Monroe öffnete die Tür und … erstarrte, als er ausgerechnet SIE davor stehen sah, an Nicks Seite.
„Hey!" begrüßte sie ihn mit einem Schulterzucken. Irgendwie … sie roch nach Rauch, ebenso wie der Grimm. Gleichzeitig aber auch frisch gewaschen. Und … war ihr Haar nicht letztes Jahr lang gewesen?
„Ich wußte nicht, wo wir sonst wirklich ungestört reden könnten. Außerdem … ich hätte gern jemanden dabei", erklärte Nick ihm, während Natalie sich an ihm vorbeidrängte und sein Haus betrat. Ein Lindwurm!
Monroe war einiges gewohnt von seinem ungewöhnlichen Freund, und er wußte, eigentlich sollte er sich wirklich über nichts mehr wundern, aber … ein Lindwurm?
„Könntest du mir das bitte näher erklären?" zischte er, sich seinem Freund entgegenstellend. „Ich dachte, du wolltest sie so schnell wie möglich loswerden und dich nicht mit ihr verbrüdern?"
„Es ist … kompliziert, okay? Deshalb und weil du dich wesentlich besser auskennst." Nick verdrehte die Augen. „Ich kann sie nicht mit zum Trailer nehmen … noch nicht!"
„Noch nicht? Noch nicht? Was soll das denn heißen?" Monroe funkelte seinen kleineren Freund an. „Aber in meinem Haus darf sie sich breit machen oder wie darf ich das verstehen?"
Nick öffnete den Mund auf der Suche nach den richtigen Worten. Sein Blick glitt ab, dann schloß er die Augen und nickte. „Sie ist meine Patentante", sagte er endlich.
Monroe erstarrte und öffnete unwillkürlich die Tür weit genug, daß der Grimm an ihm vorbeischlüpfen konnte.
Patentante? Natalie Furlong? Nicks Patentante? Wie war das denn passiert? War er in ein Taufbecken gefallen, als sie beide ihren Fall bearbeiteten und sie hatte einen Priester aus der Hosentasche gezaubert?
Monroe erkannte, er würde die Antwort nie erhalten, wenn er jetzt nicht die Tür schloß. Also tat er genau das und drehte sich um.
Natalie Furlong hatte sich auf seinem Sofa niedergelassen, Nick stand im Türrahmen und sah ihn unverwandt an.
„Ich lege ein weiteres Gedeck auf", entschied Monroe endlich und verschwand in der Küche.
Das gabs nicht! Wen zauberte der Grimm denn noch aus dem Hut? Erst tauchte seine tot geglaubte Mutter wieder auf, dann entpuppte sich ein Lindwurm als seine Patin. Was als nächstes? Halb erwartete Monroe, daß jetzt auch noch Darth Vader auftauchen würde mit einer weiteren Sohnes-Offenbarung.
Nick folgte ihm in die Küche und holte drei Tassen aus dem Schrank, die er mit Monroes stets frisch aufgebrühten Kaffee füllte. In zwei davon goß er zusätzlich jede Menge Milch, ehe er zurückkehrte ins Wohnzimmer.
Als Monroe ihm schließlich folgte mit einem weiteren Teller und Besteck bewaffnet, saß Nick im Sessel Natalie gegenüber und musterte sie aufmerksam. Doch offensichtlich warteten beide mit ihrer Geschichte, bis auch er sich dazugesellte.
Monroe wußte nicht wirklich, was er von dieser Neuigkeit halten sollte, als er sich schließlich ebenfalls auf dem Sofa niederließ.
Nick, mit der Tasse in seinen Händen spielend, atmete tief ein und suchte offensichtlich erneut nach den richtigen Worten. Doch diesmal übernahm Natalie die Führung.
„Ich weiß, es gibt jetzt tausend Fragen, aber ich denke, um einen Hintergrund zu schaffen, sollte ich erst erklären, was es mit dem ganzen auf sich hat."
„Gute Idee", stimmte Monroe zu und lehnte sich zurück. „Am besten fangen Sie da an, als dieser … Unfall passiert ist."
Natalie warf ihm einen amüsierten Blick zu, griff dann nach ihrer eigenen Tasse und nahm einen Schluck. „Als die Grimm und die Lindwürmer ihren Handel schlossen, ging das zunächst ziemlich schief", begann sie dann, stellte die Tasse wieder auf den Tisch zurück und seufzte. „Die Menschen fuhren fort, die Lindwürmer zu bekämpfen und wandten sich auch gegen die Grimm. Und die begannen irgendwann auch noch, sich gegenseitig zu bekämpfen. Also … nach dem vierten Kreuzzug wurde eine neue Regelung in Kraft gesetzt. Die Lindwürmer bekamem sozusagen feste Grimm, jeweils Familien. Diese Grimm wurden aus sämtlichen Archiven und Aufzeichnungen gelöscht, um sie zu schützen."
„Klingt logisch, wenn sie selbst von der eigenen Art gejagt wurden", merkte Monroe an.
„Ja, das ist interessant, aber es erklärt nicht, was … was damals passiert ist und warum du ..." Nick runzelte verzweifelt die Stirn.
Natalie nickte und seufzte. „Meine Familie wanderte vor über hundert Jahren nach Amerika aus, und wir nahmen die Grimm-Familie mit", sagte sie. „Wie gesagt, niemand außerhalb dieser Regelung wußte, daß Grimm für uns arbeiteten, ebensowenig wie für eine der anderen Lindwurm-Familien. In jeder Generation, oder doch solange sie lebten, wurde ein Grimm erwählt, um uns zu schützen. Der letzte dieser Reihe war dein Vater, Reed Burkhardt."
Monroe klappte das Kinn herunter. Nick richtete sich auf.
„Mein Vater war auch ein Grimm?"
Natalie nickte lächelnd. „Und er war ein guter Freund", ergänzte sie. „Wenn zwei Familien solange miteinander zu tun haben wir unsere kommt es unausweichlich zu Freundschaften. Reed war für mich etwas wie ein großer Bruder, als ich aufwuchs. Ich war dabei, als deine Eltern heirateten und dann auch, als du getauft wurdest. Reed fragte mich, ob ich deine Patin werden würde, trotz daß Kelly dagegen war." Ihr Blick glitt ab, richtete sich nach innen. „Er sah in uns nie eine Gefahr, auch in anderen Wesen nicht. Vielleicht war das seine größte Schwäche. Für ihn waren Wesen eine andere Art Menschen, mehr nicht." Sie lächelte. „Du konntest meinen Namen nicht aussprechen, als du klein warst, darum nanntest du mich ..."
„Tante Lee", vervollständigte Nick den Satz.
Natalie nickte.
„Wow!" machte Monroe. „Das ist wirklich eine … rührende Geschichte. Aber, wenn Sie Nick doch so gut kannten und liebten, warum haben Sie dann letztes Jahr sein Leben riskiert?"
„Ich habe ihn nicht erkannt", gab Natalie zu. „Ich hätte mich informieren sollen, dann wäre ich unweigerlich über Reed gestolpert, auch wenn der nur als … Mensch geführt wurde, aber ich habs versäumt." Sie wandte sich wieder Nick zu und sah ihn an. „Und ich habe mein Versprechen gebrochen, was mir fast noch mehr leid tut."
„Welches Versprechen?" verlangte Monroe zu wissen.
„Mich zu suchen und zu finden", antwortete Nick für sie, hielt ihrem Blick stand.
Monroe fühlte sich wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Doch gleichzeitig … das hier war interessant, erklärte es doch das eine oder andere.
„Es ist damals so unendlich viel auf einmal passiert", gestand Natalie seufzend und schüttelte den Kopf. „Ich wußte die ganze Zeit, daß die Münzen irgendwann Schaden anrichten würden, aber nicht so!"
Nick beugte sich vor. „Was ist damals noch passiert?" fragte er.
Natalie griff wieder nach ihrer Tasse, nahm aber keinen weiteren Schluck sondern blickte auf den Milchkaffee darin, die Stirn gerunzelt. „Reed rief meinen Vater an und sagte, daß Kelly und er verschwinden und er deshalb seinen Dienst quittieren müsse", begann sie schließlich. „Dad war natürlich alles andere als erbaut. Nicht daß es eine große Rolle gespielt hätte. Die Zeiten haben sich geändert seit dem Mittelalter und wir befanden uns in keiner unmittelbaren Gefahr. Aber ..." Ein Muskel in ihrer Wange begann zu zucken. „Meine Familie hat es immer als einen wechselseitigen Vertrag angesehen. Die Grimm beschützten uns, ja, aber wir beschützten auch sie, wenn es nötig war. Mein Vater wollte seinen Teil dieses Vertrages einhalten, und daß hatte er Reed auch mehrmals gesagt."
„Dann wußtet ihr schon vorher, daß etwas vorging?" fragte Nick nach.
Monroe richtete sich jetzt ebenfalls auf und lauschte gespannt.
Natalie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Aber als Reed dann endlich eingestand, daß Kelly die Hüterin der Münzen war ..." Sie seufzte. „Von dem Tag an war mein Vater in ständiger Bereitschaft und warb Informanten und Spione in Europa an, die ihn warnen sollten, sollte etwas passieren."
„Wieder diese Münzen ..." murmelte Monroe abfällig.
Natalie lächelte humorlos. „Immer diese verdammten Münzen, ja. Es hält sich die Legende, daß sie auch geschaffen wurden, um Wesen zu infizieren und so leichter auffindbar zu machen für die, die sie jagen."
„Die Grimm", kommentierte Nick.
„Nicht nur. Auch andere Wesen."
„Royals?" fragte Monroe.
Natalie nickte und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Wir erhielten keine Warnung, nichts. Das ganze geschah aus heiterem Himmel", fuhr sie dann fort. „Dehalb stimme ich mit meinem Vater überein: wer auch immer das damals veranlaßt hat stammte aus den eigenen Reihen. Und da meine Familie schon zu der Zeit recht übersichtlich war ..."
„Ihr hattet Verbündete unter den anderen Familien, richtig?" fragte Nick.
Natalie grinste. „Sozusagen", antwortete sie. „Wir waren seit Jahrhunderten mit einer anderen Royal-Familie verbündet. Dad vermutete den Verräter dort … und ich tue es mittlerweile auch." Sie stellte die Tasse auf den Tisch und lehnte sich seufzend zurück. „Nachdem Reed uns informiert hatte, sammelte meine Mutter mich ein und wir fuhren gemeinsam zu eurem Haus in Rhinebek. Als wir ankamen war das Haus leer, aber Marie und du, ihr wart noch da. Sie wollte gerade fahren. Meine Mutter ist ins Haus, weil wir hofften, dort einen Hinweis zu finden, wohin deine Eltern sich wenden wollten. Es gab einen alten Code, den wir immer benutzten, wenn irgendetwas aus dem Ruder lief. Also vermuteten wir, Reed habe eine solche codierte Nachricht hinterlassen."
„Hatte er?" fragte Monroe, inzwischen gebannt lauschend.
Natalie schüttelte den Kopf. „Wir haben sie zumindest nicht finden können. Dafür aber ..." Sie stockte und sah auf. „Kimura war nicht am Unfallort, sondern im Haus, Nick. Er war der Meinung, die Münzen müßten dort sein. Meine Mutter lief in eine Falle." Sie schluckte hart. „Ich sagte Marie, sie solle dich wegbringen. Es gab eine Zuflucht für alle Fälle. Dort haben wir euch dann später aufgesucht. Ich weiß nicht, ob du dich daran noch erinnerst."
„Tue ich", nickte Nick mit hartem Gesicht. „Du kamst zu mir und sagtest, wir müßten gehen und daß du mich suchen würdest." Er zögerte, ehe er dazusetzte. „Und ich erinnere mich, daß du eine Waffe dabei hattest und angeschossen warst."
Natalie knöpfte ihre neue Bluse ein Stückweit auf und zog den Stoff zurück.
Monroe verzog das Gesicht, als er einen häßlichen hufeisenförmigen Bluterguß auf der Schulter sah. Aber da war auch eine Narbe, rund und gewölbt.
„Die Kugel konnte nicht entfernt werden", sagte Natalie leise, zog die Bluse dann wieder zurecht und nickte. „Ich folgte meiner Mutter ins Haus, als ich sie schreien hörte, und ich war mehr als glücklich, da nur mit einer Schußwunde wieder rauszukommen", erklärte sie. „Kimura war auf Blut aus, und auf die Münzen. Und … er fand sie."
„Mom hatte sie zurückgelassen?" fragte Nick ungläubig.
„Sieht so aus. Ich habe nur das Kästchen gesehen. Ich hatte kein Verlangen, mich den Münzen zu nähern, glaubs mir. Jeder, der ihnen nie begegnet, sollte mehr als glücklich sein."
Monroe beobachtete, wie es in Nicks Gesicht arbeitete.
Eines war merkwürdig, fiel ihm jetzt auf. Natalie schien nicht zu wissen, daß Kelly Burkhardt noch lebte, an ihrer Stelle jemand anderes gestorben war in jener Nacht.
„Mein Vater traf ein, ehe Kimura mich töten konnte", fuhr Natalie fort. „Kurz nach ihm kam dann auch die Polizei und teilte uns mit, daß es zu diesem Unfall gekommen war."
„Es war Mord!" entfuhr es Nick mit kalter Stimme.
„Damals ging man von einem Unfall aus", entgegnete Natalie. „Dad und ich fuhren zum Versteck, mit uns kam auch ein Polizist."
„Sergeant Andy", sagte Nick mit einem freudlosen Lächeln. „Er kam öfter, bis Tante Marie alles geregelt hatte und wir loszogen."
Natalie nickte. „Er war ebenfalls ein Wesen und stand auf der Gehaltsliste meines Vaters. Er sollte auf Marie und dich aufpassen, solange ihr eben noch in New York wart", erklärte sie. Dann seufzte sie wieder und senkte den Blick. „Nick, es tut mir wirklich leid, was damals passiert ist. Wir alle hatten Kelly gewarnt wegen der Münzen, aber sie bestand darauf, nachdem sie sie geerbt hatte, sie im Haus aufzubewahren. Wir boten ihr mehrmals an, daß wir die Kosten für ein Schließfach übernehmen würden, sollte das zuviel für euch sein. Aber sie traute uns einfach nicht."
„Weil ihr Wesen seid", sagte Nick ernst.
Natalie nickte. „Möglich. Kelly traute keinem von uns. Tat sie nie." Sie gluckste unterdrückt. „Glaub es oder nicht, sie wollte Marie das Haus verbieten, nachdem die mit Farley zusammenkam. Ich denke, ihr zwei seid euch begegnet, oder?"
Nick nickte. „Er lief anschließend Kimura über den Weg."
„Hörte ich." Natalie verzog das Gesicht. „Einerseits starb mit Kimura die letzte hiesige Möglichkeit herauszufinden, wer letztendlich hinter dem ganzen steckte, aber, glaube es mir, es ist besser, daß er tot ist. Du hättest nichts aus ihm herausgekriegt. Ich habs versucht, bei Gott!"
„Sie hatten Kimura in der Mangel?" fragte Monroe.
„Nicht wirklich, ich wünschte ich hätte. Aber … er war einmal inhaftiert worden vor einigen Jahren in Japan. Nur kurze Zeit, dann holte die Dragon's Tongue ihn wieder heraus. Aber ich flog kurz rüber, nachdem ich … sagen wir, ich berief mich auf einen gewissen Detective in Rhinebek, der den Unfall zum Mordfall erklärt hatte."
Nun war es ein Muskel in Nicks Gesicht, der zuckte.
Natürlich, kam es Monroe in den Sinn. Solange er sich nicht selbst eine blutige Nase holte, wollte Nick ja nie glauben, daß etwas unmöglich war. Gut, er hatte oft genug bewiesen, daß es das dann doch nicht war. Aber in diesem Fall …
„Wie gings weiter in jener Nacht?" fragte der Grimm. „Ich erinnere mich, daß da ein Umschlag weitergereicht wurde."
Natalie warf Monroe einen forschenden Blick zu, ehe sie antwortete: „Es gab einen Fond, für den Fall, daß der Wächter-Grimm umkam, um seine Familie abzusichern. In dem Umschlag befanden sich die Daten, um auf das Konto zugreifen zu können."
Monroe bemerkte den engen Blickkontakt zwischen den beiden. Da war noch etwas gewesen, aber sie wollte das nicht vor ihm sagen, begriff er. Sollte ihm recht sein. Es reichte ihm vollkommen, einmal überwacht worden zu sein.
„Marie fühlte sich nicht fähig, die Leichen zu identifizieren", fuhr Natalie schließlich fort, wenn auch deutlich zögernd nun. „Also sind wir zum Leichenschauhaus gefahren am nächsten Morgen, während sie sich um dich kümmerte."
„Die Leichen sind anhand medizinischer Berichte identifiziert worden", entgegnete Nick hart.
Die Lindwurm nickte. „Da war nicht mehr viel zu identifizieren, darum mußten wir letztendlich darauf zurückgreifen. Reed war nicht ganz so … er war noch erkennbar. Kelly dagegen ..." Sie schluckte und schüttelte den Kopf, den Blick wieder nach innen gerichtet. „Es tut mir so leid, Nick", flüsterte sie schließlich heiser.
Der wandte sich ab.
„Eines allerdings verstehe ich nicht", wandte Monroe ein.
Nick fuhr zu ihm herum und schoß einen mörderischen Blick auf ihn ab.
Natalie dagegen musterte ihn interessiert. „Was?"
Monroe schloß den Mund, als er verstand.
Nick wollte nicht, daß sie erfuhr, daß seine Mutter noch lebte. Warum auch immer. Wenn er Natalie wirklich trauen würde, würde er es ihr doch sagen, oder?
Monroes Gehirn arbeitete auf Hochtouren, während er fühlte, wie das Schweigen immer stärker auf ihm lastete. „Ich … äh ..." Das Pfeifen des Dampfkochtopfes enthob ihn einer Antwort.
„Dinner ist fertig!"
