Sternensplitter, die keine sind" - Kapitel 10

Der Himmel über Septima war so bewölkt, dass keine Sterne zu sehen waren. Schnell fröstelte Septima in ihrem dünnen Pulli, drehte aber dennoch nicht um, sondern lief einfach weiter.

Was wollte sie? Was fehlte ihr? Und wohin, verdammt, wollte sie überhaupt?

Ihr fiel keine Antwort ein.

Sie überlegte, wann es begonnen hatte, dass sie nicht mehr glücklich mit Alan war. Vielleicht damals, als die Träume von Minerva wieder angefangen hatten? Warum hatten sie begonnen? War ihre Liebe für Alan nur Einbildung gewesen?

Als sie nach Hogwarts gegangen war, war es besser geworden. Mit Alan in intensivem Briefkontakt zu stehen und ansonsten voll und ganz in ihrer Arbeit aufzugehen, hatte sie glücklich gemacht. Minerva häufig zu sehen, ansonsten aber einfach alleine zu , hatte sie glücklich gemacht. Sie war zufrieden mit sich selbst gewesen.

Das Bild von Hermione kam Septima in den Sinn. Hermione, mit funkelnden jungen Augen, die sie angehimmelt hatte. Hermione hatte sie tief berührt, Hermione hatte ihr das Gefühl gegeben, jung zu sein und leben zu können. Noch immer liebte sie sie, jedoch nicht so, wie sie von ihr geliebt worden war. Aber Hermione war die erste Frau gewesen, die sie geküsst hatte.

Danach, ja, das wusste sie jetzt wieder, war Septimas Sehnsucht immer größer geworden.

Sie hatte sich weiter von Alan zurück gezogen, sich aber gleichzeitig auch nicht getraut etwas zu unternehmen, um ihr Glück zu finden. Bis vor einigen Wochen.

Traurig schlug Septima ihre Augen nieder und verließ den Kieselweg.

Schnell hatte sie die Lichter der Laternen hinter sich gelassen und nur der Mond beschien ihren Weg. Sie wollte nicht nachdenken. Es tat ihr weh. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass ihr einfach der Mut fehlte. Sie wusste nicht mehr, wer sie selbst war.

Septima lief immer weiter, wich Bäumen und Büschen aus, bis ihre Füße ihr weh taten und sie sich einfach auf den trockenen Boden sinken ließ. Sie legte sich auf den Rücken, streckte ihre Arme aus und starrte in den Himmel. Sie versuchte nicht das Zittern, das ihren Körper in regelmäßigen Schüben durchfuhr, zu unterdrücken. Irgendwie tat ihr die Kälte, die ihren Körper durchzog, gut. Sie ließ einiges klarer erscheinen.

Septima wusste, dass sie zwar klug war, dass sie Selbstreflexion aber gerne lange vor sich her schob. Am liebsten zog sie sich zurück und ließ andere handeln. Sie beobachtete gerne. So hatte sie sich auch nie explizit Gedanken über ihre Sexualität gemacht. Eigentlich wurde sie begehrt und begehrte im besten Fall zurück. So war es bei Alan gewesen, so war es bei Hermione und bei Rolanda gewesen. So war es bei Enigma.

Nur bei Minerva, da war es anders. Minerva hatte sie leider nie begehrt. Nur sie selbst, sie hatte sich nie von ihrer Liebe zu Minerva lossagen können. Was sie auch getan und versucht hatte, für immer konnte sie sie nie aus ihrem Kopf verdrängen.

Was war es, das sie vor einigen Wochen endlich dazu gebracht hatte, etwas zu tun und diese Anzeige zu erstellen?

Septima schloss ihre Augen und drehte sich auf die Seite.

Alles war durcheinander. Alan hatte sie angeschrien. Sie hatte Alan verletzt. Alles war so anders. Niemals hätte sie gedacht, dass es dazu kommen würde. Alan neigte nicht zu Wut oder zu Ausbrüchen. Aber Alan war nicht mehr der, den sie gekannt hatte. Auch sie war nicht mehr die Gleiche.

Sie wusste, was sie beide vor einigen Wochen so erschüttert hatte. Ein ehemaliger Freund von Alan und ihr aus der Universität war verstorben. Er war schon lange traurig gewesen. Septima hatte nichts davon gewusst, dass er schon mehrmals versucht hatte, sich umzubringen und war aus allen Wolken gefallen, als sie die Nachricht erreicht hatte.

Er war jemand gewesen, der das Leben immer in vollen Zügen genossen hatte und genauso unter ihm gelitten hatte. Ein wenig gegensätzlich zu ihr selbst. Sie hatte immer die Mitte bevorzugt: keine Höhen, dafür auch keine Tiefen.

Bevor sie mit Alan zusammen gekommen war, hatten sie beide eine kleine Romanze erlebt, aber Septima hatte sich nicht getraut es auszuleben. Sie waren im Streit auseinander gegangen. Er hatte ihr vorgeworfen, innerlich tot zu sein und, noch schlimmer, gar nicht leben zu wollen. Kurz danach war sie mit Alan zusammen gekommen.

Als er vor einigen Wochen nun wieder in ihr Leben getreten war, indem er sie durch seinen Tod wachgerüttelt hatte, hatte sie entschieden, endlich zu Leben. So war es also dazu gekommen.

'Liebe', dachte Septima melancholisch. Die Kälte, die Müdigkeit und die das Gefühl, der Dringlichkeit in ihr, machten, dass ihre Gedanken in diese Bahnen geraten waren. 'Liebe, Leben und Glück. Warum strebe ich danach?'

Alan liebte sie. Er liebte sie wirklich, das wusste sie. Aber auch Alan fiel das schwer. Er zwang sich dazu, sie weiter zu lieben, weil er an ihrer Beziehung arbeiten wollte, sie nicht so schnell aufgeben wollte.

Was sollte sie nur tun?

In den letzten Wochen hatte sie nicht nachdenken wollen, nicht zögern, nicht verantwortungsbewusst sein, nur lieben, leben und glücklich sein. Aber jetzt ging es so nicht weiter. Wenn sie damit Alan verletzte, musste sie sich endlich entscheiden.

Wollte sie sich von Alan trennen?

Schon allein der Gedanke trieb ihr die Tränen in die Augen. Das konnte sie ihm nicht antun. Sie wollte ihn nicht verletzen. Damit würde sie sich selbst mindestens genauso verletzen.

Plötzlich befiel sie eine unbeschreibliche Zärtlichkeit beim Gedanken an Alan. Sie dachte an sein wuscheliges Haar, an seine rauen Wangen und seine hellen, blauen Augen, die stets sanft und verträumt drein blickten. Sie dachte an die Gespräche mit ihm und an das Gefühl der Geborgenheit, das er ihr gab.

Hatte sie ihrer Liebe keine Möglichkeit zu überleben gegeben? Hatte sie sich nicht genug bemüht? Hatte sie sich auf ihrem Traum von einer möglichen Liebesbeziehung mit einer fernen Frau ausgeruht und sich dadurch immer mehr von ihrem Ehemann wegbewegt?

Liebe, wurde ihr plötzlich klar, diese eine Liebe existierte nur als gegenseitige Liebe. Diese Liebe basierte auf Austausch und auch auf Arbeit. Auf Kompromissen und eben dem Entschluss und der Bereitschaft mit der anderen Person leben zu wollen, sie lieben zu wollen. Komme was wolle, hatten sie sich zur Hochzeit versprochen.

Die einseitige Liebe war etwas anderes. Wie sollte man wirklich lieben können, wenn man die andere Person doch gar nicht kennt? Denn kennen lernen konnte man eine Person doch nur durch die Liebe.

Wie kam sie darauf, dies alles weg zu werfen für... für die Freiheit, die keine Freiheit war? Für die Illusion einer Freiheit? Dafür, dass sie weiter ihren Träumen hinterher springen konnte, immer mit dem Risiko, dass ihre Träume sich auch als das herausstellten: Als bloße Träume ohne einen Zusammenhang mit der Realität?

Sie selbst hatte die Liebe aufgegeben, nicht die Liebe sie. Sie selbst hatte ihre Schwärmerei für Minerva nicht loslassen wollen, ihre Sehnsucht und ihren Traum davon, dass da noch etwas mehr im Leben war.

Aber jetzt wusste sie es besser: Da war nichts mehr. Wie sollte sie um etwas kämpfen, das keinerlei Überlebensmöglichkeiten hatte? Das nur gezwungen wurde zu existieren?

Sie musste endlich loslassen. Diese Frau loslassen mit ihrem immer strengen Haarknoten, mit ihren Augen, die vor allem in der Dunkelheit so schön glitzerten. Von ihrem seltenen Lächeln und diesem Duft... diesem Duft...

Septima wusste jetzt, was sie tun musste. Tun musste und wollte. Sie hatte eine Entscheidung getroffen.

Sie ließ los. Und würde um ihre Liebe für Alan kämpfen.


Mit von Tränen überströmtem Gesicht, vollkommen durchgefroren, aber um ein kiloschweres Gewicht erleichtert, erreichte Septima das Ferienhaus.

Im Bad wusch sie sich mit warmen Wasser ihr Gesicht und ging dann auf direktem Wege zu Alan.

Er lag bereits im Bett und schlief.

Vorsichtig weckte sie ihn. „Alan! Wach auf! Ich muss dir etwas sagen. Bitte, wach auf!"

Langsam schlug er die Augen auf und sah sie erschrocken an. Kurz fragte sie sich, was sie wohl für einen Anblick bot, mit vor Hoffnung und Glauben strahlendem Gesicht und von der Wärme des Wassers geröteten Wangen. Wahrscheinlich dachte er, sie sei betrunken oder so. War sie ja vermutlich auch, betrunken von ihrer Entscheidung.

„Septima?", nuschelte er. Er rieb sich seine Augen und setzte sich auf.

„Alan, bitte, hör mich an", fing Septima sogleich an. „Du hattest Recht! Es ist meine Schuld - auch meine Schuld. Aber ich will das ändern. Bitte gib mir nochmal eine Chance!" Sie konnte die Tränen nicht zurück halten und weinend und zugleich lächelnd sah sie ihn an.

Langsam breitete sich ein breites Lächeln auf Alans Gesicht aus und ohne Worte hob er seine Decke an und öffnete seine Arme für sie.

„Stopp, warte", unterbrach Septima ihn. Aufmerksam sah Alan sie an.

„Ich... muss dich was fragen." Misstrauisch erstarrte Alans Lächeln.

„Ja?", fragte er.

„Ich möchte... meine Arbeit kündigen. Ich will mehr Zeit mit dir verbringen."

Überrascht riss Alan seine Augen auf. „Aber du liebst deine Arbeit doch!", widersprach er. „Ich will doch nicht, dass du für unsere Ehe unglücklich wirst!"

Septima lächelte leicht. Alan war der liebste Mensch, den sie kannte. Unter Zauberern genauso wie unter Muggle gab es niemanden netteren auf dieser Welt. Jedenfalls in ihrer Welt nicht. Und genau deswegen wollte sie es wagen.

„Ich werde dadurch nicht unglücklich, Alan. Ich bin mir sicher. Aber, was ich dich eigentlich fragen will... Ich werde wahrscheinlich im nächsten Jahr noch keine Arbeit finden, jedenfalls keine, die uns finanziell das gleiche einbringt, wie die Stelle in Hogwarts."

„Mach dir darüber keine Sorgen!", unterbrach Alan sie breit grinsend. „Mir wurde eine neue Arbeitsstelle angeboten, bei einem Projekt, das einen historischen Arithmantiker braucht! Ich habe es dir nicht gleich erzählt, weil ich dachte, dass diese Entscheidung nur mich betreffen würde... Aber, was hältst du davon, ein Jahr hier zu verbringen? Das Projekt hat seinen Standort hier in Italien. Es wird so gut vergütet sein, dass wir nicht auf eine zweite Einnahmequelle angewiesen sind."

Als Antwort beugte sich Septima zu ihm vor und küsste ihn lange.

Es war ihr, als wäre das der erste richtige Kuss zwischen ihnen seit langem, seit wirklich langem. Es war schön ihn zu küssen und es war schön, von ihm in den Arm genommen und ins Bett gezogen zu werden. Sie spürte wieder Glück. Glück, dass sie einen so tollen Ehemann hatte, der sie nicht einmal nach ihrer angeblichen Affäre fragte, der sie einfach so nahm, wie sie war.

„Warte", unterbrach Septima die Zärtlichkeiten atemlos. Gespielt sauer verzog Alan sein Gesicht zu einer Grimasse, die Septima zum Lachen brachte. „Ich komme gleich wieder, aber ich möchte Nägel mit Köpfen machen. Ich muss noch einen Brief schreiben."

Alan küsste sie nochmal kurz und nickte dann. „Ich warte auf dich!"

In aller Ruhe packte sich Septima einige Pergamentrollen, ein Tintenfass und ihre Feder und ging nach unten zum Esstisch.

Ordentlich breitete sie alles vor sich aus und begann zu schreiben:

„Liebe Minerva,

ich hoffe dir geht es gut, du genießt die freie Zeit und bist nicht nur am Arbeiten.

Leider muss ich Dir mitteilen, dass zu all deinem Stress wohl noch die Aufgabe hinzu kommen wird, einen neuen Arithmantiklehrer oder -lehrerin zu finden.

Da Alan im nächsten Jahr wahrscheinlich in Italien arbeiten wird, habe ich diese Gelegenheit ergriffen und mich dazu entschlossen, ihn zu begleiten.

Ich hoffe, dass Du dafür Verständnis haben wirst.

Es grüßt dich,

deine Septima

Anbei noch das offizielle Kündigungsschreiben."

Auf einem zweiten Blatt Pergament schrieb Septima bemüht ordentlich:

„Sehr geehrte Frau Professor Minerva McGonagall,

Schulleiterin der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei,

hiermit kündige ich zum 01. September aus persönliche Gründen meine Stelle als Lehrerin für Arithmantik.

Hochachtungsvoll,

Septima Vector"

Schnell schickte sie Alans kleinen braunen Uhu mit der Nachricht los und begab sich dann zu Alan. Er war wach und wartete auf sie. Lange küssten sie sich In dieser Nacht hatten sie keinen Sex, sondern genossen die wieder erwachte Nähe zwischen ihnen. Septima hielt Alan in dieser Nacht in ihren Armen.


Am nächsten Morgen wurde wurde ihre zufriedene Ruhe durch ein lautes Pochen gestört. Alan ließ sich durch das Störgeräusch nicht wecken, grummelte nur kurz und drehte sich um.

Deswegen zog Septima ihre Arme unter Alan hervor, schlüpfte schnell in einen Bademantel und tapste dann barfüßig zur Haustür.

Als sie die Türe öffnete und sah, wer davor stand, traf sie fast der Schlag.

Es war Minerva McGonagall, in einen karierten Reiseumhang gehüllt, mit einem mürrischen Gesichtsausdruck auf dem Gesicht und einer kleinen Reisetasche in der Hand.