Nicht den Menschen, aber uns. Er wirkt… heller als wir anderen, weil ich nicht weiß wie ich diese Person beschreiben soll.
„Liam, das ist Carlisle Cullen, Teil unserer Welt seit 1663.", Siobhan lächelt. „Carlisle, darf ich dir meinen Gefährten vorstellen, Liam."
Der Junge streckt mir seine Hand entgegen und lächelt. Er strahlt nicht die uns eigene… Rauheit aus.
Starre kurz die ausgestreckte Hand an, bevor ich einschlage.
„Es freut mich sehr, dich kennen zu lernen."
VERDAMMTE….! Da schleppt sie einen vermaledeiten English an! Ich fasse es nicht!
„Komm schon, lass uns rein gehen. Die Sonne wird bald aufgehen.", zirpt Siobhan. „Sind dir seine Augen aufgefallen? Sie sind Bernsteinfarben! Die Geschichte glaubst du nie!"
„Siobhan!", zische ich, ergreife ihr Handgelenk. Die kleine Rotjacke kommt mir nicht ins Haus.
„Stell dich nicht so an!"; flüstert sie bestimmt, dabei habe ich meinen Einwand noch gar nicht hervor gebracht. „Du wirst es überleben."
Was bleibt mir anderes übrig, als ihrem Dickkopf zu folgen?
Carlisle blickt sich nach uns um, abwartend, habe den Eindruck dass er etwas sagen will, vielleicht seinen Rückzug anbieten, als Siobhan den Kopf schüttelt. „Alles gut.", beschwichtigt sie. Wendet sich wieder mir zu. „Aber vielleicht sollten wir mal in den Untergrund hinabsteigen."
Carlisle schüttelt sich, scheint allein den Gedanken daran widerlich zu finden.
Was für eine Fantasterei hat er ihr erzählt?
Der junge Vampir wirkt etwas verunsichert, als wir eintreten. Er scheint nervös zu sein. Frage mich, wie Siobhan und er aufeinander getroffen sind.
Der Engländer erzählt von den Hexenjagden, die gerade die Kleriker mit Begeisterung in den vergangenen Jahrzehnten organisiert haben. Aber anscheinend genießen die Beschuldigten hier nicht so viel Sympathie wie in unserem erzkatholischen Land, das sich zwar zur Bibel bekennt, jedoch nicht den Glauben an das Althergebrachte aufgibt.
Ein Pfarrkind der angelsächsischen Kirche. Als Vampir. Solche Menschen stellen sich oft als Psychopaten heraus. Aber der blonde Vampir scheint aus diesem Raster zu fallen. Er wirkt noch immer wie ein Mensch, auf eine verquere Art und Weise.
Erzählt davon, dass er im Untergrund von London auf einen uralten Vampir gestoßen ist. Siobhan nickt aufmunternd. Oh je. Das Unbekannte, etwas, was ihr vielleicht erklären kann, woher Vampire kommen. Was wir sind. Sie wird diesen alten Zirkel oder Überlebende dessen suchen wollen.
Carlisle Cullen ist eine seltsame Gestalt, die davor zurück schreckte, Menschenleben zu nehmen.
„Ich habe noch nie das Blut eines Menschen angerührt. Ein Überleben ist auch ohne Menschen zu töten möglich.", stellt er nachdenklich fest. Widerlich. Allein der Gedanke daran! Dieser Gestank! Auch meine Schöne rümpft an dieser Stelle die Nase.
Es ist interessant, dass er unsere normale Lebensform in Frage stellt. Wer kommt schon darauf, einen der natürlichsten Vorgänge zu negieren?
„Siobhan hat mich nach meiner Jagd abgefangen.", erzählt Carlisle. Das kann ich mir denken, zwei Nächte lang ist sie durch London gestreift, bevor sie diese Nacht mehr in die Randbezirke eingedrungen ist, näher an Gehöfte heran.
Und er hatte gar keine andere Wahl, als ihrer Einladung zu folgen.
„Ich habe schon einige andere Vampire getroffen, normale Vampire, sie sind alle… ganz anders als Siobhan. Als ihr.", überlegt er. „Sie sind alle… Mörder.", erschrocken.
„Das sind wir auch.", gebe ich zu bedenken. Die gelben Augen des Jüngeren sehen mich an, offen, freundlich. Als überlege er genau, was er nun sagt.
„Ja. Aber ihr… irgendetwas ist anders."
Ja, wir spielen das dumme Menschenspiel mit.
Siobhan lächelt. „Es ist ein faszinierender Gedanke, gegen die eigene Natur vorzugehen. Auch wenn es wirklich absonderlich ist.", pikiert.
„Du könntest es auch mal versuchen. So schlimm ist es nicht.", es ist ganz richtig, dass er seinen Vorschlag nur an Siobhan richtet.
„Unter gar keinen Umständen. Das ist widerwärtig. Aber ich wünsche dir viel Erfolg, mein Freund."
Stelle mich darauf ein, dass Carlisle nur diesen Tag mit uns verbringen wird, aber Siobhan entscheidet, dass wir seine Gesellschaft genießen können, solange wir in London sind.
#
Mir gefällt es gar nicht, dass die kleine Rotjacke und meine Liebliche sich so gut verstehen, aber er ist ein Junge.
„Ich mag Carlisle.", hatte mir Siobhan eindringlich erklärt, als wir einige Tage später auf der Jagd waren. Schweige, brumme meine Zustimmung. Für einen Vampir englischer Herkunft ist er ganz umgänglich. Ich brauche sie nicht ansehen um zu wissen, dass sie lächelt. Siobhans Hand greift nach meinem Arm, bringt mit zum Stehen, drückt sich an mich. „Hör auf. Du weißt, dass dir niemand das Wasser reichen kann, Laoch (Held).", schnurrt sie. Ich weiß, dass sie nur „Freunde" sind, dennoch teile ich ihre Zeit nicht gern.
Carlisle ist fasziniert von den Orten, von denen Siobhan erzählt, von den Dingen die sie gesehen hat. Und lauscht interessiert den Geschichten über Rumänen und Italiener. Außerdem erzählt sie von alten Zirkeln weit entfernt in Ägypten, auch wenn sie noch nie selbst dort gewesen ist, vielleicht handelt es sich bei ihnen aber auch um Legenden.
Wir sind mit unserem neuen „Freund" in den inneren Kreisen Londons verabredet, aber da ist noch jemand bei ihm. Dieser elende…!
„Wie schön! Sieh an wer dieses schöne Land besucht! Liebste Siobhan!", stößt der Vampir hervor.
Carlisle blickt ihn überrascht an. „Ihr kennt euch?"
In diesem Moment ist der kleine Carlisle in meinem Ansehen weit nach unten gefallen. Er kennt den Gnom, von dem ich eigentlich angenommen habe, ihn ein für alle Mal losgeworden zu sein.
„Woher kennt ihr beide euch?", erkundigt sich Siobhan. „Hallo Toshiro."
Carlisle öffnet den Mund, doch der Gnom fährt dazwischen, berichtet davon, dass er mal die Engländer kosten wollte, erst bei den Walisern hängen blieb und dann um die Hauptstadt herum auf diesen seltsamen netten Vampir traf, der seine Geschichten aus dem fernen Osten brav ertragen hat.
„Toshiro ist einer der ersten Vampire, der mich nicht als Konkurrent angesehen hat, mich nicht angriff.", erklärt Carlisle, beinahe entschuldigend.
Der Gnom beobachtet Siobhan, ist sichtlich von dem Ring an ihrer Hand abgelenkt.
„Ich dachte, du bist kein Gold und Glitzer Mädchen, đáng yêu (Liebliche)."
Er sollte dieses Denken einfach bleiben lassen. Knurre.
Der sanftmütige Carlisle zuckt erschrocken.
Aber ich ertrage diesen Ghirr (Zwerg) nicht und schon gar nicht, dass er MEINE EHEFRAU mit Taillte vergleicht, der Amme aus der Sage um den Wunderknaben Lugh. Es steht ihm nicht zu, sie so anzusehen, ihre Reize zu beurteilen. Das gehört alles mir!
Meine Schönste reckt den Kopf ein Stück vor und lächelt.
„Richtig. Aber findest du nicht, dass mein Ehering außerhalb dieser Klassifizierung liegt?", fragt sie fast überheblich.
Toshiros Grinsen fällt ein Stück.
„Ehering?", sein wieselhafter Blick huscht zu mir herüber. „Wozu? Ihr seid Gefährten, reicht das nicht? Es ist nur ein bisschen Metall."
Knurre wieder. Es ist mehr als das. In dieser Ehe zumindest. Ich weiß, dass ich den letzten Ring den ich getragen habe, nicht so geehrt habe wie diesen. Es ist schon seltsam, dass ich im Krieg fallen musste, um zu begreifen, was wahre Liebe ist. Um meine Ewigkeit zu finden.
Siobhan spannt den Kiefer an. Sie ist zu nett, möchte keinen Streit vom Zaun brechen, obwohl ihr seine Aussage genauso widerstrebt wie mir.
„Sei vorsichtig, mein Freund, irische Frauen verzeihen nur schlecht.", sagt sie stattdessen. „Aber haben wir nicht recht gehabt, dass die…", einen Moment blickt sie Carlisle entschuldigend an. „Die Engländer deinen Durst mehr verdient haben als wir."
Toshiro wackelt zustimmend mit den Augenbrauen. Er könnte mir ja fast ein wenig sympathischer werden.
„Aber sie schmecken nicht so herrlich wie die irischen Frauen."
Carlisle scheint unwohl bei diesem lockeren Gespräch über unsere Nahrungsquellen zu sein, mir gefällt das anzügliche Funkeln im Gesicht des Gnoms nicht.
#
Carlisle Cullen ist eine seltsame Gestalt. Ein Vampir mit Achtung für das menschliche Leben. Aber sein reger Austausch mit Siobhan führt auch dazu, dass Toshiro schmollend abzieht, weil er wenig Beachtung findet.
Außerdem wirft der blonde Engländer einen interessanten Gedanken auf.
Als Siobhan ihm begeistert von den Fähigkeiten einiger Vampire erzählt, offen die Frage ausspricht, ob Carlisle Lebensform vielleicht so etwas wie eine besondere Gabe ist, was dieser nur mit „Meine Gabe ist Mitgefühl" sarkastisch kommentiert, macht er die Beobachtung, dass Siobhan ihren hübschen Kopf eigentlich immer durchgesetzt bekommt.
„Was redest du, Carlisle?", sichtlich über diese Bemerkung seinerseits irritiert.
„Nachdem, was du mir erzählt hast, scheint sich immer alles so zu fügen, wie du möchtest."
„Das nennt man Zufall.", protestiert sie.
Aber er hat nicht ganz Unrecht. Sie verabscheut Gewalt, seitdem ich sie kenne, habe ich mich mit keinem Vampir mehr auf diese Weise angelegt. Wenn ich da an die wilden Auseinandersetzungen in meinen ersten sechs Monaten denke, die die anderen Vampir nicht überlebt haben… Sie will unbedingt, dass wir uns den Menschen anpassen, wobei mir ihre Begründungen egal sind, und ich beuge mich meiner störrischen Schönen. Sie hat es nie laut ausgesprochen, doch ich habe die sehnsüchtigen Blicke gesehen, mit denen sie die Trauringe anderer, ihrer Freundin Geda, beobachtet hat. Und auch wenn ich es mir nicht vorstellen konnte, war es letzten Endes doch so selbstverständlich, dass ich sie bitten würde, mein zu sein. Und so viele andere Dinge, die sich stets nach ihrem Willen richten. Und das interessante ist, dass sie es selbst nicht zu bemerken scheint. Vielleicht weil es schon immer so gewesen ist.
Sie diskutiert mit ihrem neuen Freund, ob es nun wirklich Zufall und viel Glück sind oder doch etwas anderes, während ich beschließe, diese Fähigkeit zu beobachten. Wir haben die Ewigkeit Zeit, das herauszufinden.
Carlisle
Die roten Augen der Vampirin sind glutrot, aber dennoch wirkt sie nicht bedrohlich auf mich. Imposant ja, aber nicht feindselig. Ich habe ihr Gesicht schon gesehen. Das ist erst ein paar Tage her.
Sie ist schön. Und im Vergleich mit den anderen Vampiren, die meinen Weg durch England gekreuzt haben, wirkt sie zivilisiert auf mich. Freundlich.
Verharre einen Moment, sicheren Abstand zwischen uns.
Sie lächelt. „Mein Name ist Siobhan.", sagt sie mit irischem Akzent.
Stelle mich höflich bei ihr vor. Ihr Blick ist intensiv, sie starrt mir ins Gesicht.
„Verzeih bitte, dass ich dich so… überfalle? Ich möchte dich nicht erschrecken.", sie lächelt noch immer. Ich habe noch keinen Vampir getroffen, der auf diese friedliche Weise lächelte.
„Aber ich würde gern wissen, was es mit deiner seltsamen Augenfarbe auf sich hat."
Das hat sie also auf mich aufmerksam gemacht. „Woher kommst du?"
„Von der Jagd.", sie zieht kurz die Augen zusammen. „Aber ich erzähle es dir gern."
Die letzten Jahre, nachdem ich festgestellt habe, dass ich den Menschen nicht schaden muss, um zu überleben, waren recht einsam. Die meisten Vampire sind nicht zu einem normalen Gespräch in der Lage, sie sehen in allem Konkurrenz, verspüren Futterneid.
Als sie mich in ihr temporäres Heim einlädt schrecke ich zuerst vor ihrem Gefährten zurück. Liam ist ein großer Mann, mit ernstem Gesichtsausdruck, dunklen, misstrauischen Augen. Würde ich ihm allein auf der Straße begegnen, würde ich wahrscheinlich einen weiten Bogen um den Hünenhaften Mann machen.
Konnte ich noch das Lächeln auf seinen Lippen sehen, als Siobhan ihn begrüßte, ist nun nichts zärtliches mehr in seinem harten Gesicht.
Ich muss gestehen, auch ihm direkt gegenüber zu stehen, schüchtert mich im ersten Moment doch etwas ein.
Ich habe unlängst Bekanntschaft mit Zirkeln gemacht, doch diese beiden sind nicht nur ein Zirkel, sie sind Gefährten. Und nachdem ich den schimmernden Ring an Siobhans Hand erst für ein Schmuckstück gehalten habe, vielleicht eine Erinnerung aus einem anderen Leben, kann ich nun das Gegenstück an Liams Hand erkennen. Sie sind ein Liebespaar.
Es muss schön sein, die Welt nicht allein zu betrachten. Jemanden zu haben, der die eigene Sichtweise auf die Welt nachvollziehen kann, mit dem man über diese Welt sprechen kann.
Liam nimmt meine Anwesenheit anfangs missmutig zur Kenntnis, aber ich kann nichts dafür, dass wir auf zwei unterschiedlichen Inseln geboren worden. So wie er ein stolzer Ire ist, bin ich ebenso stolz auf meine Heimatstadt, die sich stets weiter entwickelt. Und auch wenn dieses Leben nicht so begonnen hat, wie es wünschenswert gewesen ist, sehe ich doch einen Vorteil darin, nun mit zu verfolgen, was London noch alles Gutes hervorbringen wird.
Siobhan ist weit gereist, schon bevor sie Liam begegnet ist. Sie ist begeistert von den Vampiren im Untergrund und erzählt beinahe aufgeregt von den Geschichten über Zirkel in Rumänien und den Wachen der Volturi. Also gibt es diese Institution wirklich. Ich habe sie schon für ein Märchen gehalten.
Siobhan war zu Lebzeiten sicherlich ein süßes Mädchen, den Argusaugen nach, mit denen Liam jegliche Interaktion mit anderen mitverfolgt, weiß er das auch. Schlägt sie doch vor, dass meine Achtung vor Menschenleben eine Gabe sein könnte.
Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt. Aber nachdem ich nun weiß, dass manche Vampire besondere Fähigkeiten entwickeln, einer der vielen Sukkubi- Mythen soll angeblich auf begabte Vampire zurück gehen, vermute ich bei meiner neuen Freundin selbst eine übernatürliche Fertigkeit.
Ich bin noch nicht lange ein Vampir, habe aber selbst erlebt, wie brennend Neugeborenendurst ist und wie schnell man seinen Gefühlen obliegt. Und sie erzählt mir, wie sie Liam kennen gelernt hat, wie sie ihn zurückhielt.
Betrachte Liam. Auch wenn Siobhan groß ist, er überragt sie. Er sieht gefährlicher aus als sie. Frage mich wirklich, ob sie ihn auch ohne eine Gabe zurückhalten könnte?
Als die Iren in ihr Heimatland zurückkehren, habe ich neue Freunde gewonnen, die meinen Lebensstil wohl nie verfolgen werden, aber dennoch menschlicher sind, als alle Vampire, die ich bisher getroffen habe.
Ich freue mich darauf, sie wieder zu sehen.
Liam
Wir treffen Carlisle bis 1710 immer mal wieder.
1689 überzeugt er mit seiner Meinung zum Jakobiterkrieg und schafft es tatsächlich meinen Groll auf seine Landsleute ein Fünkchen zu lindern, als meine Landsleute 1691 wie Fahnenflüchtige unser schönes Land verlassen, um der Rache von König Wilhelm zu entgehen. Sie suchen das Weite, türmen nach Australien und in die britischen Kolonien Übersee.
Auch Kearney und seine Familie verschwinden.
Siobhan fängt schallend an zu lachen, als Carlisle ihr 1700 von einem treuen Freund erzählt, den er Alistair nennt und berichtet, dass er ein Tracker sei. Sie sei diesem seltsamen Kauz auch schon begegnet. Allerdings hatte sie es nicht geschafft, ihm ein Gespräch abzuringen, würde ihn mit Nichten als Freund bezeichnen.
„Ich sage dir, Carlisle, du hast diese Gabe, dass die Vampire dir Vertrauen."
Auch nach über 40 Jahren glaubt er ihr noch immer nicht. Mitgefühl und Interesse sei keine besondere Gabe.
Aber genauso wenig glaubt sie ihm, dass sie den Ausgang von Situationen in ihrem Sinne beeinflussen kann.
Sie sind ein seltsames Freundepaar.
Carlisle verspricht Siobhan einige der Gardisten der Volturi zu grüßen, als er sich zu ihnen auf den Weg macht. Ich bin wirklich gespannt, was er zu erzählen hat, wenn er von ihnen zurückkehrt.
##
