Love Story Part V – The Big Oh
Jedes Einzelkind kennt ihn, den Wunsch nach einem Bruder oder einer Schwester. Ich bin auch ein Einzelkind und ich habe diesen Wunsch auch geäußert: „Mummy, Daddy, ich hätte gerne einen Bruder." – „Mummy, Daddy, ich hätte gerne eine Schwester." – „Mummy, Daddy, dann hätte ich gerne einen Hund." – „Mummy, Daddy, dann hätte ich doch lieber eine Katze." Irgendwann habe ich begriffen, dass der Zug für ältere Geschwister abgefahren war und habe meine Wünsche dann neutraler verfasst. Als ich begriffen habe, dass der Zug für Geschwister jeglicher Art abgefahren war und ich eigentlich keine mehr wollte, da habe ich mir dann eben ein Haustier gewünscht und ich habe sowohl die Katze als auch den Hund bekommen. Tinka, die Katze, wird bald 8 und Spok, der Hund, ist 5. Man nimmt, was man kriegen kann… Das hat sich wohl auch meine Granny gedacht, als sie nach 6 Wochen Kanada zurück in Berlin war. Mitte Oktober 2006 betraten meine Großeltern also Grandpas Wohnung, in der sie gemeinsam leben wollten und staunten nicht schlecht: Uropa Bernd hatte bereits Grannys ganze Sachen dorthin gebracht. „Ich hätte ja nicht damit gerechnet, dass dein Vater sein Schnattchen kampflos ausziehen lässt. Wow, was hat deine Mutter denn mit meinen Blumen veranstaltet? Die lagen im Sterben vor unserer Abfahrt und nun sie dir das an." – „Sie hat halt den grünen Daumen. Gewöhn dich nicht zu sehr dran, den habe ich nicht geerbt. Und was meinen Vater betrifft, vielleicht hat der irgendwo einen Ersatz für mich gefunden." Wenn Grandma in dem Moment schon gewusst hätte, wie nah sie an der Wahrheit dran war…
Tags drauf standen meine Großeltern bei Bernd und Helga auf der Matte, um von ihren Flitterwochen zu berichten. Eigentlich wollten sie ja den Tag dazu nutzen, Grannys Sachen einzuräumen, aber der Jetlag…zwinker und vor allem die Gefühle von Jungvermählten hatten sie davon abgehalten. Jedenfalls saß schon jemand, der ungefähr Grannys Alter hatte, am Tisch und wirkte definitiv nervös – man trifft ja nicht jeden Tag seine Schwester und ihren Ehemann, naja, zumindest nicht zum ersten Mal, oder? An diesem Abend wurden nicht nur Fotos betrachtet, sondern auch Familiengeschichten erzählt, um Onkel Bruno offiziell in die Familie aufzunehmen. Grannys Halbbruder war das Ergebnis eines Fehltritts von Uropa Bernd, was so aber auf keinen Fall betrachtet werden darf, denn alle hatten Bruno recht schnell in ihr Herz geschlossen, naja, fast alle – Nora Lindberg war nur halb so begeistert von ihm wie er von ihr. Ja, in Liebesdingen ist mein Onkel Bruno wie meine Granny: Die komplizierte Strecke mit vielen Umwegen musste es sein, bevor er dann bei Tante Hannah ankam. Jedenfalls war es ganz klasse, dass er da war und meinen Grandpa sofort mochte, denn wen die Kinder mögen bzw. heiß und innig lieben, den kann der Vater doch nicht mehr ablehnen?! So kam es also, dass mein Uropa und mein Grandpa sich doch noch grün worden. Sich grün werden ist vielleicht eine blöde Ausdruckweise. Wird man nicht auch grün, wenn einem schlecht ist? Egal, Uropa Bernd und Grandpa verstanden sich nach den Flitterwochen besser als davor und nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Mein Onkel Bruno war schon ein witziger Typ. Er hat Schuhmacher gelernt und ich sag euch, er hatte es echt drauf: Mit jeder einzelnen seiner Kollektionen hat er weltweit schuhsüchtige Frauen beglückt und sich so unsterblich gemacht. Aber er hat der Eissportwelt auch einen Dienst erwiesen: Mein erstes Paar Profischlittschuhe hat er so bearbeitet, dass es bequem und gleichzeitig stabil war. Jeder, der schon mal Schlittschuhe einlaufen musste, weiß, dass 14 Tage in Guantanamo Bay gar nichts dagegen sind. Schon seltsam, dass es immer noch Guantanamo Bay heißt, obwohl doch ganz Kuba seit Fidel Castros Tod und Raul Castros Vertreibung als Militärgefängnis der USA dient. Ich glaube zwar nicht, dass sich die Kubaner darüber gefreut haben, nach Mexiko umgesiedelt zu werden, aber den Mexikanern dürfte es da kaum anders gehen… Wenn man aber mal an die Gefangenen denkt, dann dürften die wohl die größte Arschkarte gezogen haben…ähm…ich meine, das größte Unglück davon tragen.
Familiär war also alles in Ordnung und weil Bruno bei Kerima alles im Griff zu haben glaubte, hingen meine Großeltern noch ein paar freie Tage dran, um in Berlin noch etwas weiter zu flittern. Das Zusammenleben beiden gestaltete sich abenteuerlich. Eines Abends saßen die zwei auf dem Sofa und kuschelten, als Granny plötzlich meinte: „Du weißt, dass man nur 8 Tage von Luft, Liebe und Leitungswasser leben kann?" – „Was versuchst du mir zu sagen?", schmunzelte Grandpa. – „Ich versuche dir zu sagen, dass wir ganz dringend einkaufen müssen. In deiner Küche gibt es nur eine Packung Kakao und Soßenbinder, der 2001 schon abgelaufen war." – „Das sind doch Mindesthaltbarkeitsdaten." Das hätte Grandpa nicht sagen sollen, denn so hat Granny ihm ein Kissen ins Gesicht geworfen, was sich nach und nach zu einer ausgedehnten Kissenschlacht entwickelte. „Okay, okay, ich ergebe mich, aber nur, wenn wir einkaufen, um UNSERE Küche zu füllen." Das wurde dann auch prompt gemacht. Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man sich noch gar nicht so lange kennt und dann plötzlich verheiratet ist und zusammen wohnt, aber meine Großeltern haben das super gemeistert. Sie haben Grandpas Wohnung ein bisschen umgestaltet, „damit es mehr nach Ehepaar und nicht nach chaotischem Junggesellen aussieht", hat meine Granny gesagt und sie haben die Gradwanderung zwischen ihren Geschmäckern gut gemeistert. Onkel Bruno war vorübergehend in Grandmas altes Zimmer in Göberitz eingezogen, aber ihre Jugendzimmermöbel wären in Grandpas Wohnung sowieso überflüssig gewesen.
Bei Kerima lief es so lala, Sophie in ihre Schranken zu weisen, gestaltete sich als schwierig und die Fusion ließ sich nur in einem Lehmann-Lindberg-Kowalski-Kowalski-Seidel (der olle Seidel, nicht David, der segelte immer noch)-Kraftakt verhindern. So ging es also auf Weihnachten zu und mein Grandpa mochte Weihnachten bis dahin nicht, lag wohl daran, dass es in seiner Familie keine wichtige Rolle gespielt hatte, aber meine Granny liebte es. Am ersten Advent holte sie immer ihre Schürze mit dem aufgedruckten Weihnachtsbaum raus und machte sich an die Weihnachtsbäckerei. Während ihrer ersten gemeinsamen Adventszeit wollte mein Grandpa meine Granny einfach nur beobachten, aber schon nach einigen Augenblicken sprang der „Weihnachtsfunke" zu ihm über und er half ihr beim Backen. Kurz vor Weihnachten 2006 gestalteten sie das schönste Lebkuchenhaus, das die Welt je gesehen hatte. „In so einem würde ich auch gerne wohnen, aber nur mit meiner Traumfrau", scherzte mein Grandpa. „Oh, die musst du mir unbedingt vorstellen, vielleicht kann ich noch etwas von ihr lernen." – „Du bist ja ein Scherzkeks." – „Sag mal, wo stellst du eigentlich normalerweise deinen Weihnachtsbaum hin?" – „Nirgends, ich hatte in dieser Wohnung noch nie einen Weihnachtsbaum." – „Das muss sich dringend ändern." Wenige Tag vor Heiligabend sind meine Großeltern dann losgezogen, um einen Baum zu besorgen „und deine Granny hat den scheußlichsten und schiefsten ausgesucht, weil er ihr Leid tat." Ich kann meine Granny förmlich sehen: „Der arme Baum, keiner wird ihn wollen und er wird einsam und alleine auf dem Müll landen, das können wir nicht zulassen." Geschmückt war ihr erster gemeinsamer Baum auch nicht doll: Ein paar Popcorn-Ketten und ein paar auf die schnelle besorgte Kugeln. Dieser Mangel an Weihnachtsdeko wurde dann in den darauf folgenden Jahren behoben. Weihnachten wurde zum wichtigsten Familienfest der Kowalski-Sippe. Es gab nie einen undekorierten Fleck in Grandpas und Grandmas Haus zur Weihnachtszeit. In Kanada ist Lebkuchen ja nicht so bekannt und darum war ich immer ganz stolz, wenn meine Granny mir welche gab. Für mich hat sie meistens kleine menschenähnliche Figuren gebacken. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich sie in der dritten Klasse mit in die Schule genommen habe und niemand glauben wollte, dass das was zu essen ist. Ich hab es dann vorgemacht und nach dem fünften Männchen war mir dann so schlecht, dass ich nicht mehr zum Nachmittagsunterricht gehen konnte und mir wirklich niemand mehr glauben wollte, dass man das essen kann.
Weihnachten 2006 verlief also harmonisch – für Granny und Grandpa jedenfalls, denn Nora Lindberg, die Frau, in die Onkel Bruno damals verliebt war, entschied sich kurzerhand, ihren Mann zu verlassen, aber nicht für Onkel Bruno, sondern zur Vergangenheitsbewältigung und so ließ sie auf ihrem Weg nach Italien zwei traurige Männer zurück. Aber Plenskes halten zusammen wie Pech und Schwefel und so wurde alles getan, um Onkel Bruno ein schönes Weihnachten im Kreise seiner neuen Familie zu bescheren.
An Neujahr waren Grandma und Grandpa dann überraschend zu Grandpas Eltern nach Hamburg eingeladen. Grandpa hatte so seine Bedenken: „Ich glaube nicht, dass sie das völlig uneigennützig tun. Da steckt mehr dahinter." – „Wieso bist du eigentlich so misstrauisch? Man könnte meinen, du willst nicht, dass deine Eltern mich kennen lernen." – „Ich will vor allem nicht, dass du sie kennen lernst, die beiden sind nämlich ein Scheidungsgrund." – „So ein Quatsch! Sie können nur toll sein, schließlich haben sie einen tollen Sohn." Granny wusste in dem Moment noch nicht, wie sehr sie mit dieser Bemerkung daneben lag.
Zu behaupten, dass Grandpas Eltern unterkühlt haben, ist leicht geschmeichelt. Meine Granny kam in den Genuss, sich so zu fühlen, wie mein Grandpa sich anfänglich durch Uropa Bernds Haltung ihm gegenüber fühlen durfte: „Wir waren nicht zu eurer Hochzeit, weil wir einen dringenden Fall vor Gericht hatten. Wir haben gewonnen." – „Sehr schön, Mutter, wirklich." Grandpa war sauer, wenn seine Eltern schon nicht zu seiner Hochzeit gekommen waren, wieso mussten sie ihm dann die Wahrheit so auf's Brot schmieren? „Sagen Sie, Elisabeth, tragen Sie Ihre Brille eigentlich immer? Sie wissen, so etwas lässt sich heutzutage lasern." Granny hat immer gezuckt, wenn jemand sie mit Elisabeth angesprochen hat. „Ich weiß, aber das ist auch mit viel Risiko verbunden. Ich ziehe es vor, meine Brille zu tragen." Meine Granny hatte sich kurz vor der Hochzeit eine wirklich schöne randlose Brille besorgt. Sie war schon mächtig kurzsichtig, aber das hat sie nie gestört, sie trug ihre Brille und gut war's. „Weißt du, mein Stern, es wäre doch langweilig, wenn wir alle perfekt wären." Ich habe immer versucht, meine eigene Kurzsichtigkeit so zu betrachten, was mir auch ganz gut gelungen ist, aber ich ziehe es vor, Kontaktlinsen zu tragen – das ist beim Eishockey auch viel praktischer. Diese Laser-OPs, die damals noch recht neu waren, sind heute kein großes Problem mehr und auch völlig risikofrei, aber trotzdem will ich es nicht. Meine Kurzsichtigkeit ist ein Teil von mir, ich lasse mir doch auch keinen Arm abnehmen, nur weil ich gerade nicht brauche, oder? „Ich kenne einen guten Arzt, den stelle ich Ihnen bei unserer Einweihungsfeier vor." – „Einweihungsfeier, Mutter?" – „Ja, wir expandieren mit der Kanzlei. Dein Cousin Malte wird Teilhaber und das muss doch gefeiert werden." – „Deshalb sollten wir herkommen! Damit ihr mir 'mal wieder vor Augen führen könnt, welche Enttäuschung ich für euch bin?" – „Aber nein, Robert, ihr bekommt natürlich noch euer Hochzeitsgeschenk von uns." Einen Gutschein für Büromöbel, jippie! „Sagen Sie, Elisabeth, was haben Sie studiert?", versuchte mein Urgroßvater Wilfried die Situation zu entschärfen. „Ich habe nicht studiert. Ich habe eine Lehre zur Bürokauffrau gemacht." – „Oh. Interessant. Und wie sind Sie dann zur Mehrheitseignerin von Kerima geworden?" – „Mit viel harter Arbeit." Meinem Uropa gefiel Granny offensichtlich, aber meine Uroma hatte etwas gegen sie. „Naja, hochgeschlafen dürften Sie sich ja nicht haben." Sie bedachte Grandma mit einem abschätzigen Blick. „Okay, es reicht, Mutter! Hör auf, dein Gift zu versprühen. Ich liebe Lisa und nichts von dem, was du sagst und tust, wird das ändern. Ihr ward nicht zur Hochzeit, weil es euch wichtiger war, einen Wildfremden vor seiner gerechten Strafe zu bewahren. Meine Hochzeit war euch egal, ich bin euch immer egal gewesen, also braucht ihr euch jetzt auch nicht mehr einmischen." Damit war Grandpa in einem Anflug von Temperament aus dem Raum gestürmt und ließ meine Granny und seine Eltern verdattert zurück. Meine Granny hat sich recht schnell wieder gefangen: „Ich rede mit ihm." – „Das wäre auch angebracht, immerhin ist das Ihre Aufgabe als Ehefrau. Ich erkläre Ihnen gerne, wie ich meinen Mann immer unterstützt habe." Ein seltsames Friedensangebot von meiner Uroma, findet ihr nicht? „Nein danke, ich denke, Rokko ist ein Fall für sich und ich kriege das alleine hin."
Als Granny in Grandpas altes Zimmer kam, war der gerade dabei ihre Sachen zu packen. „Du willst abreisen?", fragte sie ihn. „Wonach sieht es denn für dich aus? Natürlich will ich hier weg und zwar schnellstmöglich." Grandpas Tonfall war nicht gerade freundlich. Er war sauer und ließ das leider an der falschen Person aus. „Ich glaube nicht, dass deine Eltern das so gemeint haben. Sie sind doch eigentlich…äh…ganz…umgänglich." – „Dann lass dich doch von ihnen adoptieren, wenn du es hier so toll findest." Meine Granny war ein ziemliches Sensibelchen und meine Großeltern hatten in den paar Monaten ihrer Beziehung und Ehe noch gar nicht gestritten. Darum stiegen Granny in diesem Moment die Tränen in die Augen. „Oh Lisa, es tut mir leid. Ich wollte nicht so mit dir reden." Grandpa ging auf Grandma zu und nahm sie ganz fest in den Arm. „Es ist nur… es ist vielleicht albern, aber ich war schon im Kindergarten immer das einzige Kind, das nie von seinen Eltern abgeholt wurde. Sie sind auch nie zu irgendwelchen Festen erschienen. Ich hatte immer nur das ‚amtierende' Au Pair-Mädchen dabei. Sie waren nicht zu meiner Abi-Feier und jetzt waren sie auch nicht zu meiner Hochzeit. Dein bester Freund hat versucht, mir die Nervosität zu nehmen, dabei wäre das die Aufgabe meines Vaters gewesen. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass sie sich für mich freuen würden." – „Das tun sie bestimmt – auf ihre Weise." – „Du bist zu gut für diese Welt, weißt du das? Ich hatte gehofft, sie wäre genauso nett zu dir wie deine Eltern es zu mir sind." – „Hmm, vielleicht sind sie wie mein Vater und brauchen für Nettigkeiten etwas länger. Und hey, es ist nicht albern, wenn man sich wünscht, dass die eigene Familie einen liebt. Du kannst das bei unseren Kindern ja besser machen, wenn du willst." – „Unseren Kindern?" Grandpa löste die Umarmung. „Ist etwa schon eines unterwegs?" – „Ich bin mir nicht sicher, aber möglich wäre es. Die Anzeichen sprechen dafür." – „Die Anzeichen?" – „Na du weißt schon." – „Oh, DIE Anzeichen." – „Ich habe vor unserer Abreise einen Schwangerschaftstest gekauft, aber noch nicht den Mut gehabt, ihn zu machen." – „Na dann los." Damals waren diese Schwangerschaftstest ja noch äußerst kompliziert – mit Urin und einer halben Ewigkeit warten. Granny und Grandpa saßen also in Badezimmer meiner Urgroßeltern und warteten darauf, dass in dem Kästchen ein Kreuz, ein Punkt, etwas Violettes oder was auch immer auftaucht und schmiedeten Pläne: „Wenn es ein Junge wird…", „Wenn es ein Mädchen wird…" Pling. Die Wartezeit war vorüber. „Und?", fragte mein Grandpa aufgeregt: „Ein Plus in diesem Kästchen und ein Plus im Kontrollkästchen bedeutet schwanger." – „Okay, und?" Granny drehte den Teststreifen zu Grandpa, hielt aber die entscheidenden Stellen mit ihrem Finger verdeckt. Langsam zog sie den Finger weg: „Ein Kreuz… Zwei Kreuze… Wir sind schwanger!" Tja, das war der Beginn von Tante Kati…ähm Katharina Kowalski, verheiratete Tremblay. Sie hat drei Kinder: Tom, Annie und Samuel und ist mittlerweile auch schon Oma.
„Willst du jetzt immer noch abreisen?" fragte meine Granny, als sich die erste Euphorie gelegt hatte. „Ja, natürlich will ich das noch. Du musst zum Arzt und dich gründlich untersuchen lassen und wir müssen es deinen Eltern sagen und Bruno will bestimmt auch wissen, dass er Onkel wird und…" Granny legte ihm den Finger auf den Mund. „Erstens hat das alles noch Zeit und zweitens ist das genau das, was deine Eltern erwarten. Verstehst du? Die wollen, dass du jetzt abhaust, damit sie sagen können: ‚So ist er eben unser Sohn.'" – „Du kannst ja ein richtiges Luder sein. Gut, dann bleiben wir hier und gehen morgen zu dieser schrecklich steifen Veranstaltung." – „Wir können ja dort die Bombe platzen lassen." – „Vor allen Geschäftspartnern? Oh ja, das wird sie schrecklich ärgern…" Die beiden hatten offensichtlich Spaß. Aber meine Urgroßeltern waren ja keine Unmenschen, nur stark unterkühlt halt. Sie haben nicht getanzt vor Freude oder so, aber sie haben sich über die Schwangerschaft gefreut.
„Morgen Schatz, wenn du im Kühlschrank nach etwas bodenständigem suchst, kannst du auch gleich aufhören." Grandpa war in die Küche seiner Eltern gekommen und beobachtete Granny dabei, wie sie den Kühlschrank durchforstete: „Ich wäre schon glücklich, wenn sich hier überhaupt etwas Essbares befinden würde. Das ist wie mit deinem Kühlschrank, nur dass es dort nicht das hier gab." Meine Granny hielt eine Flasche Nagellack hoch. „Wo sind denn meine Eltern überhaupt?" – „Schon in der Kanzlei, dem Caterer letzte Anweisungen geben." – „Du meinst: Den Caterer schikanieren." – „Oder so." – „Und was machen wir bis wir zu dieser Party müssen?" – „Och, da wüsste ich schon was." – „Was denn?" fragte Grandpa mit einem anzüglichen Grinsen. „Nicht was du denkst. Denk ein bisschen jugendfreier. Deine Ehefrau hat Hunger." – „Oh, ich biete mich freiwillig zum vernascht werden an." – „Spinner!"
Ja, so war er der erste und letzte Besuch meiner Großeltern bei Grandpas Eltern. Das Zerwürfnis war wohl zu groß, um irgendwie überbrückt zu werden. Granny hätte für ihre Bemühungen definitiv den Friedensnobelpreis verdient, aber naja… Es wurden Höflichkeitstelefonate geführt, Kinderfotos verschickt und Einladungen ausgesprochen, die von beiden Seiten immer höflich, aber bestimmt abgelehnt wurden. Grandpa hat angeblich nicht darunter gelitten – er hatte ja Grandma und deren Familie und dann bald selbst einen Stall voller Kinder, den er mit Liebe überschütten konnte.
