Versprich es

Wenn er für jede Minute, die er am Telefon verbrachte, einen Nickel bekommen würde, wäre er ein reicher Mann. Mrs. Chase ausfindig zu machen, erwies sich als reinstes Verwirrspiel. In Melbourne teilte man ihm mit, dass Dr. Chase sämtliche Formalitäten erledigte, dafür aber im Gegenzug äußerste Diskretion erwartete.

„Ich verstehe. Ich bin kein Reporter oder rachsüchtiger Patient. Ich habe Chase junior bei mir und brauche dringend etwas, das ich ihm sagen kann. Er ist dreizehn Jahre alt und vermisst seine Mom."

„Das tut mir leid." Die Stimme am anderen Ende klang jetzt etwas freundlicher. „Dr. Chase hat ausdrücklich betont, dass nur er informiert werden darf. Er wird sich sicher bei Ihnen melden."

„Ich erreiche ihn seit drei Tagen nicht mehr." Das war ein bisschen geflunkert, aber er riss sich nicht darum, den Umweg über Rowan Chase zu gehen. „Er hält sich in Europa auf, und ich habe solange den Sohn hier bei mir in den Staaten. Er ist krank und braucht ein bisschen Zuspruch."

„Ich glaube nicht, dass seine Mutter ihm die in ihrer gegenwärtigen Situation geben kann. Warum rufen Sie nicht Mrs. Chase' Schwester an? Sie hat sie bei der Verlegung in die Reha begleitet."

Ungeduldig tippte er mit dem Kugelschreiber auf die Schreibunterlage. „Können Sie mir die Nummer nennen?"

„Dazu bin ich leider nicht befugt."

Er knallte den Hörer auf, bevor er die körperlose weibliche Stimme anschreien konnte.

oOo

Robert fragte nicht mehr nach ihr. House hielt das für ein schlechtes Zeichen. Als er ihn am Abend beim Essen darauf ansprach, reagierte er mit Abwehr. „Sie will mich nicht mehr."

Der Eindruck war zumindest nachvollziehbar. „Und du willst sie nicht mehr. Das ist nur fair."

Bedrückt legte er die Gabel zur Seite und senkte den Blick. „Ich kann sie nicht beschützen. Sie wäre auch krank geworden, wenn ich bei ihr gewesen wäre, oder?"

„Die Krankheit deiner Mom hat mit dir gar nichts zu tun. Versuch' das in dein stures Köpfchen zu kriegen."

„Keiner will mich haben." Er presste die Lippen aufeinander. Es klang nicht traurig, nur enttäuscht und endgültig. „Ich will sie auch nicht mehr haben. Ich gehe nicht zurück."

Das kam überraschend. Er überlegte einen Moment, während er das kleine Gesicht mit den trotzig aufgeworfenen Lippen und den zusammengezogenen Brauen betrachtete, und zog die einzige Karte, die ihm einfiel. Lahm. „Es sind deine Eltern."

„Ich komme ohne sie zurecht. Ich bin kein Baby mehr."

House ahnte, dass er sich auf emotionalem Glatteis befand. Die Tage bei ihm hatten ihm bewusst gemacht, wie das Leben sein konnte. Wie es aussehen sollte. Er war noch ein Kind und hatte endlich die Möglichkeit, sich wie ein solches zu benehmen. Toben zu dürfen, ohne von einer vom Hangover geplagten Mutter zur Ruhe ermahnt oder gar angebrüllt zu werden. Aufmerksamkeiten zu genießen, die selbstverständlich sein sollten – wie der Vorrat an Eiscreme, den er in seinem Kühlschrank jederzeit zugänglich aufbewahrte. Sich Streicheleinheiten abzuholen, wann immer ihm danach zumute war. Neugierig sein, Fragen zu stellen, Antworten zu erhalten. Der Junge absorbierte Wissen wie ein Schwamm. Er war begierig auf Neues, wild auf Herausforderungen. Seine Welt zuhause war klein. Zum Erkunden fehlten ihm die Zeit und jemand, der mit ihm auf die Reise ging.

„Gibt es jemanden zuhause, den du anrufen willst?" fragte er ihn. „Freunde, Verwandte?"

„Ich hab keine", schmollte er und stieß die Gabel in die Ravioli.

„Ich möchte, dass du dort anrufst", sagte er und bemühte sich, Autorität durchklingen zu lassen. „Denk nach. Du musst jemanden haben. Eine Tante, Onkel, Großeltern…"

„Granny." Er hob den Kopf, und in seinen Augen funkelte es plötzlich. „Darf ich sie anrufen? Ich würde sie gern anrufen. Bitte."

„Gut." Hoffentlich war das die Granny mütterlicherseits. „Hast du die Telefonnummer?"

Er hatte. Mrs. Leary lebte in Sydney und sprach mit schwach ausgeprägtem schottischem Akzent, und er konnte nicht verhindern, dass ihn ein Triumphgefühl überkam, als sie sich meldete. Er wechselte ein paar Worte zur Erklärung mit ihr und übergab den Hörer dann dem aufgeregt zappelnden Jungen. Mit einem kurzen fragenden Blick betätigte er die Lautsprechertaste; Robert war so glücklich, dass er zum Zeichen des Einverständnisses nur atemlos nickte.

„Granny! Ich bin in Amerika!"

„Schätzchen. Geht es dir gut?"

„Greg passt auf mich auf. Wir wohnen zusammen."

„Ist das dein Doktor?"

„Granny." Er klang plötzlich tränenerstickt. „Ich will heim."

„Liebling, das geht nicht. Hat dein Vater dir nichts gesagt? Es wird noch ein paar Wochen dauern, bis-… Deine Mama braucht einfach noch ein bisschen Zeit. Sei ein braver Junge und tu', was man dir sagt, ja? Rowan sagt, Dr. House ist ein zuverlässiger Mann. Du tust nichts, was ihn ärgern könnte, ja? Gehst du zur Schule?"

„Ich kann doch zu euch kommen", schlug er mit belegter Stimme vor, wohlweislich nicht auf ihre letzte Frage eingehend. „Wie in den Sommerferien. Granny, bitte."

Sie seufzte. „Du weißt doch, dass es deinem Großvater nicht gut geht. Und die Aufregung um Victoria… Ich könnte mich gar nicht um dich kümmern. Wer soll dich denn unterrichten? Du musst doch zur Schule gehen. Rowan sagte uns, es ist für alles gesorgt."

Seine großen Augen suchten seine; es war deutlich zu sehen, dass er nicht verstand. Wollen sie mich wirklich nicht? „Wo ist Mama?"

„Sie ist bei uns. In einer speziellen Klinik in Sydney. Es geht ihr nicht so besonders gut. Ich richte ihr aus, dass du angerufen hast, ja? Sobald sie kann, ruft sie dich zurück. Mach' dir keine Sorgen. Gib mir deine Telefonnummer, Schatz. Du bist ein lieber Junge. Mach' uns keine Schande im fernen Amerika, hörst du?"

„Kann ich sie anrufen?" Seine Stimme zitterte. „Ich will mit ihr sprechen. Es kann ihr doch nicht so schlecht gehen, dass sie nicht mit mir reden kann."

„Gibst du mir Dr. House noch mal an den Apparat, mein Schatz?"

House schaltete die Lautsprecherfunktion ab.

„Geht es dem Jungen gut? Ist er gesund?" fragte Mrs. Leary. Es war angenehm, wenigstens bei einem Familienmitglied so etwas wie Mitgefühl und Besorgnis zu bemerken.

„Ihm fehlt nichts. Physisch ist er vollkommen gesund."

„Gott sei gedankt. Ich hätte ihn zu mir genommen, als das mit Victoria passiert ist, aber Rowan sagte, er sei gut aufgehoben, und mein Mann ist nicht bei bester Gesundheit."

„Es passiert nicht das erste Mal. Sie müssten daran gewöhnt sein."

Sie klang plötzlich argwöhnisch. „Hat Robbie Ihnen etwas erzählt?"

„Robbie ist ein tapferer kleiner Bursche. Und ein Krankenpfleger, eine Putzfrau und ein Koch in einem. Gut, wenn er so praktische und nützliche Tätigkeiten früh lernt. Das wird seine Chancen auf eine glückliche Ehe ungemein erhöhen. Hoffentlich schenkt ihm seine Mom dafür mal einen Gameboy. Den hat er nämlich noch nicht, weil Mama andere Pläne mit der Alimentenzahlung hat. Ich vermute, sie heißen Mr. Daniels und Mr. Beam."

„Sie brauchen nicht grob zu werden, Dr. House. Wir alle wissen, dass es nicht einfach ist für Victoria."

„Dafür schafft es der Junge mit links."

„Rowan wollte ihn schon vor der Trennung ins Internat nach England geben", erklärte sie mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. „Er ist alles, was Victoria geblieben ist. Sie können nicht ernsthaft glauben, dass er ihr das auch noch nehmen sollte."

„Nein", sagte er und begriff, dass es zwecklos war. „Ich verstehe, dass sie ihn behalten will. Sie glauben gar nicht, wie gut ich es verstehe."

„Er ist ein gutes Kind", bekräftigte sie noch einmal. „Er wird alles tun, was Sie ihm sagen. Er ist kein Rebell. Das ist er nie gewesen. Mit der Pubertät ist er ein wenig stiller geworden, aber das ist normal und bestimmt kein Grund zur Annahme, dass er schwierig wird."

House fragte sich, wie lange Robert für Granny bereits in der Pubertät war. „Er macht mir keinen Ärger. Eigentlich ist es geradezu unheimlich, wie wenig Ärger er macht. Ich glaube, er hat erfahren, dass Rebellion und Aufsässigkeit zuhause nicht sonderlich gut ankommen. Was eigentlich an der Tagesordnung wäre in seinem Alter."

Es war bewundernswert, wie ruhig sie blieb. „Sie kennen den Jungen erst seit ein paar Tagen. Rowan und Vicky haben ihn nie verwöhnt. Er weiß, dass Reichtum und Wohlstand keine Selbstverständlichkeit und schon gar nicht eine Garantie für ein sorgenfreies Leben sind. Er weiß, dass seine Mutter gelegentlich Probleme hat, die sie auf die falsche Art bekämpft. Fragen Sie ihn, ob er nach England will. Fragen Sie ihn, ob er lieber bei seinem Vater wäre. Er würde Vicky nie verlassen. Wenn Sie das wollen, reißen Sie ihm die kleine Seele aus dem Leib. Tun Sie ihm das nicht an. Seine Mutter ist alles, was er hat."

Sie schreit ihn an. Sie bedroht ihn. Sie ertränkt ihn. Sie bricht ihm den Arm. Sie stößt ihn Treppen hinunter. Aber es war eigenartig, dass ihn plötzlich die Ahnung überkam, Granny im fernen Sydney könnte recht haben.

oOo

Nach dem Anruf verschloss er sich endgültig. Er sprach tagelang nicht mehr über seine Eltern oder sein Zuhause. Er weinte nicht, aber er hörte ihn auch nicht mehr unbeschwert lachen und sah ihn nicht mehr aus purem Bewegungsdrang durch die Gegend rennen. Blass wurde er, und die heimatliche Goldtönung seiner Haut wurde fahler.

Am Wochenende nahm er ihn mit an den Strand nach Atlantic City, obwohl die Temperaturen eigentlich noch zu frisch zum Baden waren, aber die Sonne schien warm, und ein Tag am Meer würde ihm sicherlich gut tun.

Diesmal war ihm der Ozean kaum einen Blick wert. Er blieb anhänglich, fast rührend scheu an seiner Seite, als ob er aufpassen wollte, dass er ihm nicht verloren ging. House war bestürzt, als er merkte, dass es tatsächlich so war.

„Du gehst nicht weg", stellte er zögernd sicher, als er ihn vorausschickte, um die Wassertemperatur zu überprüfen.

„Dummer Junge. Wo soll ich denn hingehen?"

Er zuckte die Achseln und ging los, wobei er sich mehrmals zu ihm umdrehte. House rollte die Decke aus, während er ihm nachblickte. Bis auf ein paar ebenso unerschrockene Badegäste gehörte der Strand fast ihnen allein. In seinen roten Schwimmshorts, die ihm beinahe bis zu den Knien reichten, war er gut im Auge zu behalten. Es kam ihm so vor, als ob er absichtlich langsam ging, um auf ihn zu warten. House streifte die Kleider ab und bedeutete ihm dann, zu laufen. Als er zögerte und sich ihm zuwandte, brach es ihm schier das Herz.

Er begann zu laufen und ließ einen markerschütternden Kriegsschrei los, der ihn endlich aus seiner Starre holte. Schlagartig ging eine Veränderung mit ihm vor. Robert kreischte vor Vergnügen, warf sich herum und flitzte davon.

Er war schnell für einen so kleinen Jungen, und statt ins Meer zu rennen, jagte er eine lange Strecke am Strand entlang vor ihm her, bis er gleichauf mit ihm war. Jauchzend änderte er die Richtung und schoss in die Fluten. Robert schrie vor Entzücken, als die erste hohe Welle über sie hinweg rollte und House instinktiv nach ihm griff, um ihn festzuhalten. Die rohe, gewaltige Kraft riss ihn von den Füßen, und er ließ sich in die nächste Welle fallen, den kleinen Körper eng an sich gepresst. Hätte er ihn allein in die See laufen lassen, er hätte Angst um ihn gehabt. Zwar war er am Meer aufgewachsen, aber wer konnte sagen, ob er Zeit genug gehabt hatte, um die Gewalten richtig einschätzen zu lernen.

Er lachte. Obwohl das Wasser eiskalt war und sich wie Nadelstiche auf der Haut anfühlte, obwohl er Schwimmen eigentlich hasste und dem Meer mehr als nur Respekt entgegenbrachte. Die Brandung war gewaltig, und er ließ den Jungen kaum los. Wenn er es doch tat, kam er sofort zu ihm zurück, ließ sich in wonniger Ausgelassenheit in die nächste herankommende Welle werfen, und House breitete die Arme aus und holte ihn wieder her zu sich. Das unbedingte Vertrauen, das er in ihn hatte, war so wunderbar, dass es sich wie eine Belohnung anfühlte.

Ihre Lippen waren blau, als sie schließlich zurück zum Strand schwammen. Er war ein guter Schwimmer, wie alle Ozeanier. Im warmen Sand ließen sie sich fallen, und Robert rollte sich vergnügt auf ihn. Sand verklebte ihr Haar, haftete auf ihrer Haut und ließ sie heftig prickeln. Er drehte sich atemlos auf den Rücken und ließ ihn auf sich liegen. Jeder, der vorbei ging, musste sie für Vater und Sohn halten, die einen fröhlichen gemeinsamen Nachmittag verbrachten. Er war unglaublich stolz, wenn er es in den freundlichen Mienen der Strandläufer lesen konnte.

In der warmen Sonne schlief er ein, kaum dass er die Decke berührt hatte. House las ein bisschen die am Kiosk gekaufte Zeitung, ehe er ebenfalls eindöste. Sanftes Streicheln weckte ihn auf, und er war überrascht, als er den Jungen ganz vertieft beim Nachzeichnen seines Bizeps ertappte.

„Ich möchte auch mal so stark werden", vertraute er ihm an, als er sah, dass er wach war.

„In zehn Jahren bist du's."

„Ich will Doktor werden."

„Was wird aus dem Pulitzerpreis?"

Er zuckte die Achseln. „Kann ich immer noch gewinnen, wenn ich achtzig bin."

House nahm seine Hand und tat so, als würde er sie ausgiebig studieren. „Damit kannst du Pianist werden. Oder Buchmacher. Oder Chirurg."

„Chirurg dann", entschied er.

„Papas Junge."

„Meinem Vater ist es egal, was aus mir wird."

„Oh, nein. Dein Dad hat große Pläne mit dir."

„Er kümmert sich gar nicht um mich."

„Du bist noch nicht interessant genug. In drei, vier Jahren, wenn deine Hormone überschießen, wird er dir die Hölle heiß machen. Dich dressieren und drangsalieren, bis du das tust, was er sich für dich ausgedacht hat. Die Entwürfe für deine Zukunft liegen verbrieft und versiegelt in seiner Schublade. Alle Väter machen das so, wenn sie alt und wunderlich und sentimental werden. Das ist ihr Trick."

„Ich gehe nicht zurück. Ich bleibe hier."

„Komm wieder, wenn du ausgewachsen bist."

„Hat Mr. House gewollt, dass du Arzt wirst?"

Gute Frage. „Mein Dad ist Offizier bei der Armee. Kein Job, den man dem Sohn vererbt."

„Dann muss er stolz darauf sein. Arzt ist besser als Offizier."

Einen Moment war er verblüfft über seine Logik und die Schnelligkeit, mit der er ihn durchschaut hatte. „Deswegen hab ich es getan. Um ihm eins auszuwischen. Um ihm zu beweisen, dass ich etwas Besseres leiste als er."

Sein Gesicht wurde plötzlich ernst. Er setzte sich auf, malte Kreise in den Sand und sah ihn nicht mehr an. Eigenartig, aber es drängte ihm, es dem Jungen zu erklären. Er sollte nicht glauben, dass es darum ging, seinen Vater auszustechen.

„Ich möchte, dass du das begreifst." House drehte ihn am Arm zu sich um. „Es tut ihm nicht weh. Er weiß gar nicht, wie sich das anfühlt, glaub mir. Wenn ich Arzt geworden wäre, um ihn zu beeindrucken, hätte ich mich völlig umsonst im Studium angestrengt und mich mit Formeln und Fachbegriffen abgeplagt. Genau so gut hätte ich Hilfsarbeiter im Hafen werden können, es hätte ihm nicht gleichgültiger sein können."

„Das sollte es nicht", sagte er leise.

„Wenn es mich glücklich gemacht hätte, wäre ich Hafenarbeiter geworden. Niemand hätte mich davon abhalten können. Aber ich bin Arzt geworden, weil ich es wollte. Weil es meine Begabung ist. Verstehst du das?"

Er nickte, nicht ganz überzeugt. Schließlich flüsterte er: „Ich wünschte, du wärst mein Dad. Auch wenn es Sünde ist."

„Ich wünschte, ich könnte dich behalten", erwiderte er, seltsam betroffen von dem unerwarteten Geständnis. „Auch wenn es dir das Herz brechen würde."

Er sah so entschlossen auf, dass er für einen Augenblick stutzte. „Das würde es nicht."

„Aber es würde deine kleine Seele zerreißen. Ich bin dazu imstande. Und ich hätte keine Skrupel, es zu tun. Du kannst nicht bei mir bleiben, solange du gut sein willst und zauberhaft bist."

„Es würde mir nichts ausmachen."

House schloss die Augen und konzentrierte sich auf die wärmende Sonne auf seiner Haut. Roch das Aroma von Meer und Sand und sonnendurchströmter Haut. „In ein paar Jahren bist du reif für mich. Wenn sie dich gebrochen und deiner Unschuld beraubt haben. Dann darfst du wiederkommen."

Er schluchzte unterdrückt. Vermutlich machte er ihm angst. Besser so.

„Ich will jetzt bleiben."

„Hör zu." Er wandte sich ihm zu und hoffte, genügend Ernst in seine Stimme zu legen. „Du bist dreizehn Jahre alt. Ich bin dreiunddreißig und ein meistens ziemlich unausstehlicher Junggeselle. Selbst, wenn es legal möglich wäre, kann ich dich nicht behalten. Ich bin unzuverlässig, inkonsequent und ganz bestimmt nicht der Typ, den man gern zum Daddy hätte. Was ich mit dir mache, ist nichts weiter als ein Zeitvertreib. Du bist süß, amüsant, leicht zu haben. Ich fühle mich gut, wenn du bei mir bist, weil ich mir selber zeigen kann, was für ein toller Kerl ich sein kann, wenn mir danach ist. Aber ich werde meine Abende haben, in denen ich zu betrunken bin, um dich in den Schlaf zu singen. Ich werde mein Bett hin und wieder mit einer Frau teilen wollen. Ich neige zu Jähzorn, scheue Verpflichtungen und brauche meinen Freiraum. Was nicht deine Schuld ist, denn du bist ein Kind und solltest einen Erwachsenen in Anspruch nehmen dürfen, wie du es brauchst. Ich kann dir das nicht bieten. Auf Dauer wären wir beide nicht glücklich miteinander. – Natürlich bleibt uns immer noch Paris", fügte er im Versuch eines Scherzes hinzu, den der Junge nicht verstand. Casablanca hatte er noch nicht gesehen.

Zuerst befürchtete er, er würde weinen oder enttäuscht zum Wasser laufen. Oder ihm eine Handvoll Sand ins Gesicht werfen. Aber er tat nichts dergleichen. Seine großen grünen Kinderaugen richteten sich in seine, und er wusste nicht, wie lange er ihnen standhalten würde.

„Habe ich etwas falsch gemacht?" Die Frage war das letzte, was er erwartet hatte. Er klang ruhig, fast fatalistisch.

„Du bist nur zu jung. Das ist dein einziger Fehler, und dafür kannst du nichts."

An seiner Stelle wäre er jetzt aufgestanden und davongerannt. Aber er blieb sitzen. Regte sich nicht. Bohrte nur die Zehen in den Sand. Nach einer Weile hob er endlich den Kopf.

„Versprochen?"

„Was?"

„Versprochen, dass ich wiederkommen darf."

„Ich verspreche es", sagte er, und er meinte es so.

oOo

Am Abend ging er mit ihm in ein französisches Fischrestaurant am Pier. Genau das richtige für seinen wagemutigen Aussie. Sie setzten sich draußen auf den Steg, wo sie die einzigen Gäste waren. In seinem warmen neuen Sweater würde er bestimmt nicht frieren, und der Wind schien ihm nichts auszumachen. Seine Wangen waren frisch gerötet, und die Haut leuchtete wieder golden. Mission gelungen. Er bestellte Fisch, Muscheln, Langusten, Austern und Hummer. Die Bedienung wandte sich liebenswürdig an den Jungen. „Und was darf ich dir bringen, junger Mann?"

„Dasselbe", sagte er würdevoll. „Und Kartoffeln."

Der Kellner blinzelte verwirrt. House nickte ihm bestätigend zu. „Bringen Sie eine Extraportion Salzkartoffeln dazu."

Das Austernschlürfen brachte ihn zum Lachen, und er probierte zwei davon, bevor er halb enttäuscht, halb erleichtert feststellte, dass es nach nichts schmeckte. „Wie rohes Ei aus der Schale."

Dafür liebte er die Dorade und den Seelachs, und beim Fleischauslösen der Hummerscheren amüsierte er sich königlich. Er kostete bereitwillig, als House ihm die erste Gabel davon über den Tisch in den weit geöffneten Mund schob. Es war neu für ihn, aber er stürzte sich mit wahrem Eifer auf die fremden Speisen. Besonders die Langusten hatten es ihm angetan. Beim Essen konnte er regelrecht verspielt sein, ohne unappetitlich zu werden – in House' Augen ein wahres Kunststück. Süß war er, wenn ihm die Buttersauce über das Kinn lief und er sie mit dem Finger abstrich. Wie man es heranwachsenden Jungen nachsagte, war er kein zaghafter Esser. House fragte sich, wo er die Mengen hin aß, erinnerte sich aber, in seinem Alter genau so gefräßig gewesen zu sein. Die Petersilienkartoffeln verputzte er bis auf den letzten Rest.

Es war bereits dunkel, als sie zurück zum Parkplatz gingen. Der Junge war so erledigt, dass er ihn die letzten Schritte freiwillig trug, bevor er auf den Boden aufschlagen würde. Schlaff hing er in seinem Arm und ließ den Kopf auf seine Schulter sinken, die Lippen noch verschmiert von Creme Brulée. Mit leichter Besorgnis stellte er fest, dass er sich ungewöhnlich warm anfühlte. Alpträume, Absenzen - und Fieberschübe. Vermutlich hatte er einen heraufbeschworen. Es tut mir leid.

Auf der Rückfahrt mussten sie anhalten, weil er sich übergeben musste. House umfasste ihn stützend und hielt sein Haar zurück, damit es nicht besudelt wurde. Kein Zweifel, der Junge hatte Fieber. Und es war nicht das Essen, das ihn quälte.

„Raus damit", sagte er rauh, als er erneut würgte und haltsuchend seinen Arm umklammerte. „So ist es gut. Das ist mein Junge. Alles gut."

Aber es war nichts gut. Der kleine Körper in seinem Arm krampfte, und die Haut glühte.

Verdammt, verdammt, verdammt.